3.

*Harry*

Ich lag in der Dämmerung unter einem Strauch neben einem kleinen Felsen, er konnte mich nicht sehen, doch ich konnte jede seiner Bewegungen beobachten. Ich sah die Hoffnung und die Freude in seinen Augen sehen als William meinen Geruch wahrnahm. Doch ich wusste dass er mich nicht finden durfte, also tat ich das was Jason mir beigebracht hatte, ich verdeckte meinen Geruch. Die augenblickliche Enttäuschung und Trauer konnte ich ihm auch ansehen, doch da war auch etwas anderes, etwas dass ich roch, er war wütend. Nur zu gerne würde ich jetzt hervorspringen, mich an ihn kuscheln und endlich dieses Verlangen nach seiner Nähe wieder stillen. Ich möchte zu ihm gehen, ihm zeigen dass es mir gut geht, ihn trösten ihm sagen können das ich zurück komme, doch das durfte ich nicht egal wie sehr ich es wollte. Es war schon anstrengend als ich vor ein paar Tagen seinen Ruf gehört habe, ich wollte ihm antworten, doch ich hatte ihm einfach nur zugehört, ich saß an der Reviergrenze und wünschte mir dass ich mit ihm heulen konnte, bis er unterbrochen wurde. Auch nachdem irgendjemand Will's Ruf unterbrochen hatte saß ich noch da, ich hoffte er würde weiter machen. Ich liebte ihn noch und konnte ihn einfach nicht so verletzt sehen, weshalb mein einziger Wunsch gerade war dass er ging. Tamara's Geruch hing an ihm wie es meiner früher war, doch jetzt sollte er zu ihr zurück gehen, er ging jedoch nicht. William stand noch ein wenig in der Dämmerung, in der Kälte, er winselte leise, was es mir noch schwerer machte nicht zu ihm zu gehen. Dann sah er sich kurz um, lautlos machte ich mich noch kleiner und drückte mich auf den Boden, was ziemlich einfach war, da mein Wolfskörper gerade mal die Größe eines Welpen hatte. „Ich weiß nicht sicher ob du hier bist Harry, aber wenn du da bist dann muss ich dich warnen. Ich verlange nicht dass du zu mir kommst, ich will dich nur davor warnen was in unserem Revier passiert. Es gibt Jäger, sie jagen alles Übernatürliche was sie finden und sie haben etwas dass Wesen wie uns instinktiv anlockt. Also wenn du gerade meine Gedanken hörst dann musst du alle warnen die du kennst. Und bitte gib mir ein Zeichen dass es dir gut geht, nur nicht deine Stimme, der Anruf letztens tat weh, auch wenn ich es nicht angehört habe..." dann drehte er sich wieder um und trottete zurück in sein Revier, ich entspannte mich und kroch ein Stück aus meinem Versteck raus. „Mir geht es gut." sagte ich ihm über Gedanken als er zurück in seinem Revier war, ich roch seine Freude bis zu mir, er drehte sich nicht mehr um, er heulte einfach einmal laut und rannte dann los. Ich rannte zur Grenze, ging einen Schritt in Jack's Revier und bellte ihm hinterher, wenn ich heulen würde dann könnte Jason mich hören. Verdammt! Jason! Ihm ist es sicherlich aufgefallen dass ich schon zu lange auf Patroulie war, er wird William's Geruch, der sich durch die Luft an mein Fell gehängt hatte, riechen. Sieht so aus als müsste ich nochmal aus Versehen in den See fallen, ich rannte also zurück und sprang nochmal kurz in den eiskalten See bevor ich nach Hause lief. Durch die Hundeklappe im Garten gelangte ich ins Haus, ich schlich durchs Wohnzimmer an Jason vorbei, doch er bemerkte mich trotzdem. „Du riechst nach nassem Hund! Wie oft soll ich dir noch sagen dass du beim See vorsichtig sein sollst?" hörte ich seine Stimme und er lachte. „Tut mir leid!" entschuldigte ich mich über Gedanken „Irgendwas besonderes heute?" fragte er dann „Nein." log ich. „Ich geh baden, is entspannender und außerdem ist mir kalt." „Is okay, du hast übrigens das Essen verpasst, hab den Rest im Ofen stehen lassen." ich nickte und tapste auf meinen nassen Pfoten nach oben, in meinem Zimmer verwandelte ich mich erst zurück. Es ist mittlerweile zur Gewohnheit geworden dass ich mehr als Wolf durch unser Haus lief, es war einfach ein gutes Training zur Kontrolle und ich fühlte mich irgendwie wohler als Wolf. Ich öffnete meinen Kleiderschrank und zog ohne zu zögern William's Hoodie raus, dazu noch frische Unterwäsche und eine Jogginghose.

Umhüllt vom warmen Wasser schloss ich meine Augen und dachte an Will.

„Du wirst das Auto nicht verlassen! Egal was passiert! Jack bringt mich um, wenn das Biest dich erwischt!" William verließ das Auto, ich wartete bis er mich nicht mehr sehen konnte und folgte ihm dann leise. Er konnte komplett vergessen dass ich ihn alleine nach diesem Biest suchen lasse, ich wollte nicht dass er wie seine Schwester endete. Nachdem ich ihm ein Stückchen gefolgt war hörte ich jemanden Knurren und jemanden Winseln. Ich kletterte einen kleinen Hügel hoch, das Biest drückte William auf den Boden und krallte seine Krallen in sein Fleisch, noch blutete er nicht stark und das sollte sich auch nicht ändern. Der Alpha wollte gerade den Betha beißen als ich eine dumme Blitzentscheidung traf „Hey!" rief ich, der Feind blickte mich an und ließ William los. Ich drehte augenblicklich um, stolperte den Hügel runter und rannte wieder zurück Richtung Auto. Natürlich war er schneller, doch William war noch schneller, er schubste den Wolf auf die nasse Erde, packte mich am Shirt und warf mich elegant und kräftig auf seinen Rücken. Begeistert hielt ich mich in seinem Fell fest und ließ ihn laufen, er trug mich zum Auto, wo ich sofort vom Rücken des großen Wolfes sprang. „Tut mir leid, William!" murmelte ich und stieg ins Auto „Wenn du das tust was ich dir sage ist das besser für uns beide!" knurrte er mich an während er den Motor startete „In diesem Fall eher weniger..." murmelte ich. Die ganze Fahrt über redeten wir kaum ein Wort mehr...

Seit ich mit Jason hier her kam durchlebte ich immer wieder Erinnerungen die ich mit ihm erlebt hatte. Ich tauchte einmal komplett unters Wasser um meine Gedanken wieder von ihm zu befreien. Als ich wieder auftauchte strich ich durch meine lockigen Haare, als ich feststellte dass ich mich wieder aufgewärmt hatte und dass ich ziemlich hunger hatte, ging ich raus, trocknete mich ab und zog mich an. Noch immer war Will's Hoodie mir zu groß und trotzdem liebte ich diesen Pullover, ob er wusste dass ich den noch hatte wusste ich nicht, doch irgendwann wird er es hoffentlich wissen, ich will ihn wieder sehen, das steht fest und ich hoffte es würde bald sein. Mit knurrendem Magen ging ich wieder nach unten, ich machte mir die restliche Lasagne warm und ging damit und mit einer Gabel zu Jason, ich setzte mich ans andere Ende der Couch und schaute mit meinem großen Bruder Fernseher. „Das ist William's Pullover." bemerkte er nach ein paar Minuten „Ja." antwortete ich knapp „Hast du ihn bei deiner Patroulie jemals gesehen? Oder gehört?" fragte er und schaltete das Gerät aus, er sah mich ernst an. Ich wagte keinen Blick in seine Richtung und doch war ich durch seinen Rang gezwungen ihm zu antworten. „Ich habe ihn gehört..." gestand ich ohne die ganze Wahrheit zu sagen „Und es war gut dass ich ihn gehört habe, er hat sich mit Tamara unterhalten. In ihrem Revier sind Jäger die alles Übernatürliche töten, wir müssen alle warnen die wir kennen, die Jäger haben anscheinend etwas das Gestaltenwandler instinktiv anlockt." erklärte ich ihm „Sicher dass er mit Tamara geredet hat?" „Nein... sie haben nicht geredet, weißt du doch, ging über gedankliche Verbindung." grinste ich „Und wie hast du dann zugehört?" kurz stoppte ich ertappt „Hab einfach so durch die Gegend gelauscht und mit den Fähigkeiten rumgespielt!?" es hörte sich zu unsicher an, das sah ich ihm auch an, er glaubte mir nicht ganz, trotzdem konnte er verstehen dass es mir nicht gefiel darüber zu reden. „Wir haben noch Schokolade im Schrank. Geh schon, du musst nachdenken!" befahl er mir zwinkernd, ich lächelte dankbar, räumte das Geschirr auf und holte mir dann zwei Tafeln Schokolade, machte mir noch eine große Tasse Tee und ging dann zurück in mein Zimmer. Ich setzte mich auf mein Bett und sah mir auf Netflix, auf meinem Laptop den selben Film an den ich schon so oft gesehen hatte. Es war der Film den ich mit Will in der Nacht nach meinem Geburtstag angeschaut hab, nur dass ich zwischendrin eingeschlafen war. Damit hatte ich damals den besten Teil verpasst, die Liebesgeschichte in dem Film.

„Harry! Wach auf oder lass mich los, du Schlafmütze. Mir wird langweilig, ich mach auch Frühstück." hörte ich Will's Stimme und dann spürte ich einen sanften Kuss auf meiner Wange, da ich einfach nur schlafen wollte und er mich gerade nervte indem er wieder versuchte sich zu befreien murmelte ich: „Dann geh doch du Idiot..." und ließ ihn los. Er zog die Decke weiter über mich nachdem er aufgestanden war, ich kuschelte mich darin ein, hörte ihn noch „Danke, hab dich lieb." sagen und dann verschwand er aus dem Zimmer um Frühstück zu machen, während ich wieder einschlief.

Doch dann öffnete ich meine Augen und lag in meinem Bett, der Laptop neben mir auf dem großen Bett, daneben eine halbe Schokoladentafel, die andere Packung war leer, genau wie die Teetasse auf dem Nachttisch. Wie so oft in den letzten zwei Monaten stellte ich fest dass mein Bett hier viel zu groß ist wenn ich hier immer so alleine liege. Er fehlt mir neben mir, ich hab zu viel Platz und fühl mich einsam. Ich sank in mein Kissen, schob die Sachen weiter rüber und rutschte in die Mitte, wieder mal stellte ich fest dass Will mir unglaublich fehlte, aber er wollte nun mal meinen Bruder umbringen. Blut ist dicker als Wasser, wie es so schön hieß, dieses Sprichwort war das einzige was mich hier hielt, doch nur solange Jason alleine ist, sobald er mit kommen würde oder jemanden anderen in seinem Rudel hat, bin ich weg. Er ist zwar ein super toller großer Bruder aber er wollte auch Jack's komplettes Rudel umbringen und er hat Talia umgebracht und er will mich immer noch dazu bringen keine Angst davor zu haben jemanden zu töten. Ich hab ein schönes Leben bei ihm, doch noch besser wäre es wenn ich jeden Morgen neben William aufwachen könnte. Da das aber unmöglich war musste ich mich damit zufrieden geben mich in seinem Hoodie einkuscheln zu können, wie ich es gerade machte.

„Wir ziehen das jetzt durch! Ich bin da! Und zu trauern ist okay!" ermutigte ich William erneut, als wir schon vor dem Tor zum Friedhof standen. Er nickte nur nochmal kurz und ging dann weiter. Er ging voraus, er wusste ganz genau wo er hin musste, das sah ich daran dass er zielgerichtet in eine Richtung lief. Ich folgte ihm einfach stumm, er blieb abrupt stehen und ich lief fast in ihn rein. Zögernd drehte er sich um 90 Grad und stand nun vor dem Grab seiner Zwillingsschwester, genauso langsam legte er die weiße Rose vor den Stein. Wir standen ungefähr eine Stunde vor dem Stein, er schien nachzudenken, denn er konnte seinen Blick nicht davon lösen und ich sah wie ihm vereinzelte Tränen die Wange runter liefen. Ich stand still neben ihm und verstand seine Tränen und seine Trauer, er erinnerte sich an sie und vielleicht auch daran wie sie ermordet wurde, er war schließlich in ihrer Nähe.

William musste einiges durchmachen und ich bin wirklich froh dass ich ihn überreden konnte dass er mit mir zu Talia's Grab gegangen ist, diese Erinnerung von uns war die an die ich mich am meisten erinnerte. Ich habe ihn weinen gesehen und er hat es nicht versteckt, er war einfach vollkommen bei Talia. Er hat akzeptiert dass es okay ist um die Verstorbenen zu weinen, er hat mich an diesem Tag bei sich akzeptiert. Außerdem erinnert mich die weiße Rose auch als Zeichen unserer Liebe an ihn, da er mir in der Nacht nach meinem Geburtstag auch eine geschenkt hatte. Sollte mir jemals irgendwer eine weiße Rose schenken würde ich sie nur von ihm nehmen.

Ich zog die Ärmel seines Hoodie's über meine Hände und legte mich ein bisschen bequemer hin um nochmal zu versuchen zu schlafen und mit weiteren Erinnerungen an William schlief ich letztendlich nochmal ein.

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