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Shelby

"Nein", diesmal klang er  ziemlich entschlossen, mein Kopf drehte sich ruckartig zu ihm zurück.  "Nein, schon gut." Er holte tief Luft. "Also schön, also schön." Wieder  fuhr er sich mit einer Hand durch die Haare, ehe mir mit einem Mal fest  in die Augen sah. "Ich-"

Genau in diesem Moment  wurde er von einem Geräusch, ziemlich nah bei uns, unterbrochen. Ein  Geräusch, das mir immer und immer wieder in den Ohren wiederhallte,  obwohl es schon längst verklungen ist.

Ein Schuss.

Und auf diesen Schuss folgten weitere, zu denen sich ohrenbetäubendes Gebrüll und Geschrei mischte.

Was passierte hier?

Geschockt hielt ich mich  automatisch an Reece fest, gleichzeitig wandte ich meinen Blick in die  Richtung, aus der die Geräusche zu uns drangen.

Es dauerte mehrere Sekunden, die ich brauchte, um wieder zu mir zu kommen und aus dieser unfassbaren ekligen Trance zu erwachen. Dann liefen meine Beine einfach von alleine los - doch ich kam nicht weit.

Eine Hand umfasste meinen rechten Oberarm und zog mich ruckartig zurück.

"Geh nicht", zischte Reece, gleichzeitig verstärkte sich sein Griff schmerzhaft.

"Mensch Reece, lass mich los. Du tust mir weh!", forderte ich aufgebracht und versuchte mich aus seinem eisernen Griff wie eine gefangene Schlange zu winden. Doch natürlich hatte er viel mehr Kraft als ich.

"Nein", lautete seine erneute Antwort.

Geschockt sah ich zu ihm hoch. "Nein? Sag mal, tickst du noch ganz richtig? Da könnten jetzt Menschen liegen, die verbluten. Und wenn ihnen niemand hilft, dann sterben sie! Und du willst sie dort einfach liegen lassen?!", meine Stimme gewann an Lautstärke, da ich es einfach nicht fassen konnte, wie kalt und distanziert er das hier abtat.

Noch eben war er ein Mensch gewesen, der sich wegen seinen Gedanken, Emotionen und Gefühlen nicht beherrschen konnte und nicht wusste, wo ihm der Kopf stehen sollte und nun stand er hier vor mir, diesen unnnahbaren Blick in den Augen pflegend, als würde ihm das einen Scheiss interessieren?

"Es ist zu gefährlich", meinte er zwischen zusammengepressten Zähnen und versuchte mich in die Richtung seines Autos zu dirigieren.

Allerdings sträubte ich mich bis auf das Letzte.

"Lass mich jetzt endlich los!", fauchte ich ihn wütend an. "Du würdest dir genauso wie ich wünschen, dass man dir in so einer Lage helfen würde!"

Er ging gar nicht weiter darauf ein, sondern schleppte mich schon mehr als dass er mich zog zum Wagen.

"Reece!", brüllte ich und trommelte mit meiner freien Hand auf seinen Brustkorb ein. "Ich sagte, du sollst mich jetzt endlich loslassen. Ich will dir nicht wehtun-"

"Und ich dir noch weniger", kam es sofort aus seinem Mund.

"Aber dann lass endlich los!"

Stur schüttelte er nur den Kopf. Mittlerweile hatte er es schon geschafft die Tür aufzureißen und nun stand er kurz davor, mich in das Auto zu schieben. Nur brannten meine Sicherungen jetzt völlig durch.

Irgendetwas war ich hier sehr sehr faul und irgendwie kam ich nicht darum, dass Reece sehr wohl etwas damit zutun hatte - wie auch immer er in der Sache involviert war.

Aber eigentlich war er ein Mensch, der anderen sofort zur Hilfe eilen würde. Und nun wollte er um jeden Preis verhindern, dass wir den anderen vielleicht Schwerverletzten, nur wenige Meter von uns entfernt, helfen?

Dieser Sache musste ich erst recht auf den Grund gehen.

Mit Schwung trat ich ihm auf den Fuß, wirbelte mich mit meinem kompletten Körpergewicht um meine eigene Achse, entriss ihm durch diese überraschende Aktion meinen Arm, zog mein Knie hoch und schon sackte er vor mir zusammen.

"SHELBY!", schrie er mir sauer hinterher, so sauer hatte ich ihn noch nie erlebt. Eine Gänsehaut bildete sich auf meiner Haut, als ich dann doch schon seine Schritte wieder hörte, während ich losprintete, was das Zeug hielt.

Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals vor meinem besten Freund wegrennen würde. Aber diese Unberechenbarkeit, die da in seinen Augen geflackert hatte, die hatte mir so eine unglaubliche Angst eingejagt, ich konnte gar nicht beschreiben, was für eine riesige Angst.

Jetzt war ich auf der einen Seite froh, dass ich sowas wie Parcours konnte - auf der anderen Seite war mein Verfolger nicht minder begabt.

Wie von der Tarantel gestochen sprang ich mit einem Bein gegen den Container, stieß mich ab, ergriff die Bretter der halbherzigen Holzabsperrung und sprang hinüber. Als nächstes wich ich Reifen aus, zog mich an der Leiter hoch, die an einem Container angebracht war und rannte über das Dach, um zum nächsten zu springen.

"SHELBY!"

Ich sah alles um mich herum nur noch verschwommen, der einzige Fokus lag auf das nächste Hindernis vor mir und wie ich es schnellstmöglich überwinden konnte.

Ich wollte nur noch weg von Reece und konnte mich nichtmal mehr darauf konzentrieren, warum ich mich ursprünglich von ihm losreißen wollte.

Ein weiterer kalter Schauer lief über meinen Rücken bei der Erinnerungen an diesen unnatürlich harten Griff. Nie hätte ich gedacht, dass er mich mal so unsanft und rücksichtlos anfassen würde.

Angst um meine Person haben - gut, das verstand ich.

Aber bei ihm wirkte es eher so, als würde er mich um jeden Preis zurückhalten wollen. Koste es, was es wollte.

Freundin oder keine Freundin.

In diesem Moment hatte er mich angeschaut, als wäre ich irgendein beliebiges Hindernis, dass er nun beseitigen musste -

Mein Fuß traf nicht die nächste Kante, sondern rutschte vom nassen Metall ab. "Scheisse", zischte ich, als ich mein Gleichgewicht verlor und in den Spalt zwischen zwei weiteren Containern haltlos fiel. Glücklicherweise fingen kaputte Reifen meinen Sturz ab, doch lange konnte ich mich mit meinem schmerzenden Hinterteil nicht auf ihnen aufhalten, sonst würde mich der nächstbeste sehen, der diese kleine Schlucht überbrücken würde.

Und Reece hatte garantiert gesehen, dass ich abgestürzt bin.

Hektisch versuchte ich mich aufzurichten und kroch fast auf allen vieren schweratmend in eine dunkle Ecke, in der ich den Spalt über mir noch im Blick haben konnte, aber mich die Dunkelheit zu verbergen wusste.

Etwas Nasses tropfte auf den Boden, weswegen ich reflexartig mit meinem Händen meinen Kopf abfühlte. So wie ich es erspürte, schien ich eine Platzwunde an der Stirn zu haben. Kein Wunder, dass mir so schummrig war.

"Fuck!"

Ruckartig zuckte ich bei Reece Stimme zusammen, der genau an der Kante zu stehen kam. Anscheinend hatte ich ihn doch mehr abgehängt, als ich gedacht hatte. Vielleicht hatte er also doch nicht gesehen, wo ich letztendlich hin bin.

"Fuck, Fuck, FUCK!", wütend strich er sich seine wirren Locken aus dem Gesicht.

Weitere Schritte hallten auf dem Metall und schon gesellte sich eine Person mit aufgesetzter Kapuze und mit dem Rücken zu mir gedreht zu Reece. "Wo ist sie?"

"Glaube mir, das würde ich nur allzu gerne selbst wissen", blaffte er den anderen an. Ich vermutete, dass dieser jemand ebenfalls männlich sein musste, da seine Stimme tief und rau war.

"Das wird Spencer nicht gefallen."

"Spencer soll in Zukunft seine Arbeit alleine machen, dann wird er merken, dass man nicht alles kontrollieren kann."

Der Typ mit Kapuze erhob seine Hände. "Wow, wow, wow. Fahr mal wieder herunter. Das klärt sich schon. Wichtig ist, dass sie nichts gesehen hat."

"Aber gehört - und das hat gereicht. Warum musstet ihr mich unbedingt als Rückendeckung auswählen? Hätte nicht jemand anderes herfahren können? So hätte ich mir das Drama mit ihr ersparen können."

"Jemand von diesen untalentierten neuen Mitgliedern, um bei so einer Aktion gegen die XT's zu bestehen? Bist du wahnsinnig?"

Ich verstand nur noch Bahnhof.

War Reece etwa tatsächlich in einer dieser rivalisierenden Gangs Mitglied und hatte uns davon nichtmal ein Fünkchen erzählt?

Und warum?

Er hatte nie viel von sowas gehalten und nun erfahre ich per Zufall, dass er auch noch ein geschätztes Mitglied ist und sich gegen die XT's stellt? Ja sag mal, sind die denn total lebensmüde?!

"Man scheisse, weißt du, was für eine Angst die vor mir hatte?"

Kapuzentyp zuckte abgebrüht mit seinen Schultern. "Das wird schon wieder. Lass sie erstmal. Jetzt ist hier wieder freie Bahn. Und sollte sie von den XT's aufgegabelt werden, dann droht ihr keine Gefahr. Du hast doch gemeint, dass sie gut mit Tyran kann."

"Viel zu gut, Reik. Sie kann viel zu gut mit ihm. Der benutzt sie doch nur für seine Psychospielchen."

"Lass das mal ihre Sorge sein. Irgendwann findet sie es schon heraus. Kommst du nun zu den anderen?"

Reece schüttelte den Kopf. "Nee. Ich warte am Auto auf Shelby. Vielleicht kommt sie wieder und ich kann den Schlamassel halbwegs klären."

"Sei dir nicht zu sicher."

Dann entfernten sich die Schritte und ich stieß langsam meinen angehaltenen Atem aus.

Was war hier nur gerade passiert?


So. Ich weiß, da war eine längere Pause zwischendurch. Hoffe trotzdem, ihr mochtet dieses Kapitel wieder.

Und was haltet ihr außerdem so von den Ereignissen? Viele von euch hatten ja vermutet, dass Reece in einer Gang ist und nun scheint das tatsächlich zu stimmen...

Denkt ihr, Shelby geht zu Reece zurück, um über diesen Weg mehr über sein verborgenes Leben zu erfahren oder macht sie etwas anderes....? Was würdet ihr an ihrer Stelle tun?

💖

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