7. Green Roots
„Du bist mir einige Erklärungen schuldig", fing Löschi an, als er Cernunnos folgte, der sich langsam einen Weg durch den Wald bahnte. Die Sonne ging allmählich auf und der Himmel über ihnen färbte sich langsam blau. Tau hatte sich auf den Blättern der Farne und dem Moos abgesetzt. Es war kühl, doch Löschi fror nicht.
„Ich weiß", meinte der Andere ruhig. Aber er machte keine Anzeichen weiter zu reden, stattdessen schwieg er. Von Zeit zu Zeit streifte er mit den Fingern die Bäume, die daraufhin ein paar ihrer bereits braunen Blätter abwarfen. Doch statt zum Boden zu segeln, wie man es erwarten würde, lösten sie sich etwa einen Meter über ihren Köpfen in feinen, blauen Staub auf und verschmolzen mit der Umgebung. War das die Magie, von der Calia so begeistert erzählt hatte? Die Magie, die sich in allem befand und die Welt zusammenhielt?
Ob er gestern wohl von Leshy befallen war? Es gab da immer noch diesen Zeitraum, indem er sich an nichts erinnern konnte. Da war dieser Tritt in seinem Rücken gewesen, er spürte den Schmerz noch ganz leicht. Bestimmt gab das einen schönen blauen Fleck. Jedoch war er sich sicher, niemanden umgebracht zu haben. Nachdem er Leshy kennengelernt hatte, traute er es ihm nicht zu. Natürlich war er ein listiger Waldgeist, aber seine Absichten waren nicht bösartiger Natur. Dieser Gedanke nahm ihm eine gewaltige Last von den Schultern. Vielleicht würde ja alles wieder gut werden.
Das Gestrüpp wurde auf einmal dichter. Cernunnos schob es beiseite und ließ ihn durchtreten. Vor ihm lag ein Friedhof. Er kannte den Ort, er war schon einmal hier gewesen, das wusste er, doch er konnte sich nicht erinnern. Jetzt, wo sehr viel Grün der Pflanzen fehlte, wirkte dieser Platz trostlos und kahl. Graue Steine, braune Blätter, einfarbige Gräber.
Cernunnos hatte sich vor einen Grabstein gekniet, murmelte in sich versunken ein paar Worte, fuhr dann mit seiner Hand über die taufeuchte Erde. Er schloss die Augen und lächelte versonnen.
Löschi wagte es nicht ihn zu stören, stattdessen ging er zu der verfallenen Kapelle, die die Mitte des Ortes bildete. Ihre Tür war aus den Angeln gehoben und darin herrschte ein undefinierbares Chaos. Doch irgendwer hatte die gröbsten Trümmer beiseite geräumt und eine Bank hineingestellt.
„Setz dich", tauchte Cernunnos unerwartet hinter ihm auf und deutete auf die steinerne Bank. Löschi kam dem nach und war für einen Moment überrascht. Obwohl es sich anfühlte wie Stein und auch so aussah, so war dieser Sitzplatz doch ganz warm. „Warum bist du so oft hier?", fragte Löschi das Erste, was ihm auf einmal in den Sinn kam. Gleich darauf schalte er sich für diese Frage. Nur weil der Rest seiner Band erzählt hatte, dass sie ihn auch auf diesem Friedhof das erste Mal getroffen haben, hieß das nicht, dass er immer hier war.
Doch der Andere ließ nur ein warmes Lachen ertönen. „An diesem Ort liegt eine liebe, alte Freundin von mir begraben... Ich besuche sie gerne", erklärte er und sah verträumt hinaus. Eine alte Freundin? Noch ein Gott? Löschi traute sich nicht zu fragen, doch sein Schweigen ließen Cernunnos die richtigen Schlüsse ziehen. „Genau wie Leshy als Silvan gerne die Menschen besucht, Rat sucht oder sie einfach nur ein wenig ärgert, genauso mische auch ich mich von Zeit zu Zeit unter sie. Ich komponiere eigentlich leidenschaftlich gerne, weißt du. Natürlich muss man immer den Wald im Blick haben, aber seit die Menschen immer mehr eingreifen und die Wälder für sich nutzen, umso weniger habe ich zu tun. Traurigerweise schwinden die Waldflächen immer mehr und das schenkt mir Zeit, die ich nutze, um die Menschen kennenzulernen und Musik zu machen. Du wirst es sicherlich verstehen, du bist auch Musiker. Musik ist eine Form von Energiezauber, den selbst die unwissendsten Menschen in der Lage sind auszuführen und zu spüren. Schall ist eine Form des Energietransportes, der Menschen, in den richtigen Frequenzen, beeinflussen kann", erklärte er.
Löschi nickte. Das Phänomen, welches sie als Tanzgeist bezeichneten. Da er nicht wusste, was er sagen sollte, lehnte er sich etwas zurück, verschränkte die Finger im Schoß und sah der Morgensonne zu, die langsam ihre ersten Strahlen über die Natur schickte. Die Bank stand genau so, dass man wunderbar durch die zerbrochene Tür nach draußen blicken konnte.
„Wie viel weißt du über die menschliche Seele?", wollte der Gott neben ihm irgendwann wissen. Löschi zuckte mit den Schultern. „Nicht viel. Jeder Mensch besitzt eine, aber was genau das ist, damit habe ich mich noch nicht beschäftigt", antwortete er. „Und weißt du, was Druiden sind?", fuhr der Andere fort. Wieder konnte er nur mit dem Kopf schütteln. Natürlich kannte er Druiden aus der Medienwelt, aber wahrscheinlich war das nicht das, worauf Cernunnos hinaus wollte, also verneinte er lieber gleich.
„Druiden sind Menschen, die in der Lage sind, das „Ich", was die Menschen gemeinhin auch als Seele kennen, zu sehen. Deswegen hast du Leshy erkannt. Denn selbst wenn man es kaum glauben mag, so besitzt auch er eine Seele. Druiden galten früher als Mittler zwischen den Welten, zwischen der Toten- und der Lebendenwelt. Weißt du, was nach dem Tod passiert?", wurde Löschi gefragt. Er konnte wieder nur stumm den Kopf schütteln. Natürlich hatte er seine Theorien, aber wirklich wissen tat er es nicht.
„Dein Bewusstsein ist gegliedert in verschiedene Teile, mitunter auch das „Ich". Jeder Mensch besitzt es. Nach dem physischen Tod geht dieses „Ich" in die allumfassende Energie ein. Und vielleicht sucht es sich einen neuen Körper, vielleicht ist es aber auch schon vollkommen und wird eins mit der Natur. Oder vielleicht bleibt es irgendwo dazwischen, um vielleicht seinen trauernden Angehörigen beizustehen. Das Ziel des „Ichs" ist es, die Vollkommenheit durch Wissen zu erreichen. Und solange es dieses nicht besitzt, bleibt es im Kreislauf. Druiden konnten das „Ich" im Menschen sehen, mit ihm interagieren und zum Teil auch mit den „Ichs" im Kreislauf der ewigen Energie, die sich in diesem Zwischenzustand befanden, kommunizieren. Somit konnten sie, wenn sie wollten, altes, fast schon vergessenes Wissen aufgreifen, Rat holen von Verstorbenen oder einfach nur definieren, wonach das „Ich" im lebenden Körper strebt. Ist es knapp vor der Vollkommenheit oder ganz am Anfang? Nach welchem Wissen sucht es? Und wie kann man ihm helfen, wenn es ihm schlecht geht? All das waren die Aufgaben der Druiden der früheren Zeit. Doch seit die Menschen den Glauben an die Natur nicht mehr so praktizieren wie sie es früher taten, seit sie ihre Ahnen immer weiter in den Hintergrund drücken und sich in ihrem Wissen vernetzen, seitdem brauchen sie auch keine Druiden mehr", endete er seinen vorläufigen Monolog.
Löschi atmete tief aus. Das war schwere Kost. Aber er verstand jetzt auch Calia, die so für diesen Mann geschwärmt hatte. Er verstand den Rest seiner Band, die sich auf einmal so erleuchtet benommen hatten. Wenn er ihnen auch nur etwas Ähnliches erzählt hatte, dann konnte er die Reaktionen nachvollziehen. Er wollte das mit der Energie kaum glauben, als sie es ihm erzählt hatten, doch aus dem Mund von Cernunnos klang es auf einmal schlüssig und wahr. „Und ich bin so ein Druide?", fragte er dann vorsichtig. Er kam sich auf einmal dumm vor. Angeblich sollte er Zugang zu einem Wissen haben, welches den meisten Menschen auf ewig verborgen blieb. Doch er hatte genau das nie gewusst. Irgendwie ironisch.
„Du trägst das Blut in dir. Das heißt, irgendeiner deiner Vorfahren war praktizierender Druide. Doch jeder Druide braucht eine Ausbildung, sonst ist die Fähigkeit nahezu nutzlos. Du hast vielleicht gemerkt, dass du besonders empathisch bist oder dass du manchmal Dinge siehst, die andere nicht sehen. Oder dass du das Gefühl hast, mit Toten zu kommunizieren. Doch solange du nicht gelernt hast, wie du es steuerst, solange wird es nur eine Ahnung bleiben", veranschaulichte es Cernunnos.
„Hmm", gab Löschi nachdenklich von sich. Er beugte sich vornüber, stützte die Ellbogen auf seinen Knien ab und blickte konzentriert auf den Boden. Es war richtig, was der Andere gesagt hatte. So hatte sein Glaube ja erst angefangen. Als er sich solche Dinge nicht mehr naturwissenschaftlich erklären konnte, aber die christliche Erklärung auch nur bedingt passend fand. Und so war daraus der Glaube an die Natur und deren Götter geworden. Das heidnische, woraus er später auch Inspiration für seine Musik gefunden hatte.
„Ich könnte es dir beibringen, wenn du das möchtest", schlug Cernunnos schließlich vor. Löschi hatte sich schon fast gedacht, dass so etwas kam. Sonst hätte er ihm das alles gar nicht erzählt. Dennoch klang der Vorschlag sehr behutsam, als ob es ein Opfer wäre. „Und was kostet es?", wollte er also wissen.
„Es wird dauern. Jahre auf jeden Fall. Wie lange, ist abhängig von dir. Doch du wirst in dieser Zeit dein aktuelles, menschliches Leben aufgeben müssen. Kein Kontakt zu der Welt, die vollgestopft ist von Ablenkungen", meinte der Gott. „Aber es bringt dir Wissen, Vollkommenheit, das Verstehen und die Magie. Als ausgebildeter Druide wirst du nicht nur in der Lage sein, das „Ich" zu sehen, sondern ich werde dir auch beibringen, die Energie kontrollieren zu können. Das ist etwas, was schon viel früher ausstarb. Ganz früher, die alten Kulturen vor mehreren tausend Jahren, die praktizierten noch diese Form von Magie, doch spätestens seit der Zeit der Inquisition im Mittelalter wurde sie endgültig ausgerottet", fügte er noch hinzu. Als ob die Entscheidung nicht schon schwer genug war.
Löschi begann auf seinem Daumennagel zu kauen. Es ging ihm alles etwas zu schnell. Gestern noch hatte er Angst davor gehabt, von Leshy besetzt zu werden, jetzt war er wohl selbst bald dazu in der Lage übernatürliche Dinge zu tun? Sein menschliches Leben für einige Jahre aufgeben, um später in der Lage zu sein Menschen zu helfen? Es klang wie ein kleines Opfer für etwas Großes. Etwas Großes, was er selbst noch nicht greifen konnte und verstand. Dennoch erschien ihm der Gedanke, ein „Druide" zu werden, äußerst willkommen. Obwohl er seit der Erkenntnis, dass es Cernunnos gab, in seinem Glauben schon sehr viel mehr gewachsen war, als er sich es jemals hätte träumen können, so konnte er es sich kaum ausmalen, wie es dann wohl war, wenn er das Wissen eines Druiden besaß. Vielleicht der Einzige der Welt. Vielleicht dazu bestimmt, das Wissen weiterzutragen und aufzuschreiben. Gerade jetzt, wo es wieder eine Bewegung in der heidnischen Kultur gab. Eine Bewegung, in der viele junge Menschen Erlösung und Zufriedenheit fanden. Wie wäre es dann, wenn er noch mehr positiven Einfluss darauf haben konnte? Er konnte die Welt verändern.
Als ihm das klar wurde blickte er wieder zu Cernunnos auf. „Darf ich bitte noch einmal mit meinen Freunden vorher reden?", bat er. „Natürlich", bekam er als Antwort und der Gott wandte sich für einen Moment ab und schloss die Augen. Dann riss er sie wieder erschrocken auf. „Sie sind nicht mehr da... Leshy! Dieser hinterhältige...", er führte den Satz nicht zu Ende, sondern sprang auf. „Ich glaube, wir müssen eine kleine Rettungsaktion starten", sagte er und sofort war auch Löschi auf den Beinen. Ihm schwante Böses.
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Anm. des Autors: Die hier dargestellte Anschauung der Welt entspringt meinem persönlichem Verständnis nach dem Sinn des Lebens und dem Tod. Es läuft zwar weitestgehend parallel zu dem, was auf Wikipedia unter „Neopaganismus" steht und zu dem, was wohl auch Waldkauz in ihren Liedern besingt, hat jedoch auch einen nicht vernachlässigbaren Einfluss aus der Anthroposophielehre nach Rudolph Steiner(siehe das „Ich" nach R. Steiner). Bevor mich die Pagan/Asatru Polizei also lyncht, sei das hier bitte angemerkt.
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