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Shelby
Sollte ich oder sollte ich nicht?
Andererseits, ich hatte nicht wirklich große Lust alleine mit der Bahn zu fahren und darauf zu hoffen, nicht auf irgendwelche krummen Gestalten zu treffen. Außerdem würde ich das letzte Stück zu Fuß bis zum Haus bis auf die Knochen bei diesem strömenden Regen nass werden.
Eigentlich sprach an sich nichts gegen dieses Angebot, wenn nur nicht diese Haltung der anderen Menschen gegenüber ihn so schlimm wäre.
Vielleicht aber sollte ich heute einfach auf Risiko gehen, um selbst herauszufinden, ob man ihm vertrauen konnte oder nicht. Das hier war mit einer der besten Möglichkeiten und so schnell würde ich keine mehr bekommen.
"Das wäre toll... wenn du mich mitnimmst", sagte ich schließlich leise.
Er wirkte ehrlich überrascht von meiner Antwort. "Ich hätte gedacht, du sagst, du willst lieber nicht. Aber ich hätte dich eh so oder so begleitet, ob du willst oder nicht. Alleine um diese Zeit herumzulaufen ist nämlich nicht gerade die beste Idee."
"Ich bin schon oft um diese Zeit nach Hause gefahren", verteidigte ich mich.
"Tja, dann hattest du wohl bis jetzt jedesmal verdammtes Glück gehabt", kommentierte er und steuerte mit mir zusammen, nicht weit vom Eingang des Club's entfernt, auf einen am Straßenrand geparkten, ziemlich altaussehenden schwarzen VW Golf zu. "Ist nicht gerade eine Limousine, dieses Auto, aber ich hänge an dem Stück Schrott ziemlich." Schnell schloss er die Wagentür auf, weil es immer stärker zu regnen anfing.
Schmunzelnd winkte ich ab. "Mich stört das nicht. Das Auto ist doch trotzdem hübsch."
Verwundert wendete er sein Gesicht nochmal zu mir und zog diesmal skeptisch beide Augenbrauen hoch. "Hübsch?"
Nachdrücklich nickte ich. "Klar, hübsch. Warum denn nicht?"
Seine Mundwinkel zuckten und er lächelte mich an, als würde ihn mein Kompliment über sein Auto ehrlich freuen. Danach ging er wieder voran, um es aufzuschließen und mir die Tür aufzuhalten.
Ich versuchte mehr oder weniger elegant in den Wagen einzusteigen und beobachtete dann, wie er das Auto umrundete, die Fahrertür aufriss und sich ebenfalls hereinsetzte. Jetzt erst bemerkte ich den intensiven Apfelgeruch, der bestimmt von dem Dufteil, das am Rückspiegel hing, ausging. Neugierig linste ich etwas umher und bemerkte, dass der Innenraum des Wagens sehr ordentlich war. Das einzige Schmutzige waren die Fußbodenmatten, sonst lag, außer einem dunkelblauen Rucksack auf der Rückbank, nichts herum.
Das Prasseln der Regentropfen wurde immer lauter und schlugen wie gefährliche Geschosse auf das Autodach ein. Das Wasser lief ununterbrochen an den Fenstern herunter und ließen alles, was nicht im Auto war, vor den Augen verschwimmen.
"Ich glaube... du kommst wohl ein wenig später erst nach Hause."
"Ja... kann man jetzt wohl nicht ändern." Mein Kopf drehte sich zu ihm. Gewissenhaft studierte ich wieder seine markanten Gesichtszüge und die goldenen Augen, die sich direkt, ohne Zurückhaltung, auf mich richteten.
Wie vorhin im Gang baute sich diese Spannung zwischen uns auf und das, was so unerklärbar für mich war.
Diese Anziehungskraft.
Mir kam es so vor, als würden die Wände immer mehr auf mich zurücken und das Auto von Moment zu Moment kleiner werden lassen. Ich holte tief Luft, während ich nervös tiefer in den Sitz sank, allerdings immer noch in seiner Reichweite. Wenn er sich über die Mittelkonsole herüberbeugen würde, dann könnte er mich mühelos küssen.
Könnte.
Wie schon vorhin lag sein Blick auf meine Lippen, dabei schien er selbst zu überlegen, was er machen sollte und was nicht.
Und trotzdem entschied er sich letztendlich wieder für den direkten Weg.
Dieses Gefühl, wie sich seine weichen Lippen auf meinen anfühlten, das war unbeschreiblich schön.
Eine Hand legte sich an meine Wange und versuchte meinen Kopf in einen angenehmen Winkel zu bringen. Die andere Hand spürte ich auf meinem Oberschenkel, wie sie besitzergreifend etwas den lockersitzenden Jeansstoff festhielt.
Ich verschränkte meine Finger erst hinter seinem Nacken, doch lange ließ ich sie nicht dort, lieber vergrub ich sie wie vorhin in seinen dunkelbraunen Haaren. Unser Kuss war langsam, dennoch aber voller Leidenschaft und gleichzeitig so extrem fordernd.
So extrem fordernd...
Atemlos löste er sich kurz von mir. Die Stirn dicht an meiner, suchte er meinen Blick. "Sorry, ich habe mich sonst mehr unter Kontrolle", murmelte er heiser. "Du weißt gar nicht, was du mir mir anstellst..."
Diese ehrlichen, direkten Worte trafen mich tief und lebten meinen gesamten Körper nochmal mehr auf, obwohl er schon wortwörtlich unter Strom stand, denn dieses Kribbeln überall hörte nicht auf, sondern verstärkte sich nur.
Gefangen von seiner Aura strich ich mit dem Zeigefinger seinen Kieferknochen nach, richtete meine Augen auf die Haut und bemerkte, dass sich seine Muskeln dort regelrecht unter meiner Fingerkuppe anspannten.
Dieses Gesicht... es war wie von einem Künstler erschaffen, der einfach keine Makel duldete und so erst recht keine erschaffen hatte.
"Du siehst so perfekt aus", rutschte es mir heraus und sofort wollte ich mich, schämend über das, was ich gesagt hatte, von ihm zurückziehen.
Sein eiserner Griff hingegen hielt mich jedoch fest. "Danke", meinte er leise, wieder machte er sich über mein Verhalten nicht lustig. "Und Shelby", sprach er mit seinem Akzent meinen Namen aus. "Du siehst perfekt aus. Wunderschön", hauchte er. Und wegen dieser Faszination, die in seinen Augen glänzte als er mich ansah, glaubte ich das einem Jungen, der das zu mir sagte, zum ersten Mal.
Doch plötzlich wirkte es so, als würde er sich erstmalig unserem Blickkontakt entreißen wollen.
Den Kiefer angespannt zog er sich nachdenklich von mir zurück, setzte sich wieder richtig hin und startete den Motor.
Plump wurde ich somit wieder in die Realität zurückgeworfen... und dass es nicht gerade nur dieses harmonische Jetzt, sondern auch ein chaotisches Morgen mit einem deprimierenden Schulalltag gab.
Ich fühlte mich komischerweise so, als wäre ich gerade wie Cinderella aus ihrem Märchenballabend aufgewacht und die bittere Realität schlug nun auf mich ein.
Ich musste zwar keiner Stiefmutter und gehässigen Schwestern dienen und anderes Schlimmes ertragen.
Aber bitter war, dass morgen alles wieder normal sein würde.
Wow, ich hatte wohl doch eine versteckte naive und romantische Ader.
Ich wusste nicht den Namen von diesem Menschen, der mich so anzog, geschweige sonst noch was über ihn und ich werde ihn auch hier nach wahrscheinlich nicht mehr wiedersehen. Chicago war zu groß, um sich zufällig wieder über den Weg zu laufen, das wusste ich aus Erfahrung. Gerade, wenn man es sich erhoffte und gezielt suchte.
Wegen all diesen Gründen war ich ziemlich gerädert, als wir aus seinem Auto ausstiegen.
Letzte Chance, um nach seinem Namen zu fragen.
Unsicher sah ich zu ihm hoch.
Nein, vielleicht wollte ich seinen Namen doch nicht wissen... dann war das eben einfach nur ein schöner Abend.
Mehr nicht.
Vielleicht sollte ich in das alles auch nicht so viel hineininterpretieren. Wie gesagt, er war wildfremd und ich sabberte ihm jetzt schon wie ein verrücktes Fangirl hinterher, dabei ließ ich auch noch alles mit mir machen.
Das war doch verrückt.
Wo ist mein richtiges Ich hin? Wo wartet mein Verstand, um mich endlich wieder abzuholen?
Bestimmt war er nur ein geübter Player, vor dem alle Jungs Respekt hatten und der mit dieser Masche gekonnt ein Mädchen nach dem anderen abschleppte.
"Gut... dann sehen wir uns wohl... Irgendwann." Ich hob die Hand zum Abschied und blieb nun genauso auf Abstand wie er ein paar Minuten davor.
Lustig wie schnell sich das gewandelt hat... und komisch.
Er guckte mich lange schweigend in sich hineinlächelnd an, bis er sich abwandte, allerdings nicht ohne doch noch zum Abschied etwas zu sagen. "Bis dann, Shelby." Ein letzter dunkler Blick in meine Richtung, dann stieg er wieder in sein Auto ein und fuhr langsam davon.
Der Regen prasselte unbarmherzig auf mich nieder und ich konnte die roten Rücklichter schon lange nicht mehr sehen. Die kalte Nässe, die sich durch meinen dicken Pullover fraß, ließ mich frösteln, trotzdem stand ich wie festgewachsen weiter an dieser Stelle. Auf dem Gehweg, dicht an der Bordsteinkante und mit dem Rücken fast auf gleicher Höhe mit meiner Haustür.
Wenn ich mich konzentrierte und die Augen schloss, konnte ich jetzt noch seinen harten warmen Körper dicht an meinen gedrängt spüren.
Laut seufzte ich.
Es wurde Zeit, dass ich diese Sache abschließen sollte. Ich werde sie im Hinterkopf fest als Erinnerung speichern, jedoch durfte ich mich an diesen Unbekannten nicht so festkrallen.
Das durfte mir nicht passieren.
Das wäre... lächerlich.

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