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Meine Fingerknöchel traten weiß hervor, als ich mein Handy fest umklammert vor mir hielt. Auf der Unterlippe kauend las ich mir schon zum hunderten Mal den Kontaktaufbau durch. Den Name von Luison, seine Nummer und alles weitere.

Dabei stand ich vor der großen Frage, ob ich ihn anrufen sollte oder nicht.

Ich ließ mir nochmal die Ereignisse von gestern im Kopf durchgehen. Angefangen von hier und dem Gespräch, das ich von Daniel und Reece belauscht hatte, bishin zu der Erkenntnis gestern zwischen den Containern.

Nicht weit von der Halle entfernt, in der ich bis vor kurzen wieder Zeit mit Tyran verbracht hatte.

Und nun hatte sich das Blatt richtig toll dramatisch gewendet.

Nachdem ich mir sicher war, dass ich wieder alleine stehen konnte, wollte ich nur noch nach Hause. Daniel bestand unbedingt darauf mich noch auf dem Weg zu begleiten und ich war auch froh darüber, nur war die Stille zwischen uns wieder unangenehm.

Ich rückte nicht heraus, warum ich kalkweiß im Gesicht kein Wort mehr herausbekommen hatte.

Daniel rückte nicht heraus, weshalb Reece urplötzlich losgestürmt und ihn stehengelassen hatte, um das Gelände zu verlassen.

Im Moment hatten wir viel zu viele Geheimnisse untereinander und solange die wir nicht klärten und wieder mit offenen Karten spielten, würde sich unser Verhältnis untereinander immer mehr verschlechtern, bis es gar kein Verhältnis mehr gab.

Das wäre unglaublich schlimm.

Nur, im Augenblick musste ich das Problem mit Tyran selbst lösen. Wenn ich Reece und Daniel davon erzählen würde, wollte ich mir die Ausmaßen und ihre Reaktionen gar nicht vorstellen. Ganz und gar nicht.

Gestern bin ich erstmal total müde ins Bett gefallen. Den Samstagmorgen hatte ich mit Putzen verbracht und meine Wut am Putzschwamm und den Staubtüchern ausgelassen. Später hatte ich einen erneuten Versuch gestartet, irgendetwas aus Sharret herauszubekommen, weil sie ausnahmsweise mal zu mir ins Zimmer gekommen ist.

Aber das ging gründlich nach hinten los.

Sie blockte wieder ab, schmiss die Tür hinter sich zu und verschanzte sich in ihrem eigenen Zimmer. Nichtmal zum Abendbrot wollte sie mit uns vorhin essen. Mum und ich saßen alleine am Tisch und schlürften eine dieser Dosensuppen. Sie jammerte dabei über ihre Arbeitskollegin, die sie wohl jeden Tag mit Vorträge über die Serie Riverdale vollplapperte und wen sie am meisten shippte.

Gerne hätte ich ihr gesagt, was meine Probleme gerade sind und das die mit ihren nicht wirklich zu vergleichen waren.

Aber ich blieb stumm.

Genauso stumm wie ich jetzt meinen Handybildschirm anguckte, dessen Licht einen Teil meiner Hände erhellte. Meine Deckenlampe und die Lichterkette an meinen Bett sind ausgeschaltet und draußen ist es schon lange dunkel geworden. Regentropfen glänzten an den Fensterscheiben und verrieten, dass der Herbst immer mehr Einzug genommen hatte.

Nachdenklich konzentrierte ich mich wieder auf den Namen Luison.

Es half nichts, wenn ich wirklich etwas verändern wollte, dann musste ich langsam mal ein paar Hebel in Bewegung setzen.

Wie von alleine berührte mein Daumen den grünen Hörer.

Es piepte ein paar mal und mit jedem Piepton wurde ich nervöser. Als Luison abnahm dachte ich, jetzt war ich mit meinen Nerven endgültig am Ende.

"Shelby. Was gibt es? Was für ein Problem hast du?"

Ich räusperte mich leise. "Hi, Luison. Ich..." Wieder räusperte ich mich mühsam. "Ich... muss da etwas wissen."

Stille. "Ist alles okay bei dir?"

Sofort nickte ich, bis mir auffiel, dass er ja das gar nicht sehen kann. "Ja", schob ich deswegen hastig hinterher.

Es herrschte wieder eine kurze Ruhe, bis Luison zu hören war. "Okay... Und was genau möchtest du wissen?"

Hoffentlich würde er mir jetzt die richtige Antwort liefern. "Weißt du zufällig, wo Tyran Argento sich gerade aufhält? Ich muss dringend mit ihm sprechen und es ist sehr wichtig."

Ein Seufzen am anderen Ende der Leitung. "Du hast seinen Namen also tatsächlich herausbekommen, hm?"

"Ja", entgegnete ich ehrlich.

"Und ihn wahrscheinlich noch ein paar mal getroffen?"

Mit meinen Fingern der freien Hand zeichnete ich Muster auf meiner Bettdecke. "Auch ja, aber eher zufällig."

"Bei ihm existieren keine Zufälle", antwortete Luison todernst. "Ich bitte dich. Was auch immer du mit ihm hast - und ich weiß, dass ihr was miteinander habt, ich habe das schon im Club bemerkt - beende das mit ihm besser. Es ist zum Scheitern verurteilt."

Ich schwieg.

Es ist zum Scheitern verurteilt.

Das ist es wohl langsam tatsächlich.

"Ich weiß...", sagte ich leise. "Ich weiß. Nur darum geht es aber nicht."

"So, worum denn dann? Verstehe mich, Shelby. Ich werde dir nicht für ein paar Treffen mit Tyran verraten, wo er gerade ist. Dazu ist das zu gefährlich. Rück mal heraus mit dem wichtigen Grund."

Ich war es langsam leid, immer wieder hören zu müssen, wie gefährlich Tyran war. Auch wenn es stimmte, nur es hing mir sowas von zum Hals heraus. Deswegen rückte ich auch geradewegs mit dem Grund heraus, um mir weitere Vorträge zu ersparen. "Ich glaube, dass er meine Schwester fertig macht. So richtig."

"Was? Er macht dei-" Er unterbrach sich, weil im Hintergrund laute Stimmen aufeinmal laut umherschrien. "Scheisse", fluchte er gleich darauf.

"Was ist denn bei dir los?", fragte ich besorgt.

Er seufzte erneut. "Alles gut. Es gibt nur ein paar Meinungsverschiedenheiten. Ich muss gleich nochmal mit zu der Versammlung. Ohne mich eskaliert es da noch."

Bevor er auflegen wollte, fiel mir wieder der Grund ein, warum ich ihn angerufen hatte. "Kannst du mir jetzt bitte sagen, wo Tyran ist?"

"Okay'", sagte Luison widerwillig. "Ich sage es dir. Aber auch nur, wenn du mir vorher Bescheid gibst, solltest du ihn jetzt bald besuchen wollen. Er hat eine meiner Wohnungen über meinen Club gemietet."

Das hatte ich jetzt nicht erwartet. "Okay, gut. Danke dir."

"Vergiss nicht, was ich dir gesagt habe. Pass auf dich auf", meinte er im ernsten Tonfall, dann legte er auf.

Jetzt war ich um Einiges an Wissen reicher.

Trotzdem so ratlos wie vorher.

Jetzt hinzufahren wäre eine schlechte Idee. Es war ziemlich spät, kalt war es draußen, es regnete und ich konnte mein ganzes Geld nicht immer für Bustickets verschwenden. Mein Buspass galt nicht für die gesamte Stadt, sondern nur für einen Teil. Und das Strafgeld beim Erwischen, wenn ich schwarz fuhr, wollte ich nicht so gerne bezahlen.

Nein, es würde besser sein, wenn ich jetzt das Wochenende erstmal Zuhause blieb und mich versuchte irgendwie von dem ganzen Schlamassel abzulenken.

Morgen könnte ich zum Beispiel nach langer Zeit wieder im Park morgens joggen gehen, das hatte ich die letzten Wochen immer ziemlich vernachlässigt. In meinen Augen machte Parcours meinen Körpet genug fit. Jedoch wollte ich auch wieder zur Musik vor mich hertappeln.

Ich legte mein Handy neben mir hin und ging ins Bad, um mich zu duschen und die Zähne zu putzen. Danach gesellte ich mich wieder zu meinem Bett und stellte mir einen Wecker um halb sechs.

Morgen war erstmal Ruhe angesagt und die war bitter nötig.


Ein kleines Überbrückungskapitel :)

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