27

Shelby
Als das beleuchtete Schild über den Eingang zum Club vor mir in Sichtweite kam, haderte ich doch noch kurz mit meiner Entscheidung, ob ich wirklich gehen sollte oder nicht.
Letztendlich blieb ich dabei - ich meine, was für einen Sinn würde das denn ergeben, wenn ich mich extra auf den Weg gemacht hatte, um kurz vor dem Ziel wie eine feige Versagerin umzudrehen und die ganze Sache zu vertagen?
Kopfschüttelnd schritt ich entschlossen weiter.
Die nächste Sache wäre, dass man mich wieder mit Tyran in Zusammenhang bringen würde, wenn wir jetzt dort gesehen wurden. Zwar würde das nicht so viral gehen wie bei Leuten von meiner oder benachbarten Schulen.
Nur machten mir hier eher Luisons Leute Sorgen.
Auf der einen Seite konnte ich mich wegen ihnen in Sicherheit wiegen, auf der anderen würde ich ständig unter Beobachtung stehen.
Die nächsten Tage durfte ich mich garantiert nochmal deswegen vor Luison rechtfertigen.
"Was soll's", murmelte ich gedankenverloren vor mich hin und visierte mein Ziel in der Ferne hartnäckig an. Wenige Minuten später wurde ich von einem der Türsteher an der kleinen Schlange vor dem offiziellen Eingang auch schon vorbei - und in das Gebäude hineingeführt.
Der vertraute Flur erstreckte sich vor meinen Augen.
Langsam wurde meine Beine wieder weich wie Gummi, mein Atem ging etwas unregelmäßiger. Es war die Ungewissheit vor dem, was mich nun erwarten würde.
Ich hasste Ungewissheit.
Meine kalten Finger legten sich um den Türgriff und vorsichtig öffnete ich das Tor zur nächtlichen Hölle.
Im dunkelblauen Licht und Nebel tanzten schon eine Menge an Menschen und der Bass vibrierte auf meinem Brustkorb. Leute saßen oder standen an der Bar oder in den verschiedenen Loungeecken.
Es wurde sich ausgelassen unterhalten, offen geflirtet, gefeiert, getanzt...
Es war alles wie immer - und irgendwie auch wieder nicht. Denn heute kam ich nicht wegen diesen Vergnügungen hierher.
Wieder dieser bittere Geschmack, der sich auf meiner Zunge ausbreitete.
Ich steuerte als erstes die Bar an. Was ich jetzt brauchte, war erstmal ein ordentlicher Drink, um das alles etwas lockerer zu sehen und nicht so angespannt zu bleiben. Zum Glück wurde die Bedienung dieses Mal von einem mir unbekannten Keeper übernommen. Niemand, der also Luison unbedingt gleich von meinem Besuch erzählen könnte.
"Guten Abend", zwinkerte dieser mir fröhlich zu, während er mit einem Geschirrhandtuch ein Cocktailglas polierte. "Mein Name ist Harke und wie kann ich dir weiterhelfen? Was möchtest du gerne haben?"
Origineller Name.
"Mhm", machte ich nachdenklich und bestaunte lieber interessierter diese silbergraue Farbe, in der seine kurzrasierten Haare gefärbt waren. "Keine Ahnung. Gibt es wieder so einen Themencocktail?"
Harke nickte. "Jep. Und wenn du willst, geht der sogar für dich auf's Haus."
Ich schüttelte protestierend den Kopf. "Das muss er wirklich nicht, ich kann das auch bezahlen. Echt."
"Nee", lachte Harke. "Neee, warte mal. Wenn ich dich jetzt mal genauer unter die Lupe nehme... Du bist doch Shelby, Luisons kleiner Schatz. Richtig?"
Verdammt, eiskalt aufgeflogen.
Okay gut, dann auf einem anderen Weg. Darauf beugte ich mich über die Theke und winkte ihn näher zu mir heran. "Ich bezahl den Cocktail nur nicht, wenn niemand davon weiß, dass ich heute hier war."
Er hob wieder einen Mundwinkel an. "Das ist ein Deal."
Perfekt, er war mir jetzt schon sympathisch.
Ich bekam also meinen leckeren Fruchtcocktail und trank den in aller Ruhe aus, dabei schaute ich verträumt einigen Leuten beim Tanzen zu. Dieses eng umschlungene Wiegen und Bewegen erinnerte mich zu sehr an meinen und Tyrans Tanz in der Mc Acon Halle.
Vergiss das alles.
Du bist wegen etwas völlig anderem hier.
Nicht nur wegen ihm.
Sondern, um eine Sache auszugleichen und danach ordentlich Land zu gewinnen, an nichts anderes solltest du denken.
Ich könnte meiner inneren Stimme am liebsten wieder den Hals umdrehen, doch stattdessen verdrehte ich die Augen und nickte artig.
Ja wohl. Ich habe es mehr als nur verstanden.
Als ich den letzten Schluck von meinem Cocktail ausgetrunken und wieder zurück auf die Theke gestellt hatte, fand ich ihn.
Tyran.
Wieder hämmerte mein Herz wie bekloppt los.
Deutlich gelangweilt saß er auf einen der Loungesessel und ließ seine goldenen Augen ununterbrochen über die Menge schweifen. Die verstohlenen Blicke von den Leuten, besonders von dem weiblichen Geschlecht, entgingen mir nicht.
Er sah eben auch einfach zu gut aus. Diese herrische, allwissende Ausstrahlung. Diese dunklen Haare, dazu im Kontrast die hellen leuchtenden Augen. Sein düsterer Blick. Diese perfekt gemeißelten Gesichtszüge...
Okay.
Ich musste aufhören.
Unbedingt.
Doch meine Einstellung kam genau in dem Augenblick, als er mich schließlich dort an der Bar bemerkte.
Oh Gott.
Jetzt... jetzt ging es los.
Ich wischte meine feuchten Handflächen an der Jeans ab, ehe ich mich zu ihm aufmachte. Dabei mied ich es bewusst ihm in die Augen zu schauen. Zwar steuerte ich direkt auf ihn zu und doch tat ich so, als wäre alles um mich herum viel interessanter als er.
Vor seinem Sessel stand genau schräg gegenüber ein zweiter, auf dem ich mich niederließ, meine Beine überschlug und ihn dann fest in die Augen schaute.
Ein spöttisches Lächeln umspielte wieder seine Lippen, während er mich eingehend betrachtete.
"So, Tyran", ich stützte mich mit meinem Ellenbogen auf der Armlehne ab. "Hier bin ich", rieb ich es ihm nochmals extra unter die Nase. "Lasst die Verhandlungen beginnen." Nun schenkte ich ihm ein genauso spöttisches Lächeln.
Anstatt die Augenbrauen von meinem plumpen, arroganten Verhalten anzuheben, schien er eher das Gegenteil zu empfinden.
Ich glaubte, sowas wie ein anerkennendes Funkeln in diesem Gold auszumachen.
"Gut, dann eben gleich direkt", entgegnete er mit seiner tiefen Stimme. Die Belustigung war überaus deutlich herauszuhören.
Abwartend blickte ich ihn an.
Allerdings wäre Tyran offenbar nicht Tyran, wenn er nicht Provokation als zweiten inoffiziellen Vornamen hätte. In aller Ruhe griff er erstmal nach dem Glas neben sich und trank eine Schluck von dem bräunlichen Inhalt.
Ich tippte stark auf Whisky.
"Und?", hakte ich ungeduldig nach, als er es wieder abgesetzt hatte und sich mit einer Hand durch seine dichten Haare gefahren ist. "Wie lautet die Abmachung nun? Anscheinend musst du ja so einige Ideen haben."
Das amüsierte Funkeln in den Augen wandelte sich kurz für den Bruchteil einer Sekunde in etwas Dunkleres um.
Eine Gänsehaut breitete sich auf meinen Armen aus.
"Du hast recht, ich habe so einige Ideen, Shelby", gab er mit einer etwas raueren Stimme zu. "Aber nicht alle sind realistisch umsetzbar - oder fair dir gegenüber", schob er mit einer unschuldigeren Miene hinterher.
Ich runzelte die Stirn. "Was soll das heißen?"
"So wie ich es gerade eben gesagt habe. Mehr sage ich dazu nicht."
Irritiert sah ich ihn an, ließ es dann jedoch bleiben, weiter nachzuforschen. Deswegen lehnte ich mich nach hinten, um meine Geduld etwas mehr zu unterstützen und nicht gleich jeden Moment aufbrechen zu wollen. "Gut egal", meinte ich, meinen zickigen Unterton konnte ich nicht herausbügeln. Ich war genervt.
Genervt davon, dass ausgerechnet er Tyran sein musste.
Genervt, dass ich ausgerechnet mit ihm eine Abmachung treffen musste.
Genervt davon, dass er noch immer diese höllisch anziehende Wirkung auf mich hatte.
Und genervt davon, dass es noch so viel mehr gibt, was mich genau in diesem Augenblick auf die Palme brachte.
Da er noch immer nichts weiter sagte und mich mit diesen funkelnden Augen nur weiter anschaute, verdrehte ich erneut die Augen.
"Und? Was ist nun die Sache, die ich machen muss?"
Er griff in die Tasche seiner abgewetzten Jeansjacke und beförderte seine Zigarretten zum Vorschein. In aller Seelenruhe nahm er sich eine aus der Schachtel, zündete sie an und stieß danach entspannt den Rauch aus, bevor er mir erst antwortete. "Shelby. Müssen wir das unbedingt hier ausmachen? Können wir nicht... woanders hingehen?"
"Auf keinen Fall!"
Die Panik in meiner Stimme war selbst für mich nicht zu überhören.
Ich konnte nicht mit ihm alleine sein, wer weiß, was dann alles passieren würde. Es würde alles außer Kontrolle geraten und das konnte ich nicht zulassen.
Auf gar keinen Fall.
"Ach." Ein Schmunzeln umspielte seine Lippen. "Hast du jetzt etwa doch Angst vor mir oder wie darf ich das verstehen?"
Ich versuchte entrüstet zu klingen. Die Betonung lag auf versuchte. "Nein...", nervös strich ich mir ein paar Strähnen aus dem Gesicht und richtete mich auf meinem Platz etwas mehr auf. "Nein, vor dir doch nicht."
Sein Schmunzeln formte sich zu einem wissenden Lächeln um, das mir eine weitere Gänsehaut der größten Sorte auf die Haut jagte. Langsam legte er die Zigarrette neben sich im Aschenbecher ab und beugte sich nach vorn, sodass seine Hände nun auf seinen Knien ruhten. "Und wie du Angst hast." Er machte kurz eine Pause und legte den Kopf leicht schief. "Allerdings nicht vor mir, das stimmt. Aber..." Er lehnte sich noch ein Stück weiter vor, seine Fingerspitzen berührten dabei ganz unschuldig meine Knie. "... du hast vor dem Angst, wie du auf mich reagierst."
Ich zuckte ruckartig zurück. "Du bist sowas von arrogant und selbstverliebt, Tyran. Und nein, habe ich nicht", zischte ich nun gereizt.
Wieder begrüßte mich sein hintergründiges, geheimnisvolles Lächeln. "Dankeschön für die Komplimente. Und doch, hast du."
"Ich habe kei-"
Er stoppte meinen empörten Redefluss, indem er eine Hand nun wirklich fest auf mein Knie legte und mir so unfassbar tief in die Augen schaute, dass mir fast schwindelig vor innerem Entzücken wurde. Meine Haut unter dem rauen Jeansstoff brannte und verlangte nach mehr Berührung. "Shelby. Sieh es endlich ein... Ich bin schon von Anfang an eine Droge für dich. Und du", er nickte mir zu. "Bist sie für mich. Die Frage ist nur schon die ganze Zeit, wie wir dieses Problem lösen wollen."
Stumm wartete ich mit wild schlagendem Herzen darauf, dass er weiterreden würde.
"Wir können es ganz einfach machen", fuhr er fort, sein Blick blieb dabei kurz an meinen Lippen hängen. "Wir machen jetzt schon den eiskalten Entzug, bevor es zu spät ist und beenden dieses was auch immer zwischen uns jetzt und hier und du gehst", zur Unterstreichung zog er seine Hand von meinem Knie.
Die Fläche fühlte sich nun bitterkalt an.
Ich schluckte.
Das ist doch genau das, was ich eigentlich erst wollte. Dass er vielleicht gar nichts verlangte und dass ich mit ihm abschließen kann.
Wir Abstand voneinander nehmen.
Aber bei dieser Hoffnung saß ich nicht dicht vor ihm wie jetzt, umgeben von seinem herben Duft, beobachtet von glitzernden, immer dunkler werden Augen und eine Handbreite von ihm entfernt. Wenn ich wollte, könnte ich den Abstand zwischen uns überbrücken und ihn einfach, ohne groß darüber nachzudenken, küssen.
Einfach so.
Hier und jetzt.
Wollte ich diese Anziehung wirklich verleugnen?
Oder wollte ich lieber vernünftig handeln?
Tyran musterte mich voller Zufriedenheit, als wüsste er von meinen inneren riesigen Zwiespalt nur allzu sehr Bescheid. "Willst du vielleicht noch die andere Option hören?", hörte ich ihn mich leise und bedacht fragen. Geduldig lehnte er sich zurück.
Wieder musste ich schlucken, aber mal wieder bekam ich den fetten Kloß in meinem Hals nicht heruntergeschluckt.
Ich verfolgte erhitzt und so unglaublich angespannt , wie er die angefangene Zigarrette einfach ausdrückte, nochmal einen Schluck von seinem Whisky nahm, ehe er plötzlich aufstand. Den Kopf in den Nacken gelegt schaute ich mit großen Augen zu ihm hoch, weil ich nicht wusste, was jetzt folgen würde.
Was er jetzt machen würde.
Tyran hingegen wollte die Situation nicht weiter herauszögern und stützte sich mit den Händen an meinen Armlehnen ab, sodass sein Gesicht direkt vor meinem schwebte. Heißer Atem strich über mein Ohr, als er sich noch weiter zu mir beugte. "Genaugenommen gibt es noch zwei weitere Optionen. Die eine lautet, wir beenden das, was wir unweigerlich angefangen haben, auf einem anderen Weg und verlieren darüber kein weiteres Wort - eine Art Höhenflug mit noch einem kälteren Entzug als jetzt schon... oder...", seine Hand wanderte von der Lehne zu meinem Oberschenkel, um dort warm und verlockend auf dem Stoff liegen zu bleiben. "Oder wir müssen unsere Sucht im Stillen akzeptieren und niemanden davon wissen lassen."
Das Blut rauschte mir laut in den Ohren und ich konnte nicht mehr klar denken. Wobei, wann genau konnte ich überhaupt noch klar denken?
Jetzt auf jeden Fall am wenigsten.
Und ich... ich konnte mich einfach nicht entscheiden. Ich konnte es nicht und wollte es doch zu sehr. Genauso wie diese weichen Lippen wieder auf meine zu spüren und wirklich einmal die Kontrolle zu verlieren.
Aber war es das alles überhaupt wert?
"Du entscheidest", raunte er mir zu. "Das ist der Teil meiner Abmachung. Triff die Entscheidung, die du für richtig hälst - denn genau das fällt dir im Leben schwer."
"Das ist nicht fair", murmelte ich kraftlos.
"Mhm...", er sah mir wieder in die Augen, Finger hoben sanft mein Kinn an. "Was im Leben ist schon fair? Aber das ist eine andere Frage. Du musst mir meine beantworten. Jetzt. Denn deswegen haben wir uns getroffen."
Diesmal früher, schließlich muss dieses Buch ja mal langsam vorangehen. Auch wenn ich bis zu den Augenbrauen im Stress versinke... ich finde irgendwie nichts so wirklich, was mich nach der Schule interessieren könnte... tja.
Jedenfalls.... OMG Leute, wir steuern auf die 500K zu😍 ich weiß nicht, ob es je möglich sein wird, dass dieses Buch auch mal die eine Million schafft... wir werden sehen.
Habt ihr denn mit diesem Verlauf gerechnet? Und dass Tyran ausgerechnet als sehr fordernder Mensch Shelby da einen großen Freiraum lässt? Oder hat er das wieder ganz genau gut durchdacht?😏
Wir lesen uns hoffentlich wieder bald.
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