25

Sharret
Es war Montag.
Und der Albtraum ging nun definitiv wieder von vorn los und damit meinte ich nicht die Schule. Ich meinte Tyran.
Ganz besonders ihn.
Jeder Schritt Richtung Schule ließ mein Herz gleich gefühlt tausendmal schneller schlagen. Egal, ob es sich darum handelte, als ich aus dem Bett ausstieg und mich im Bad fertig machte. Oder als ich am Frühstückstisch saß und Shelbys bohrenden Blick auszuweichen versuchte. Und ganz besonders schlecht ging es mir, als ich mein Fahrrad wieder bei den Fahrradständern abschloss.
So paranoid wie ich schon geworden war, schaute ich ab und zu beim Anschließen auf, sodass sich mir niemand nähern konnte, den ich nicht gleich bemerkte.
Vorallem Tyran nicht.
Allerdings hatte ich wohl ein paar Sekunden zu wenig aufgepasst, denn während ich mich aufrichtete, musste er zu mir gelaufen sein.
Mit ernster Miene stand er vor mir, als ich mich umdrehte und vor Schreck zusammenzuckte. Ich wollte zurückgehen, doch schnell bohrte sich der Lenker in meinen Rücken, worauf ich schmerzverzerrt das Gesicht verzog. Normalerweise hätte ich jetzt genervt gefragt, was los sei, aber bei einem Menschen wie Tyran traute ich es mich nicht.
Ich würde es mir auch niemals trauen.
"H-hallo Tyran", stotterte ich wild zusammen. In meine Wangen stieg wieder die Hitze hoch und ich hasste mich dafür selbst, dass ich bei ihm immer so schwach wurde.
Und ihn trotz seines Verhaltens mir gegenüber attraktiv fand.
Seltsamerweise bewunderte ich seine Stärke und dieser Selbstsicherheit und vergötterte seinen Körper, obwohl er mich so mies behandelte.
Immer schob ich es auf meine verrückt gewordenen Hormone, aber mein Zuneigung zu ihm war nicht normal im Zusammenhang, wie er mich wohl mochte. Nämlich gar nicht und unter keinen Umständen würde er mich jemals so bewundern wie ich ihn.
Tyran schloss kurz die Augen und atmete tief ein und aus, bevor mich seine wunderschönen goldenen Augen wieder fest fixierten. "Guten Morgen, Sharret", sagte er langsam, als würde er nebenbei noch überlegen oder seine nächsten Schritte im Kopf behutsam planen. Daran herumpfeilen oder so ähnlich. "Ich glaube, ich muss dir etwas sagen."
Urplötzlich hüpfte mein Herz in meiner Brust fröhlich herum. Die Hoffnung in mir stieg auf, dass es vielleicht einmal etwas Nettes wäre.
Und diesmal wurde ich nicht enttäuscht.
"Ich hatte gestern ein interessantes Gespräch. Deshalb hab ich viel darüber nachgedacht." Es fiel ihm wohl schwer mal nicht den Arsch in meiner Gegenwart zu spielen, da er seinen Kiefer immer wieder anspannte und seine Augen mich genauso kalt musterten wie sonst auch. "Jedenfalls", er fuhr sich kurz durch die dunkelbraunen, weich aussehenden Haaren. "Jedenfalls sollte ich mich mal bei dir entschuldigen, weil du die letzte Zeit wegen mir so leiden musstest."
Dass ich geschockt war, war viel zu mild ausgedrückt. Viel zu untertrieben. Und auch die Begriffe überrascht oder erschrocken drückten nicht aus, was ich gerade fühlte.
Ich war vollkommen überrumpelt von dem, was er gesagt hatte.
Tyran nickte mir zu. "Also, Sharret", sprach er fest und unterbrach den Blickkontakt immer noch nicht. "Es tut mir leid, ja?"
Völlig überfordert antwortete ich nicht, blinzelnd starrte ich ihn an. Meine Auffassungsgabe konnte gerade gar nicht verarbeiten, was für Wörte über seine leicht geschwungenen Lippen kamen.
"Sharret", versuchte er mich aus meiner Trance zu holen und das auch noch erstaunlich geduldig. Vergeblich wartete ich auf den genervten Unterton in seiner tiefen Stimme. "Nimmst du meine Entschuldigung nun an oder nicht?"
Ich klappte den Mund auf - und wieder zu.
Sag doch jetzt endlich was.
Fragend hob er seine dunklen Augenbrauen etwas an. Ein weiterer Unterschied zu seinem Verhalten in den letzten Tagen. Sonst hätte er nur eine Augenbraue hochgehoben und das in der arrogantesten Art und Weise, die ich kannte.
"Ich", begann ich und fasste mich schließlich. "Ich ähm... nehme deine Entschuldigung an, Tyran." Schwach lächelte ich ihn an und konnte immer noch nicht glauben, was hier gerade geschah. "Ähm... jeder... jeder macht mal Fehler. Vielleicht hatten wir einfach nicht so einen guten Start..."
Meine Güte, Sharret, was plapperst du denn für ein wirres Zeug vor dich hin?!
Tyran sah das wohl genauso, nur sagte er das erstaunlicherweise nicht. Er meinte seine Entschuldigung also wirklich ernst. Verdammt ernst.
Es war also richtig sie anzunehmen.
"Wie dem auch sei", rettete er mich davor, noch mehr aus Nervösitat zu erzählen. "Ich wollte dir das eben sagen." Nochmals nickte er mir zu. "Man sieht sich - diesmal aus der Ferne." Er machte spöttisch lächelnd einen salutierenden Gruß, drehte sich dann von mir weg und lief gewohnt gelassen zum Schuleingang, um die Glastür aufzumachen und in dem Gebäude zu verschwinden.
Was mich daran erinnerte, dass ich auch langsam mal zum Unterricht eilen sollte.
Schnell schulterte ich mir meine Tasche richtig, zupfte meine Haare zurecht und ging dann ebenfalls in das Schulhaus.
Fast schon beschwingt und fröhlich und das widerum zu vollem Recht.
Tyran Argento hatte sich bei mir entschuldigt. Tyran Argento und entschuldigen, das konnte man sich auf der Zunge zergehen lassen. Genauso wie seine doch so guten versteckten Charaktereigenschaften.
Die Zeit des Fürchtens vor jemanden, der einen stets und ständig heruntermachte, war wohl vorbei.
Endlich vorbei.
So richtig konnte ich es gar nicht fassen und wollte das, was geschehen war, eigentlich sofort meiner besten Freundin erzählen.
Mein ganzer Körper kribbelte vor Glücksgefühlen.
Ich fand meine beste Freundin Melissa schnell. Wie gewohnt hatte sie sich in dem Raum ganz hinten links an unseren Fensterplatz gequetscht und wedelte mir beim Hineintreten fröhlich aus der Ecke zu.
Breit lächelte ich sie an und stakste um die Tische herum auf sie zu, ließ meine Tasche neben unserem Platz fallen und warf mich auf meinen Stuhl. "Hi, Lissy", quietschte ich ausgelassen.
Sie strahlte noch mehr. "Wow, Sharret, du bist endlich wieder gut gelaunt. Was ist denn passiert, dass du so eine Stimmungsschwankung hast?"
Mein breites Grinsen wollte mir einfach nicht aus dem Gesicht weichen, meine Mundwinkel taten schon weh und trotzdem hinderte mich nichts daran idiotisch zu kichern. "Das glaubst du mir im Leben nicht", entgegnete ich vergnügt.
Neugierig beugte sie sich vor, sodass ihre langen Ohrringe bei der schnellen Bewegung klimperten. "Nun erzähl schon", drängte sie mich ungeduldig. "Was ist denn nun passiert?"
Ich holte tief Luft, ehe ich ihr direkt antwortete. "Tyran hat sich bei mir entschuldigt."
Sie riss ihre Augen weit auf. "Wirklich? Dieser heiße beschissene Arsch hat sich endlich mal für sein Verhalten dir gegenüber entschuldigt?"
"Ja", bestätigte ich heftig nickend. "Hat er wirklich. Einfach so."
"Wow, das sind tolle Neuigkeiten, Shar", kommentierte Melissa das und freute sich wohl genauso tierisch darüber wie ich mich. "Und wann hat er das gemacht?"
Ich strich mir eine Haarsträhne zurück und lugte dabei aus dem Fenster, das eine perfekte Sicht auf die Fahrradständer zeigte. "Gerade eben. Ich habe mein Fahrrad angeschlossen und aufeinmal stand er da und hat sich entschuldigt."
Melissa's Grinsen vertiefte sich und ihre Grübchen traten noch mehr hervor.
Stutzig geworden hob ich meine Augenbrauen an. "Was ist?"
Sie schüttelte nur den Kopf, doch ihr Grinsen war noch wie vor festgetackert und verriet mir, dass da doch was war.
"Komm schon, Lissy. Rück heraus mit der Sprache."
Nachdenklich wiegte sie den Kopf hin und her. "Naja. Ich will jetzt ja auch nicht Falsches an Land ziehen, aber... er hat ja die ganze Zeit versucht mit seinen Aktionen deine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und das machen Jungs eigentlich nur, wenn sie ein Mädchen interessant finden. Wir reden hier zwar von Tyran, allerdings scheint er jedoch schnell genug mitbekommen zu haben, dass sein Verhalten nicht richtig war und hat sich von alleine aus plötzlich bei dir entschuldigt."
"Willst du etwa andeuten, dass..." Ich traute mich gar nicht den Satz zu Ende zu sprechen, weil das sich so unrealistisch anhörte, mein Herz aber noch schneller zum Schlagen brachte.
Sie lächelte wieder. "Ich will damit sagen, dass er vielleicht etwas an dir findet und auf dich stehen könnte", antwortete sie schulterzuckend.
Sooo... die niedliche Sharret ist ganz schön niedlich gutgläubig oder? Wenn sie nur wüsste, wer wirklich hinter Tyrans geänderten Verhalten steckt... und noch immer stellt sich die Frage, was er dafür im Gegensatz von Shelby fordert...
Mehr im nächsten Kapitel hehe. Vielleicht schaffe ich es auch wieder früher.
Btw ich freue mich trotzdem immer wieder, dass so viele dieses Buch hier mögen. Gerade, da Tyran auch ein ziemlich schwieriger Charakter ist, den man nicht besonders schnell/ oder gar nicht mögen könnte. Je nach dem, wie eure Ansicht dazu ist. Das gleiche betrifft auch Shelbys Entscheidungen. Wie gesagt, ich bin froh, dass ihr an ihrer Geschichte interessiert seid. Dankeschön.
Achsuu und ich habe schon seit geraumer Zeit Spotify (heiße da Adrael.Fray). Die Playlists erstelle ich nach und nach, aber wer will, kann mir gerne folgen. Eine Playlist ist schon online (attraction). Ich folge gerne zurück hehe :) Vielleicht erstelle ich mal Playlists zu meinen Büchern oder so. Mal schauen.
Bis daaaaaann.
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