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"Oh mein Gott, du bist ja unglaublich nass!", begrüßte ihre Mutter sie, "Woher kommst du und wo warst du?! Du kannst doch nicht einfach alleine dich die Straßen gehen, während man eine Leiche findet." Panisch strich ihre Mutter sich durch die Haare und verwuschelte die braune Mähne noch mehr.
Ach ja, da war ja was. Eine zweite Leiche, denn es war unwahrscheinlich, dass man eine Leiche durch die gesamte Stadt schleppte, nur um den Standort zu ändern. Bleischwer lag das Buch in ihrer rechten Hand. "Ich hab dich wahrscheinlich hundertmal angerufen, aber du warst nicht erreichbar!" Beinahe sofort wurde Minas Gesicht bleich. Ihr Handy lag in ihrer Tasche. In einer Tasche, welche ziemlich sicher nass geworden war. "Du siehst ja aus wie ein Geist. Geht es dir gut Mäuschen?", erkundigte ihre Mutter sich und griff nach ihrem Arm.
"Sag mir doch bitte wo du warst", verlangte die Frau zu wissen. Falten bildeten sich auf ihrer Stirn und ließen sie älter wirken, als sie eigentlich war. "Ich und Lily waren feiern und haben heute den Tag zusammen verbracht", erklärte Mina. "Und warum bist du bitte so nass?" Sie zog an Minas nassen Klamotten. Immer mehr Tropfen fielen zu Boden und eine riesengroße und dreckige Pfütze breitete sich auf dem Holzparkett aus. "Wir waren kurz am See und ich bin reingefallen", erfand sie schnell eine Geschichte.
Mina wich dem Blick ihrer Mutter aus, sie fühlte sich unwohl und wollte nichts mehr, als dem Geheimnis des Buches auf den Grund gehen. "Mama, ich würde mich gerne umziehen und ich bin echt müde", versuchte sie zu erklären und gähnte demonstrativ.
Trotz der tropfenden Kleidung schloss die Frau ihre Tochter in die Arme. Mina schloss müde ihre Augen, genoss die Wärme ihrer Mutter und atmete tief durch. Sie musste sich entspannen. Es war egal, dass sie wahrscheinlich eine Gangstergruppe umbringen wollte. Es war egal, dass diese Gangster schon mindestens zwei Menschen umgebracht hatte und es war auch egal, dass die Polizei ihr nicht glaubte. Ach wäre nur ihre Tante da, diese würde ihr selbst dann glauben, wenn sie von einem Regenbogenland mit muffinpupsenden Einhörnern erzählen würde.
Mina wurde sofort kalt, als ihre Mutter sich von ihr löste. "Ich mach uns was Warmes zum Abendessen, damit du nicht noch krank wirst", sagte ihre Mutter und verschwand um die Ecke. Leise drang ihre Stimme noch an Mina ran: "Und heute gehst du nicht mehr raus. Du weißt, dass ich gerne offen bin, aber ich will dich ja auch noch sehen." Mina seufzte genervt. Sie hatte nicht einmal vor, irgendwo hin zu gehen und jetzt wo ihre Mutter es verboten hatte, verspürte das Mädchen doch irgendeinen Drang dazu.
"Alles klar!", rief sie zurück und rannte dann die Treppe zu ihrem Zimmer hoch, wobei sie immer zwei auf einmal nahm. Oben angekommen schloss Mina die Tür hinter sich und ließ sich auf ihr Bett fallen. Sofort sprang sie wieder auf, die nassen Klamotten hatten einen großen Fleck auf den Laken hinterlassen. Müde erhob sie sich und griff wahllos nach irgendwelchen Anziehsachen, die alle auf ihrem Boden verteilt lagen. Ihre Gedanken schweiften ab zu dem alten Notizbuch und den Rätseln darin, welches nun neben ihr in den weichen Decken lag. Sie fragte sich, was es mit dem Schatz auf sich hatte und warum die Anderen so besessen davon waren, war es überhaupt ein Schatz oder ging es um irgendwelche Informationen aus den Texten. Außerdem musste sie noch herausfinden, wer die beiden Leichen waren und was ihr Tod zu bedeuten hatte. Es gab so viele offene Fragen, dass sie das Gefühl hatte, sie würde niemals alle beantworten können.
Doch Mina wäre nicht sie selbst, wenn sie aufgeben würde. Sie hasste Aktionen, doch Rätsel waren ihre Leidenschaft. Sie beschloss, ihre Recherche fortzusetzen und begann, im Internet zu suchen. Sie durchforstete unzählige Foren und Webseiten, aber es schien, als gäbe es keine Informationen zu dem Notizbuch und den Rätseln. Selbst diese merkwürdige krakelige Schrift, erkannte sie nirgends. Wie sehr ihr Handy ihr nun helfen würde, einfach ein Foto machen und es auswerten lassen. Mina wurde ungeduldig und begann, auf den Tasten ihres Laptops herumzuhacken. Dann wurde der Bildschirm schwarz. Erschrocken tippte sie auf die Tasten, doch nichts regte sich. Schließlich gab sie auf und ließ sich rücklings zurück auf ihr Bett fallen.
In diesem Moment fiel ihr Blick auf eine Zeitschrift, die auf ihrem Nachttisch lag. Es war eine alte Ausgabe des National Geographic Magazins, welche sie einmal für ein Schulprojekt gebraucht hatte. Plötzlich hatte Mina eine Idee. Sie blätterte schnell durch die Seiten und fand schließlich einen Artikel über Deutschland. Deutschland und die Entwicklung der Sprache und Schrift.
Angespannt setzte der Atem des Mädchens aus und verglich die beiden Texte, indem sie eine Seite des Notizblocks neben ein Beispiel aus der Zeitung hielt. Mina begann, den Artikel aufmerksam zu lesen und sammelte all die neuen Information in ihrem Gehirn.
Enttäuscht ließ sie sich zurück auf ihr Bett fallen, stieß sich dabei ihren Kopf an der Wand. Sie wusste zwar nun, welche Sprache es war, doch dieses ganze Notizbuch zu übersetzen würde Jahre dauern. Sie kannte die Buchstaben nicht und einige davon waren auf dem Papier längst kaum zu erkennen. Außerdem kannte sie die Wörter nicht und das Internet in diesem Teil der Stadt funktionierte beinahe nie gut.
Was jetzt. Müde rieb sie sich mit den Händen über ihr Gesicht und fluchte murrend. Ein Gefühl von Unsicherheit, Angst und Reue. Unsicherheit, denn Mörder trieben sich in ihrer Heimat rum und könnten versuchen sie zu töten. Angst und das war gewiss mehr als selbsterklärend und Reue, denn sie hatte ihren Freunden nichts vom Notizblock erzählt.
Hilflos sah sie zu ihrem Handy. Es lag auf ihrem Kissen und wirkte mehr Tod, als dieser Mann im Wald letzte Nacht. Sie verfluchte sich für diesen Gedanken, sowas durfte man nicht denken! Hoffnungsvoll drückte sie die An-Aus Taste und betete für eine Lebensaktion. Doch der Bildschirm blieb schwarz.
"Argh", rief sie und sprang vom Bett auf. Sie konnte nicht einfach so hilflos rumsitzen. Ihr Blick fiel auf auf den alten Computer auf dem Schreibtisch. Vielleicht könnte dieser funktionieren ... Während das Gerät, mit einem lauten Rauschen hochfuhr, richtete sie den Stuhl und ließ sich darauf fallen. Minuten dauerte es, bis sie es endlich schaffte, die Suchmaschine zu öffnen. Unschlüssig saß sie vor dem Eingabefeld. Was sollte sie nun eingeben?
Wahllos und hastig gab sie ein paar Suchbegriffe ein, um mehr über die unbekannte Sprache zu erfahren. Nach ein paar Minuten des Durchsuchens der Ergebnisse fand sie schließlich eine Website, die ihr half, die Schrift zu identifizieren. Mehrere Minuten saß sie nur am Namen des Besitzers und auch als sie diesen wusste und im Internet suchte, gab es keine guten Treffer.
Erick von Schnöselbeck
Und kein einziger Eintrag. Sie seufzte und wollte sich schon an den ersten Satz setzten, da vernahm sie die Stimme ihrer Mutter. "Mäusel, es gibt Abendessen, komm doch bitte runter." Mina klappte das Buch zu und verstaute es unter einigen losen Arbeitsblättern aus der Schule. Vorsichtshalber schloss sie die Tür hinter sich zu, spürte aber nicht den leichten Luftzug von ihrem offenen Fenster ...
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