8

Shelby

Schnell schenkte ich dem Barkeeper keine Beachtung mehr, sondern starrte wieder in seine goldenen Augen, die so eine magische Wirkung auf mich hatten.

Er neigte seinen Kopf ein Stück zur Seite, ließ seinen Blick aber unveränderlich auf mich ruhen. Das Lächeln, dass er mir schenkte, war für mich eines, das man guten Freunden oder Menschen widmete, zu denen man eine enge Bindung hatte.

Sein Verhalten zu mir wurde immer unergründlicher.

Eigentlich dürfte er mich gar nicht kennen und müsste genauso kalt und distanziert zu mir, wie er es zu den anderen wie Luison, der normalerweise relativ kontaktfreudig war, sein. Aber stattdessen behandelte er mich vollkommen anders.

Ich würde nicht sagen, dass mir das nicht gefiel, denn es war schon eine Ewigkeit her, dass ich mich mit einer wildfremden Personen von Anfang verstanden habe und dieser sogar blindlings vertrauen würde, obwohl so viele andere Sachen, die ich um mich herum beobachtet hatte, dagegen sprechen sollten.

"Hab ich dich jetzt sprachlos gemacht, Shelby?" Die Art, wie er meinen Namen betonte, so hatte noch niemand ihn irgendwie ausgesprochen.

So.. weich. Weicher als weich.

Und jetzt fantasierte ich wieder vor mich hin, bravo.

Wie schon viele Momente an diesem Abend zuvor, holte ich tief Luft, um mich aus meiner Trance zu befördern. "Woher weißt du eigentlich meinen Namen?", fragte ich neugierig nach.

Erneut zuckte er mit den Schultern. "Es kennen dich nun mal viele."

Nicht ganz überzeugt von seiner Antwort runzelte ich meine Stirn. "Dich kennen auch viele und trotzdem weiß ich kein Bisschen, wie du heißt."

Er lachte diesmal laut und dieses Lachen gehörte zu den seltenen auf der Welt, bei denen das Herz unmittelbar erwärmt wurde und die eigenen Mundwinkel unkontrolliert in die Höhe zuckten. Es war einfach herzlich, so anders.

Fesselnd irgendwie.

Er war einfach fesselnd und wurde es von Minute zu Minute mehr, sodass ich vollkommen auf ihn fixiert war. Die ganzen Geräusche um mich herum, die laute Musik, die Gespräche der anderen Leute, das Gläserklappern neben mir, wie auch die Gerüche nach Parfum, Früchte, Rauch und auch die tanzenden Leute um uns herum nahm ich nicht mehr wahr.

Seine Stimme übertönte alles, sein sinnlicher Duft überdeckte alles und sein Körper war wie ein Magnet.

Ich umklammerte fest die Ränder des Barhockers.

Meine Rettungsinsel.

"Ja", meinte er nach einer Weile, was mich wieder an meine Frage zurückerinnern ließ. "Du hast Recht. Mich wundert es ehrlich gesagt auch, dass du nicht weiß, wer ich bin", schob er interessiert hinterher.

"Dann sag es mir doch einfach."

Grinsend schüttelte er nun den Kopf. "Nein."

Verständnislos verschränkte ich die Arme vor meiner Brust. "Und warum nicht? Was soll ein Name schon groß anrichten? Ich werde schon nicht schreiend vor dir weglaufen."

Er schmunzelte, dabei drehte er sein Glas auf der Theke, bis er mich wieder direkt ansah. "Das ist falsch. Ein Name kann viel anrichten. Und meistens ist mit einem Namen immer so viel verbunden, am meisten Emotionen wie Liebe, Angst und Hass. Die lassen widerum Vorurteile entstehen und wenn man die im Hinterkopf hat, dann sieht man denjenigen immer schon in einer zurechtgerückten Sichtweise, die andere für dich, ob sie wollten oder nicht, erschaffen haben. Das heißt, du würdest vielleicht nicht komplett auf deine Instinkte beim ersten Eindruck vertrauen oder generell versuchen, ganz alleine den Charakter einzuschätzen. Das alles und vieles mehr richtet ein Name an."

Beeindruckt schwieg ich erstmal.

Niemals hätte ich erwartet, dass er so tiefgründig und weise denken würde. Und auch noch so eine ausgereifte Kenntnis über psychologisches Verhalten hatte und die Hintergründe einfach mal aus dem Ärmel schütteln konnte.

Und alles stimmte zusätzlich auch noch. Es gab keinen Punkt, den er genannt hatte, bei dem ich sagen würde, dass ich das nicht so sah.

"Voldemort aus Harry Potter ist doch das perfekte Beispiel für sowas", argumentierte er weiter.

"Du bist aber garantiert nicht so schlimm wie Voldemort oder? Jetzt, da du ihn einfach mal damit vergleichst?", hakte ich schnell nach.

Diesmal sagte er nichts, ein geheimnisvolles Lächeln umspielte immer noch seine Lippen.

"Ach komm' schon", lenkte ich kichernd ein. "So schlimm bist du jetzt nun wirklich nicht, oder? Das wäre ja ganz mies."

Er nippte flüchtig an seiner Cola, bevor er antwortete. "Wie ich schon bereits sagte. Du musst dir selbst ein Urteil über mich machen. Generell über jeden. Was andere sagen, kann stimmen, muss aber nicht. Wie sagt man so schön? Vertraue immer dir selbst. Das ist immer das Wichtigste."

"Ich weiß nicht, aber das hört sich für mich immer an, als wurde dieser Spruch von einer Person gemacht worden, die verdammt einsam war", erwiderte ich nachdenklich.

"Es ist nunmal so. Klar, wenn man jemanden findet, den man immer vertrauen kann, ist das mit eins der wertvollsten Sachen auf der Welt. Aber das ist schon verdammt selten. Leider hintergeht jeder jeden, selbst wenn es auch manchmal nur in kleineren Sachen ist."

Gedankenverloren betrachtete ich ihn. Mich störte die kurze Stille zwischen uns nicht, eher im Gegenteil. Es war trotzden angenehm mit ihm hier so dicht aneinander zu sitzen. Eine Frage brannte mir jedoch nach ein paar Minuten wieder auf der Zunge. "Wenn du Vertrauen so sehr schätzt... Würdest du dann, wenn du meinst, du hast diesen einen Menschen gefunden, denjenigen immer die Wahrheit sagen?"

"Ja", antwortete er ohne zu zögern und wich meinem bohrenden Blick nicht aus. "Wenn derjenige sich auch für mich interessiert und Fragen stellt, würde ich sie immer ehrlich beantworten. Lügen und dann darauf hoffen, dass diese Person die Wahrheit nicht herausfindet, macht einen kaputt."

"Mhm." Plötzlich vibrierte mein Handy in der hinteren Hosentasche. Als ich es herausnahm, leuchtete mir mein Wecker entgegen, den ich mir um ein Uhr gestellt hatte, um rechtzeitig vom Club wieder loszufahren und wenigstens noch etwas Schlaf zu bekommen. "Ich glaube, ich muss jetzt los", sagte ich wieder zu ihm gerichtet.

Etwas wie Enttäuschung flackerte kurz in seinen schönen Augen auf, doch genauso schnell war wieder nichts in ihnen zu erkennen. "Okay. Musst du weit fahren?"

"Nein", entgegnete ich, während ich vorsichtig vom Barhocker herunterzusteigen versuchte, aber irgendwie blieb ich irgendwo mit dem weiten Hoodie hängen und kippte aufeinmal nach vorn, mitsamt den Hocker.

Aber er bemerkte das noch rechtzeitig, sprang von seinem Barhocker herunter und brachte mich und meinen Hocker wieder in die richtige Lage, dabei ruhte eine seiner Hände auf meinem Oberschenkel, was meine Wangen erneut heiß werden ließ.

"Danke", brachte ich beschämt hervor.

Er atmete nur kurz tief ein, bevor er etwas sagte. Jedoch war es kein belustigter Kommentar zu meiner trotteligen Aktion. "Ich gehe jetzt auch los. Morgen ist wieder Schule", meinte er.

"Du gehst noch in die Schule?" Erstaunt musterte ich ihn wieder von oben bis unten. Er wirkte so reif, körperlich als auch mental.

Auch hier hätte er wieder über mich lachen können, aber er, nachdem ich schnell Luison's skeptisch dreinblickenden Freunden zugenickt hatte, nahm meine kleine Hand in seine, führte mich durch die Menge und antwortete ganz normal. "Klar gehe ich noch in die Schule. Wie alt hast du mich denn geschätzt?"

"Ich weiß nicht", murmelte ich unkonzentriert wegen unseren ineinander verschränkten Händen. "Vielleicht so zwanzig?"

"Nicht schlecht." Er hielt mir die Tür auf und sowie sie hinter mir zufiel, wurde es um uns herum sofort leiser. Nur unsere Schritte halten gedämpft auf dem roten Teppichboden.

Ich legte den Kopf etwas in den Nacken, um zu ihm hochzuschauen. "Und wie alt bist du nun wirklich?"

"Achtzehn, bald neunzehn."

Okay, das kam eindeutig überraschend.

Nach meinem Alter fragte er nicht, ich ging deshalb davon aus, dass er es wahrscheinlich wusste. So wie er meinen Namen gewusst hatte.

Wir durchquerten schweigend noch den restlichen Teil von Luison's großen Club, bis wir an den genauso verwirrt und zugleich misstrauisch wirkenden Türstehern, die uns ansahen, vorbeigingen.

Blitze zuckten hell am Himmel und Donner grollte laut durch die fast leeren Straßen.

"Hast du was dagegen, wenn ich dich mit meinem Auto nach Hause fahre?"






Wie findet ihr Tyran jetzt?

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