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Shelby
Es vergingen ein paar Tage, in denen nicht wirklich irgendetwas passierte.
Von Tyran kam sowieso kein Lebenszeichen, wobei ich das nach seinen Abschiedsworten auch nicht wirklich erwartet hatte.
"Ich denke... wir sind hier für heute fertig. Du weißt ja glaube ich am besten, wo der Ausgang ist."
Zwar hatte er mir diesen distanzierten Blick gewidmet, doch ich hatte ich genau bemerkt, dass er sich in Wahrheit nur mit Mühe zurückhalten konnte.
Ich verstand es nicht.
Warum ist es für ihn so wichtig, dass wir uns unsere Anziehung eingestehen? Wieso können wir nicht einfach irgendeine seiner Optionen ausführen und darauf hoffen, dass vielleicht das eine oder andere diese Anziehung wieder verschwinden ließ?
Umso länger wir uns zurückhalten und voneinander fernhalten würden, umso mehr würde diese Anziehung auch wachsen und erst recht nicht weggehen.
Wie ein lächerliches Spiel, um zu schauen, wer länger durchhielt.
Wie auch immer das ausgehen mag und auch, obwohl ich weiß, dass es nur eine Frage der Zeit war bis jemand nachgab - ich würde und wollte es nicht sein.
Er konnte lange darauf warten, dass ich ihm nachgekrochen kam.
Trotzig verschränkte ich die Arme vor der Brust, während ich Luison bei seinen Bemühungen, mir in seinem verkaterten Zustand Orangensaft in das Glas zu kippen, schweigend zusah.
Außerdem wollte Tyran doch, dass ich den Teil meiner Abmachung einhielt. Und ich hatte mich entschieden. Ich würde so lange nichts machen, bis etwas von ihm kommt. Und wenn nie wieder etwas von ihm kommt, dann konnte ich es nicht ändern und musste es so hinnehmen.
Immerhin ging es meiner Schwester wieder gut.
Gestern hatte sie mir ganz begeistert erzählt, dass sie jetzt an einem Kunstwettbewerb teilnehmen wollte und ich denke, sie schaffte es da locker weit, wenn nicht sogar bis an die Spitze. Allerdings muss das nicht der einzige Grund sein, warum sie gerade so übermäßig gut gelaunt ist.
Ich wusste ja, dass meine Schwester immer sehr viel Wert auf Style und einem vernünftigen Aussehen legt. Doch seit einigen Tagen warf sie vor der Schule gefühlt dreißig Mal einen Blick in den Spiegel, bevor sie mit wehenden Haaren und einer Parfümwolke das Haus verließ.
Meine Vermutung?
Es ist ganz klar noch ein Typ hier im Spiel.
Doch ich machte mir darüber nicht allzu viele Sorgen wie die meisten anderen größeren Geschwister.
Sharret war da ein wenig vernünftiger als ich und wird sich schon den richtigen ausgesucht haben.
Ich war jetzt schon neugierig auf ihn.
Nachdem Luison die riesige Pfütze um und unter mein Glas weggewischt hatte, setzte er sich schließlich auch zu mir und lehnte sich erschöpft nachhinten. "Ich bin so unglaublich müde."
"Das sehe ich", kommentierte ich seinen lädierten Zustand mit hochgezogenen Augenbrauen und griff dann nach dem Glas, um einen kleinen Schluck davon zu trinken. "Ich dachte, du wärst wegen geschäftlichen Sachen unterwegs. Und nicht, um in anderen Clubs Party zu machen."
"Das war ja auch so nicht geplant", antwortete er, gleichzeitig massierte er sich mit den Fingerspitzen seine Schläfen.
Tja und ihn verstand ich auch nicht.
Er wollte unbedingt, dass ich am Freitag zu ihm komme, weil er mir irgendetwas wichtiges sagen möchte. Jetzt bin ich direkt nach der Schule hergefahren, nur, um ihn dann wie eine lebndige Mumie aus dem Bett zu klingeln.
Ehrlich. Als er mir die Tür aufgemacht hatte, dachte ich, ich sah nicht richtig.
Diese abstehende Haare, das zerknautschte Gesicht, die Schlitzaugen, das zerknitterte Shirt - wann habe ich ihn das letzte Mal so fertig gesehen?
Mein Handy brummte.
Seufzend griff ich danach und hätte es vor Überraschung fast fallen gelassen.
Reece: Hast du nachher Lust irgendetwas zu machen?
Das kam jetzt wirklich... unerwartet. Denn noch immer war ich für meine beiden Freunde noch da - aber irgendwie auch wieder nicht. Wie gesagt, es wurde das Nötigste abgehandelt. Vor ein paar Wochen hatten wir beinahe jeden Tag etwas zusammen gemacht.
Umso mehr freute es mich, dass Reece anscheinend versuchte, die Lage wieder zu kippen. Sturkopf Daniel dagegen ist nach der Schule seit neuesten wie verschollen.
Ich: Ja klar. Hast du schon eine Vorstellung?
Langsam legte ich das Handy zurück auf den Tisch - und begegnete mit einem Mal Luisons amüsiertes Lächeln, das bei diesem zerknitterten Gesicht eher wie eine Grimasse ausschaute.
"Was?", fragte ich irritiert.
Plötzlich wirkte er hellwach und lehnte sich auf seine Unterarmen gestützt über den Tisch weiter zu mir vor. "Du lächelst so komisch."
"Bei dir fange ich gar nicht erst an."
"Touche", er grinste breit. "Aber das ist jetzt egal. Wer hat dir denn da geschrieben, wenn ich das wissen darf?"
Ich zuckte mit den Schultern. "Klar, darfst du das wissen. Es war Reece."
"Und da freust du dich so, als hätte man dir gerade sonst was versprochen?", hakte er argwöhnisch und belustigt zu gleich nach.
Lachend verdrehte ich die Augen. "Nee, du verstehst das falsch. Daniel, Reece und ich verstehen uns doch schon seit einer Weile nicht mehr so gut. Es wird irgendwie immer nur das Nötigste besprochen und schon gehen wir wieder auseinander. Es ist einfach komisch. Hatte ich dir das nicht erzählt? Naja egal. Reece hatte mich gerade nach einem Treffen gefragt, einfach so aus dem Nichts. Als wäre nichts gewesen. Vielleicht renkt sich doch wieder alles ein."
Luison hörte sich meine Erklärung nachdenklich an und wirkte mit einem Mal ziemlich ernst. "Vielleicht will er dir aber auch etwas sagen und hat jetzt erst den Mut für ein Treffen gefasst."
"Was soll er mir denn sagen wollen?", fragte ich verwirrt.
Er zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung, man weiß nie. Aber vielleicht ja den Grund, warum sie sich beide so verhalten haben. Oder vielleicht auch nur seine eigenen Gründe und er weiß vielleicht auch nicht, was in Daniel vorgeht."
Das klang plausibel.
"Mhm", machte ich. "Mal schauen."
"Richtig, warte es einfach ab. Das wird sich schon klären." Er lehnte sich wieder zurück. "Und nun zu dem, warum ich dich herbestellt habe."
Jetzt beugte ich mich mehr zu ihm vor. "Da bin ich allerdings gespannt darauf, was du mir zu sagen hast. Ich habe schon die ganze Zeit überlegt und mir ist einfach nichts eingefallen. Also? Schieß los."
Er lächelte, aber es war keins, das seine Augen erreichte. "Leider muss ich ein ziemlich leidiges Thema ansprechen. Du weißt schon. Tyran."
Mein Herz zog sich bei seinem Namen zusammen.
Nach außen hin versuchte ich dennoch unbekümmert zu wirken. "Mhm?"
"Du weißt ja bestimmt, dass er in so einige kriminelle Machenschaften verwickelt ist. Bisher dachten wir jedoch, er ist so ziemlich sein eigener Herr."
"Und das ist er nicht?", verblüfft blickte ich ihn an.
"Nein", bestätigte mir Luison. "Ist er nicht. Ich habe schon seit einer Weile Nachforschungen angestellt, welche Gangs wir hier alles in Chicago haben, da manche vorgefallene Sachen einfach nicht so zusammengepasst haben. Auch bei Tyran waren manche Sachen garantiert nicht nur von ihm bewerkstelligt worden. Aber dazu später mehr. Jedenfalls kennen wir die meisten großen Gangs, da sie entweder in meinem Club aus- und eingehen oder ich mit ihnen Geschäfte mache. Oder im seltensten Fall sind sie so etwas wie Bekannte von anderen Gangs und daher kenne ich sie. Doch es hat sich erausgestellt, dass sich eine eher bedeckt und im Hintergrund gehalten hat."
Das wurde ja hier immer interessanter.
"Und welche ist es?"
Er schien wieder kurz darüber nachzudenken, wie er es am besten formulieren sollte. Bis er einfach seufzend mit der Sprache herausrückte. "Es gibt tatsächlich noch eine Gruppe, die sich bis jetzt ziemlich im Hintergrund gehalten hat. Daher wissen wir auch sehr wenig über sie, also haben wir auch keine Ahnung, wo sie ihr Hauptquartier haben, mit wem sie noch alles zusammenarbeiten und wie viele es überhaupt sind. Fakt ist, dass sie sich Extreme nennen, kurz XT."
Extreme.
Das konnte ja eine Anspielung auf alles sein.
Ich schluckte. "Und was weißt du noch?"
Lusion fuhr sich beiläufig durch das wirre Haar. "Naja. Du weißt ja, dass es seit einiger Zeit ziemlich unruhig bei uns ist und ich muss öfter mal den Club verlassen, um mich mit Leuten zu treffen."
Ich nickte, um ihm zu zeigen, dass mir das mehr als nur einmal aufgefallen ist.
"Das liegt daran, dass sich die anderen Gangs irgendwie immer weiter gegeneinander auflehnen. Als würde man sie regelrecht gegeneinander aufspielen wollen. Ich hege die Vermutung, dass XT was damit zutun hat. Es ist, als sollen diese Konflikte zwischen ihnen von irgendetwas ablenken."
Meine Augen weiteten sich etwas. Das hörte sich alles gar nicht gut an. "Und was hat Tyran jetzt damit zutun?"
Luison lehnte sich wieder zu mir vor, um in gesenkter Stimme fortzufahren. "Es ist schlimmer geworden, seit er wieder hier ist. Wir alle wissen, dass dieser Typ perfekt im Manipulieren und ein Experte in Psychospielchen ist. Doch warum sollte er immer nur aus Lust und Laune andere Leute zu irgendwelchen Sachen bringen? Wozu diese Gabe, wenn man sie nicht für etwas anderes noch nutzen kann?"
Meine Finger klammerten sich fester um das kühle Glas, als ich mir sein Gesagtes nochmal durch den Kopf gehen ließ.
Er hatte recht.
Tyran wäre durchaus im Stande viele Leute und vorallem gekonnt gegeneinander aufzuspielen. Aber trotzdem möchte ich meinen, dass er mir gleich bei unserem ersten Treffen gesagt hat, dass man zur Zusammenarbeit oder generell Vertrauen in Umgang mit anderen Menschen braucht und er deswegen lieber alleine ist.
Also entweder er hatte mich dort angelogen.
Oder er vertraute diesen Leuten auf seiner Seite mehr als allen anderen - und Luison bestätigte es, indem er mit seiner Erklärung fortsetzte.
"Unsere Vermutung ist, dass er auch zu den XT's gehört. Und zwar zu den sehr geschätzten Mitgliedern, denn mit ihm scheint wohl das verlorene Puzzleteil zurückgekehrt sein und sie fühlen sich stärker denn je." Er hielt inne und raufte sich die Haare. "Aber das ist längst noch nicht alles."
Sein aufgebrachter Gesichtsausdruck verschreckte mich von Sekunde zu Sekunde mehr. "Was denn noch?", fragte ich ihn leise.
Er ließ sich etwas mit seiner Antwort Zeit - doch als er sie mir lieferte, schlug sie ein wie ein Geschoss. "Vor zwei Tagen wurde Jed Baxter getötet, du kennst den auch. Der war mal hier und hatte dir einen Drink oder sowas ausgegeben. Der Anführer der Red Valleys. Natürlich könnte sein Umkommen auch ein tödlicher Unfall gewesen sein... Aber welcher Unfall sprüht mit Graffiti die Initialien in grüner Farbe von XT an die Wand? Und was für ein Zufall ist es bitte, dass Jed ausgerechnet an diesen Abend zum Hafen wollte, um seine Unmengen an geschmuggelten Drogen zu empfangen? Das Ende vom Lied ist, Jed ist tot. Und die Drogen sind weg - und die XT's werden plötzlich bedrohlich." Lusion beugte sich noch dichter zu mir vor, seine Hände umfassten fest meine Schulter. "Deswegen ist es wichtiger denn je, dass du dich von Tyran fernhältst. Shelby, bitte. Versprich mir das."
Sooo, da bin ich wieder.
Natürlich muss es auch ein wenig Drama im Umfeld und nicht nur zwischen Tyran und Shelby geben - aber ich hab noch ein paar Überraschungen in meinen Entwürfen. Nur mal schauen, ob ich es dann tatsächlich auch so umsetze :)
Was denkt ihr, gehört der gute Tyran zu den XT's? Was denkt ihr nun über ihn? Genauso wie vorher und wartet ihr lieber erstmal ab, was noch kommt?
Dann noch die hauptsächliche Frage: Wird sich die Hauptprotagonistin von ihrem Lover fernhalten? Ehrlich, würde mich mal interessieren, ob ihr Leser es manchmal besser findet, wenn sich die Hauptperson an den Rat ihrer Freunde hält. Die nächsten Kapitel habe ich schon so oder so geschrieben, aber das würde ich trotzdem gerne mal wissen. Denn ich hab mal überlegt - würde es dann nicht langweilig werden?
Wir lesen uns bald wieder (Ich schaffe es garantiert wieder früher).
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