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Shelby

Kapuzentyp zuckte  abgebrüht mit seinen Schultern. "Das wird schon wieder. Lass sie  erstmal. Jetzt ist hier wieder freie Bahn. Und sollte sie von den XT's  aufgegabelt werden, dann droht ihr keine Gefahr. Du hast doch gemeint,  dass sie gut mit Tyran kann."

"Viel zu gut, Reik. Sie kann viel zu gut mit ihm. Der benutzt sie doch nur für seine Psychospielchen."

"Lass das mal ihre Sorge sein. Irgendwann findet sie es schon heraus. Kommst du nun zu den anderen?"

Reece schüttelte den  Kopf. "Nee. Ich warte am Auto auf Shelby. Vielleicht kommt sie wieder  und ich kann den Schlamassel halbwegs klären."

"Sei dir nicht zu sicher."

Dann entfernten sich die Schritte und ich stieß langsam meinen angehaltenen Atem aus.

Was war hier nur gerade passiert?

Ein paaar Minuten lang rührte ich mich mal wieder nicht von der Stelle. Erst, als ich langsam wieder meine normale Atmung fand und sich mein Puls normalisiert hatte, ließ ich mich auf eine der vielen Kisten etwas abseits gestapelt nieder.

Fakt war auf jeden Fall, dass ich von nichts und alles einen Plan hatte.

Ich wusste nicht, ob ich jetzt zurück zu Reece gehen und vorspielen sollte, es wäre alles okay zwischen uns - denn das war es ja offentsichtlich nicht.

Erstens, weil er mir anscheinend irgendetwas, ziemlich dringendes sagen wollte. Zweitens, weil er mich als unwissendes Persönchen in eine Sache gezogen hatte, die alles andere als harmlos gewesen ist. Und drittens...

Drittens war er verdammt nochmal in einer Gang und ich hatte bisher keinen Schimmer gehabt, dass er sich gemeinsam mit ihnen gegen die XT's stellt - die XT's, die andere Bande.

Und laut dem anderen unbekannten Typen hatte sich nun Luisons Verdacht bestätigt, dass Tyran bei denen irgendwie dazwischen hängt - was widerum ein genauso unansehnlicher Fakt war.

Mein Kopf brummte jetzt schon überfordert vor sich hin, meine Gedanken drehten sich unkontrolliert und ich hatte das Gefühl an diesen ganzen neuen Erkenntnissen, an dem neu gewonnenen Wissen und den Vorfall von gerade eben zu ersticken.

Langsam strich ich mir mit meiner Hand über meine Kehle, in der Hoffnung, dieser unangenehme Druck würde sich endlich lockern.

Das Geräusch eines Donnergrollen ließ mich leicht zusammenzucken. Knapp dahinter folgte auch schon wieder das Prasseln des Regens. Das Wasser glitt an den Metallwänden herunter und bildete vereint auf den Boden kleine Pfützen zu meinen Füßen.

Jetzt doch etwas fröstelnd zog ich mich weiter in meine Ecke zurück und hoffte, dass mich die läppisch nebeneinandergelegten Holbretter über meinem Kopf etwas vor Nässe schützen würden.

So saß ich da nun und kam einfach nicht zu einer Entscheidung - wie auch. Ich war völlig verwirrt und als mir bewusst wurde, dass ich kein Geld dabei hatte - so ziemlich nichts außer mich selbst - sah ich mich schon den weiten Weg vom Industriehafen in diesem miesen Wetter nach Hause laufen.

Denn irgendwie wollte ich doch nicht mehr so gerne schauspielern, nur um am Ende von Reece mitgenommen zu werden - wenn er überhaupt noch auf dem Parkplatz stand und auf mich wartete.

Holz knackte über mir und instinktiv drückte ich mich mit meinem Rücken mehr an die metallische Wand hinter mir.

Jemand lief langsam und bedächtig auf den Holzbrettern über meinem Kopf zum anderen Container herüber - und ich betete, dass es nicht Reece sein würde und er nicht doch noch auf die Idee gekommen ist, um mich zu suchen.

Erneut hielt ich den Atem an, als die Person von den Brettern heruntertrat und augenscheinlich genau am Rand des anderen Containers stehen blieb, denn es entfernten sich keine Schritte.

Sekundenlang war nichts zu hören außer Regen und ein leises Donnergrollen in der Ferne - dann entschied sich die Person mit einem Ruck in den Spalt hinabzuspringen, in dem ich vorhin unwillentlich hinabgefallen bin.

Mit dem Rücken zu mir widmete sich der Unbekannte erst der einen dunklen Ecke, in die ich zuerst kriechen wollte.

Der Stoff seiner schwarzen dünnen Jacke glänzte feucht im Licht auf, dünne Rinnsale glitten von seiner Kapuze herunter, entlang seiner Jacke und tropften dann nacheinander auf den nassen Boden. Seine Jeans war schmutzig, übersät von Schmiere und Erde, und das schwarze Leder seiner Springerstiefel sah ebenso mitgenommen aus.

Die breiten Schultern bewegten sich, als der Unbekannte sich offentsichtlich etwas aus dem Gesicht strich.

Mit klopfendem Herzen beobachtete ich, wie sich der hochgewachsene Körper nun langsam in meine Richtung drehte.

Ich konnte nicht fliehen, schoss es mir durch den Kopf.

Jetzt saß ich in der Falle.

Bestimmt war das einer von Reece Leuten.

Bebend zog ich die Beine an meinen Körper, als könnte ich mich so mehr hinter all dem verstecken und hoffen, ich würde mit der mir umgebenden Dunkelheit in meiner kleinen Nische eins werden können.

"Shelby?"

Ich schaute ruckartig auf und konnte im ersten Moment gar nicht realisieren, wer da völlig durchnässt vor mir stand.

Tyran.

Seine goldenen Augen schimmerten kurz in dem Licht eines Blitzes, dann lagen sie wieder im Dunkeln.

"Tyran", murmelte ich, machte aber keine Anstalten mich in irgendeiner Art und Weise zu erheben. Stattdessen blickte ich ihn nur perplex weiter an. "Was machst du hier?"

"Die Frage ist wohl eher, was machst du hier?" Er kam näher zu mir heran und setzte sich dicht neben mir ebenfalls auf die Kiste, da es der Platz gar nicht anders zuließ in der Nische in irgendeiner Art und Weise zu stehen.

Automatisch holte ich tief Luft und atmete seinen wunderbaren Geruch, der jetzt schwach zu mir herüber schwebte, tief ein.

Schulterzuckend sah ich herunter auf meine Füße. "Um ehrlich zu sein, weiß ich das selbst nicht genau."

In meinem Kopf braute sich der nächste Sturm zusammen.

Wie viel und vorallem, was sollte ich Tyran erzählen?

Dass ich nun wusste, dass er bei diesen XT's ein Mitglied ist? Dass Reece anscheinend gerade in einem Anschlag gegen die XT's verwickelt war als geheimer Rückenmann im Hintergrund? Dass ich vor ihm geflohen bin? Dass ich Schüsse gehört hatte und dachte, es sei jemand verletzt?

Letzteres schien mir als am plausibelsten.

Wie von alleine sah ich herüber zu ihm und versuchte irgendwelche dunklene Flecken an seiner Kleidung auszumachen, die man nicht als Schmiere oder Dreck identifizieren konnte. Doch gücklicherweise schien er unverletzt. Langsam wanderten meine Augen hoch zu seinen, der sanfte Ausdruck in ihnen beruhigte mich sofort... was mir allerdings auch nicht so gefiel.

Er ist so ein unberechenbarer Mensch und ausgerechnet vor ihm empfand ich keine Angst, sondern das Gefühl beschützt zu werden? Sicher zu sein?

Im Gegenzug flüchtete ich vor einem anderen Menschen, den ich schon viel länger kannte und traute mich nun nicht, wieder zu ihm zurückzukehren?

Was war das bloß für ein dämlicher Mist?

Kopfschüttelnd wandte ich mich ab und entschied mich halbwegs offen die Karten auf den Tisch zu legen. "Ich bin mit Reece spazieren gewesen. Dann habe ich Schüsse gehört und dachte, es ist jemand verletzt... Reece wollte mich zurückhalten, doch ich bin trotzdem gegangen. Dann bin ich abgestürzt und sitze seit dem hier."

Eine lange Stille folgte, dann ertönte seine tiefe Stimme.

"Das ist gar nicht mal so sehr gelogen. Respekt."

Verwirrt drehte ich mein Gesicht zu Tyran und kniff misstrauisch die Augen zusammen. "Wie meinst du das denn jetzt?"

"Ich meine, dass du mehr gerannt als gegangen bist. Und dass dich dein lieber Freund Reece ganz schön im Stich gelassen hat - und dass du nun zahlreiche andere Sachen weißt, die mich miteinschließen. Aber vorallem, Shelby, zählt es, dass...", er lehnte sich weit zu mir herüber, sodass unsere Gesichter nur Millimeter voneinander entfernt waren. "... du nun hier sitzt, weil du Angst vor dem allen hast. Und ich kann es dir nichtmal verübeln."


Tyran hat wohl nur darauf gewartet sein Versteck/seinen Bepachtungsposten zu verlassen - wo auch immer das gewesen sein musste - um Shelby aufzuspüren. Hattet ihr das in der Form erwartet?

Danke wieder für eure lieben Kommentare und die zahlreichen Votes.

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