9. Abschied
„Leshy!", schnaubte Cernunnos in seiner menschlichen Gestalt wütend und pinnte den Waldgeist am Boden fest. „Habe ich dir nicht gesagt, du sollst die Menschen in Ruhe lassen?", fragte er wütend und verstärkte seinen Griff um die Oberarme des Mannes.
Leshy verzog das Gesicht, wehrte sich aber nicht. „Ich habe sie doch freigelassen, siehst du nicht?", fragte er und grinste schief. Nornea konnte sehen, dass es Fred nicht behagte, ihn gehen zu lassen. Dennoch ließ er ihn frei und stand auf. „Verschwinde!", schnauzte er ihn an, „Wir reden uns später!" Sofort rappelte sich Leshy auf und rannte seinerseits zurück in den Wald.
Fred entspannte sich etwas, er klopfte sich den Dreck von seinen Jeans und wandte sich dann an die Vier, die etwas weiter abseits standen und nicht so richtig wussten, wie sie das Ganze einordnen sollten. „Tut mir leid, ich hätte besser aufpassen sollen", entschuldigte er sich. „Schon ok, wir leben schließlich alle noch", meinte Calia und zwang sich zu Lächeln. Auch wenn sie sich einig waren, dass sie diese Erfahrung nicht unbedingt wiederholen wollten, so hatten sie sie dennoch überlebt.
„Ich glaube, da will jemand mit euch reden", sagte er dann sanft und deutete zum Fluss. Mit dem Rücken zu ihnen saß dort Löschi und hatte sich die Arme um die Knie geschlungen. Er hatte seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen, seine wirren, braunen Haare blickten nur vereinzelt daraus hervor.
„Löschi!", rief Nornea und rannte auf ihn zu. Sie ließ sich auf die Knie sinken und umarmte seinen kühlen Körper. Doch er reagierte nicht. Steif wie eine Statue saß er da. „Lass mich los", flüsterte er schließlich und verwirrt tat Nornea ihm den Gefallen. „Alles in Ordnung?", fragte sie vorsichtig, allerdings zeigte er wieder keine Regung.
Langsam gesellten sich auch die restlichen Bandmitglieder zu ihm. In respektvollem Abstand blieben sie stehen, Löschis Körpersprache war eindeutig. So wie das letzte halbe Jahr, so saß er jetzt völlig in sich versunken da. Sie gaben ihm die Zeit, die er brauchte.
Irgendwann erhob er sich langsam, drehte sich dennoch nicht um. Er sah hinaus auf das gemächlich vor sich hin fließende Wasser. „Ich kann nicht mit euch mitkommen", erklärte er dann ruhig ohne sie anzusehen.
Nornea streckte eine Hand aus und wollte sie ihm auf die Schulter legen, doch er fing sie auf, verschränkte ihre Finger mit seinen. „Warum?", wollte sie wissen.
„Das... ihr würdet es nicht verstehen. Die Natur braucht mich", probierte er es. „Versuch es uns doch zu erklären", sagte Nornea und strich behutsam mit ihrem Daumen über seinen Handrücken. Er drehte sich langsam um, doch er hatte die Augen niedergeschlagen. Er konnte nicht in die Gesichter der Menschen sehen, die er liebte und die er jetzt verlassen musste.
„Ich habe die Möglichkeit, einer von ihnen zu werden", sprach er weiterhin in Rätseln und blickte schließlich zu Cernunnos. Dabei konnten sie ihm das erste Mal in die Augen sehen. Sie leuchteten in einem hellen Blau.
„Ein Waldgeist?", mischte sich nun auch Calia unsicher ein. „So ähnlich", nickte er. Er löste seine Hand aus Norneas und sah in die Runde. „Ihr müsste ohne mich weitermachen".
„Nein!", widersprach Nornea, „Wir werden dich hier sicherlich nicht zurücklassen!". „Es ist nur für... einige Jahre", murmelte er entschuldigend. „Du willst jetzt also dein ganzes Leben aufgeben? Du willst die Band aufgeben?"
Wow, das hatte gesessen. Löschi drehte sich wieder um, starrte auf das Wasser vor ihm. Die Entscheidung war schwer und sie machte sie ihm noch schwerer. Aber ja, er würde der Welt etwas Gutes tun, er würde den Menschen um sich herum etwas Gutes tun, wenn er die Ausbildung annahm. Es war ja nicht für immer.
„Du spinnst doch! Hat Leshy sich wieder in deinem Körper breit gemacht?", fragte nun auch Elrond argwöhnisch. Ohne es zu wollen musste Löschi lächeln. Nein, dieses Mal war er ganz der Herr seiner Sinne. Er legte den Kopf in den Nacken, ließ sich die Sonnenstrahlen in sein Gesicht scheinen. Sie konnten auch ohne ihn weitermachen. Er war als Mensch so unbedeutend im Vergleich zu dem, was er werden konnte. Sie würden es verkraften, sie könnten weitermachen. Und irgendwann, irgendwann wäre er wieder in der Lage zu ihnen zurückzukehren.
„Das Leben wird weitergehen, auch ohne mich. Ihr schafft das", sagte er.
„Du bist durchgedreht. Was auch immer mit dir passiert ist, können wir bitte wieder den alten Löschi wiederhaben?", warf Elrond wieder ein. „Ich war unglücklich in der Welt der Menschen, ihr habt es doch gesehen... Jetzt habe ich die Möglichkeit endlich der Bestimmung zu folgen, die mich schon mein ganzes Leben begleitet hat. Und es ist ja nicht für immer", versuchte er seine Bandmitglieder zu überzeugen, doch sie wollten das nicht glauben.
Nornea war wieder an ihn herangetreten, legte ihm einen Arm um die Schultern. „Wie lange ist „nicht für immer"?", fragte sie traurig. Vielleicht hatten sie ihn schon verloren, als sie das erste Mal mit ihm in den Wald gegangen waren. Damals, in der Pause während ihrer Probe. Und seitdem waren sie einer Kettenreaktion gefolgt, die viele positive Seiten hatte, aber eben auch ihre negativen Seiten. Er hatte sich verändert und vielleicht war es ein langsames Dahinsiechen gewesen. Er war nicht mehr glücklich gewesen, egal wie sehr sie sich bemüht hatten. War es der Vorbote für diesen Abschied gewesen?
„Ich weiß es nicht. Doch wenn ich zurückkehre, dann werde ich in der Lage sein, die Natur zu verstehen. Euch zu verstehen und den Menschen zu helfen", antwortete er schließlich auf die Frage. „Ihr müsst mich gehen lassen, denn das ist nur ein kleines Opfer für das, was kommen wird", fügte er noch hinzu.
Die Anderen blickten sich ratlos an. Sie konnten ihn nicht zwingen, das war ihnen klar. Auch wenn er einerseits verrückt klang, so schien er es doch aus tiefstem Herzen zu wollen. Nornea ließ ihn schließlich los, um ihn fest zu umarmen. „Ich werde dich vermissen", sagte sie leise an sein Ohr. Er schloss gequält die Augen.
Einer nach dem Anderen trat vor, umarmte ihn, eine sanfte Geste als Zeichen des Abschieds.
Cernunnos trat schließlich an ihnen vorbei, watete in das hüfttiefe Wasser des Flusses. „Ihr werdet ihn wiedersehen", sagte er weich. „Ich weiß nicht wann, aber irgendwann wird er seine Flügel ausbreiten können und aus dem Küken wird ein prächtiger..."
„Waldkauz", beendete Calia seinen Satz leise und konnte es schließlich nicht verhindern, dass sich der Kloß in ihrem Hals löste und erste Tränen ihre Wangen hinunterliefen. Schniefend wischte sie sie mit dem Handrücken weg.
„Wenn ihr dem Fluss in Strömungsrichtung folgt, kommt ihr zurück", sagte Löschi schließlich und wandte sich dann mit gesenktem Kopf ab. Es tat weh, ja, aber der Schmerz würde vergehen. Kurz bevor er jedoch einen Fuß in das Wasser setzte, rannte Nornea noch einmal auf ihn zu. „Warte", hielt sie ihn auf und fasste ihn an beiden Schultern. Er drehte sich um, sein Gesichtsausdruck gequält. Dann streckte er die Hand aus, strich ihr zärtlich über die Wange. Sie schmiegte sich in seine liebevolle Berührung und schlug die Augen nieder. Auch sie würde es schaffen ohne ihn. Es war nicht für immer. Auch wenn es sich so anfühlte. Sie würde mutig und erhobenen Hauptes weitermachen können, dem war er sich sicher. Kein Lebewohl, sondern nur ein Auf Wiedersehen.
Und dann zog er sie an sich, umfasst ihr Gesicht mit seinen Händen und küsste sie. Ein bittersüßer Kuss, er schmeckte nach Vergebung, Abschied und salzigen Tränen.
„Wir sehen uns", sagte er dann leise, als sie sich wieder voneinander lösten, drehte sich um und ließ sie am Ufer zurück. Das Wasser nahm ihn fast schon dankbar auf, umspielte zart seine Hüfte. Die Lederarmbänder an seinem Handgelenk wurden dunkel von der Feuchtigkeit. Bei Cernunnos angekommen ergriff er die ihm angebotene Hand und so liefen sie nebeneinander durch den Fluss, durchquerten ihn ohne Mühe.
Am anderen Ufer angekommen drehte er sich noch einmal um, warf dem Rest seiner ehemaligen Band einen liebevollen Blick zu, dann begann das ungleiche Gespann zu laufen. Und schließlich rannten sie bis zum Waldrand, wo sie von der Natur verschluckt wurden.
Zurück blieben vier schweigsame Menschen, die sich langsam auf den Rückweg machten. Ohne ein Wort zu wechseln gingen sie den Weg entlang bis sie zu einer Straße kamen, die sie kannten. Von hier war es nicht weit zurück. Eine steinerne Brücke verlief hier über den Fluss. Nornea blieb am Geländer stehen, blickte hinunter zu dem gleichmäßig fließenden Wasser. Eine Konstante in einer so verwobenen Welt.
Sie holte den blauen Ball aus ihrer Tasche, den sie die ganze Zeit bei sich getragen hatte. Dann holte sie tief Luft und schrie ihre aufgestauten Emotionen, die sie die ganze Zeit für sich behalten hatte, einfach raus. Wut und Trauer erfassten sie gleichermaßen, zwangen sie in die Knie.
Als sie sich beruhigt hatte, nahm sie den Ball und warf ihn weit von sich in das Wasser. Er tanzte in der leichten Strömung auf und ab. Ein einsamer Tanz in einem für ihn unbezwingbarem Gewässer. Dann nahm Pan sie in den Arm, tröstete sie und auch Calia und Elrond gesellten sich hinzu.
In einer einzigen Umarmung verschlugen standen die vier so eine Weile da, versuchten das Erlebte zu verarbeiten. Und als irgendwann ein sanfter Windstoß ihre Haare durcheinanderwirbelte und ihre Gedanken reinigte, da wussten sie, wer ihn geschickt hatte. Ein Lächeln breitete sich auf den Gesichtern aus. Es war kein Abschied für immer. War es nie gewesen. Es war erst der Anfang.
~ENDE~
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