10

Shelby

Ich gähnte und betrachtete verstörrt meine Schwester, die sich nun schon zum fünften Mal an ihrer heißen Teetasse verbrannt hatte. Und ihre Reaktion bestand immer wieder daraus, genervt das Gesicht zu verziehen, grimmig das Stück Porzellan vor sich anzufunkeln, um sich dann schlechtgelaunt dem Marmeladenbrötchen zuzuwenden.

Nachdem ich mir das nicht mehr länger anschauen konnte, fragte ich vorsichtig, ob alles mit ihr okay sei, aber wegen ihrer patzigen Antwort, dass mich das nicht zu interessieren brauchte, blieb ich stumm und rätselte weiter.

Was denn bitte der Grund war, warum sie sich so veränderte. Es war unerklärbar in meinen Augen.

Diese ganzen Gedanken darum nahmen mich so ein, dass ich später, als ich an der Haltestelle wartete, fast gar nicht in den Bus eingestiegen wäre. Glücklicherweise kannte mich der Fahrer und hupte laut, um mich auf sich aufmerksam zu machen.

Früher wäre ich im am liebsten im Boden versunken, gerade auch, weil mich alle sich im Bus aufhaltenden Leute amüsiert anstarrten. Jetzt machte mir das nichts aus, im Gegenteil. Breit lächelte ich alle gekünstelt an und winkte ihnen beim Betreten des Innenraums übertrieben zu, bevor mich eine Hand auf einen Sitzplatz zog.

"Guten Morgen", lachte Reece mir entgegen.

Um ihn zu ärgern, wuschelte ich ihm durch die blonden Locken. "Wünsch' ich dir auch", grinste ich ebenfalls und für einen kurzen Augenblick waren die Sorgen über Sharret vergessen.

Daniel, der an der nächsten Haltstelle zustieg und sich während dem Fahren an meinem Sitz festhielt, wertete zusammen mit Reece das gestrige Spiel der Lakers aus, weswegen ich gelangweilt abschaltete und die Augen zumachte.

Die wenigen Stunden Schlaf machten sich jetzt schon bemerkbar und ich kämpfte schwer damit, dass ich nicht einschlief.

Der typische strenge Geruch nach Bus, der Schweiß, gefühlt tausende verschiedene Deo - und Parfümdüfte, Wurststullen und abgesessene Stoffe der Sitze beeinhielt, ließ meinen Magen nochmal mehrere Umdrehungen machen, sodass mir sogar etwas schlecht wurde. Ich versuchte das auszublenden und konzentrierte mich mehr auf die Geräusche um mich herum. Der dröhnende Motorenlärm, sowie die Gesprächsfetzen, die ich etwas von Daniel und Reece mitbekam, rückten mehr in den Hintergrund. Die hellen Stimmen von zwei Mädchen, die wohl die Sitzreihe hinter uns belegten, drangen immer deutlicher an mein Ohr.

Eigentlich wollte ich mich nur als langweilige Alternative zu dem Thema von meinen besten Freunden darauf fokussieren.

Aber allein schon der erste Satz versprach mir, dass das ganze noch ganz interessant werden konnte.

"... du meinst den Tyran, der schon zwei Menschen umgebracht hat?"

"Er hat zwei Menschen umgebracht? Oh wow. Das wusste ich noch gar nicht. Bist du dir echt sicher, dass das stimmt? Steht nicht irgendwie die Todesstrafe bei ihm an, wenn er das tatsächlich getan hat? Wir reden jetzt aber beide über Tyran Argento, oder?"

"Ja, wir reden beide über ihn. Und ja, er hat schon zwei Menschen umgebracht, mein Bruder hat mir das erzählt und der hat das von einer recht sicheren Quelle. Wahrscheinlich von einer Person, die sehr eng mit den beiden Opfern war."

"Dann muss es doch aber Zeugen für seine Taten geben, sonst wüsste man das doch gar nicht?"

"Klar, die Zeugen sind deswegen auch zur Polizei gerannt und Tyran wurde deswegen festgenommen, aber sein Vater ist doch so reich. Wahrscheinlich hat er den mithilfe eines guten Anwaltes wieder aus dem Schlamassel herausbekommen."

"Wie unfair. Der Typ scheint echt krass zu sein. Du meinst jetzt auch echt, dass der wieder in Chicago ist?"

"Ganz sicher. Ein Freund meines Bruders hat ihn heute Morgen gesehen."

"Dass der sich noch traut hier aufzutauchen. Unglaublich... Wie sieht Tyran eigentlich überhaupt aus?"

Das würde ich jetzt auch gerne mal wissen.

"Also", setzte das eine Mädchen hinter mir an. "Er hat..."

"Huhu, Shelby. Jemand zuhause?" Reece' Finger schnipsten hektisch vor meinem Gesicht umher und ungeduldig starrte er mich an.

Genervt seufzte ich auf.

Warum musste er gerade dann unterbrechen, wenn es spannend wurde? Ich hätte unglaublich gerne gewusst wie dieser Tyran Argento aussah. Der Name Tyran, der schon fast wie Tyrann klang, brachte schon mehrere Erwartungen mit sich. Wie ein schnöder Nerdie wird er dann wohl nicht aussehen. Und wenn alle so vor ihm Angst hatten, das wird nämlich bestimmt nicht nur wegen diesen umgebrachten Personen sein, machte dieser Mensch garantiert Eindruck. Wenn allein der Name schon mit Respekt ausgesprochen wird, könnte vieles zusätzlich passiert sein...

"Scheisse, Shelby. Was ist denn heute nur mit dir los?" Aufgebracht legte Reece eine Hand auf meine Schulter, während Daniel's bohrender Blick mich scheinbar zu analysieren versuchte.

Ich lächelte beide gezwungen an und versuchte diese vielen Fragen, die meinen Kopf immer mehr einnahmen, zu verdrängen. "Tut mir leid, ich bin einfach nur müde. Was wolltet ihr beide denn? Oder wobei. Reece, du hattest mich doch bestimmt irgendetwas gefragt, stimmts?"

"Du bist nur müde?", hakte Reece skeptisch nach, dabei ignorierte er das andere, was ich gesagt hatte, gekonnt. "Du siehst aus, als hättest du sonst was in dieser Nacht erlebt."

Heiliger, er war aber nah an der Wahrheit dran.

Daniel kniff seine Augen plötzlich misstrauisch zusammen. "Sag mir nicht, dass du schon wieder alleine bei Luison warst, oder?"

Ich öffnete ertappt den Mund und wollte etwas sagen, doch Daniel kam mir wieder zuvor.

"Echt jetzt?" Fassungslos schüttelte er den Kopf, seine dunklen Haare legten sich nach dieser Bewegung noch unordentlicher hin. "Verdammt, du warst wirklich wieder alleine bei ihm? Müssen wir dir jedesmal auf das Neue sagen, dass es dort scheisse nochmal gefährlich ist?"

"Ähm, ich...", setzte ich erfolgslos an.

"Ey, Shelby", regte sich Reece nun auch auf. "Warum kannst du nicht immer auf uns warten oder uns Bescheid geben, dass wir dort zusammen hingehen?"

Langsam wurde ich auch etwas sauer. "Jetzt hört mal auf! Mir passiert da schon nichts, die meisten kenne ich dort und Luison hat alles im Griff. Es ist dort nicht so gefährlich wie ihr immer denkt, jetzt mault mich mal bitte nicht so voll."

Verständnislos zog Daniel seine Augenbrauen zusammen. "Nicht gefährlich und Luison hat alles im Griff?" Er lachte rau auf. "Das werden die Fakten der Woche."

"Wohl eher die Fakten des Jahres", warf Reece grimmig ein, bevor er sich direkt an mich wendete. "Shelby. Es geht uns einfach darum, dass auch ein gewisser Luison, der mir übrigens bis heute noch nicht geheuer ist, nicht immer alles im Griff haben kann. In seinem Club sind so viele Kriminelle-

"Halt stopp", unterbrach ich ihn mit erhobenen Zeigefinger. "Wir sind auch kriminell."

Daniel stöhnte genervt auf und klatschte sich mit der flachen Hand gegen seine Stirn.

Ja, ich habe meine Dummheit und meine Naivität auch sehr lieb.

"Ich rede gerade von Schwerverbrechern", merkte Reece nun an. "Brutale Streetfighter, Drogendealer, Schmuggler, Entführer, Vergewaltiger, Mörder und so weiter. Die dürfen dort alle herein und mitten drin ist ein Mädchen wie du."

Stirnrunzelnd presste ich die Lippen aufeinander. "Ein Mädchen wie ich? Was willst du mir jetzt damit sagen? Dass ein Mädchen mit magentarot gefärbten Haaren in schwarzen Sachen zwischen Menschen mit teilweise gleichen Style auffällt? Das stimmt nicht."

"Du fällst auf, weil dich jeder kennt. Der süße Schützling von Luison, du weißt schon", sagte Reece augenrollend.

Gerade wollte ich protestieren, dass mich nicht jeder kannte. Aber selbst der unbekannte Typ von gestern wusste meinen Namen.

Okay, das saß.

Der Bus hielt an und ich bemerkte, dass wir aussteigen mussten. Zusammen mit den anderen Schülern quetschte ich mich aus dem Innenaum und atmete erstmal tief draußen, etwas abseits von der Haltestelle, ein. Die frische Luft tat unendlich gut, sodass ich wieder etwas besser denken konnte.

Aber es dauerte nicht lange, da schoben sich die Fragen über diesen Tyran wieder in den Vordergrund und drängten die Diskussion mit Reece und Daniel weg.

Egal wie er war.

In dieser Stadt wurde definitiv zu viel getratscht und erzählt. Über ihn, über Luison, über mich und über viele anderen Menschen auch.

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