43

Shelby

Dieser Blick brannte sich wie glühendes Eisen in mein Herz und ließ mich unkontrolliert vor ihm zurückzucken.

Geschockt tastete ich nach der Lehne von dem Sessel hinter mir, um an irgendetwas Halt zu finden. Denn ich war mir sicher, bei ihm fand ich den nicht.

Und wahrscheinlich auch nie, schoss es mir in diesem Moment durch den Kopf.

Aber wie kann das sein?

Verletzt sah ich wieder zu ihm hoch, doch sein Blick hatte sich kein Bisschen verändert. Kein einziges Bisschen. Er schien nur noch intensiver geworden zu sein.

Verzweifelt rang ich nach Atem und versuchte mein wild schlagendes Herz unter Kontrolle zu bekommen, doch nichts bekam ich in Griff.

Und schon gar nicht diese komische Situation, in der ich mich mit einem Mal befand.

"Tyran", wisperte ich, meine Stimme hörte sich mehr als nur brüchig an. "Was hast du denn? Ist was-"

"Die Abmachung ist passiert, nicht mehr und nicht weniger", antwortete er mir, seine tiefe Stimme kam mir noch nie so fremd vor wie in diesem Moment.

Ich hob fragend meine Augenbrauen an. "Welche Abmachung? Was meinst du..." Ich wurde zum Ende des Satzes immer leiser, weil mir langsam in den Sinn kam, was er damit gemeint haben könnte.

"Tyran."

Wie auf Kommando blieb er stehen und versteifte sich kaum merklich.

Ich holte noch einmal  tief Luft, bevor ich das nächste aussprach. "Ich würde alles machen,  wenn ich sie da aus der Sache herausziehen kann."

Er drehte sich    überrascht zu mir, um mich dann interessiert zu  mustern. Es verging  wieder so viel Zeit, in der er nichts sagte. Gerade als  ich dachte, er  würde sich wieder von mir wegdrehen und losgehen wie  eben gerade,  setzte er zum Sprechen an. "Wirklich   alles?", fragte er  in dieser  weichen melodischen Stimme, die bei mir   augenblicklich die  nächste  Gänsehaut verursachte.

Ich nickte mit einem verbissenen Gesichtsausdruck und steckte meine Hände in die ausgebeulten Taschen meiner Jacke. "Alles."

"Versprichst du es mir?"

"Ja", sagte ich sofort und sah ihm fest in die hellen Augen, die mich abschätzend betrachteten.

Wieder sah er mich lange    an, als würde er noch auf einen Rückzieher  warten. Nur blieb ich   standhaft. "Gut, dann haben wir  jetzt einen  Deal." Ein Schmunzeln   bahnte sich plötzlich auf seine verführerischen   Lippen an, als er mir  seine Hand  hinhielt.

Unsicher zögerte ich einen Moment, doch dann ergriff ich sie.

In dem Moment, als er    mir dabei tief in die Augen schaute, wusste  ich instinktiv, dass ich    einen gewaltigen Fehler gemacht hatte.

Jetzt  war ich nichtmal  mehr in dem Netz unter dem Fischerboot. Jetzt lag ich  auf dem Holzbrett  und er schwang das Frittiermesser über meinem Kopf.

"Shelby Daffodil", sein    Blick glitt an mir herunter und wieder  hoch. "Du hast nicht die    geringste Ahnung, auf was du dich hier mit  mir eingelassen hast."

"Nein", murmelte ich leise zu mir, meine Hand rutschte von der Lehne des Sessels ab. "Nein... das kannst du unmöglich meinen..."

Oh doch, genau das meinte er.

Das sagten mir diese arrogant funkelnden Augen, die auf mich herabblickten, als würden sie ihren Triumph mit vollster Genugtuung genießen.

Hatte er etwa, um meine Schwester zu verschonen, mich dafür mit seinen ... Psychospielchen ausgenutzt?

Auf einem anderen Weg und trotzdem daran zu kommen, was er bei meiner Schwester ebenfalls erzielt hätte?

Dem Ziel der Demütigung?

"Du wolltest deine Schwester aus der Sache herausziehen und du meintest auch, du machst alles, was ich möchte", fing er nun mit seiner Erklärung an und ich konnte vor Abscheu vor diesem Menschen und vor Abscheu vor mir selbst, weil ich so naiv gewesen bin, ihn einfach nicht anschauen. Ich spürte lediglich die heißen Tränen, die sich einen Weg über meine kalten Wangen bahnten.

Wie dumm war ich.

Wie dumm von mir mit jemanden wie ihm sowas zu machen, was am Ende nur mich verletzen könnte.

Ich registrierte, wie er näher an mich herantrat und automatisch wich ich zurück. Dabei stolperte ich und wäre fast über meine eigenen Füße gestolpert, wäre seine Hand nicht nach vorn geschossen und hätte mich an meinem Arm festgehalten.

Doch sogleich entriss ich mich wieder seinem Griff. "Fass mich nicht an!", fauchte ich ihn an und schaute nun doch zu ihm.

Was ist er nur für ein Monster.

Seine Augen blitzten in dem Mondlicht wie flüssiges Gold auf.

Was ist er nur für ein schönes Monster.

Ich konnte an seinem Äußeren nichts Hässliches und Abstoßendes finden. Nur sein Charakter, der war abgrundtief hässlich.

Er legte den Kopf schief, sodass ihm eine seiner Haarsträhnen in das Gesicht rutschte. Noch vor wenigen Minuten hätte ich sie zurückgestrichen und er hätte mich dabei liebevoll angelächelt.

Hätte.

"Ich verstehe deine Wut - aber irgendwie auch wieder nicht, Shelby." Er schob seine Hände zurück in die Hosentaschen. "Ich habe dir doch gesagt, du hast keinen Schimmer, auf was du dich da in diesem Moment eingelassen hast. Ich habe es dir gesagt."

"Shelby Daffodil", sein    Blick glitt an mir herunter und wieder  hoch. "Du hast nicht die    geringste Ahnung, auf was du dich hier mit  mir eingelassen hast."

Du hast nicht die geringste Ahnung, auf was du dich hier mit mir eingelassen hast.

Ich weiß, hätte ich am liebsten geschrien. Ich weiß doch, dass du das gesagt hast - ich hatte es nur nicht so ernst genommen.

Ich hätte es mal ernst nehmen sollen.

Hätte.

Schon wieder hätte.

Meine Ohren begannen zu fiepen, meine Hände verkrampften sich.

"Als ich dich das erste Mal sah, da wusste ich, dass ich dich will. Um jeden Preis." Er wagte sich wieder zu mir hervor, doch jetzt war ich zu schwach auch nur einen Versuch zu starten, um vor ihm zurückzuzucken. Seine Finger spielten mit meinen Haarsträhnen, die mir ins Gesicht gefallen waren, um sie dann hinter mein Ohr zu klemmen.

Als seine Fingerkuppe auf meine Haut traf spürte ich nichts als schaurige Leere in mir. Ich fühlte mich komplett taub und diese Taubheit schien sich über meinen ganzen Körper auszubreiten.

"Ich wusste zwar erst nicht genau, was ich von dir wollte - aber das war mir erstmal egal. Am Anfang ließ ich das alles ohne irgendwelche Hintergrundgedanken angehen - ließ mich einfach von meiner Faszination von dir packen." Er machte eine Pause, trat dann einen Schritt zurück und setzte sich auf die Couch. "Doch dann war da die Sache mit deiner Schwester. Und dazu dein Angebot, alles zu machen, was ich möchte... niemals hättest du mir das anbieten sollen."

Meine Sicht verschwamm weiterhin.

Auch wie ich ihn so vor mir ansah, wie er dort saß. Die aufmerksamen Augen mit diesem komplett neuen fremden Ausdruck auf mich gerichtet. Seine Körperhaltung entspannt, seine Atemzüge weiterhin ruhig.

Als würde ihn das hier alles komplett gar nicht anheben.

Ich fühlte mich lächerlich neben ihm, so aufgelöst und verletzt zu wirken.

Aber ich konnte nichts dagegen machen. Ich wollte ihn auch nicht dazu auffordern, dass er mit dem Sprechen aufhören sollte.

Ich wollte ihm zuhören, ich wollte wissen, was ihn dazu bewegt hatte.

Und doch rammte es das Messer nur tiefer in mein naives Herz.

"Oft und lange hatte ich darüber nachgedacht, was ich machen sollte. In manchen Momenten versuchte ich mir vorzustellen diese ganze Abmachung zu vergessen und sich alles so entwickeln zu lassen, wie es kommt. Doch in anderen Momenten, die viel zahlreicher vorkamen, da wurde mir bewusst, dass ich das gar nicht möchte. Denn ich lebe nur für Momente - und für nichts anderes. Was anderes will ich auch gar nicht."

Seine ganzen Worte - irgendwie konnte ich sie verarbeiten, aber irgendwie auch wieder nicht. Mir war diese Wendung und das alles einfach zu schnell.

Ich kam da einfach gar nicht mehr hinterher.

"Gebettelt habe ich darum, dass du dich mir endlich hingibst", fuhr er weiter fort und betrachetete dabei nachdenklich seine Hände, die er immer wieder langsam verflochte und entflochte. "Und nachdem du es getan hast, da ist mir bewusst geworden, dass ich mich für dich niemals fallen lassen würde. Ich kann mich nicht fallen lassen und ich will es auch nicht. Deswegen wollte ich auch nicht mehr weiter gehen - mit dir weiter gehen", jetzt schaute er zu mir auf und endlich sah ich etwas, dass wie Schuld in der hintersten Ecke aufflackerte.

Aber auch nur so kurz und so hell wie eine brennende Kerze im stürmischen Wind.

Kaum sichtbar, dennoch kurz vorhanden.

Allerdings zählte das jetzt auch nicht mehr für mich.

"Und was war... was war jetzt eigentlich überhaupt am Ende dein Ziel?", hakte ich nach, dabei klang ich diesmal erstaunlich selbstbewusst, auch wenn meine Wangen weiterhin brannten.

Er hob einen Mundwinkel an. Es war ein eher trauriges Lächeln. "Das, was ich immer verfolge. Die Kontrolle über Menschen. Die Kontrolle über dich und in diesem Fall über deine Empfindungen."

Stille legte sich wieder über den Raum.

Er war fertig und hatte alles gesagt, was er zu sagen hatte.

Doch auch ich hatte nichts mehr zu sagen. Es wäre verschwendete Zeit, sie darin zu investieren. Ich hätte sie niemals investieren sollen.

Tief einatmend straffte ich meine Schultern und richtete mich wieder zu meiner vollen Größe auf.

Es war an der Zeit, meinen letzten Stolz zusammenzukratzen. So mickrig er auch nur noch war. Aber ich würde ihm nicht noch die letzte Macht über mich geben und vor ihm zerbrechen.

Niemals.

Also nickte ich nur und sammelte schweigend unter seinem undeutbaren Blick meine Sachen ein. Zog sein Shirt, das er mir vorhin noch gegeben hatte, aus und schmiss es zusammengeknäult in seine Richtung.

Kommentarlos fing er es auf.

Als ich ich mich angezogen hatte, steckte ich nur noch mein Handy ein und ging zur Tür. Als ich meine Hand auf den Türgriff legte, überlegte ich mich nochmal zu ihm umzudrehen. Und weil ich nicht noch kleiner vor ihm stehen wollte, als ich es ohnehin schon vorhin getan hatte, wandte ich mich ihm nochmal zu.

Er ist wohl aufgestanden, denn jetzt stand er nur noch wenige Meter von mir entfernt. Die Augen ruhten nach wie vor auf mir.

Goldene Augen, mit denen ich zeitweise so viel verbunden hatte.

Jetzt nicht mehr.

Ich drehte mich weg, öffnete die Tür - und verschloss sie zusammen mit meiner Vergangenheit. Mit all meinen Fehlern.

Denn jetzt wusste ich, was ich wirklich zutun hatte.

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