8. Das Ende

„Also meinetwegen könnten wir bald ankommen", sprach sich nun auch Pan etwas skeptisch aus. Nach dem See waren sie weiter dem Gang gefolgt, der wie vorher auch schon scheinbar endlos in den Untergrund führte. „Jetzt sind wir schon so weit! Ihr dürft nicht aufgeben, ich wette, wir sind bald da", sagte Nornea überzeugt und machte keine Anstalten anzuhalten. „Das sagst du schon seit bestimmt einer Stunde!", erklärte Elrond. Seit sein Handyakku leer war hatte er jegliches Zeitgefühl verloren. Sie hatten Glück, dass die übrige Fackel, die sie bei sich trugen, wohl mit Magie am Leben gehalten wurde, denn sie war noch kein Stück heruntergebrannt, obwohl sie schon Ewigkeiten unterwegs waren. Seit dem See war ihnen auch nichts mehr begegnet, es ging einfach nur geradeaus in die Dunkelheit.

„Sag noch einmal etwas", meinte Calia plötzlich und Elrond hob verwundert die Augenbrauen. „Was denn?", fragte er. „Hörst du das?", gab sie zurück. „Was denn?!" „Na, das Echo! Irgendwo da Vorne muss es irgendwo breiter werden!", erklärte sie begeistert und beschleunigte ihren Schritt. Die beiden Frauen waren die ganze Zeit über motiviert geblieben. Nornea wahrscheinlich wegen Löschi und Calia wegen Cernunnos.

„Na hoffentlich ist das der Ausgang", meinte Pan leise mehr zu sich selbst. Ihm war die ganze Sache langsam auch zu viel. Die enge Höhle drückte unangenehm auf sein Gemüt.

Tatsächlich öffnete sich der Gang einige Schritte wieder zu einem großen Saal wie sie ihm am Anfang bereits begegnet waren. Nur war es absolut still und vor allem dunkel. Nornea schwenkte die Fackel in ihrer Hand ein bisschen, um sich die Umgebung genauer anzuschauen. Eine kreisrunde, ebene Fläche wurde gesäumt von einigen undefinierten Felsen. Es war trocken und so gab es einfach nichts. Es war kahl und leblos.

„Das ist eine Sackgasse", stellte nun auch Elrond ernüchtert fest. „Der ganze Weg war umsonst. Ich fasse es nicht!", fluchte er und wurde laut: „Seht her! Jetzt sind wir hier gefangen! Für nichts! Cernunnos hat uns angelogen! Da habt ihr es!" Fast schon triumphierend blickte er zum Rest der Band. „Warum hätte er das tun sollen?", fragte Calia mit Tränen in den Augen. „Löschi?", rief sie mit gebrochener Stimme, doch außer ihrem Echo kam keine Antwort. Sie schniefte leise.

„Den ganzen beschissenen Weg umsonst! Mein Handgelenk umsonst! Und das nur, weil ihr unbedingt nach ihm suchen musstet! Hättet ihr nicht einfach die Polizei rufen können? Nein, die Damen hören wieder nur auf irgendeinen dahergelaufenen Mann aus dem Wald!", Elrond trat wütend gegen den Felsen. Er war sauer. Sauer auf die Anderen, weil sie ihn in die Sache mit hinein gezogen hatten und sauer auf sich selbst, weil er es nicht verhindert hatte. „Hättest du nicht einfach besser auf Löschi aufpassen können? Dann wäre das gar nicht passiert!", machte er seinen Ärger Nornea gegenüber Luft. Sie schnaubte. „Pass doch nächstes Mal selber auf ihn auf! Er ist ein erwachsener Mann!", fuhr sie ihn an. „Offensichtlich ja nicht erwachsen genug, denn er ist abgehauen!", gefolgt von einigen Flüchen trat Elrond wieder gegen den Felsen. Jedoch passte er dabei auf, sich nicht noch irgendwas zu verletzen. Sein kaputtes Handgelenk war ihm genug. „Was kann ich jetzt dafür! Spinnst du?", giftete sie zurück. „Nein, aber ihr! Wir hätten den ganzen Mist mit Cernunnos nach dem letzten Mal einfach vergessen sollen! Es war ein Traum! Mehr nicht!"

„Pan!", rief Calia plötzlich verzweifelt und lenkte so die Aufmerksamkeit der Streitenden auf sich. Sie kniete neben dem Trommler, der zusammengekrümmt auf dem Boden lag und sich beide Hände vor das Gesicht gepresst hatte. Er atmete schwer und zitterte am ganzen Körper.

Sofort waren alle um ihn versammelt. „Geht weg!", brachte Pan mit bebender Stimme hervor. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Nornea erfasste die Situation als Erste, sie kannte diese Reaktion aus ihrem familiären Umkreis. „Platz da", schnaubte sie und schob Calia und Elrond von ihm weg. „Pan! Hörst du mich?", rief sie und schüttelte ihn leicht an den Schultern. Er antwortete nicht, stattdessen beschleunigte sich seine Atmung wieder auf ein ungesundes Maß.

„Hör zu! Du atmest jetzt ganz bewusst ein!", wies sie ihn an, doch stieß auf taube Ohren. „Er muss hier raus!", sagte sie verzweifelt zu den anderen Beiden. „Wie denn?", rief Elrond, „Wir sind hier ewig weit weg vom Eingang!" Nornea schloss gequält die Augen und versuchte sich in Erinnerung zu rufen, wie man Panikattacken, ausgelöst durch Platzangst, bekämpfte. Es fiel ihr nicht ein. Vielleicht einfach aufgeben. Hoffen, dass er nicht zu sehr hyperventillierte.

Doch mit jeder Minute, die verging und in der sie mehr versuchte zu Pan durchzudringen, umso mehr schwand auch ihr die Hoffnung. Sie machte sich selbst Vorwürfe. Elrond hatte Recht, wenn er sie beschuldigte, nicht genug aufgepasst zu haben. Sie alle wussten von Löschis instabilem Zustand und trotzdem hatte sie ihn alleine draußen gelassen.

Ein langsames, lautes Händeklatschen riss sie alle aus ihrer Verzweiflung. Ein Mann, der Fred gar nicht so unähnlich sah, saß auf einem der Felsen und grinste von einer Wange zur Anderen. „Ich bin erstaunt, dass ihr es bis hierher geschafft habt. Dass euch nicht einmal die Feen zum umkehren gezwungen haben... Wie habt ihr sie ruhig bekommen? Das müsst ihr mir bei Gelegenheit mal erklären", sagte der Mann und strich sich eine grüne Strähne aus dem Gesicht.

Dann warf er einen Blick zu Pan, der sich immer noch auf dem Boden krümmte und inzwischen richtig nach Luft schnappte. „Nicht noch so einer!", meinte er genervt, sprang von dem Felsen, lief auf Pan zu und legte ihm die Hand auf den Rücken. Sofort wurde dieser ruhig und seine Atmung wieder gleichmäßig.

„Wer bist du?", fragte Nornea argwöhnisch und begutachtete den Fremden. Irgendwie kam er ihr bekannt vor, aber irgendwie auch nicht. „Niemand", antwortete dieser schulterzuckend und sprang wieder auf den Felsen, um es sich dort bequem zu machen.

„Aber wisst ihr... Ich will nicht, dass ihr den ganzen Weg umsonst gelaufen seid, warum lasst-", fuhr er dann fort. „Wo ist Löschi?", wurde er von Nornea zum innehalten gezwungen. Nicht gerade erfreut darüber unterbrochen zu werden warf er ihr einen abschätzenden Blick zu. „Natürlich, euer Freund. Er ist nicht hier", erklärte er dann gleichgültig, als wäre es nur eine Nebensache. „Lasst uns-", setzte er wieder an, doch dieses Mal ließ Calia ihn nicht weiter sprechen: „Aber Cernunnos hat doch gesagt...", begann sie und sah fragend zu den Anderen.

Dieses Mal reichte es dem Fremden. Er schlug mit der flachen Hand gegen den Felsen und erzeugte so einen lauten Knall, der alle zusammenzucken ließ. „Cernunnos hat gar nichts gesagt! Glaubt ihr wirklich, dieser dämliche Hirsch schert sich um euch? Das war ich! Die ganze Zeit!", rief er laut und wütend. Calia wurde mulmig zumute, sie wurde ganz klein unter der aufgeregten Stimme. „Ständig ist es nur der Hirsch, der die Lorbeeren einheimst. Ständig wird mir nachgesagt, ich sorge für ein Ungleichgewicht, ich bin der Böse! Warum?" Er sprang wieder vom Felsen und tigerte wütend auf und ab.

„Vielleicht...", fing Nornea an.

„SCHWEIG!", donnerte er. Schwungvoll drehte er sich zu ihnen, erhob die Hände und die Höhle um sie fing gefährlich an zu wackeln. „Ihr seid so schwach... So unfassbar schwach. Ich könnte euch mit einem Fingerschnipsen auslöschen. Aber es nicht mit eine Aufgabe über euch zu richten", meinte er, immer noch erregt. Doch die steinernen Wände beruhigten sich wieder. Er zitterte am ganzen Körper. „Was mache ich jetzt mit euch?", fragte er dann, erwartete aber keine Antwort. Nicht, dass sich einer getraut hätte etwas zu sagen. Sie hatten sich inzwischen eng zusammengedrängt und blickten angstvoll zu ihm auf. Dieses Mal war niemand hier, der ihnen helfen konnte. Sie waren ihm ausgeliefert. Wer oder was auch immer er war.

„Vielleicht nehme ich euch einfach mit, vielleicht könnt ihr mir helfen den Hirsch zu überzeugen", sagte er, nun auf einmal etwas versöhnlicher. Hatte er sich etwa schon wieder beruhigt? Das gefährliche Funkeln in seinen Augen war nicht erloschen, doch er hatte eine deutlich entspanntere Körperhaltung. Nornea traute seinem Stimmungsumschwung nicht wirklich, deswegen rührte sie sich weiter nicht, sondern beobachtete ihn stumm. Wenigstens stand Pan inzwischen wieder auf seinen eigenen Beinen, wenn auch noch etwas unsicher. Die Anderen hatten sich fast schon schützend vor ihn gestellt, auch wenn sie dem Fremden nichts entgegen setzten konnten.

„Na los. Kommt schon", sagte der Mann dann energisch und winkte sie zu sich. Vorsichtig kam die Gruppe näher. „Und jetzt raus mit euch", murmelte er und schubste sie gegen die Wand. Doch entgegen ihrer Erwartung knallten sie nicht dagegen, sondern stolperten durch den Stein hindurch, um auf einer Wiese zu landen. Das helle Tageslicht blendete und sie alle mussten nach der langen Zeit in der Dunkelheit der Höhle erst einmal blinzeln.

Es war eine Wiese direkt am Waldrand, ein Fluss schlängelte sich einige Meter weiter vorne ruhig durch die Landschaft. Braunes und orangefarbenes Laub ließ das Gras wie ein Flickenteppich erscheinen. Die Mittagssonne stand für ihre aktuelle Jahreszeit hoch am Himmel und spendete Wärme. Wäre die Situation nicht so absurd, so könnten sie die Natur vielleicht genießen.

Tatsächlich aber stieg der Fremde hinter ihnen ebenfalls aus der Erde empor, weitaus eleganter als die Anderen es getan hatten. Doch kaum war er da, so hörten sie auch jemanden durch den Wald rennen mit einer beachtlichen Geschwindigkeit. Die Zweige knackten unter den Füßen des Läufers, die Blätter raschelten.

Und dann stürzte Fred aus den Bäumen hervor und riss den Mann zu Boden.

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