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Shelby

Mittlerweile ist Mittwoch angebrochen und ich glaubte, dass meine Laune nicht noch tiefer sinken konnte.

Reece ignorierte mich fast kontinuierlich und sprach wenn dann nur das Nötigste mit mir, zum Beispiel ihm den Stift zu reichen, falls dieser zu weit auf meinen Platz gerollt war. Denn nach wie vor saßen wir in Kursen zusammen, nur war die Stimmung eben eine vollkommen andere.

Mein anderer bester Freund Daniel strafte mich in jedem kleinen, unbeobachtenden Moment mit vorwurfsvollen und beinahe verständnislosen Blicken.

Ich dachte, dass das Thema Tyran langsam mal abklingen würde, aber da konnte ich wohl augenscheinlich lange darauf warten.

Hinzu kam, dass meine Noten die grottenschlechteste Stufe von überhaupt an grottenschlecht möglich erreicht hatten. Zumindestens mit meiner Französisch Klassenarbeit, eine glatte fünf, und meinem Englischaufsatz, eine wunderschöne Vier minus.

Mich sollte man Musterschüler nennen.

Und wenn schon nicht in diesem Gebiet, dann darin, dass ich gerade das Aufmerksamkeitszentrum der gesamten Schule war. Jeder warf mir verstohlene Blicke zu und dieser eine Footballtyp, der mit seinen Anbaggermethoden immer noch nicht aufgegeben und dessen Name ich schon wieder vergessen hatte, hielt seinen Fokus auf mich nicht weniger zielgerichtet.

Er hatte vielleicht diese Absichten in Sachen mehr, aber was vielleicht die anderen Leute animierte mich ständig anzuschauen, war wahrscheinlich dieses eine ganz bestimmte Gerücht. Dieses Gerücht, bei dem sich jeder fragte, ob es stimmte.

Ob ich wirklich Tyran Argentos geheime Freundin war und mit ihm etwas am Laufen hatte.

Aus meiner Sichtweise war ich nicht seine kleine Freundin - schon gar nicht nach der Sache letztens im Park.

Ich wusste nichtmal im Geringsten, was wir überhaupt füreinander waren.

Anscheinend waren wir bei der Musikveranstaltung in der gefühlt hintersten Ecke doch nicht so alleine gewesen wie vermutet und uns hatte jemand beobachtet. Und diese nette Person muss diese Neuigkeit sofort verbreitet haben

Sowas zieht sich nicht einfach jemand aus den Fingern, gerade, wenn es um mich ging und die anderen wussten, wie ich auf Gerüchte über mich reagierte.

Nur... diesmal hatte ich mich noch gar nicht geäußert und das schien Einige zu Recht nachdenklich zu stimmen.

Mich ebenfalls, warum ich das nämlich nicht abstritt.

Schwer seufzte ich laut auf und schob die leere Tasse vor mir hin und her. Vor ein paar Minuten war sie noch mit Früchtetee gefüllt gewesen, doch nun war in ihr nichts weiter als Leere. Diese Leere, die mich irgendwie auch schon seit der Sache im Park ergriffen hatte.

Sie fraß mich von innen regelrecht auf und machte meine Nerven immer mehr fertig.

Die Küchentür wurde mit Schwung geöffnet. Kurz sah sich Sharret suchend um, ehe sie mich an unserem kleinen Esstisch entdeckte und mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht zu mir lief. "Shelby, ich geh jetzt noch shoppen. Soll ich dir etwas mitbringen? Brauchst du irgendetwas?"

Etwas Erfreuliches war seit Montag doch geschehen. Tyran musste sich wohl tatsächlich bei meiner Schwester entschuldigt haben oder sich zumindestens anders verhalten, sonst wäre sie nicht aufeinmal wieder zum lebensfrohen und zuvorkommenden Mensch geworden, den sie vor ihm perfekt verkörpert hatte.

Er hatte sich das wohl zu Herzen genommen - jetzt folgte anscheinend noch mein Teil der Abmachung.

Komischerweise würde ich ihm alles zutrauen, weswegen sich zu der ätzenden Leere auch oft eine innerliche Unruhe untermischte, die ich einfach nicht abschütteln konnte.

Auch das nervte mich.

Verneinend schüttelte ich den Kopf. "Nein danke. Ich brauche nichts. Dir viel Spaß, ja?", antwortete ich müde und gähnte am Ende des Satzes hinter meiner vorgehaltenen Hand.

Dass ich nur müde war, war die Untertreibung des Jahrhunderts. Ich fühlte mich so, als hätte ich die letzten Tage gar nicht oder in etwa nur eine Stunde geschlafen.

"Danke", nickte sie grinsend und bemerkte von meinem merkwürdigem Verhalten zum Glück nicht allzu viel. "Wir sehen uns später." Kurzerhand knallte die Haustür zu und ich war wieder alleine Zuhause.

Mom würde noch bis achtzehn Uhr heute arbeiten und im Moment hatten wir es gerade mal siebzehn Uhr.

Ich beschloss meine Tasse in den Spüler zu räumen, um dann schwerfällig die Treppe hochzuwanken. In meinem Zimmer angekommen sank ich auf meinem Bett zusammen und glücklicherweise lullte mich das Geräusch von dem wieder prasselnden Regen draußen perfekt ein, sodass ich endlich schnell einschlafen konnte.

Später, als es draußen bereits schon stockdunkel war, wachte ich wieder auf. Im Haus war es merkwürdig still und die Ziffern auf meinem Wecker verrieten mir auch, warum.

Es war kurz vor dreiundzwanzig Uhr.

Sharret blieb nie lange auf und Mom ebenfalls nicht, weil sie am nächsten Morgen früh rausmusste. Die einzige Nachteule im Haus war ich.

Stumm beobachtete ich eine Weile wie der Regen draußen schwächer wurde bis er ganz abklang. Danach wurde mir das Herausschauen aus dem Fenster zu eintönig und ich tastete nach meinem Handy in der Tasche meiner Jogginghose. Es hatte mir die ganze Zeit gegen die Hüfte gedrückt, dafür war ich aber endlich mal wieder ausgeschlafen und das zählte mehr.

Was mich aber ziemlich stutzig werden ließ war die Nachricht von Luison, die vor zehn Minuten ungefähr eingetrudelt ist und mir schon auf dem Sperrbildschirm entgegen leuchtete.

Luison: Komm mal am Freitag zu mir in den Club, müssen was Dringendes besprechen. Die Tage vorher bin ich nicht da.

Die Nachricht war knapp, enthielt keinen Smiley und war nicht dazu ausgelegt zu widersprechen. Ganz klar war dieses Gesprächsthema wohl etwas sehr Ernstes, wenn das schon so klang.

Auf der Unterlippe knabbernd las ich mir den Text ein zweites Mal durch.

Was war es nur, was er unbedingt loswerden wollte?

Meine Finger tippten langsam ein Okay, bis dann ein. Ich wollte schon mein Handy wieder wegstecken, um mich nochmal hinzulegen, als ein Vibrieren eine neue Nachricht ankündigte.

Eine unbekannte Nummer.

Ich hielt für einen kurzen Moment die Luft an.

Irgendwie ahnte ich es schon, wer dahinter steckte. Ich hätte damit zu jedem Zeitpunkt rechnen sollen - und doch klopfte mir das Herz gefühlt bis zum Hals, als ich auf den Chat tippte.

Unbekannt: Ich habe meinen Teil der Abmachung eingelöst. Nun bist du an der Reihe. - Tyran

Angestrengt schluckte ich und las mir die Nachricht von neuem durch. Immer und immer wieder. Dabei überlegte ich angestrengt, ob und was ich antworten sollte.

Und was er als Gegenleistung erwarten würde.

Ich meine, ich hatte es als selbstverständlich gesehen, Sharret ohne wenn und aber zu helfen. Nur ist der Satz Ich würde alles für sie machen optimal für ihn, eine so große Auswahl für seine Gegenleistung haben zu können.

Er könnte alles verlangen.

Wieder musste ich schlucken und wieder löste sich der Kloß in meinem Hals kein bisschen. Im Gegenteil, er wuchs weiter an.

Um mir die Zeit noch etwas mit Nachdenken zu vertreiben, speicherte ich ihn erstmal in meinen Kontakten als T. ein. Ich wollte nicht, dass jemand zufällig mitbekam, ich hätte seine Nummer. Mit einem Mal fühlte ich mich doch nicht bei dem Gedanken so wohl, dass man denken könnte, ich hätte mit ihm Kontakt oder sowas.

Mit einem Mal verspürte ich das unbändige Bedürfnis, einfach nur vor ihm flüchten zu wollen.

Vor ihm haltlos wegrennen.

So viel Abstand wie möglich zwischen uns bringen.

Doch das wäre nicht ich.

Ich, Shelby Daffodil, rannte vor nichts und niemanden weg.

EIgentlich.

Denn diesem offentsichtlichen Problem zwischen meinen Freunden und mir stellte ich mir ja auch nicht und versuchte es großzügig irgendwo in meinen Hinterkopf zu verbannen.

Allerdings musste ich irgendwo einen Anfang machen, um aus dieser dezent misslichen Lage herauszukommen und wie es scheint, wird der Anfang wohl bei Tyran gemacht. So würde ich es am schnellsten hinter mir bekommen.

Denn ich hoffte, er forderte irgendetwas ein, sodass ich so schnell wie möglich wieder von ihm wegkam, auch wenn es etwas schmerzte.

Es ist besser so.

Etwas entschlossener als vorher schickte ich also eine Nachricht an ihn ab.

Ich: Was soll ich machen?

Es dauerte nicht lange, da erhielt ich von ihm wieder eine Nachricht. Anscheinend hatte er nur auf eine Antwort von mir gewartet.

T.: Abmachungen treffe ich ungerne per Chat

Jetzt wurde mir doch wieder etwas flauer im Magen. Anscheinend kam ich um ein persönliches Treffen einfach nicht herum.

Mein Handy leuchtete erneut auf.

T.: Also? Wann hast du Zeit?

Es war, als würde mir seine Arroganz schon über meinen Handybildschirm entgegenspringen wie das grelle weiße Licht.

Unsicher ließ ich meinen Blick durch mein Zimmer schweifen, nicht ganz sicher, was ich sagen sollte.

Wo konnte man sich auch bitte mit jemanden wie ihn einigermaßen ungestört treffen, ohne, dass es wieder zum Klatschthema der Woche wird?

Zähneknirschend fiel mir spontan nur ein Ort ein - ein Ort, an dem ich diese Abmachung auch jetzt schon mit ihm bereden konnte. Entweder ich würde mich jetzt die nächsten Stunden schlaflos hin und herwälzen und darüber munkeln, was er vorhatte - oder ich schaffte es mir jetzt von meinem überfüllten Tisch.

Meine Entscheidung fiel mir nicht leicht, doch ich fand, sie war die bessere Alternative. So sehr mir auch das Herz gegen meinen Brustkorb hämmerte, ich musste mich ihm stellen.

Ob nun noch heute oder erst die nächsten Tage.

Dann lieber jetzt.

Ich: Jetzt. Luisons Club.

Und wieder reagierte er beinahe sofort.

T.: Ich warte auf dich

Nachdem ich mich nochmal umgezogen hatte, schnappte ich mir schnell eine Jacke und tappte auf Zehenspitzen die Treppe herunter in den Flur. Vor dem körpergroßen Spiegel zupfte ich mir meine Haare, die ich diesmal offen gelassen hatte, etwas zurecht, schlüpfte dann in meine Sneaker und angelte vor dem Verlassen der Wohnung nach dem Hausschlüssel.

Nun wurde die Rechnung belegt - und alles würde hoffentlich so werden wie früher.


Dieses Kapitel kommt etwas früher, weil ich diesen und nächsten Sonntag nicht updaten kann. Tut mir leid für eventuelle Rechtschreibfehler (hab mich ziemlich beeilt) und tut mir leid wegen dem wahnsinnigen Cliffhänger, aber ich komme im Moment nicht so oft zum schreiben. Mir sitzt ziemlicher Stress im Nacken.

Ich hoffe, euch hat das Kapitel wieder gefallen und ich bin gespannt über eure Vermutungen, was Tyran wohl für die Abmachung einfordern wird. Vielleicht errät ja jemand das, was er vorhat...

Bleibt gesund und hab euch lieb.

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