30

Sharret
Ich wusste, ich starrte ihn wieder viel zu offentsichtlich an.
Aber alleine, wie er dort verschlossen auf der kleinen bröckeligen Mauer neben dem Geräteschuppe saß, sich immer wieder die wirren dunklen Strähnen aus dem Gesicht strich und nach jedem Zug an seiner Zigarrette den Kopf etwas in den Nacken legte - bei all diesen Sachen kam ich einfach nicht darum, den Blick von ihm abzuwenden und so zutun, als würde mich das alles nicht tangieren.
Noch immer war ich verwirrt von dem, was Melissa vermutete.
Ich will damit sagen, dass er vielleicht etwas an dir findet und auf dich stehen könnte.
Ich schüttelte darüber verständnislos den Kopf und trotzdem wanderten meine Augen zurück zu ihm.
Ihm war es auch völlig egal, dass er dort ganz alleine saß, während er nicht nur von mir immer mal wieder im Auge behalten wurde. Auch die anderen Schüler und Schülerinnen musterten ihn ab und zu bedächtig.
Manche eher misstrauisch.
Wieder andere abschätzig.
Einige von ihnen mit unverholener Bewunderung, da er trotz seine alleinigen Position so viel Selbstbewusstsein und Macht ausstrahlte, als würden noch fünf weitere neben ihm hocken und er würde dort nicht schweigsam alleine sitzen.
Zum guten Schluss gab es dann natürlich noch die verträumte Fraktion, zu der ich leider langsam dazugehörte. Die Fraktion, die sich von seinem verführerischen düsteren Anblick einfach nicht losreißen konnte.
"Geh doch zu ihm herüber."
Bei dem Klang von Melissas sanfter Stimme zuckte ich im ersten Moment zusammen, ehe ich mich mit einem protestierenden Gesichtsausdruck zu ihr wandte. "Bist du denn verrückt? Ganz sicher nicht."
Sie lächelte mich breit an, dabei wickelte sie einen Müsliriegel aus der Verpackung aus. "Und warum nicht?"
Verstand sie es denn nicht?
"Lissy", begann ich augenrollend. "Erstens mag er mich nicht besonders, das hat er mehr als nur einmal gezeigt. Zweitens wüsste ich nicht, worüber ich mich mit ihm unterhalten sollte. Und drittens würde er mich schon wegschicken, ehe ich überhaupt in seine Reichweite gelange. Diese Peinlichkeit vor den ganzen Leuten hier und erst recht vor ihm möchte ich mir ganz gerne ersparen."
Meine beste Freundin biss schmunzelnd in den Riegel, kaute und begann ohne jegliche Rücksicht weiter nachzuhaken. "Ja na und? Das alles kannst du nur herausfinden, indem du es versuchst."
"Vielleicht will ich es ja gar nicht erst versuchen." Bockig verschränkte ich die Arme vor meiner Brust.
Anstatt sich Melissa aber über mein Gehabe aufregt wie sie es sonst immer tat, wenn ich stur war, hielt sie plötzlich kurz vor dem nächsten Hereinbeißen in den Riegel inne. "Ich glaube... das musst du auch gar nicht."
Verwirrt zog ich die Augenbrauen nach oben. "Hä?"
Ihr Blick ging immer noch haarscharf an mir vorbei und gerade wollte ich mich umdrehen, als mich eine tiefe Stimme davon abhielt.
"Ist hier noch frei?"
Meine Augen weiteten sich, als ich Tyrans hochgewachsene Statur neben unserem vermoosten Holztisch bemerkte.
Zum Glück übernahm Melissa in dem Moment, weil ich wahrscheinlich kein einziges Wort herausbekommen hätte. Mein Herz klopfte mir bis zum Hals und ich hatte das Gefühl, es würde vor Aufregung jeden Moment zerspringen.
"Ja klar." Sie nahm ihre Tasche von der schmalen Bank und rutschte ein Stück zur Seite, sodass er sich neben ihr hinsetzen konnte, was er nach einem kurzen, fast unauffälligen Zögern auch tat.
Ich hingegen vermied es ihn anzusehen und bekam dafür aber mit, wie wir nun der Fokus des Schulhofes wurden, weil es irgendwie fast jeder verfolgt hatte, wie der arrogante Außenseiter sich zu uns gesetzt hatte.
Zu Leuten, mit denen er sonst nie etwas wirklich zutun hatte.
Zu mir, ein Mädchen, dass er offen und dreist belächelt und verspottet hatte.
Ich schluckte angestrengt.
Tyran hatte jedoch gleich die nächste Überraschung parat, indem er eine Liste aus seinem Rucksack zog und sie mir fast wortwörtlich unter die Nase schob.
"Ich glaube, das könnte dich interessieren."
Verblüfft starrte ich ihn erstmal wie eine komplette Vollidiotin an, da er zwar neben Melissa saß, aber mich wohl zu seinem Mittelpunkt Nummer eins ausgemacht hatte.
Es störte ihn wohl nicht sonderlich, dass ich nicht gleich reagierte. In aller Ruhe lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Der Geruch nach einem dezenten, angenehmen Aftershave kroch zu mir herüber und ließ mich überrascht im Innern fragen, warum er kein bisschen nach Rauch oder Zigarretten stank.
Immerhin hatte er bis gerade eben noch geraucht.
Melissa versuchte mir unauffällig zu zeigen, dass ich mich langsam mal der verdammten Liste zuwenden sollte.
Meine Wangen wurden heiß wegen meiner Starrerei und ich senkte nervös den Blick.
Der Zettel war nichts anderes als ein Werbeblatt für einen Kunstwettbewerb. Den Erst bis Drittplatzierten winkte ein ordentliches Preisgeld, sowie ein Stipendium für eine Kunstschule oder Kunstuniversität ihrer Wahl.
Verwundert blickte ich blinzelnd zu ihm hoch.
Tyran war tatsächlich schon wieder dabei, aufzustehen und seinen Rucksack lässig zu schultern. Als er meinen verdatterten Blick bemerkte, hielt er inne und stützte sich dann neben mir mit einer Hand auf der Tischplatte auf. "So überrascht? Ich dachte, das könnte dich interessieren. Wenn man Talent hat, dann sollte man es fördern."
Kein Lächeln, nichts, nichtmal ein freundlicher Gesichtsausdruck, als er uns zum Abschied zunickte und sich dann auf den Weg zum Eingang des Schulgebäudes machte.
Währendessen klebten meine Augen bis zum Schluss an seinem Rücken, ehe ich mich wieder dem Blatt zuwandte - um zum Schluss in Melissas amüsiertes Gesicht zu schauen.
"Siehst d-"
"Sag nichts", unterbrach ich sie atemlos, faltete das Blatt Papier mit hochroten Kopf und stopfte es in eine meiner Jackentaschen. "Das hat nichts zu bedeuten. Außerdem hängen meine Bilder fast in der ganzen Schule aus, jeder weiß, dass ich Kunst liebe."
"Aber nicht jeder kommt mit sowas an, weist dich direkt an und wedelt mit diesem Angebot vor deiner Nase herum."
Ich strafte sie mit einem weiteren bösen Blick, doch innerlich freute ich mich wie verrückt. Mein Herz konnte gar nicht aufhören einen Freudentanz aufzuführen, dabei war das alles doch höchst lächerlich. "Egal. Außerdem habe ich da eh keine Chance."
Jetzt war sie es, die mich empört anfunkelte. "Was sagst du? Na hör mal, wenn selbst dieser grobe Klotz, der sonst nie Emotionen oder auch nur die Mühe aufbringt, etwas einigermaßen nettes zu sagen, hier aufkreuzt und dich dann auch noch dazu ermutigt - das hat schon was zu heißen."
Den Rest der Pause und auch den ganzen Tag lang schaffte ich es nicht mehr dieses sonderbare Treffen auf dem Schulhof aus dem Kopf zu bekommen.
Diese Erinnerungen hatte sich bei mir festgetackert und ich bekam diese metallische Klammer einfach nicht mehr auf.
Ein etwas kürzeres Kapitel, aber die Sichtweisen von Sharret sollen ja eher mal ab und zu den Rand schmücken.
Was denkt ihr von Tyrans Aktion? Hat er vielleicht doch an beiden Schwestern Interesse oder steckt dahinter etwas völlig anderes?
Hier noch ein komplett anderes Update. Wie schon oft angekündigt, möchte ich eine Reihe erstellen, die man allerdings voneinander unabhängig lesen kann (Tyran, Viper, Hades). Viper würde ich dann nach dem Ende von Tyran anfangen, da ich selbst auch merke, mehr Interesse zu haben an diesem Buch zu schreiben. Hier ein kleiner Vorgeschmack auf alle:

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