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Sharret

Verzückt glitten meine Augen über die feinen geschwungenen Bleistiftstriche, wanderten weiter herauf zu einem Punkt, wo sie sich alle sammelten und stoppten am Ende dort, wo sie wieder alle auseinanderfielen.

Ein Mädchen mit einem gewitzten Lächeln schaute mir entgegen. Ihre leicht gewellten Haare wehten im Wind. Im Hintergrund erblickte man die schwache Skyline von Chicago.

Amüsiert stellte ich etwas Weiteres fest.

Was für ein Zufall, dass dieses Mädchen so eine große Ähnlichkeit mit Shelby hatte. Doch sie passte einfach perfekt ins Bild und verpasste dem Kunstwerk einen gewissen Charme. Irgendwie schaffte ich mich nicht davon loszureißen, weil ihr Lächeln komischerweise genau hinhaute.

"Eine sehr schöne Arbeit, Sharret. Und die möchtest du gerne für den Wettbewerb einreichen?"

Ich schaute hoch zu meiner Kunstlehrerin, die neben meinem Tisch stehengeblieben ist. Nebenbei bemerkte ich, wie die ersten Schüler den Raum verließen. Anscheinend hatte es zum Unterrichtsende geklingelt und ich hatte es wie so oft nicht mitbekommen.

Augenblicklich nickte ich. "Ohja, unglaublich gerne. Und danke, es freut mich, dass es Ihnen gefällt."

"Ja", ihre Augen blieben wieder an der Zeichnung vor meiner Nase kleben. "Es wirkt so realistisch - und träumerisch zugleich. Ich denke, dein Werk hat sehr gute Chancen."

Vor lauter Freude glühten meine Wangen regelrecht. "Dankeschön."

"Soll ich es mit zu den anderen Bildern packen? Einige der anderen Schüler haben auch Interesse an den Wettbewerb. Ich könnte es zusammen mit den anderen schon gesammelten Werken abgeben."

Erst wollte ich ja sagen, sicherer als bei ihr konnte es nicht sein. Doch dann fiel mir etwas anderes ein.

"Ich könnte es ihnen nachher abgeben, wenn es dann noch geht. Vorher möchte ich es gerne noch jemanden zeigen."

Sie nickte. "Klar. Nach der Mittagspause würde es gehen. Komm einfach dann wieder hierher."

"Gut ok. Dann bis nachher." Ich holte meine Kunstmappe heraus und packte das A4 große Blatt mit dort hinein, dass es nicht verknickte. Dann schulterte ich meinen Rucksack und machte ich ebenfalls auf den Weg nach draußen.

Ich war so in meinen Gedanken vertieft, dass ich meine Zielperson fast verpasste, als sie mir vor der Bibliothek über den Weg lief.

"Ach Tyran, warte!"

Er stoppte, dann drehte er sich langsam zu mir um. Eigentlich sah er aus wie immer, doch seit einer Woche hatte ich das Gefühl, irgendetwas fehlte in seinem sonst so speziellen Blick.

Nämlich dieser ganz spezielle Ausdruck.

Dieser Glanz - der fehlte oder war nur sehr sehr schwach vorhanden. Naja, wer wusste schon, was er in seiner Freizeit so anstellte. Vielleicht gab es da irgendeinen sehr persönlichen Vorfall, an dem er ausnahmweise nagte.

"Ach Sharret", murmelte er, seine Mundwinkel zuckten leicht. "Was gibt es denn?"

"Hier", ich hob die Mappe hoch und lief dichter zu ihm heran. "Ich habe mein Werk für den Kunstwettbewerb fertig. Du weißt doch. Der, auf den du mich erst aufmerksam gemacht hast", versuchte ich ihn daran zu erinnern.

"Oh okay schon?", meinte er sichtlich überrascht. "Dann zeig mal her."

Nervös klappte ich mit zittrigen Händen die Mappe auf und fischte dann das Bild heraus. "Hier", drückte ich es ihm vorsichtig in die Hand.

Behutsam tastete er mit den Fingerspitzen danach und hielt es vor sich hin - und so stand er eine ganze Weile da.

Völlig eingefroren und gefangen.

Zutiefst in Gedanken versunken.

Erst hatte ich vermutet, er warf einen schnellen Blick darauf und meinte, wow, schön, und dann wäre die Sache für ihn geklärt. Ich hatte nicht angenommen, dass er das so gründlich studieren würde so wie es nun gerade tat.

"Tyran?", fragte ich zaghaft.

Blinzelnd zuckte er zusammen und schaute zu mir. Als würde ihm meine Anwesenheit erst jetzt wieder auffallen. Schnell zuckten seine Augen zurück zu dem Bild, das Gold in ihnen wirkte seltsam aufgewühlt. "Ja, das ist...", er geriet wieder für einige Sekunden ins Schweigen, ehe er den Satz zuende brachte. "Ja, das ist wirklich... sehr... sehr schön."

"Danke", grinste ich breit wie ein Honigkuchenpferd und wollte es mir zurücknehmen, doch er hielt es mit seinen Fingerspitzen eisern fest.

"Du", fing er stirnrunzelnd an, bevor er zu mir herüberlinste. "Ein Bekannter von mir ist der, der die ganzen Werke für den Wettbewerb sammelt, deswegen wusste ich auch davon. Wenn du nichts mehr daran verändern möchtest, dann kann ich es gerne für dich mitnehmen und heute schon abgeben."

Erst war ich etwas misstrauisch, doch als ich mir wieder anschaute, wie sorgfältig er das Billd hielt und weiter versunken ansah, da konnte ich nicht anders als ja zu sagen. "Klar gerne... das wäre echt nett."

Er nickte nur und beobachtete beinahe schon mit Argusaugen meine Bewegungen, wie ich das Bild von ihm nahm und wieder ordentlich in der Mappe verstaute. Dann überreichte ich sie ihm. "Aber pass schön darauf auf, ja?"

Seine Lippen verzogen sich und ich hatte in dem Moment das erste Mal das Gefühl, dass sein Lächeln auch seine Augen erreichte.

Es verschlug mir regelrecht den Atem.

"Versprochen. Du kannst dich darauf verlassen." Ein letztes Mal nickte er mir zu, dann drehte er sich um.

Die Kunstmappe fest in den Händen haltend.

In dem Moment realisierte ich, dass ich ihn nie wirklich so toll fand wie ich erst dachte. Das schnell schlagende Herz hatte mich oft verwirrt.

Nein, um genau zu sein ist seine Art einfach besonders und deswegen blieb er einfach als eine beiläufige Nebenperson in meinem Alltag absolut faszinierend für mich.

Nichts weiter - alles andere wäre mehr als nur fatal.

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