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"Mom, ich muss noch wo hin!", rief sie ins Wohnzimmer. Ihre Mutter saß auf der alten, halb auseinander gefallenen Couch und schaute irgendeine ihrer kitschigen Serien im Fernsehen. "Vergiss es!", kam die Antwort sofort, "Hat du mal geschaut, wie spät es ist? Kein Schritt über die Türschwelle."

Mina hielt inne, nein, nein, nein! "Aber Mama", jammerte sie. Das Mädchen seufzte, die Jacke hatte sie schon übergezogen und den Schlüssel bereit in ihrer Hand gezückt. "Kein aber. Du kannst dich zu mir setzen und Charlottes Hearts mit mir schauen oder du gehst schlafen." Sie knurrte entrüstet. Auf gar keinen Fall würde sie jetzt diese Serie schauen, welche nur so von Liebesmist, Familiendrama und Affäre übersprühte. 

Mina seufzte und drehte sich um. "Okay, ich bleibe zu Hause", sagte sie leise und legte die Jacke ab, behielt sie aber unter ihrem Arm. Jetzt konnte sie nicht einfach zu Hause bleiben, nicht wenn es um ihr Leben ging. Also wartete sie, bis ihre Mutter wieder tief in ihrer Serie versunken war und schlich dabei die Treppen hoch. Wie sie aus dem Haus kommen würde, wusste sie nicht und doch ... 

So leise es ging, schloss sie die Tür ihres Zimmers hinter sich und sah sich um. Dieses Mal lag noch alles am ursprünglichen Platz. Ihr Blick glitt hinüber zum Fenster. Der große Ahorn, welchen ihre Mutter letztes Jahr fällen wollte. Der würde sie doch bestimmt noch halten können. Sie öffnete das Fenster und schaute in die Nacht hinein. Dann blickte sie zu Boden, welche in gefährlicher Tiefe auf sie wartete. Es schauderte sie. 

Dumme Idee. Entschlossen knallte sie das Fenster wieder zu und verriegelte es. Dann zog sie sich die Jacke wieder über und huschte durch einen kleinen Spalt in der Tür. Von Unten drangen zu ihr die Geräusche der Serie. Den Dialogen nach zu urteilen, hatte Prinz Phillip seine geliebte gerade mit der Magd betrogen, auf gar keinen Fall würde ihre Mutter nun aufstehen. 

Auf Zehenspitzen nahm sie Treppe für Treppe und hielt dabei ihren Atem an. Im Flur sah sie kurz zu ihrer Mutter ins Wohnzimmer, welche ihr den Rücken zudrehte, Dann seufzte sie, entschuldigte sich in Gedanken und bog in die Küche ein. Über dem Spülbecken war ein Fenster. Zaghaft öffnete sie es und atmete die kalte und frische Luft ein. Sie kletterte auf die Theke und und ließ sich aus dem Fenster fallen, welches kaum einen Meter über dem Boden lag. 

Draußen war es dunkel und Mina fröstelte, aber sie hatte keine Zeit, um darüber nachzudenken. Sie rannte durch die Straßen und blieb nur ab und zu stehen, um sich umzuschauen, ob ihr jemand folgte, doch auch in der Schwärze der Nacht konnte sie niemanden erkennen. Um sie herum blieb es still.

Mina hatte endlich ihr Ziel erreicht. Es war ein kleines Häuschen, welches ihre Tante ihr nun oftmals beschrieben hatte. Ein großer, aber verwilderter  Garten umgab das Gebäude . Sie atmete erleichtert auf und machte sich auf den Weg zur Haustür. Auf dem Klingelschild stand der Name Allistor. Die einzige Hilfe, auf welche sie nun hoffen konnte. Mina zögerte kurz, bevor sie die Klingel betätigte.

Es dauerte eine Weile, bis jemand öffnete. Schließlich erschien der Mann in der Tür. "Kann ich Ihnen helfen?", fragte er, ehe er sie ansah. Müde rieb er sich die Augen und riss seinen Mund weit auf.  Als er sie erkannte, sah er Mina skeptisch an. "Du?!", sagte er sichtlich genervt aber zugleich erschrocken. Sie spürte, wie ihr Herz raste. Wie sollte sie ihm erklären, warum sie hier war?

"Ich... ich suche Hilfe", stammelte sie schließlich. "Ich bin in Gefahr und brauche jemanden, der mir hilft." Allistor musterte sie , bevor er nickte. "Komm rein", sagte er schließlich und durchbohrte sie mit seinen Blicken. "Magst du mir nicht erzählen was los ist? Ich hätte ja gesagt, dass das ganze nur ein schlechter Witz war und als heute diese Leiche auftauchte, ich ... Aber sie war auf der anderen Seite der Stadt, kannst du mir das erklären", er redete ohne Pause, sah sie dabei aber die ganze Zeit an. Doch dann hielt er kurz inne. "Weiß überhaupt jemand, dass du hier bist?", erkundigte der Polizist sich. 

"Ja", log sie mit der knappen Antwort. "Und ich habe keine Ahnung, wer diese zweite Leiche ist, geschweige denn ob es sich um den selben Mann handelt. Jemand war in meinem Zimmer und sie haben alles durchwühlt und ..."

"Jemand war in deinem Zimmer?", unterbrach er sie mit ernster Stimme. Er schaute besorgt drein und eine seiner Augenbrauen schoss in die Höhe. Verunsichert nickte sie. Ja es war schlimm, aber so schlimm? Wenigstens konnte sie so doch vermuten, dass niemand sie umbringen wollte. "Wann?", fragte er. "Vor wenigen Stunden, ich weiß es nicht genau." Sie zuckte mit ihren Schultern, in dem Stress hätte sie niemals daran gedacht, eine Uhr zu suchen. 

"Was haben sie gesucht? Kannst du dir etwas vorstellen?", ließ er nicht locker. Ein Blitz fuhr durch ihren Körper und neues Leben kam in sie. Das war der Grund, warum sie mit ihm reden wollte. Aus einer ihrer Jackentaschen holte sie das kleine Büchlein hervor. "Das haben sie gesucht. Ich hab es an dem Ort gefunden, wo ich und meine Freunde gestern Zeugen des Mordes geworden sind."

Gestern, es wirkte so surreal, dass nur wenige Stunden vergangen waren. Sie schaute ihm ins Gesicht und verzog keine Miene. Mina bemerkte, wie seine Augenbraue noch weiter die Stirn empor kletterte. "Du hast diesen Ort gefunden, ich dachte du wüsstest nicht, wo er ist?", fragte er und schenkte ihr einen misstrauischen Blick, "Was ist das überhaupt?!" Das Mädchen schluckte, ehe sie ihre Worte wiederfand.

"Ich hab von ihm geträumt", erzählte sie, ohne aber die Fremde zu erwähnen, welche sie gesehen hatte. Ohne all diese Merkmale, die man in Träumen vielleicht nicht sehen sollte. "Es ist ein Tagebuch, nehme ich an. Es gehörte einem Erick von Schnörelbach oder so und anscheinend ist es für die Täter wichtig. Bestimmt haben sie genau das gesucht."

"Offensichtlich aber nicht gefunden", murmelte der Polizist und rieb sich mit einer Hand über sein Kinn. Mina nickte eifrig. "Ja, ich habe es versteckt. Aber ich weiß nicht, wie lange ich es noch verstecken kann. Ich brauche Hilfe, um die Texte zu verstehen und vielleicht so herausfinden, wer hinter all dem steckt."

Allistor überlegte einen Moment, bevor er schließlich nickte. "Ich kann dir helfen. Morgen nehme ich das Buch ins Büro und wir werten es aus, du musst dir keine Sorgen machen", antwortete er und streckte seine Hand aus. Verdattert stolperte sie zwei Schritte zurück. "Nein", flüsterte sie und versteckte das Buch hinter ihrem Rücken. "Ich werde es ihnen nicht geben, es ist jetzt meine Angelegenheit und ich wollte ihre Hilfe beim Übersetzen."

Allistor schenkte ihr einen merkwürdigen Blick, fragend schauten sie seine sonst so leuchtenden Augen an. "Du musst es mir geben, es könnte ein Beweisstück sein. Wie soll ich dir denn anders helfen?", er lachte, "Ich verstehe auch keine Hieroglyphen, wenn du das denkst." Plötzlich begann er sie wie ein Baby zu behandeln, als wäre sie das Dümmste in dieser Stadt. 

"Ja, aber deutsch", knurrte Mina, langsam kochte die Wut in ihr über. Viel zu lange hatte sie jetzt die Gefühle in sich gelassen, doch er musste ihr helfen. "Höchstwahrscheinlich auch altdeutsch", ergänzte sie nach einer Weile, "Außerdem kann es kein Beweisstück sein, wenn es keinen Mord am Forbidden Lake gab." Das Mädchen zuckte gespielt uninteressiert mit ihren Schultern. "Sie sind ja meinen Hinweisen nicht nachgegangen ..."

Allistor seufzte. Man merkte, wie sehr müde er war und das dieser Tag höchstwahrscheinlich nicht gerade entspannt verließ, aber vielleicht würde genau das zu ihren Gunsten sein. 

"Komm rein, ich kann dich wohl kaum hier draußen in der Kälte stehen lassen", murmelte er und öffnete die Tür einen Spalt weiter offen und hob einladend seine Hand, während er sie hereinbat.

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