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Shelby
"Ich weiß, groß ist es nicht", sagte Tyran, als ich etwas länger im Türrahmen stehenblieb als nötig.
"Nein, nein. Es ist doch völlig okay." Ich versuchte mich aus meiner Trance zu lösen, um nun endgültig in die Wohnung hereinzulaufen und die Tür danach hinter mir leise zu schließen.
Schon vorher, als er die Tür aufgeschlossen hatte und sie langsam öffnete, konnte ich erahnen, dass alles hier nach ihm riechen würde. Ich kannte Luisons Appartements, schließlich hatte ich öfter mal in einen von ihnen übernachtet.
Normalerweise rochen sie ziemlich intensiv nach irgendwelchen Raumdüften oder sowas.
Doch das traf hier nicht zu.
Meine Augen wanderten von dem kleinen Flur, in dem wir uns noch befanden herüber zu dem Wohnzimmer, das sich uns sofort weitläufig öffnete. Eine Decke lag auf der grauen Couch, daneben eine Federtasche und mehrere Schreibblöcke.
Tyran ging weiter hinein, weswegen ich ihm folgte.
Nun kam auch rechts von mir die offene Küche mit den hellgrauen Fronten zum Vorschein. Obst türmte sich in einer Schüssel nahe dem Kühlschrank auf. Eine angefangene Wasserflasche neben einem Glas stand auf der Kücheninsel, die Küche und Wohnzimmer voneinander trennte. Die Tür links von uns war verschlossen, dahinter befand sich das Badezimmer. Und eine Tür weiter das Schlafzimmer, aber auch die war verschlossen.
Tyran zog sich seine Jeansjacke in einer fließenden Bewegung aus und legte sie über einen Stuhl, der an einem kleinem Schreibtisch neben der Couch stand. Dann drehte er sich zu mir um. "Aber ehrlich, so viel musst du da nicht machen. Das ist nur eine kleine Schnittverletzung."
"Klein ist gut", spöttelte ich. "Steht der Erste Hilfe Kasten im Bad?"
"Ich habe keinen Erste Hilfe Kasten."
Erstaunt flog mein Kopf wieder zurück zu ihm, da ich schon automatisch fast wieder auf den halben Weg zum Bad war. "Wie? Du hast keinen? Aber warum das denn?"
Er lächelte mich verschlagen an. "Ich brauche ihn nicht", meinte er mit so einer unfassbaren Selbstverständlichkeit, dass mir regelrecht die Kinnlade herunterklappte. "Ich kann sehr gut auf mich aufpassen."
Sieht man.
"Aber du kannst dir doch auch einfach mal in den Finger schneiden, dann brauchst du ein Pflaster", protestierte ich entsetzt.
Ehrlich, so verletzungsfrei konnte doch niemand unmöglich leben.
Vorallem gerade er.
"Auch sowas passiert mir normalerweise nicht." Seine Mundwinkel zuckten. "Außerdem sind generell gewalttätige Auseinandersetzungen nicht so mein Ding", erklärte er, dabei fuhr er sich mit einer Hand über den Nacken. "Das heute war auch für mich überraschend. Deswegen brauche ich sowas eben nicht."
Gewalttätige Auseinandersetzungen sind nicht so mein Ding.
Das kam jetzt unerwartet - und irgendwie auch wieder nicht. Dann verstand er sich wohl wirklich lieber auf sein Wissen über die Psyche.
Also doch kein Mörder?
Nachdenklich folgte ihm noch ein Stück weiter in die Wohnung herein.
Tyran ging herüber zu einem Schrank und nahm eine unbeschriftete Glasflasche heraus. Auf dem Schrank lag eine Packung Taschentücher. Zusammen mit denen und der Flasche bedeutete er mir zur Küche zu laufen.
Als ich neben ihm am Tresen bei seinen Barhockern zu stehen kam, schob er mir beides zu. "Hier, das ist Alkohol. Du kannst mit dem die Wunde etwas abtupfen, das müsste reichen."
Nachdem er sich hingesetzt hatte, machte ich mich augenblicklich unter seiner wachsamen Beobachtung an die Arbeit und ließ ein Taschentuch etwas mit der Flüssigkeit vollziehen. Dann schritt ich zu ihm heran und presste es ihm vorsichtig auf die Wange.
Dieser selbstbeherrschte Klotz zuckte kein Bisschen, dabei musste das doch mehr als nur wehtun.
Oder hatte er gelogen und war an diese Schmerzen doch schon gewöhnt?
Sanft tupfte ich trotzdem weiterhin den gezackten Strich ab und versuchte mich auch wirklich nur darauf zu konzentrieren und nicht auf seine Augen, die mich während meiner notdürftigen Behandlung wachsam verfolgten.
Es wäre untertrieben zu sagen, dass dieser Blick nicht wie Feuer auf meiner Haut brannte.
Du darfst nicht schwach werden.
Reiß dich zusammen.
Ich beförderte mich also mit höchster Anstrengung aus unserem intensiven Blickkontakt, ließ ein weiteres Taschentuch nochmal einweichen und tupfte den anderen Rest ab - bis sich plötzlich lange starke Finger um mein Handgelenk schlangen und mich von meinen Verarztungen abhielten.
Das Adrenalin, das mir nur nach einer Berührung durch den Körper schoss, war so unglaublich, dass ich vor Schock die Augen schloss.
Vielleicht machte ich das aber auch, um ihm nicht entgegenzuschauen.
"Tyran", sagte ich, doch meine Stimme... wie sollte ich es am besten sagen? Sie war nicht fest. Sie wackelte verdächtig.
Stille.
"Mhm", machte er und klang alleine dabei schon wieder so verspielt. Er entzog mir das Taschentuch ganz langsam. "Tut mir leid.... aber ich kann nicht anders..." Und seine Stimme... sie war rau. So unendlich rau und tief, ich konnte lange nach der üblichen Selbstbeherrschung suchen, die sonst in ihr mitschwang.
Eine Gänsehaut überzog meinen Körper. Meine Lider hoben sich an - und ich wünschte, ich hätte sie geschlossen gehalten. Denn als ich ihn in diesem Moment ansah, wie er dort vor mir auf dem Barhocker saß, den Kopf leicht zur Seite neigte, mich mit diesem Gold verrucht anfunkelte - genau da wusste ich schon, ich hatte verloren.
Ich sollte von ihm wegweichen und einfach gehen. Sagen, dass meine Arbeit getan ist, dass ich ihm ja nur helfen wollte.
Und wohin führte das?
"Ich habe dir gesagt, dass es eine sehr schlechte Idee ist, wenn du mit zu mir kommst. Und das auch noch freiwillig." Er ließ seine Finger an meinen schlaffen Arm hinuntergleiten und spielte auf einmal mit dem Saum meines Pullovers herum.
Ich hingegen blieb stumm. So stumm wie dir größte Idiotin auf der Welt, weil sie willentlich ihrem nicht so guten Schicksal in die Arme rannte.
Wortwörtlich.
Er nahm amüsiert seine Hand von mir weg, um wahrscheinlich ein bisschen Anstand zu wahren, lächelte mich dafür aber weiter verführerisch an - und verdammt. Ich dachte bisher, das würde immer lächerlich aussehen. Wie jemand mit einem Krampf im Gesicht, was weiß ich.
Bei Tyran jedoch trieb es mir die Röte in die Wangen und mir war so extrem heiß, da man seine Gedanken förmlich hören konnte.
Noch schien er darüber nachzudenken, was er nun machen sollte.
Artig wie es sich zu unserer Abmachung gehörte sitzen zu bleiben. Oder mich mit nur einer Handbewegung zu sich zu ziehen.
Letztendlich tat er nichts von beidem.
Tyran rutschte vom Barhocker lässig herunter und richtete sich vor mir zu seiner völligen Größe auf. Während er sich dicht zu mir stellen wollte, wich ich schwungvoll zurück und hatte im nächsten Moment demzufolge die Kante der Arbeitsplatte an meinem Körper zu kleben.
Seine Lippen verzogen sich zu einem zufriedenen Grinsen.
Er wusste, dass er gewonnen hatte.
Langsam, so als würde er mir extra demonstrieren wollen, dass ich nicht von ihm wegkommen würde, stützte er erst die rechte Hand hinter mir auf der Platte auf, bis dann auch die linke Hand folgte und ich somit vollständig zwischen der Küche und ihm gefangen war.
"Du hast recht."
Mit trockenem Mund sah ich zu ihm auf. "Mit was?", hakte ich verdattert nach, weil ich im Moment einfach nicht mehr denken konnte.
"Ich will nicht, dass du gehst. Und ja, es würde sich jedes Mal nichts daran ändern, wenn wir uns wieder sehen und jedes Mal auf Abstand gehen", er lehnte sich zu mir vor. Ich wusste nicht das wievielte Mal es war, dass sich unsere Lippen mal wieder so nah wie jetzt standen. "Am Ende würde es nur immer so ausgehen wie jetzt", spielte er auf die Situation an. "Und deswegen frage ich dich auch jetzt ein weiteres Mal, weil ich ausnahmsweise keine Lust mehr auf irgendwelche Spielchen habe und ich diese Situationen in Zukunft vermeiden will. Ich möchte Klarheit..." Seine rechte Hand löste sich von der Arbeitsplatte, im nächsten Augenblick spürte ich wie seine Finger mein Kinn anhoben. "Willst du das hier? Oder verleugnest du es immer noch?"
I am so sorry for this cliffhanger
Was sagt Shelby wohl? Und wie würdet ihr euch entscheiden?😏
💖
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