13

Unbesorgt drehte Mina den Schlüssel im Schloss. Das Abendessen mit ihrer Mutter hatte gut getan und etwas vom Druck von ihren Schultern genommen. Sie stieß die Tür auf, welche aber nach nur wenigen Zentimetern gegen einen Widerstand kam. Mina runzelte ihr Stirn und drückte die Tür mit Kraft aus. Was sie in ihrem Zimmer sieht, kann sie nicht glauben.

Die Sachen aus ihren Schränken wurden hektisch herausgeschmissen worden. Lose Blätter, Bücher, Kleidung und altes Spielzeug lag überall auf dem Boden. Erstarrt blieb sie im Türrahmen stehen und betrachtete dieses Chaos vor ihr. Das Mädchen spürte, wie ein fetter Kloß sich in ihrem Hals bildetet, wie dicke Tränen über ihre Wangen kullerten und wie ihr Herz anfing, viel zu schnell zu schlagen. Sie wagte die wenigen Schritte ins Zimmer hinein und ließ sich auf den Stuhl fallen. 

Wie konnten sie überhaupt ins Innere kommen? Ihr Blick schweifte zum Fenster hinüber. Wo vorher noch ein kleiner Spalt war, ragte nun offene Sicht nach Draußen. Erschrocken sprang sie auf, knalle das Fenster zu und verriegelte es. Unsicher sah sie sich um. Ob die Menschen, die es hier durchsucht hatten, noch da waren? 

Nein, in ihrem Zimmer gab es keine Verstecke, wo sie sie nicht sofort sehen würde. Ängstlich, weil nun klar war, dass die Fremden wussten wo sie wohnte. Froh, dass sie vielleicht nicht vor hatten sie zu töten, denn hätten sie das nicht sofort gemacht? Sie hatten gewartet, gewartet bis Mina weg war. 

Das leckere Abendessen lag nun schwer in ihrem Magen, Mina war kotzübel. Unsicher, was sie nun tun sollte, begann sie den Boden aufzuräumen, hier konnte sie sich ja kaum regen. Was hatten sie wohl gesucht? Diese Frage hätte sie sich sparen können, natürlich das Tagebuch. Mina hielt ihren Atem an und sprang zum Tisch. Immer mehr spürte sie das Herz in ihrer Brust, als würde es drohen, herauszuspringen. 

Dann blieb es stehen. Ihr Tagebuch war noch da, unberührt lag es unter den Notizblättern. Erleichtert atmete sie lange aus, schlug das Buch auf und blätterte erneut durch. Wenn man etwas verstecken wollte, musste man es so offensichtlich wie möglich machen. Mina wusste nicht, ob sie in dieser Nacht schlafen würde. Es war spät und sie konnte kaum noch einen Schritt gehen, doch die Angst überwältigte sie in Wellen. Immer wieder, alle paar Minuten, überfiel sie eine Phase der Hilflosigkeit. Dann musste sie weinen und sich setzten, sie krümmte sich zusammen und legte die eigenen Arme um sich. 

Das Versteck unter den Notenblättern war gut, aber nicht das beste. Sie nahm das im Leder eingebundene Büchlein und setzte sich auf den Boden. Mit etwas Kraft hob sie eine der alten Holzdielen an und ließ das Buch hinein fallen. Hier konnte es eine Nacht verweilen. 

Mina beschloss, sich erst einmal zu beruhigen und klarer zu denken. Sie legte sich auf ihr Bett und atmete tief ein und aus, um ihre innere Mitte zu finden. Sie dachte an ihre Mutter und an ihre Freunde und wie sehr sie sie alle liebte. Sie wusste, dass sie in guten Händen war und dass sie immer jemanden hatte, auf den sie sich verlassen konnte. Sie beschloss, dass sie sich nicht von ihrer Angst kontrollieren lassen würde. 

Immer wieder fielen ihr die Augenlider zu, als würde sie jemand zu drücken. Gähnend ließ sie sich auf ihr Kissen fallen und genoss die Kälte. Endlich wurde sie ruhig und verfiel in ihre Traumwelt ...

Als sie wieder ihre Augen aufschlug und müde blinzelte, wobei sie ihre Wimpern an der Haut kitzelte, lag sie nicht mehr in ihrem Bett. Um sich herum spürte sie die Nadeln, welche sich in ihre Haut bohrten. Mina fühlte das Laub an ihren Beinen und den Staub, der langsam auf sie niederprasselte. Für einen Moment blieb sie entspannt liegen, es war nicht mehr als ein Traum. Doch auch in Träumen gab es Insekte und andere kleine Tierchen. Das Mädchen spürte, wie sie etwas am Arm berührte, von der Stelle breitete sich ein nervenberaubendes Jucken aus und sie hielt ihn sich direkt vors Gesicht, um die Ursache zu betrachten.

Erschrocken schrie sie auf. Ein übergroßer Weberknecht krabbelte auf ihrem Arm rum. Panisch schüttelte sie ihn auf, sprang auf und klopfte jeden Zentimeter an sich ab. Der ganze Dreck und auch sonstige Krabbelviecher fielen zu Boden. Mina sah sich um, wie erwartet befand sie sich erneut an der selben Stelle, wo sie das Tagebuch gefunden hatte. Noch war sie alleine. Die Sonne kämpfte sich ihren Weg durch die Kronen des Mischwaldes und schien Mina direkt ins Gesicht. 

Irgendetwas würde passieren, sie spürte es in ihren Knochen. Schleichend bewegte sie sich durch den Wald, schob die kleine Äste von ihrem Gesicht weg und versuchte alles aufzufangen. Vielleicht würde sie ja etwas finden, mithilfe dessen sie die Texte im Buch übersetzen könnte. Immer weiter drang sie weiter in die Tiefen des Waldes ein. Obwohl sie schon ihr gesamtes Leben in Cold Stone lebte und früher eigentlich ständig draußen war, erinnerte sie sich nicht an diese Teile. Der Forbidden Lake war aus guten Gründen verboten, obwohl ihre Mutter darüber niemals sprach. 

"Du bist in Gefahr, Mina. Es gibt jemanden, der dich verfolgt und dir schaden will." Erschrocken zuckte sie zusammen und duckte sich, nach der Suche nach einem Versteck. Wer hatte da zu ihr gesprochen. Sie sah sich um, drehte ihren Kopf in alle Richtungen und versuchte, den Ursprung der Stimme zu finden. Doch es war niemand zu sehen. Mina spürte, wie ihr Herz immer schneller schlug und ihr Atem flacher wurde. Sie hatte das Gefühl, beobachtet zu werden, und die Warnung klang ernst und ehrlich gemeint.

Plötzlich hörte sie ein Rascheln im Gebüsch hinter sich. Sie fuhr herum und sah einen Mann, der auf sie zukam.  Er hatte eine Kapuze tief ins Gesicht gezogen und trug dunkle Kleidung. Mina wollte schreien, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie war wie gelähmt und konnte sich nicht rühren.

Der Mann kam immer näher, und Mina konnte seinen Atem riechen. Sie schloss die Augen und wartete auf das Schlimmste. Doch dann hörte sie eine andere Stimme, die rief: "MJ, geht es dir gut? Was machst du denn hier?" Sie erstarrte, sie kannte diese Stimme und sie gehörte niemandem geringeren als Nils Allister.

Mina atmete erleichtert auf und öffnete ihre Augen wieder. Er war es tatsächlich, doch was suchte er in ihren Träumen? Welchen Sinn erfüllte er hier, in ihrer eigenen Welt. 

Dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, natürlich!

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top