21

Immer noch unschlüssig schaute ich zu ihm hoch, was ihm natürlich keines Falls entging.
Tyran beugte sich wieder weiter zu mir hervor. "Schau mich nicht so an...", flüsterte er und ließ das Satzende bewusst in der Luft hängen.
Verzweifelt, weil ich einfach nicht wusste, wie ich mich am besten entscheiden sollte, befeuchtete ich meine Lippen. "Ich-"
Das war wohl wieder für ihn zu viel, denn sein Körper verkrampfte, seine Hände waren zu Fäusten geballt und angestrengt starrte er auf meinen Mund. "Shelby..." Seine Augen sahen wieder zu mir auf, gefüllt mit Lust.
Sollte ich mich heute wirklich auf ihn einlassen? Konnte ich ihm standhalten und später, war ich da überhaupt im Stande, mir vielleicht nicht mein Herz von ihm brechen zu lassen? Weil er dann vielleicht alles bekommen hatte, was er wollte?
Ja, diese Gedanken machten mir Angst.
Und so sehr ich ihm auch vertrauen würde, selbst wenn es bei ihm weiterging, wollte ich mir erstmal und ganz besonders heute keinen Kummer antun.
Nervös verlagerte ich mein Gewicht auf das andere Bein. "Ich glaube, ich sollte wirklich zu Daniel und Reece gehen."
Er drehte seinen Kopf langsam zur Seite, doch er nickte ziemlich verständnisvoll. "Dann geh. Wir sehen uns wieder." Ein letztesmal strich er mir zärtlich über die Wange und schaute mir tief in die Augen . dann drehte er sich um und verschwand in dem dunkelblauen Licht.
Laut ausatmend wischte ich mir ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht und verharrte für ein paar Sekunden in dieser Position.
Es war immer schön mit ihm.
Aber jedesmal war es ein Kraftakt der Gefühle, die in unermesslicher Kraft unter meiner Haut vor sich hin brodelten. Bedürfnisse, die nach Tyran schrien und der Verstand, der mir das Gegenteil befahl.
Nicht mehr lange und eine Seite würde gewinnen. Es stellt sich nur die Frage, welche und was für Folgen das hätte.
Ich seufzte, drehte mich um - und rannte fast in Daniel herein, der sich aufeinmal hinter mir aufgebaut hatte. "Ich wollte euch gerade suchen gehen", meinte ich schwach lächelnd. "Habe mich auf den Weg zu den Toiletten etwas... verlaufen." Mein schlechtes Gewissen kehrte schlagartig zurück, weil ich die beiden vorhin stehen gelassen hatte.
Was bin ich auch für ein rücksichtsvoller Mensch.
Daniel ging nicht weiter darauf ein. Seine Augen schauten düster zu mir hinab. "Kann ich mal mit dir reden? Wo mehr Ruhe ist?"
Etwas verwundert schaute ich umher. Auf der Suche nach Reece, aber sein blonder Lockenkopf war nirgendswo auszumachen. "Ohne Reece? Wollen wir ihm nicht vielleicht Bescheid sagen, dass er mitkommen kann?"
"Reece ist schon gegangen", antwortete Daniel knapp, während er seine Hände in den Hosentaschen vergrub.
"Oh." Das kam unerwartet. "Wann denn?"
Er wandte sich von mir etwas ab und fuhr sich über den Nacken. "Gleich nachdem du zu den... Toiletten gegangen bist."
Instinktiv wusste ich, dass er es ausdruckslos sagen wollte. Aber dieses Vorwurfsvolle schwang deutlich genug mit, als wüsste er genau, dass das nur ein lahme Ausrede gewesen ist. "Okay... Und ja, wir können von ihr abhauen, wenn du willst. Wo möchtest du denn hin?"
Schulterzuckend drehte er sich von mir weg, um durch die Menge Richtung Ausgang zu marschieren.
Wortlos folgte ich ihm.
So richtig wusste ich nicht, was mich jetzt erwarten würde. Wenn er mir jetzt eine Predigt über Tyran halten wollte, konnte er sich das sparen. Ich wusste selbst, dass ich mit dem Feuer höchstpersönlich spielte und das alles andere als ungefährlich war.
Nach einer gewissen Zeit hatten wir uns durch dir Leute gekämpft und passierten jetzt wieder nebeneinander hergehend den Ausgang. Ich nickte den Türstehern freundlich zu, bevor ich mit Daniel das Gelände verließ. Gerade, als ich Daniel wiederholt fragen wollte, wo er nun endlich hin wollte, hielt in Vollbremsung ein Auto neben uns.
Tyrans Auto.
Oh...
Das Fenster der Fahrerseite fuhr herunter und er hielt mir meinen schwarzen Hoodie entgegen. "Hier, den hast du vorhin vergessen." Kein Lächeln, kein Strahlen in den Augen, nichts. Ich fragte mich erst, warum aufeinmal, als mir auffiel, wohin er eigentlich schaute.
Zu Daniel, der alles andere als begeistert zurückstarrte. Fast bereit zum Angriff, so wirkte er und fixierte Tyran voller Hass.
"Na dann", meinte dieser schließlich. "Ich wünsch euch noch viel Spaß." Ein Funken Eifersucht funkelte in seinen wunderschönen Augen, dann fuhr er das Fahrerfenster wieder hoch und raste an uns vorbei aus der Sichtweite.
Ich kam nichtmal dazu ihm dafür danke zu sagen.
"Vergiss es, dass ich gesagt habe, wir gehen zu einem ruhigen Ort." Erschrocken von seiner wütenden Stimme drehte ich mich zu ihm um. "Ich halte das nicht mehr aus. Shelby Daffodil, wie kannst du nur so dumm sein und dich auf diesen psychisch kranken Idioten einlassen? Bist du vollkommen durchgedreht?!"
Genaugenommen wollte ich etwas sagen, nur machte er gleich weiter.
"Menschen sind schon gestorben wegen ihm!" Sauer kickte er einen Stein von sich, der mit einem lauten Knall gegen einen alten Container knallte, die alle um uns herum standen. "Er zieht sämtliche Register zum Thema kriminelle Aktivitäten. Und damit meine ich nicht, dass er nur ein paar Drogen vertickt. Der ist bekannt für Brandstiftung und schwerer Körperverletzung bishin zu Morde."
"Ich weiß das doch schon alles!", schoss ich gereizt zurück und gleichzeitig verständnislos über mein eigenes Verhalten. "Verdammt, ich weiß das doch alles!"
Daniel wirkte noch entgeisterter. "Das ist ja noch schlimmer. Scheisse, Shelby, weißt du auch, warum du dich noch mit ihm abgibst?!" Er kickte wieder ein Stein von sich und ließ mich seine Frage gar nicht beantworten. "Weil er ein Meister im Manipulieren ist. Er manipuliert dich, um dich zu behalten. Generell manipuliert er alle Menschen um sich herum, das ist genauso bekannt wie sein Strafregister. Frag Sharret, er manipuliert nicht nur immer im guten Sinne. Er kann Leute richtig fertig machen. So fertig, dass sie im Innern immer mehr zerbrechen. Sharret weiß bestimmt schon so Einiges, seit dem er auf ihre Schule geht."
Gerade wollte ich noch zurückfeuern, dass er mich verdammt nochmal nicht manipulierte. Dass das ganz anders zwischen uns war und ablief.
Aber Sharret und Tyran in Verbindung mit der gleichen Schule in einem Satz ließ mich verstummen.
Ein schrecklicher Verdacht stieg in mir auf.
Hatte die Lösung zu Sharret's Verhalten die ganze Zeit wortwörtlich vor mir gestanden, ohne, dass ich es bemerkt hatte?
Es würde zu alles passen.
Sharret bildete sich schon immer viel auf die Meinungen von anderen Leuten ein und wenn es da aufeinmal jemanden gab, der sie fertigmachte? Das führte exakt dazu, wie sie sich gerade benahm.
Heiliger, es passte perfekt.
Der Zusammenhang zwischen Sharret und Tyran passte perfekt.
Und hatte nicht jemand erwähnt, dass er eine Klasse wiederholen musste? Er war zwar volljährig, aber durch sein massives Fehlen vorher müsste er demnach zurück in den Jahrgang meiner Schwester geschickt worden sein, demnach also auch mit ihr ein paar Kurse zusammen belegen.
Es war überhaupt nicht so, dass ich Tyran in den Schutz nehmen würde. Ich hatte gesehen, wie andere Leute in seiner Gegenwart auf ihn reagierten und es wurde auch nicht aus kleinen Vorfällen, in denen er verwickelt war, so große Sachen gemacht. Nicht, wenn man es wusste und es ihm hundertprozentig zutraute.
Auch wenn er zu mir komischerweise unerklärlich anders war. Das hieß nicht, dass er es zu anderen auch war.
Geschockt von meinen Kenntnissen wichen regelrecht die Beine unter meinem Körper weg. Daniel konnte mich gerade noch so halten.
"Shelby. Alles gut mit dir?" Innerhalb von ein paar Sekunden war er wieder besorgt und fürsorglich. Einfach für mich da. Und ich sollte diese Eigenschaften mehr an meinen Freunden schätzen und sie nicht wegschmeißen für einen Typen, der jeden in dieser Stadt verängstigte.
Mich ab heute miteingeschlossen.
Sooo, neues Kapitel pünktlich zum Updatetermin.
Jetzt habe ich irgendwie wieder voll Bock, noch so eine Highschoolgeschichte mit einem richtig richtig (heißen) miesen Typen zu schreiben.... mhm.
Naja, ich hoffe, euch hat das Kapitel wieder gefallen.
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