32

Shelby
Leise und langsam schloss ich die Tür hinter mir und kehrte somit Luisons Appartement den Rücken zu.
"Deswegen ist es wichtiger denn je, dass du dich von Tyran fernhältst. Shelby, bitte. Versprich mir das."
Noch immer spürte ich seinen festen Händedruck auf meinen Schulterblättern.
Unsicher sah ich ihn an und wusste nicht so recht, was ich sagen sollte.
"Versprich mir es bitte", flehte er mich erneut an. "Und wenn du es nicht versprechen kannst... dann versuche es wenigstens."
Und was habe ich gemacht?
Ich hatte schwach genickt, getrieben von seiner Eindringlichkeit und dem Druck, dem guten besten Freund zu besänftigen - nur hatte ich ihn somit angelogen. Denn in Wahrheit konnte ich mich von Tyran nicht fernhalten. Vielleicht jetzt, weil nichts passierte. Aber das schloss ja die Zukunft nicht aus.
Und sowas wollte ich erst recht niemanden versprechen.
Mag sein, dass er für und mit den XT's arbeitete - aber irgendwie konnte ich mir beim besten Willen nicht mehr vorstellen, dass er Menschen umbrachte. Auch wenn ich am Anfang davon überzeugt war, weil viele von solchen Sachen erzählt haben und er deswegen angeblich im Gefängnis saß.
Lieber wollte ich für mich herausfinden, dass er sowas nicht tat - oder doch tat.
Mein Handy gab erneut ein brummendes Geräusch von sich. Als ich nachschaute, sah ich eine neue Nachricht von Reece.
Reece: Keine Ahnung, lass spontan entscheiden. Passts, wenn ich in einer halben Stunde bei dir bin?
Oh.
Das würde zeitlich sehr knapp werden, theoretisch würden wir beide gleichzeitig bei mir Zuhause ankommen und dann konnte ich mich wieder von ihm ausfragen, wo ich war. Oder er würde gleich darauf kommen und ich konnte mir eine Standpauke darüber anhören, warum ich denn schon wieder alleine zu Luison gegangen bin.
Also nein, eigentlich passte es mir jetzt doch ganz und gar nicht.
Wenn wir jetzt nicht sowas wie ein Streit gehabt hätten, dann hätte ich ihm gesagt, dass ich noch etwas länger brauchen würde. Aber so musste ich mich wohl ausnahmsweise fügen.
Auf dem langen Weg den Flur hinunter, suchte ich Reece' Nummer heraus, um ihn anzurufen und gleich Bescheid zu sagen, dass es mir lieber wäre, wenn er erst in einer Stunde zu mir kam. Den Blick fest auf den Bildschirm gerichtet, lief ich um die letzte Ecke herum, die in Clubraum münden würde.
Doch gerade, als ich auf den grünen Hörer drücken wollte, rannte ich mit vollen Schwung in jemanden hinein. Mein Handy ließ ich vor Schreck über den Zusammenprall natürlich fallen.
Mit einem dumpfen Rumms landete es auf den Teppich unter mir, direkt vor zwei mir nur allzu bekannten Schuhen.
Geschockt schaute ich hoch und begegnete wie erwartet diesen goldenen geheimnisvollen Augen.
"Hallo Shelby."
Der weiche Klang seiner Stimme ging mir durch Mark und Bein.
Er sprach leise und bedacht. Seine Lider senkten sich etwas, generell sah sein Blick so dunkel aus, als wäre er vor etwas gewaltig auf der Hut.
Als wäre er es vor mir.
Ob er gelauscht hatte? Aber selbst wenn, dann hatte er nicht alles gehört, sonst stünde er nicht hier, sondern noch weiter im Flur, in der Nähe von Luisons Tür.
Das machte also keinen Sinn.
Genauso wie es keinen Sinn machte, dass mein Magen lauter Purzelbäume schlug und sich mein Herz kaum einkriegte.
Schnell beugte ich mich herunter, griff nach den Handy und ließ es in meine Jackentasche gleiten. Doch er war schnell genug, um den Namen auf dem Display lesen zu können. Er zog eine Augenbraue nach oben, sagte dazu jedoch nichts weiter.
Ich versuchte ihn so kühl wie nur möglich zu mustern. "Hallo Tyran."
"Was machst du hier? Ich dachte, letztes Mal hast du verstanden, dass ich dich hier nicht mehr haben möchte", konfrontierte er mich gleich direkt.
Es war wie ein Schlag ins Gesicht.
Und genauso zuckte ich auch zurück.
"Wieso bist du denn mit einem Mal so komisch?", schoss ich gleich zurück. Ich hoffte inständig, er sah nicht, wie verletzt ich war. "Und außerdem hast du mir gar nichts zu sagen. Der Club ist hier wie mein zweites Zuhause, das ich nicht einfach aus dem Weg gehen werde und schon gar nicht nur, weil du jetzt hier wohnst."
Er sagte nichts, sondern betrachtete mich von Kopf bis Fuß stillschweigend.
Plötzlich fiel mir dieser langezogene, gezackte rote Strich an seiner rechten Wange auf. Der Schnitt war frisch und das halb getrocknete Blut glänzte selbst hier in dem dämmrigen Licht.
Diese Verletzung musste bestialisch brennen.
In ihm kam wieder Leben, als er registrierte, was ich da anstarrte. Als hätte er die Wunde vorher schon komplett vergessen. Schnell drehte er den Kopf zur Seite, sodass ich nur die gesunde Seite seines Gesichts sehen konnte. "Geh. Bitte." Der Muskel an seinen Kiefer zuckte.
Da ich wusste, dass er auf eine Frage wie Was ist passiert nichts antworten würde, entschloss ich mich zu etwas anderem. Auch wenn seine Ansage von eben noch schmerzte, so konnte ich das nicht ignorieren.
Außerdem hätte er mich vorher nie einfach so weggeschickt, im Gegenteil.
Und das konnte nicht nur alles wegen der Sache von letztes Mal sein.
Nein, da musste noch mehr faul sein.
"Aber du bist verletzt", stellte ich fest und biss die Zähne aufeinander. "Warum lässt du dir da wenigstens nicht etwas helfen?"
"Weil ich es nicht will", gab er angespannt zurück. "Außerdem denke ich, dass du dringerendes machen musst. Dein Freund wartet bestimmt schon auf deinen Anruf."
Moment, spielte er jetzt gerade auf Reece an?
Ich schob meine zu Fäusten geballten Hände in die Jackentasche. "Was soll das denn jetzt heißen? Bist du etwa eifersüchtig?" Er wollte schon protestieren, doch ich ließ ihn gar nicht zu Wort kommen. "Und du gehörst auch zu meinen Freunden, jedenfalls dachte ich das, und du bist verletzt, also-"
Ich verstummte, als er sich weit zu mir vorlehnte. "Denkst du wirklich, man kann uns als Freunde bezeichnen?" Als er schluckte, lag meine Aufmerksamkeit kurz auf seinen Adamsapfel, bevor sie sich seinen Augen zuwandte. Stark verdunkelte Augen, die widerum meine Lippen fest im Blick hatten. "Freunde würden nicht die ganze Zeit darauf hoffen sich endlich wieder zu küssen oder... anderes zu machen."
Eine Gänsehaut breitete sich auf meiner Haut aus.
Ich hatte doch recht.
Er konnte sich noch weniger zurückhalten als ich und es war nur wieder eine Frage der Zeit, bis ich ihn wiedersehen würde.
Bis wir wieder in eine Situation wie diese kommen würden.
Und bis ich mein versprechen Luison gegenüber brach. Allerdings sehr viel früher, als ich es erwartet habe.
Oh man, wo soll das alles noch hinführen?
Ich stieß verächtlich die Luft aus. "Also soll ich wirklich wieder gehen, ja? Ist es das, was du willst? Das wäre nie der wahre Entzug - und überhaupt: Was ist beim nächsten Mal? Machen wir das jetzt immer so, bis wir uns irgendwann gar nicht mehr sehen? Das willst du?"
"Nein", stieß er aus und fuhr sich aufgebracht mit seinen Händen durch die Haare, die heute ebenfalls so gar nicht perfekt lagen. "Natürlich will ich das nicht, aber was bleibt mir denn anderes übrig, mhm?" Fast schon vorwurfsvoll guckte er mich dann an. "Du hast dich doch entschieden - gegen mich."
"Stopp!", langsam wurde ich wütend. "Du wolltest mich doch wegschicken."
Er kam dichter zu mir heran, beinahe konnte meine Brust über seinen mächtigen Oberkörper streifen. "Ja und warum? Hast du den Grund etwa vergessen? Ich habe ganz genau gemerkt, dass du nur nach einem Ausweg gesucht hast!", auch wenn seine Worte eindringlich formuliert waren, redete er mit gesenkter Stimme.
Ganz klar, niemand sollte hier von unserer Auseinandersetzung erfahren. Aber ich war gerade auch einfach zu faul, mit ihm ins Zimmer zu gehen und dort weiterzureden.
Ich wollte das jetzt klären.
"Würdest du dir etwa an meiner Stelle vertrauen? Es ist doch ganz klar, dass man misstrauisch ist!"
Er blieb ruhig, nur sein Brustkorb hob und senkte sich flach. Lange schauten mich seine Augen an, wollten gefühlt auf den tiefsten Grund meiner Seele schauen, statt mich einfach so auszufragen. Nein, er wollte alles in meinen Augen sehen.
Meine Gedanken lesen.
Wissen, was ich fühlte.
Nach der Lösung suchen.
Vorsichtig hob er aufeinmal eine Hand und strich mir ein paar Haarsträhnen zurück, dabei glitten seine Fingerspitzen hauchzart über meine Wange. "Nein", sagte er und wirkte nun eine Spur kontrollierter und gefasster als eben. "Nein, ich würde es an deiner Stelle auch nicht tun. Aber ich wünsche mir... ich wünsche mir, dass du es tun würdest."
Unsere Blicke verhakten sich fest ineinander. Die Zeit blieb stehen. Und nichts war gerade wichtiger für mich als er, auch wenn ich tief im Innern wusste, dass es falsch war.
So verdammt hirnrissig falsch.
Ich legte meine Hand über seine. "Lass mich dir jetzt helfen. Das wäre... zumindestens ein Anfang", zittrig lächelte ich ihn an, während ich abwartete, was er jetzt dazu meinen würde.
"Aber versteh mich doch, Shelby", lenkte er traurig lächelnd ein. "Es ist nicht leicht für mich in deiner Gegenwart. Und wenn du dann jetzt auch noch mit mir mitkommst..." Er holte tief Luft und wich meinen Augen aus. "Du weißt ganz genau, was dann passiert."
Ich biss mir auf die Lippe. "Nichts wird passieren, wirklich nicht. Ich helfe dir doch nur."
Er wirkte noch immer nicht ganz so davon überzeugt, doch zu meiner Überraschung nickte er kaum sichtbar. "Okay..."
Jaaa.... der gute Tyran warnt vor... auf welche Aussichten verspricht das wohl?
Und was vermutet ihr bei seiner neuen Schnittverletzung?
Ich hoffe, ich konnte euch mit der Wendung wieder etwas überraschen :)
Ach und wie gewohnt eine Frage an euch: Wie viele wissen, habe ich dieses Jahr die Schule abgeschlossen. Mein Hauptziel: Mediengestalterin oder etwas in diese Richtung zu werden. Ihr wisst gar nicht wie aufgeschmissen ich bin, weil ich keine Ahnung habe, was ich als Arbeitsproben einschicken soll. Mir machen Cover nunmal unendlich Spaß - aber würdet ihr an meiner Stelle zum Beispiel die Cover der Extreme Reihe einschicken? Ich bin da noch unsicher...
Dann ist da auch noch die Frage, ob ich meine Bücher an einen Verlag schicke. Bzw erstmal Dark Room, Tyran könnte erst folgen, wenn die Geschichte abgeschlossen ist. Ihr wisst nicht, was das für eine Überwindung ist😂🤫
Dann will ich mich noch für eure ganzen Kommentare und Votes bedanken, ich freue mich da riesig. Und so wie ich es sehe, steuern wir weiter vielversprechend auf die 500K Reads zu. Danke😍
Wir lesen uns hoffentlich bald wieder, bis danni
💖
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