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Shelby
Mittwoch.
Das war der Tag, auf den wir uns alle geeinigt hatten, nachdem ich in unserer seit Wochen still gelegten Gruppe auf ein Nottreffen bei unserem Lieblingstrainingsplatz für Parcours bestanden hatte.
Reece, Daniel und ich.
Es wurde langsam Zeit, dass sich unsere sonst so extrem starke Clique wieder zusammenfügte. Anscheinend hatte jeder mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen - aber es half uns allen nichts, wenn wir sie immer vor den anderen geheim hielten und uns nicht gegenseitig einweihten.
So wäre der Vorfall mit Reece am Hafen zum Beispiel nie passiert.
Wir sollten nicht jegliche Beziehungen untereinander wegwerfen und sie nicht einfach mit der Zeit verlaufen lassen - im Gegenteil.
Wir sollten für unsere Freundschaft kämpfen und das bestmögliche herausholen.
Als ich um die Ecke ging, sah ich schon von Weitem Daniel an der mit Graffiti besprühten Wand angelehnt stehen. Er hatte Kopfhörer auf und schien mit den Klängen der Musik irgendwo ganz weit weg zu sein.
Als ich bei ihm ankam und er mich immer noch nicht wahrnahm, hielt ich zögernd inne.
Vielleicht war das alles doch keine so gute Idee, vielleicht sollten wir doch noch ein bisschen Abstand voneinander wahren-
Mein gedankliches Ich klatschte mir mit voller Wucht gegen die Stirn.
Okay, okay. Blöder Gedanke.
Es wurde jetzt dafür Zeit.
Ich streckte meine Hand aus und zog Daniel kurz an der Jacke.
Vor Schreck zuckte er zusammen. Als er mich jedoch erkannte, huschte ihm ein schwaches Lächeln über die Lippen und er nahm die Kopfhörer ab, um sie sich um seinen Hals zu legen. "Shelby", begrüßte er mich. Seine Stimme war irgendwie sonderbar leise und zurückhaltend.
"Daniel", murmelte ich und lächelte genauso vorsichtig.
In der Schule war der distanzierte Umgang untereinander mittlerweile schon Gewohnheit - und jetzt hieß es über seinen Schatten zu springen. Sonst würden wir nie das retten können, was uns einst so wichtig war.
Nie.
Und wir würden nie herausfinden, woran eigentlich unsere großartige Beziehung fast zu Grunde gegangen ist.
Also holte ich tief Luft, dann breitete ich einfach meine Arme aus und umarmte Daniel fest. Er war nichtmal überrumpelt, nein. Er schloss mich genauso fest in seine Arme und drückte mich an sich, als würde es kein Morgen mehr geben.
Mit geschlossenen Augen nahm ich diesen vertrauten Duft war, der immer von ihm ausging und atmete ihn tief ein.
"Ich hab dich vermisst", gestand er mir nuschelnd, seine Arme umschlangen mich noch immer fest.
Ich drückte noch fester zu als ich es ohnehin schon tat. "Und ich dich erst."
Ein anderer Arm verfestigte sich auf meinem Rücken und weiche Haare drückten sich an meine Wange. "Und ich euch erst."
Reece.
So standen wir eine ganze Weile da, bis wir uns voneinander lösen konnten.
Daniel wischte sich verstohlen eine Träne aus den Augenwinkeln, Reece Gesicht war ganz fleckig und bei mir saß ein riesiger Kloß im Hals.
Dafür ist mir aber eine riesige Last von den Schultern gefallen.
Ich hatte meine Freunde - und ich konnte auf sie zählen. Wir konnten doch alle aufeinander zählen.
Und das war mit das Wichtigste.
An diesem Nachmittag hatten wir uns viel zu erzählen - und es klärte sich eine Menge auf.
Reece gestand zum Beispiel, dass er eigentlich gar nicht in diese Gangsache hinein wollte. Er ist durch einen wilden Partyabend dort hineingeraten. Hatte tief im Suff den Eid geleistet - und fand sich am nächsten Morgen in diesem Kreis als Mitglied wieder.
Klar, es war nicht gerade die beste Sache, die er unter Alkoholeinfluss getan hatte. Doch er fand sich langsam mit der Sache ab.
Angeblich hätte er schon einen Plan, wie er sich dort am besten mit dem Kopf aus der Schlinge ziehen könnte. Als wir ihn neugierig fragten, was es denn sei, zwinkerte er uns nur verschwörerisch zu.
Es soll eine Überraschung sein.
Typisch Reece.
Daniel gestand nach langem Herumdrucksen, dass er von Drogen abhängig geworden ist. Angefangen hatte er damit vor wenigen Wochen, weil seine Eltern ihn so dermaßen unter hohen Leistungsdruck setzten. Er ist damit nicht zurechtgekommen und weil er vor niemanden als schwach gelten wollte und er trotzdem nebenbei genug Power haben musste, um zu lernen und durchzuhalten, wollte er sich anders behelfen.
Auch das war nicht sonderlich schlau von ihm, aber hey, wer war ich, um über so eine Sache zu urteilen?
Wir einigten uns nach einer langen Diskussion mit ihm darauf, dass er mit seinen Eltern über dieses Druck reden sollte. Außerdem würden wir uns um eine Therapie kümmern, bevor er noch tiefer in den Schlamassel geriet.
Als nächstes war ich an der Reihe - und natürlich war ich ebenso nicht intelligent gewesen mit meiner Aktion wie die anderen beiden.
Natürlich waren sie geschockt und wütend zu gleich - warum ich das denn nicht früher erzählt hätte, dass sie Tyran windelweich prügeln wollten und so weiter und so weiter.
Nur kam ich dann mit dem Argument, dass sie mir von ihren Problemen ja auch gleich hätten erzählen können.
Ich schätze, das war uns allen eine Lehre.
Ich denke, dass wir nie wieder so lange voreinander etwas verschweigen wollten, denn nun hatten wir gemerkt, dass der Schlüssel für unsere Freundschaft auf alle Fälle Reden war.
Und nun zu einer etwas amüsanteren Überleitung.
Es dauerte ganze drei Tage, da hockten wir dort, wo wir bisher nicht nur einmal gehockt hatten.
Mr Denver funkelte uns über den Rand seiner Kaffeetasse hinweg düster an. "Ich schätze, dieses Mal sind wir beim zehnmaligen Jubiläum angekommen?"
Daniel machte den Mund auf, doch ich trat ihm gegen das Schienbein. Er schaute böse zu mir, während Reece fast an seinem Lachen erstickte.
Betont freundlich lächelte ich den Polizisten an. "Mr Denver, das ist alles nur ein Missverständnis. Sie wissen doch. Der Sport ist heutzutage für die Jugend wichtig und es gibt verschiedene Sportarten. Es lässt sich nicht jeder in Trainingsräume oder sowas einsperren. Die frische Luft reizt, das Adrenalin feuert an und dabei vergisst man schonmal schnell, wo und in welchem Bereich man gerade unterwegs ist."
Mr Denver presste seine Lippen fest aufeinander und stellte klackernd die Kaffeetasse auf dem zerkratzten Holztisch ab. "Und jetzt wollt ihr wieder ohne Strafe davonkommen? Ich dachte, ihr seid in den letzten Wochen ausnahmsweise zur Vernunft gekommen. Offenbar ja nicht."
"Wir haben uns nur eine kleine Auszeit gegönnt", antwortete Daniel, ohne dass ich ihn zurückhalten konnte, und setzte ein extra unschuldig wirkendes Grinsen auf.
Der Polizist öffnete den Mund, nur war Reece schneller als er.
"Außerdem meinten sie doch beim letzten Mal, dass wir fünf Striche voll haben müssen, bevor sie uns für eine Nacht in den Jugendknast bringen würden. Das heißt, wir haben noch etwas Kapazität - nicht?", auch er lächelte ihn nun scheinheilig von der Seite an.
Ich brummelte nur etwas Unverständliches in mich hinein und hoffte, Mr Denver würde uns nicht gleich allen den Kopf abreißen.
So wirkte er nämlich gerade.
Wie eine schnaubende Bulldogge.
Mit der Faust haute er auf den Tisch. "Eines Tages hab ich euch dran und dann ist es vorbei mit läppischen Ausreden. Geht mir aus den Augen!", keifte er und deutete mit ausgestreckter Hand auf die Tür.
Zügig erhoben wir uns mit einem Wiedersehen von den Stühlen und hechteten in die Eingangshalle.
Dort sahen wir uns alle an und brachen in schallendes Gelächter aus.
"Ich sehe, es hat sich kein Bisschen etwas verändert", stellte Daniel zufrieden fest und rieb sich die Hände. "Es ist alles beim Alten geblieben. Sehr schön."
"Und da ja alles beim Alten geblieben ist, habt ihr bestimmt auch nichts dagegen, wenn ich der Kaffeemaschine einen Besuch abstatte - oder?" Reece wartete unsere Antwort erst gar nicht ab, sondern marschierte schon mit einem megawatt Lächeln auf den Automaten zu, als würde dort keine Kaffeemaschine, sondern ein polierter neuer Sportwagen auf ihn warten.
Daniel lehnte sich zu mir herüber. "Und schon wieder ist er so merkwürdig gruselig."
Wieder mal beobachtete ich mit hochgezogenen Augenbrauen, wie Reece freudestrahlend vor dem Automaten auf und ab hüpfte. "Ja, aber lass ihn seinen Spaß", predigte ich den gewohnten Satz.
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