29

Shelby

Den ganzen Weg über - er  drehte sich kein einziges Mal um, um zu schauen, dass ich ihm folgte -  glitten meine Augen unablässig über seinen breiten trainierten Rücken.  Bei den Gedanken an seine großen Hände, seine dunklen Augen... und an  seine in den Muskeln verborgene Kraft, wurden meine Knie immer und immer  weicher.

Vor einer Tür mit der Nummer 5 blieb er letztendlich stehen.

Automatisch hielt ich ebenfalls an, darauf bedacht, einen gewissen Abstand zwischen uns einzuhalten.

"Wie ich sehe... kommst du wirklich mit", sagte er in gesenkter Stimme zu mir.

Da sich mein Hals noch immer trocken anfühlte und ich dachte, dass meine Zunge so schwer wie Blei war, bekam ich nichts heraus.

Trotzdem - so ruhig wie ich von außen wirkte, so aufgewühlt und laut war es in meinem Inneren. Ein Plan musste her, denn es lag klar auf der Hand, dass ich nicht bei allen seinen Regeln mitspielen würde.

Plötzlich durchfloss mich eine innere Ruhe, bei der ich gar nicht wusste, woher sie aufeinmal kam. Wichtig war nur, dass sie da war.

Und mir ihr auch meine nächste Idee.

"Ja", antwortete ich schließlich und war stolz, dass meine Stimme genau diese Ruhe widerspiegelte.

Tyran drehte seinen Kopf und warf mir einen belustigten Blick zu. "Und du willst noch immer keinen Rückzieher machen?"

Verdammt, diese verdunkelten Augen sollten mich eigentlich dazu antreiben, so schnell wie möglich diesen Ort zu verlassen.

Doch was tat ich?

Ich stand noch immer vor ihm und versuchte meine sich aufbäumenden Gefühle mit einem überlegenen Lächeln zu kaschieren.

Erbärmlich und hoffnungslos verloren.

Langsam trat ich näher an ihn heran, um meine rechte Hand auf seine Schulter zu legen. Sofort versteifte er sich unter der leichten Berührung. "Tyran... Wenn ich mich einmal für etwas entschieden habe - dann bleibe ich auch dabei", flüsterte ich ihm zu.

Erneut wandte er seinen Kopf zu mir, seine Lippen waren so nah.

So unglaublich nah.

"Shelby", imitierte er meine Tonlage, seine Mundwinkel zuckten amüsiert. "Das ist sehr gut zu wissen. Ich frage mich allerdings nur..."

Aufeinmal drehte er sich blitzschnell zu mir um. Seine großen Hände umfassten meine zierlichen Handgelenke, drückten diese jeweils rechts und links zur Seite, um mich dann mit seinem steinharten Körper nachhinten gegen die Wand zu drücken.

Es passte kein Blatt Papier mehr zwischen uns und ich hatte jetzt schon das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen - dabei hatte er mich noch immer nicht geküsst.

Doch alleine seinen Körper der Länge nach an meinen zu spüren, in diese dunklen glitzernden Augen zu schauen, die noch so viel mehr versprachen, und sich nicht aus seinen festen Griff befreien zu können... das war einfach unbeschreiblich.

Und ich hatte es mal wieder nicht miteinbezogen, wie sehr ich ihm eigentlich doch wirklich verfallen bin.

Wem machte ich hier schon was vor.

Sein warmer Atem strich über meine Lippen, die er beinahe schon gierig anvisierte, eher er sich wieder auf meine Augen konzentrierte. "Ich frage mich allerdings nur", wiederholte er und es hörte sich an, als müsste er jedes einzelne Wort mühevoll herauspressen. "... wie gut wir beide die Sache überstehen werden."

Mein Atem ging ebenfalls nur stoßweise, doch ich schaffte es arrogant eine Augenbraue hochzuziehen. "Zweifel?"

"Unendlich viele", gestand er mir, sein überhebliches Lächeln schlich sich jedoch mal wieder auf sein Gesicht. "Aber keiner von ihnen hält mich davon ab, was ich eigentlich will", seine linke Hand löste sich von meienn Handgelenk und fuhr mit den Fingerspitzen hauchzart seitlich herunter bis zur meiner Hüfte.

Angestrengt biss ich mir auf die Lippe.

Meine Empfindungen spielten jetzt schon verrückt. Trotzdem durfte ich mein Vorhaben einfach nicht aus den Augen verlieren.

"Im Moment lässt du dich aber noch aufhalten...", ich wanderte mit meiner freien Hand zu seiner Brust und strich über den dünnen Stoff.

Schlagartig wurden seine Augen noch dunkler. "Du weißt genauso wie ich, dass es dann kein zurück geben wird."

Ja.

Das ist mir vollends bewusst.

"Ich weiß", murmelte ich, nun klebte mein Blick nur noch wie gefesselt an seinem himmlischen Mund. "Und ich denke, wir haben beide entschieden."

Er legte den Kopf etwas schief, sodass ihm einzelne dunkle Strähnen auf die Stirn fielen. "Das haben wir - aber ich glaube allmählich unterschiedlich."

Verwirrt riss ich mich von seinen Lippen los und schaute ihn von unten herauf an. "Wie... wie meinst du das?"

"Shelby, verkaufe mich nicht für blöd. Ich weiß ganz genau, dass du nicht dumm bist und dir schon überlegt hast, wie du aus dieser Sache hier am besten herauskommen könntest." Sein Gesicht rückte noch dichter an meins heran, die Spannung wurde zwischen uns von Sekunde zu Sekunde unerträglicher. "Mag sein, dass du jetzt mit mir mitgekommen bist. Und dass du dich nicht aus meinen Griff windest - aber in Wahrheit überlegst du schon die ganze Zeit, wie du mir entkommen kannst. Deine Selbstsicherheit gerade - sie existiert nur, weil du weißt, das heute nichts passieren wird - oder nicht kann. Du hättest die Sache nämlich schon vorher abgebrochen... habe ich Recht?"

Woher... woher wusste er das?

Mir wich die komplette Farbe aus dem Gesicht, denn genau das war es, was ich vorgehabt hatte. Ihn im süßen Rausch dann eiskalt sitzen zu lassen, weil das ein besserer Effekt war, als wenn ich vorhin schon unten bei diesem Angebot einfach losgegangen wäre.

Jetzt klaute er mir noch mein letztes Ass aus dem Ärmel.

Es war einfach nur bitter und erschreckend zugleich.

Wie konnte nur ein einziger Mensch die Gedankengänge eines anderen innerhalb von Sekunden und Minuten so unfassbar genau analysieren und dann auch noch richtig deuten?

Wie war das nur möglich?

Mir wurde immer mehr bewusst, wie sehr ich ihn jedes Mal unterschätzte.

Sein Lächeln wirkte zufrieden, weil er mich absolut ertappt hatte. Allerdings kam dieses Lächeln nicht bei seinen Augen an, die mit einem Mal wieder schrecklich klar waren.

Das wunderschöne strahlende Gold musterte mich kalt und distanziert.

"Das muss ich dir lassen - du kannst dich doch entscheiden. Nur bevorzugst du anscheinend die indirekte Variante. Die Ehrlichkeit grüßt dabei eher weniger." Sein Griff lockerte sich nun auch noch an meinen anderen Handgelenk, bis die Wärme dort auch komplett verschwand. Die Augen kurz fest verschlossen, als würde er um Selbstbeherrschung ringen, trat er einen Schritt von mir zurück.

Ich hingegen fühlte mich einfach nur unwohl, weil er mich so perfekt durchschaut hat. Es war kaum zum Aushalten.

"Kontrolle - das ist wohl eher dein Schlagwort, hm?" Wieder begegnete ich sienem durchdringenden Blick. "Vergiss das, was ich unten gesagt habe. Der eiskalte Entzug - alles. Manches... manches kann man einfach nicht kontrollieren. Nichtmal ich. Und auch nicht du. Niemand."

Mein Mund klappte immer wieder auf und zu, weil ich unbedingt etwas loswerden wollte. Doch wenn man nicht wusste, was man sagen sollte, dann war das ganze für die Katz.

"Wenn wir schon vorhin von Willen gesprochen haben", griff er nach einigen qualvollen Sekunden in die Situation ein, während er in einer der Taschen nach seiner Zigarrettenschachtel kramte. "Ich mach nur etwas, wenn du es auch willst." Bei diesem Satz sah er zu mir auf. "Und im Moment willst du es eindeutig nicht. Oder besser gesagt, du sträubst dich innerlich dagegen." Sein Blick wanderte ein letztes Mal an meinem Körper herunter und wieder herauf. "Ich denke... wir sind hier für heute fertig. Du weißt ja glaube ich am besten, wo der Ausgang ist."

Ich schnaubte erbost auf.

Dieses Arschloch.

Jetzt schlug er mich doch tatsächlich mit meinen eigenen Waffen und ich ließ es wie eine jämmerliche Idiotin zu.

Nein, nicht mit mir.

"Nicht nur für heute." Süßlich lächelte ich ihn an, bevor ich mit hoch erhobenen Kopf an ihm vorbeimarschierte. Ruckartig drehte ich mich aber nochmals zu ihm um und erwischte ihn perfekt, wie er mir nachgeschaut hat. "Und wenn du jetzt denkst, dass ich einfach so gehe - dann hast du dich bitter getäuscht. Ich bleibe im Club. Wenn einer gehen will", ich betonte das will diesmal ganz genau. "Dann du. Nicht ich."

Das waren meine letzten Worte und schon war ich wieder unterwegs, weg von ihm.


Ja. Verspätet, ich weiß. Das lag aber an etwas anderem... tut mir leid.

Jedenfalls... habt ihr denn damit gerechnet? Dass er sie wieder so genau durchschaut? Ich habe euch vorgewarnt, dieses Buch will ich ebenfalls immer mal wieder unerwartet ausschmücken. Ich hoffe, euch gefällt es.

Aber natürlich... wer auf das eine oder andere gewartet hat - ich kann euch versichern, das kommt noch... reichlich. Die Spannung ist hoffentlich zu spüren😏

💖

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top