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Shelby
"Warum bist du schon wieder so spät, Schatz?" Meine Mom warf mir einen verärgerten Blick zu, als ich meinen Hausschlüssel in die Schale warf, um dann zu ihr in die Küche zu gehen.
"Der Besuch auf dem Revier hatte länger gedauert, als gedacht. Tut mir leid."
Sie hob eine Augenbraue hoch, was sie so gut wie immer machte, wenn sie jemanden etwas nicht glaubte. "Eine bessere Ausrede ist dir jetzt nicht eingefallen oder? Du und die Polizei. Nie im Leben. Warum solltest du bitte festgenommen werden?", fragte sie im belustigten Tonfall. "Jetzt mal ehrlich. Was war der wirkliche Grund?"
Es ist immer wieder schön, wie sehr sie mich ernst nahm.
Ich lächelte nur wissend und suchte mir ein Glas aus dem Schrank heraus, das noch ohne Kratzer existierte. "Es gab kleine Schwierigkeiten."
Mom seufzte. "So wie immer?"
So wie immer, wenn ich auf dem Revier war.
Stumm nickte ich nur, während ich mir Pfirsicheistee in das Glas eingoss. Meine Augen wanderten zum Topf, in dem sie rührte. "Machst du Chili Con Carne?"
"Sagen wir es mal so. Ich habe es versucht", lachte sie. "Aber in der Zwischenzeit, in der ich die Wäsche aufgehangen habe und mich unsere Nachbarin Rosy wiedermal in ein Gespräch verwickelt hat, ist das Zeug hier angebrannt."
"Ah."
Diese Ausrede benutze ich auch immer, nur wechsel ich nach Belieben den Namen und die Tätigkeiten aus.
Ich ließ mich auf einen der quietschenden Küchenstühle nieder, zur gleichen Zeit kam meine ein Jahr jüngere Schwester Sharret in die Küche. Aber nicht leicht tänzelnd wie sonst, sondern merkwürdig niedergeschlagen. Als sie merkte, dass wir ihr ungewöhnliches Verhalten, Mom sowohl auch ich, bemerkten, lächelte sie uns breit an.
Es war eines dieser Grinsen, bei dem einen die Mundwinkel mitwehtaten, ohne, dass man etwas machte.
"Hi, Shelby. Wie war so dein Tag?"
Stirnrunzelnd stellte ich sehr langsam mein Glas auf dem zerschrammten Tisch ab. "Willst du von deinem Tag ablenken?", hakte ich skeptisch nach.
"Nö."
Haha, ja klar.
"Aprospos heute. Wie war denn so bei euch beiden die Schule? Shelby? Hast du schonmal für die nächste Prüfung gelernt?", fragte Mom interessiert.
Ich verzog mein Gesicht. "Ewww, nee."
"Ich schon", lenkte Sharret von mir ab, worauf ich sie nur dankar anlächelte, gleichzeitig aber auch wieder ein lautes Seufzen unterdrückte. Niemand in dieser Gegend als Schülerin ist motivierter als meine Schwester. Ich würde auch gerne mal die Tabletten nehmen, die sie jeden Morgen heimlich inhalieren musste. "Mathe steht übermorgen an, aber das Zeug ist echt leicht."
Ihr Ernst? Ich wünschte, ich könnte das auch irgendwann mal so richtig stolz behaupten. Aber das wird nie vorkommen, da war ich mir hundertprozentig sicher.
Mom rührte zufrieden mit einem Schmunzeln auf den Lippen weiter im Topf herum. Ich hörte bis hierher, dass sie das Angebrannte auch mit vom Boden kratzte.
Na lecker.
"Das ist schön, dass es so bei dir so gut in der Schule klappt, Sharret. Und Shelby? Hast du auch irgendetwas Neues zu berichten?" Interessiert sah Mom zu mir.
Ich schürzte die Lippen und schlug mein rechtes Bein über das linke. "Nö."
Sharret schnaubte nur ungläubig, während sie abwinkte. "Aber natürlich. Ich habe gehört, dass du an deiner Schule mit zu den beliebtesten Leuten gehörst, du richtig viele Bewunderer für deine Art hast und dieser eine heiße Quarterback, ich glaube, der heißt Kieron, auf dich steht. Also jetzt behaupte mal nicht, bei dir gibt es nichts Neues."
Überrascht blinzelte ich. "Ja, also... ist ja schön, dass ich sowas immer von denjenigen erfahre, die nicht auf meine Schule gehen. Aber manche Sachen sind da schon etwas weit hergeholt, findest du nicht auch?"
Mom's Blick flog nur so zwischen uns hin und her.
"Was soll bitte daran weit hergeholt sein, Shelby?", fragte Sharret nicht sehr überzeugt nach, mit einer Hand strich sie sich ihre hellblonden schulterlangen Haare etwas zurück. In meinen Ohren klang sie auch zusätzlich etwas gereizt.
Gereizt wegen was? Das passte gar nicht zu ihr.
Ich trank erstmal wieder einen Schluck, bevor ich antwortete. "Fangen wir mal mit der Beliebtheitsskala an. Die Beliebten sitzen klischeehaft am Tisch zusammen mit den Footballspielern und sind für gewöhnlich Cheerleader. Und weil ich beides hasse, Cheerleading und Football, habe ich mit den ganzen Schnöseln schonmal gar nichts zu tun. Mit anderen Mädchen komme ich erst recht nicht klar, weshalb eine Freundschaft zufällig im Unterricht entstanden gar nicht erst passiert. Tja und deshalb sitze ich dort gar nicht am Tisch, was wiederum heißt, ich gehöre nicht zu den Beliebten. So und Bewunderer? Leute bewundern mich? Ich, die immer mit schlechter Laune herumläuft, in jedem Fach außer Kunst und Sport schlecht ist und dezent beschissene Beziehungen zu manchen Lehrern führt? Das sollen die bewundern? Jetzt mal ehrlich. Ja und Punkt oder wohl eher Gerücht drei kann auch nicht wirklich stimmen, weil die Argumente vorher alles schon hier an dieser Stelle belegen. Finde ich persönlich auch nicht schlimm", endete ich schulterzuckend mit meiner ausführlichen Aufzählung.
Sharret's Gesicht war aufeinmal tiefrot angelaufen und ihre hellgrauen Augen funkelten mich wütend an. "Siehst du! Du verstehst es einfach nicht! Viele wären so wie du! Deswegen bewundern sie dich! Dir ist es egal, was andere von dir halten, du lebst einfach deins weiter und genau das macht dich für alle besonders! Leute, die sich viel aus dem Gerede machen, die haben es viel schwieriger!" Sie drehte sich auf den Fersen um und rannte geräuschevoll in ihr Zimmer.
Mit offenstehenden Mund guckte ich hilfesuchend zu Mom. "Was zur Hölle ist denn mit ihr in den letzten Stunden passiert?"
Mom schob vorsichtig den Topf vom Herd herunter, unterbrach aber nicht den Blickkontakt. "Ich habe keine Ahnung."
Irritiert starrte ich wieder die Küchentür an. "War sie vorhin auch schon so, Mom?"
"Naja. Etwas anders schon. Sie war eben sehr ruhig, aber ich dachte, das hing damit zusammen, dass sie wieder für irgendetwas lernen musste. Aber meine Vermutung trifft wohl auch nur zur Hälfte zu", entgegnete sie nachdenklich.
"Mhm."
In unserer Familie hatte schon jeder irgendwie seine Geheimnisse gehabt. Meine Oma verheimlichte meinem Opa, dass ihre alte Jugendliebe direkt gegenüber wohnt und sie sich jeden Samstag mit ihm traf, wenn mein Opa zum Golf spielen ging. Mein Erzeuger hatte drei Affären mit drei komplett unterschiedlichen Frauen und gleichzeitig eine Ehe mit Mom. Ich hielt geheim, dass ich öfter mal auf die falsche Schiene geriet und der Polizei gar nicht mehr so unbekannt bin. Und jetzt hatte meine Schwester wohl auch etwas, was sie uns nicht sagen wollte. Oder nicht erzählen konnte.
Aber alles kommt irgendwann mal an das Tageslicht.
Da musste Oma mit der mangelnden Kommunikation in den letzten Jahren zwischen ihr und Opa klarkommen und Dad erfahren, dass Mom die Scheidung eingereicht hatte. Ich bange jetzt schon auf den Tag hin, an dem mich mal mein Glück im Stich ließ und ein Cop bei Mom wegen meinem vorbildlichen Verhalten anrief. Den Tag jedoch, an dem ich herausbekam, was nun mit meiner Schwester passiert ist, den kann ich nicht erwarten.
Etwas Schönes war aufjedenfall nicht der Auflöser für ihre Laune.

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