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Shelby
Ich drehte meinen Schlüssel langsam im Schloss um, dann öffnete sich auch schon die Tür. Der Geruch nach Reece' typisches Parfum kam mir sofort entgegen und ich konnte nicht anders als leicht zu lächeln.
Jetzt fehlte nur noch Daniel und dann wären wir wieder komplett.
Ich schlüpfte aus meinen Schuhen, um dann den erheiterten Stimmen, die aus dem Wohnzimmer zu mir herüber drangen, zu folgen.
Wie erwartet fand ich dort meine Schwester, die es sich auf dem Sessel gemütlich gemacht hatte, und Reece, der wie ein Schluck Wasser auf der Couch vor sich hinlümmelte, vor. Sein Gesicht wurde von einem breiten Grinsen geziert, als er mich bermerkte.
Alles schön und gut - doch dieses Grinsen wirkte bei ihm irgendwie nicht echt, das war nicht das Grinsen, das ich kannte.
Irgendwie wirkte es... aufgesetzt.
Was auch immer, ich versuchte es erstmal zu übergehen, lächelte genauso gekünstelt zurück und ließ mich dann neben ihm auf dem weichen Stoff nieder. "Na? Alles klar bei euch?" Erst schaute ich meine Schwester an, dann meinen eigentlich besten Freund.
Während meine Schwester nickend wieder ihr versonnenes Lächeln zum Besten brachte und mit den Worten Ich muss für den Kunstwettbewerb weiterarbeiten verträumt dahintorkelnd verschwand, fiel dieses unechte Grinsen immer mehr aus Reece' Gesicht.
Aha.
Ich beschloss gar nicht weiter um den heißen Brei herumzureden, sondern lehnte mich nachhinten an, überschlug meine Beine und sah ihm dann abwartend entgegen. "Was ist nun los?"
Er richtete sich auf, fuhr sich nervös durch seine Haare - und stand dann plötzlich auf.
Was zur Hölle? So zerstreut kannte ich ihn ja gar nicht.
"Können wir spazieren gehen oder sowas? Vielleicht zum Hafen?", fragte er mich und wich somit meiner Frage absolut aus.
Über meinem Kopf schwebte jetzt nicht mal mehr nur ein Fragezeichen, sondern gleich vier Stück und es wurden von Sekunde zu Sekunde mehr. "Äh ja, klar", sagte ich nur, um mich dann ebenfalls zu erheben.
Immerhin, wenn er dann mal den Mund aufbekommen würde, dann würden wir halt zum Hafen gehen, warum auch immer der Park nicht als ruhiges Plätzchen ausreichte.
Aber Reece war ja schon immer etwas auf seine Art eigenartig.
Schweigend folgte er mir wie ein Schatten in den Flur und genauso schweigend zogen wir uns die Schuhe an. Die Stille in seinem Auto während der Fahrt konnte man in etwa mit der Stille in einer Kirche vergleichen.
Nichtmal das Radio dudelte vor sich hin.
Ich fand es mehr als nur merkwürdig, doch trotzdem kam mir kein Wort über die Lippen. Schließlich hielten wir in der hintersten Ecke auf dem Parkplatz in der Nähe des Hafens an und stiegen fast synchron gerädert aus.
Ich beobachtet argwöhnisch, wie er eine Zigarrette aus seiner Tasche zückte und sie sich wenig später anzündete. Das Licht der Parkplatzbeleuchtung um uns herum, das in der Dämmerung langsam an Stärke gewann, ließ seine Engelslocken fast schon weiß vor sich hinschimmern.
Geduldig lehnte ich mich gegen die Tür und wartete einfach nur darauf, dass er endlich mal ein Zeichen von sich geben würde.
Diese ruhige, blasse Version von ihm machte mir langsam Angst.
Schotter knirschte und mein Blick, den ich kurzerhand vor mir auf den Boden gerichtet hatte, fiel auf zwei Sportschuhe, die vor mir zum Stehen kamen.
Den Kopf in den Nacken gelegt, schaute ich zu Reece hoch, der gerade den nächsten Zug nahm. "Was ist nun?", fragte ich ihn und versuchte ihn so sanft wie nur möglich anzuschauen.
Vielleicht würde er ja dann mal was von sich geben.
Er wandte den Kopf ab und blies den Rauch aus. "So richtig weiß ich gar nicht, wie ich dir das sagen soll."
"Ach komm", ich stupste mit meinem Finger gegen seine Brust. "So schlimm wird es schon nicht sein. Was auch immer du begangen hast, ich werde dich deswegen nicht lynchen. Oder ist irgendetwas Schreckliches passiert?"
Stumm schüttelte er nur den Kopf. "Nein. Das ist es nicht." Das war die Antwort, danach nahm er gleich direkt den nächsten Zug.
Meine Güte, sollte ich ihm denn etwa jedes Wort aus seinem Körper herausprügeln oder was sollte das hier bitte?
Wollte er sich nicht mit mir treffen?
Ist ja nicht so, dass ich ihm hier dieses Treffen aufgezwungen hatte, er hatte freiwillig gefragt und nun machte er hier einen auf grübelnden Proffessor, der seine geniehaften Gedanken einfach nicht in Worte zu fassen weiß.
Es setzte wieder leichter Regen ein, der uns schon mehr oder weniger auf der Fahrt begleitet hatte und ich wollte gerade schon etwas genervt vorschlagen, dass, wenn jetzt nichts weiter von ihm kommt, wir lieber zurückfahren sollten.
Ich hatte keine Lust auf eine Erkältung oder anderes.
Allerdings beschloss Reece wohl genau in dem Moment seinen Mund aufzumachen.
"Ich weiß einfach nicht, wo ich anfangen soll... das kennst du doch auch, Shelby. Versteh mich bitte einfach", sagte er leise, dann schnipste er seine Zigarrette von sich, vergrub die Hände in den Hosentaschen und malte mit einer Fußspitze Halbkreise auf einer Sandstelle im Schotter.
Meine Augenbrauen zuckten ungewollt nach oben. "Ja klar. Ich weiß, was du meinst. Aber es wird nicht besser, wenn wir uns nur anschweigen, Reece."
Er stoppte mit seinem Fuß und setzte ihn wieder richtig ab, als ich ihn bei Namen nannte.
Ungewohnt unsicher linste er zu mir.
Was ist denn bitte mit ihm passiert?
Ungläubig über sein Verhalten kniff ich die Augen zusammen. "Reece, nun komm schon. So schlimm wird es wohl nicht sein, da bin ich mir ziemlich sicher." Ich stieß mich vom Auto ab und trat dichter an ihn heran. "Und wenn du es mir nicht erzählen willst, dann musst du das außerdem auch nicht. Wir können auch etwas anderes machen - aber dann vielleicht nicht unbedingt hier." Meine Augen wanderten über die Container und Kräne in der Ferne. Reece ist komischerweise nicht zum schönen Hafenbereich gefahren, sondern direkt zum Außenbereich des Industriehafens.
Warum auch immer.
"Nein", diesmal klang er ziemlich entschlossen, mein Kopf drehte sich ruckartig zu ihm zurück. "Nein, schon gut." Er holte tief Luft. "Also schön, also schön." Wieder fuhr er sich mit einer Hand durch die Haare, ehe mir mit einem Mal fest in die Augen sah. "Ich-"
Genau in diesem Moment wurde er von einem Geräusch, ziemlich nah bei uns, unterbrochen. Ein Geräusch, das mir immer und immer wieder in den Ohren wiederhallte, obwohl es schon längst verklungen ist.
Ein Schuss.
Und auf diesen Schuss folgten weitere, zu denen sich ohrenbetäubendes Gebrüll und Geschrei mischte.
Was passierte hier?
Geschockt hielt ich mich automatisch an Reece fest, gleichzeitig wandte ich meinen Blick in die Richtung, aus der die Geräusche zu uns drangen.
Ich weiß, mieser Cliffhanger. Ich weiß😢
Vermutungen hattet ihr schon zu Reece' merkwürdiges Verhalten angestellt. Irgendwelche neuen dabei?
Und was denkt ihr, warum wird dort geschossen?
💖
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