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"Okay, ich bin zu dir ehrlich." Er aschte das letzte Bisschen der Glut auf den Wegesrand. "Es ist Ansichtssache, wie ich mit ihr umgehe." Gedankenverloren betrachtete er die Zigarrette zwischen seinen Fingern, bis er mich wieder anvisierte. "Aber du hast recht. Sie gehört zu den Menschen, mit denen ich nicht zurechtkomme."

Seine Antwort tat höllisch weh, obwohl ich die Wahrheit doch schon geahnt hatte.

Es war wie eine Ohrfeige, die man bekam, wenn man sich aus Trotz mit jemanden viel Stärkeren angelegt hatte und nun die Rechnung kassierte.

Wie ein Schlag in die Magengrube, weil man gutgläubig den kommenden Fußtritt, der sich schon gefährlich nahte, übersehen wollte.

Wie scharfkantige Glassplitter, die sich ohne jegliche Rücksicht in meine Haut bohrten, weil ich mich auf dem scherbenübersäten Boden abgestützt hatte und die Scherben nicht sehen wollte.

Doch bei allen Vergleichen trat der Schmerz ein, der einen daran erinnerte, dass man manche Sachen einfach nicht ausblenden kann.

Sie sind da.

Und man kann sie nicht einfach wegwünschen, ausblenden oder hoffen, sie würden nicht existieren.

Genauso ist das mit Tyran und Sharret.

Ich wollte es großzügig übersehen, dass er ihr wehtat. Dass sie wegen ihm jetzt so ist, wie sie nunmal ist. Und nun kassierte ich mit seinem Geständnis die Rechnung.

Eine Schuld, die sich in meinem Innern höllisch einbrannte.

Vor Schock und meiner eigenen Dummheit konnte ich für einen langen Moment kein Wort herausbringen. Mein Mund war staubtrocken und meine Kehle kratzte. Um meinen Hals befand sich ein Ring, der sich immer und immer mehr fester schnürte, um mir die verbliebene Luft zum Atmen zu nehmen.

Wieso war ich nur so leichtsinnig?

Warum wollte ich für ihn alles um mich herum ausblenden?

Das alles konnte ich doch nicht mehr verantworten. Wie würde das nur mit der Zeit werden? Würde er meine persönliche Droge werden? Würde ich zu etwas werden, das sich komplett auf ihn konzentrieren würde?

Beklemmt stieß ich die Luft viel zu gepresst und viel zu flach aus.

Tyran stand nach wie vor an der Stelle, hatte sich seit dem keinen Zentimeter gerührt und bewachte mit diesen verfluchten hypnotisierenden goldenen Augen meinen Zustand.

Dabei konnte ich nicht recht deuten, ob er jetzt um mich besorgt war oder ob er auf den Moment wartete, einfach abzuhauen und das alles hier mit der kalten Schulter abtun zu können, ohne wieder jegliche Konsequenzen fürchten zu müssen.

Hatte dieser Mensch überhaupt vor irgendetwas Angst?

Ich kniff meine Augen zusammen und beobachtete, wie der wieder leicht einsetztende Regen über den Stoff seiner Jacke an ihm heruntertropfte und sich seine braunen Haare wegen der Feuchtigkeit kräuselten. Seine breiten Schultern sind kein Stück vor Scham nach unten gesackt und er wirkte noch immer so, als wäre er ein Fels in der Brandung, den keine Welle auf der Welt zerstören konnte.

Genau das war wahrscheinlich auch die Waffe gegenüber allen anderen.

Seine Überlegenheit und diese innere Kraft, diese Stärke, die ihn am Leben hielt und statt Blut durch seine Adern gepumpt wurde.

Meine Hände verkrampften sich.

Vielleicht sollte ich mit dieser Haltung ihm gegenüber auch anfangen. Vielleicht sollte ich ihm nicht ständig meine Schwächen zeigen.

Vielleicht sollte ich endlich wieder eine neutrale Sichtweise zurückerlangen und das tun, was wirklich richtig ist und nicht das, was ich für richtig hielt, weil ich geblendet wurde.

Nur hörte sich das immer alles einfacher an als es in Wahrheit ist.

"Warum?", hörte ich mich viel zu mechanisch und ausdruckslos fragen, nachdem ich mir mit dem Handrücken über mein nasses Gesicht gefahren bin. "Warum ausgerechnet sie?" Ich blickte wieder zu ihm hoch und war gleichzeitig froh, dass meine Stimme nun viel fester klang, als ich mich eigentlich innerlich fühlte.

Ich wurde mit einem Mal wütend, so wütend, dass ich ihn am liebsten schütteln könnte.

Und mich würde ich am liebsten gleich mitschütteln.

Aufgebracht trat ich näher an ihn heran und umfasste den Kragen seiner Jacke, meine Fingernägel streiften unangenehm über den dünnen Stoff. "Was hat sie dir getan, dass sie so von dir behandelt wird?", gab ich verständnislos von mir und merkte selbst, wie ich von Sekunde zu Sekunde lauter wurde.

Und er?

Er ertrug das alles ohne mit der Wimper zu zucken. Er schob mich nichtmal von sich zurück, um Abstand zu schaffen.

Nein, er stand vor mir, noch immer regungslos und nur in seinen Augen schien sich die Gefühlsausbrüche abzuspielen, die für mich jedoch nicht zugänglich waren.

Ich seufzte schwer nach dieser Erkenntnis und ließ plötzlich wieder erschöpft von ihm ab.

Noch immer bohrten sich die glühenden Augen unnnachgiebig in meine.

Es schien langsam so, als wäre Tyran mehr interessiert an meiner Mimik und Gestik, als auf das, was ich sagte.

Oder noch sagen würde.

Er war doch nicht so fasziniert von mir? Oder doch?

Aufjedenfall durfte ich mich jetzt nicht davon ablenken lassen, ich musste weitermachen. Ich musste endlich wieder klardenken.

Und er sollte endlich mal verstehen, dasss er anderen Menschen mit seinem Verhalten wehtat. Sie zerstörte.

Aus ihnen andere Menschen machte.

"Sie ist so deprimiert... wegen dir", sagte ich leise. "Und so traurig, dass sie mit niemanden darüber reden möchte, weil es ihren Stolz so dermaßen angreift." Ungeduldig wartete ich auf eine Reaktion von ihm, aber es kam nach wie vor keine.

Er schmiss nur seine Zigarrette auf den Boden, trat sie aus, schob seine Hände tief in die Hosentaschen und guckte mich wieder neutral an.

Wieso zum Henker kam denn nichts von ihm?

Ich beschloss, dass ich einfach weiterredete. Irgendwann würde er schon etwas dazusteuern, da war ich mir sicher und wenn ich morgen heiser wäre, weil ihn wie eine bescheuerte Furie in diesem dämlichen Park bei diesem abscheulichen Wetter anschrie.

Egal.

"Merkst du denn selbst nicht, wie ihr das nahe geht? Hast du denn gar kein Mitgefühl? Ich meine, ich kenne dich zwar nicht und ehrlich gesagt geht mich das auch gar nichts an, was du mit anderen machst. Aber wenn du meine Schwester so behandelst, geht mich das sehr wohl etwas an!"

Er schwieg immer noch. Dafür waren seine Lippen jetzt fester aufeinandergepresst und er wirkte angespannter als vorher.

Langsam kam ich wohl doch mit meinem Plan voran.

"Ich meine", einen kleinen Moment hielt ich inne, bevor ich weitersprach. "Wenn du etwas persönlich gegen unsere Familie hättest, wärst du zu mir doch auch so... anders." Frustriert darüber, dass er immer noch ruhig blieb, wischte ich mir wieder ein paar Strähnen aus dem Gesicht und drehte mich etwas von ihm weg.

Nun, da er das wohl alles so hinnahm, musste ich mit einer Lösung her, denn das konnte alles nicht so weitergehen.

Es musste sich etwas verändern.

Und ich musste etwas machen.

Den Blick auf den menschenleeren breiten Weg gerichtet, atmete ich wieder in vollen Zügen diese frische, kalte Luft ein. "Was kann ich tun, dass du meine Schwester in Ruhe lässt?", stellte ich meine alles entscheidene Frage.

"Gar nichts kannst du."

Im ersten Augenblick war ich zutiefst erschrocken darüber, dass er jetzt doch auf einmal den Mund aufmachte. Perplex drehte ich mich zu ihm um und gewann meine Fassung trotzdem relativ schnell zurück.

Denn was bedeutete bitte Gar nichts kann ich ?

Meine Augen verrengten sich zu schmalen Schlitzen. "Was meinst du damit?"

"So, wie ich es gemeint habe." Seine Stimme war von Kühle und Selbstsicherheit geprägt, arrogant hob er sein Kinn etwas an. Ich hätte mich am liebsten dafür schlagen wollen, dass ich ihn immer noch so anziehend fand. Gerade diese herrische Seite an ihm, die sich von nichts und niemanden etwas sagen lässt. Die nichtmal von einer Spur und Unsicherheit jemals bestimmt durchzogen wurde.

Seine Persönlichkeit war stark, zu stark für mich und zu stark für andere. Leider aber auch so fesselnd für mich, dass ich von ihm nicht mehr wegkam.

Ich war wie in seiner Aura gefangen und hatte mich wie ein wimmernder Fisch in ein Netz verfrachtet, aus dem es kein Entkommen gab.

Zur Beruhigung, weil alle Gedanken wild umher in meinem Kopf flogen und mich diese goldenen stolzen Augen zusätzlich irritierten, senkte ich für einen Moment meine Lider. "Können wir nicht einfach eine Abmachung treffen?"

Erneut keine Reaktion.

Auf der Lippe beißend linste ich zu ihm hoch und erkannte, wie er mich abwartend musterte.

Er wartete auf die Abmachung.

Nervös schluckte ich. "Zum Beispiel..." Ich räusperte mich, um meine Stimme fester klingen zu lassen. "Du lässt meine Schwester in Ruhe und im Gegenzug schleppe ich keine Leute zur Polizei an, die die Morde, die du begangen hast, komplett bezeugen können. Sodass du wirklich im Gefängnis landest."

Das war eigentlich das letzte, mit was ich ihm drohen wollte. Mir fiel jedoch nichts anderes ein, um ihn von meiner Schwester wegzubekommen.

Wahrscheinlich würde ihn nichts anderes dazu bewegen.

Verblüfft bemerkte ich nun, dass er nicht im Geringsten betroffen war und nervös wirkte. Freudlos lachte er auf und schüttelte den Kopf etwas. "Meine liebe Shelby. Versuch es doch.  Schrei dir die Seele aus dem Hals vor den Polizisten, verteile Flugblätter mit Beweisfotos, sprüh es an  jede Hauswand, tättoowiere dich mit dem Slogan Tyran hat Menschen auf dem Gewissen und tanze die Botschaft  den anderen vor. Ich komme nicht in den Knast."

Mir klappte die Kinnlade vor Staunen herunter.

Wegen seinem drastischen Humor und seiner eigenen Überzeugung, definitiv nicht in das Gefängnis zu wandern. "Und warum ist das so?", hakte ich entsetzt nach.

"Weil mein Erzeuger leider in seiner Kohle schwimmt und man sich mit genug Geld schon immer alles leisten konnte. Auch sich freizukaufen, selbst wenn es ausreichend Beweise für irgendwelche Taten gibt, Shelby." Er klang fast schon bitter, als er das zugab. Und das bewahrheitete sich auch in den nächsten Worten. "Und weißt du, ich wäre gerne für schuldig beklagt worden und hätte meine Strafe abgesessen."

Eine Weile lauschten wir nur der Ruhe vom Park. Niemand von uns hatte gerade die richtigen Sätze gefunden.

Ich antwortete erst bestimmt drei Minuten später. "Tyran... warum bist du eigentlich so... so schlimm zu anderen Menschen? Gibt es dafür einen Grund? Wurdest du mal selbst schlecht behandelt und lässt es nun an andere aus?" Fragend sah ich ihn an.

"Nein." Gedankenverloren starrte er düster in die Ferne, ein Muskel zuckte kurz an seinem ausgeprägten Kiefer. "Das bin ich."

Das bin ich.

Dieser Satz hallte mehrmals nach.

Garantiert war es nicht schlimm, dass ich das nicht verstand. Andere würden sein Verhalten auch nicht verstehen. Eigentlich müsste Tyran sich mit am meisten selbst verstehen, nur tat er das offentsichtlich auch nicht.

Höchstens hatte er sich mit seinen Charakterzügen arrangiert.

Wieder fragte ich mich, warum ich eigentlich nicht so grundtief abgeneigt von ihm war wie ich es normalerweise sein sollte? Selbst nach seiner Ehrlichkeit und den vielen Sachen, die er gemacht hatte? Warum war das bloß nur so?

Ich liebte ihn doch etwa nicht.

Weil... ich meine, in so einer kurzen Zeit konnte man sich doch nicht verlieben und schon gar nicht in ihn.

Allerdings akzeptierte man die meisten, selbst schrecklichen Fehler von anderen Menschen, wenn man sie liebte. Im Umkehrschluss hieß das, ich liebte Tyran tatsächlich. Und das sollte unter keinen Umständen so sein.

Verdammt, auch jetzt wünschte ich mir nicht sehnlicher, als ihn an mir zuziehen, seine Wärme zu spüren und ihn erneut zu küssen.

Oder auch nur weiter in seiner Nähe sein, abwarten, was die Zeit mit ihm brachte.

Ich verstand mich wohl auch schon seit kurzer Zeit nicht mehr. Vielleicht sollte ich mich auch mit dieser Sehnsucht arrangieren.

So schwer es auch war.

Tyran's Blick fiel ebenfall auf meine Lippen. Er biss sich nun auf seine, die Miene verdunkelte sich schlagartig. Fluchend wandte er den Kopf zur Seite, dabei hingen ihm diese dunklen Strähnen in die Stirn, die nur danach schrien, sie anzufassen und wegzustreichen. "Weißt du... das beste wäre, wenn wir das heute alles so lassen wie es ist."

Mit diesen lächerlichen Worten wollte er sich tatsächlich von mir abwenden und mich hier stehen lassen.

Doch da hatte er mich eindeutig unterschätzt, dass ich sowas einfach mit mir machen lassen würde.

Ich brauchte schließlich endlich eine Abmachung.

"Tyran."

Wie auf Kommando blieb er stehen und versteifte sich kaum merklich.

Ich holte noch einmal tief Luft, bevor ich das nächste aussprach. "Ich würde alles machen, wenn ich sie da aus der Sache herausziehen kann."

Er drehte sich   überrascht zu mir, um mich dann interessiert zu mustern. Es verging wieder so viel Zeit, in der nichts sagte. Gerade als ich dachte, er würde sich wieder von mir wegdrehen und losgehen wie eben gerade, setzte er zum Sprechen an. "Wirklich   alles?", fragte er in dieser weichen melodischen Stimme, die bei mir   augenblicklich die nächste Gänsehaut verursachte.

Ich nickte mit einem verbissenen Gesichtsausdruck und steckte meine Hände in die ausgebeulten Taschen meiner Jacke. "Alles."

"Versprichst du es mir?"

"Ja", sagte ich sofort und sah ihm fest in die hellen Augen, die mich abschätzend betrachteten.

Wieder sah er mich lange   an, als würde er noch auf einen Rückzieher warten. Nur blieb ich  standhaft. "Gut, dann haben wir  jetzt einen Deal." Ein Schmunzeln  bahnte sich plötzlich auf seine verführerischen  Lippen an, als er mir seine Hand  hinhielt.

Unsicher zögerte ich einen Moment, doch dann ergriff ich sie.

In dem Moment, als er   mir dabei tief in die Augen schaute, wusste ich instinktiv, dass ich   einen gewaltigen Fehler gemacht hatte.

Jetzt war ich nichtmal mehr in dem Netz unter dem Fischerboot. Jetzt lag ich auf dem Holzbrett und er schwang das Frittiermesser über meinem Kopf.

"Shelby Daffodil", sein   Blick glitt kurz an mir herunter und wieder hoch. "Du hast nicht die   geringste Ahnung, auf was du dich hier mit mir eingelassen hast."



Mal früüüher😏🤫

Ich habe bei diesem Kapitel gaaaaaaanz viel abgeändert und wie jedes Mal hoffe ich, dass es euch gefallen hat und ihr gespannt auf "mehr" von Tyran und Shelby seid. Was wird er wohl im Gegenzug alles verlangen?

Wie hättet ihr euch an Shelbys Stelle verhalten? Würde mich mal brennend interessieren.

Und was sagt ihr zum neuen Cover? Ich glaube, das ist es jetzt, was zu dem Buch auch wirklich passt... und dann gestaltet sich auch eine eventuelle Reihe weiter. Zum Beispiel, wenn es im nächsten Buch in der gleichen Welt um Hauptpersonen wie Hades oder Viper handelt :) welcher Name hlrt sich für euch spannender an?

Hab euch lieb und bleibt gesund.

💖

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