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Sharret
Der Schulgong ertönte und gleichzeitig zuckte ich heftig zusammen.
Während die anderen diesen Sound als Erlösung von dem Unterricht ansahen, bedeutete es für mich nur wieder eins.
Flucht vor ihm und seinem Zorn.
Und dieser Gedanke, nein, eher diese hundertprozentige Vorahnung, trieb mir einen eisigen Schauer über meinen Rücken.
Alles wird gut. Alles wird gut.
Ich biss die Zähne fest aufeinander und griff mit zittriger Hand nach meinem Mathebuch. Die anderen hatten schon längst ihre Sachen zusammengepackt. Auch Iben, meine mehr oder weniger gezwungene Banknachbarin, schulterte schon ihre riesige Fake Louis Vuitton Tasche, schenkte mir ein kurzes falsches Lächeln, bis sie hüftschwingend den anderen aus dem Raum folgte.
Wieder holte ich tief Luft.
Verdammt, Sharret. Alles wird gut. Er hat dich nur einmal so behandelt. Welche Garantie gibt es, dass er es wieder so machen würde?
Und du hast dafür etwas Gutes getan. Du hast jemanden vor ihm gerettet.
Mein Blick huschte zu seinem nun leeren Platz. Seltsamerweise hatte sich dieser nicht wirklich lerninteressierte Typ in die erste Reihe gesetzt, auf der linken Seite und somit direkt an eines der Fenster.
Unruhig strich ich mir eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht, nachdem ich meinen Hefter und meine Federtasche auch noch in die Tasche hereinsortierte.
Vielleicht war er nicht mehr da.
Ich schluckte, setzte mir meine Tasche auf und stellte als Letzte im Raum den Stuhl hoch, wobei ich mich wieder etwas unelegant anstellte und er mir auf der anderen Seite fast herunterfiel.
"Ms Daffodil, sie sollten sich jetzt wirklich beeilen."
Mrs Hennigs schaute mich ungeduldig an und tippte dabei mahnend auf ihre klobige Armbanduhr. Die wirren grauen Haare, die sie nie streng zurückband, standen ihr an manchen Tagen so von dem Kopf ab, dass ihre Frisur Ähnlichkeiten mit der von Albert Einstein hatte.
So wie heute zum Beispiel.
Normalerweise hätte ich das lustig gefunden, aber meine Angst, was nun wieder passieren könnte, würgte sämtliche sonst spürbaren Emotionen ab. Außer meiner Angst fühlte ich nur Leere, nichts weiter.
"Ja, ich bin schon weg. Auf Wiedersehen, Mrs Hennigs." Ich nickte ihr zu, bevor ich mit gesenkten Kopf an ihr vorbeirauschte. Hinter mir hörte ich, wie sie geräuschevoll die Tür abschloss, dann dackelte sie auf ihren klackernden Hackenschuhe in die andere Richtung davon und ich stand völlig allein im Gang.
Meine schnellen Atemzüge waren bis auf ein wenig weit entfernte Stimmen das Einzige, was ich um mich herum hören konnte.
Er wird schon weg sein. Alles wird gut.
Ich lief langsam los und mit jedem Schritt, den ich mich dem Ausgang näherte, wurden meine Knie weicher. Die Glastür des Ein- und Ausgangs der Westwood High zeigte einen leeren Schulhof. Nur ein paar Fahrräder lehnten noch am Zaun und der Wind trieb die alten Blätter umher.
Keine Spur von ihm.
Etwas erleichtert stieß ich die Tür auf und setzte meinen Weg zu einem roten, etwas verrosteten Fahrrad fort. Eine starke Luftbrise blies mir meine Haare ins Gesicht, weswegen ich den Zahlencode nicht mehr wirklich erkennen konnte. Gerade, als ich meine Hand heben wollte, um mir die Strähnen wegzustreichen, zog mich etwas an der Tasche herum.
Sämtliche Luft entwich meinen Lungen.
Und da war er.
Dunkelbraune Haare lugten etwas unter seiner schwarzen Kapuze hervor, die er sich aufgesetzt hatte und lässig hatte er die Hände in seiner Jeansjacke, die er darüber anhatte und die seinen trainierten Körper noch mehr betonte, vergraben. Die Augen, die manchmal wie fast pures Gold funkelten, jetzt aber mehr den Farbton von hellem Bernstein angenommen haben, starrten mich voller Verachtung und Hass an.
Ich war froh, dass ich ihm, seit er hier auf unsere Schule gewechselt ist, so gut wie möglich aus dem Weg gehen konnte und somit seine Launen und Gehässigkeiten, die er an andere ausließ, nicht ertragen musste.
Doch leider hatte ich mich beim letzten Mal bei etwas eingemischt, was ich lieber nicht hätte machen sollen.
Zwar war er derjenige mit dieser... gewissen unerklärlichen Ausstrahlung, die einen in die Knie zwang. Und der gefährliche und somit total interessante Typ aus London. Aber er war auch derjenige, der eigentlich schon seit einem Jahr in unseren Bundesstaat war, aber Gerüchten zufolge ein halbes Jahr in Untersuchungshaft mit Verdacht auf Mord gesessen hatte.
Ich war mir sicher, dass an diesen Spekulationen etwas dran war, wenn ich mir die Situation von letztes Mal ins Gedächtnis rief, bei der ich leider unfreiwillig Zuschauer war.
Was wäre passiert, wenn ich nicht dazwischen getreten wäre?
Meine Beine fingen unkontrolliert zu zitterten an.
Tyran Argento hob arrogant einen Mundwinkel an. "Was ein Zufall aber auch, dass ich dich hier treffe." Seine Stimme triefte nur so vor Sarkasmus und dieser gewissen Unterton, den er immer bei mir hatte, war nicht zu überhören.
"B-bitte", flehte ich ihn mit erhobenen Händen an. "Lass mich bitte einfach in Ruhe, ich halte mich aus deinen Sachen heraus, versprochen. Ich mache gar nichts mehr-"
"Du lügst doch", fauchte er, gleichzeitig kam er mir einen Schritt dichter. Sein leider sehr angenehmes Aftershave umhüllte mich kurz. "Natürlich würdest du dich immer wieder einmischen, wenn du die Gelegenheit bekommen würdest, Sharret." Er sprach meinen Namen aus, als wäre es eine schlimme Beleidigung. In seinen Augen wurde dieser lodernde Hass immer größer und größer.
Und mit ihm meine Angst.
Langsam wusste ich nicht mehr, ob ich meine Entscheidung vom letzten Mal bereute oder nicht. Ich wusste gar nichts mehr.
Ich spürte schon, wie sich in meinen Augenwinkeln die ersten Tränen vor Hilflosigkeit ansammelten. Leider bekam ich bei solchen Situationen immer viel zu schnell meine Panikattacken. "B-bitte, Tyran-"
"Wag es ja nicht, dich noch einmal mit mir anzulegen oder mir hinterher zu spionieren", zischte er und sein Kiefer spannte sich an. Fordernd durchbohrte mich wieder sein verachtender Blick. "Ob du es verstanden hast, will ich wissen."
Meine Kehle fühlte sich trocken an und mein Herz schlug mir bis zum Hals.
Seine Hand schoss blitzschnell hervor, um ein Stück meines Kragens zu greifen, allerdings beließ er es dabei und zog mich nicht zu sich. "Antworte mir", knurrte er drohend.
"J-ja", stammelte ich, die erste heiße Träne lief mir über meine kalte Wange. "I- ich habe dich verstanden."
Er kniff skeptisch die Augen zusammen, dann ließ er mich ruckartig los, aber nicht ohne mich mit etwas Schwung zurückzustoßen, womit ich nicht rechnete, und daher mit dem Rücken schmerzhaft gegen mein Fahrrad stieß.
Aufzischend atmete ich ein.
Tyran starrte mich nach wie vor an. "Wo ist eigentlich deine Stärke vom letzten Mal hin, Sharret? Wenn man schwach ist, dann versteckt man das vor Leuten wie mir, denn die nutzen dann deine sogenannte Schwäche bis ins kleinste Detail aus", sagte er spöttisch. "Das hast du, denke ich, das letzte mal perfekt als Beispiel geliefert bekommen."
Ohja und wie verdammt Recht er damit hatte.
Ich traute mich ihn gar nicht mehr anzusehen, doch da hatte ich die Rechnung ohne ihn gemacht.
Unsanft drehten seine Finger an meinem Kinn mein Gesicht in seine Richtung. "Ich behalte dich im Auge, denn du weißt nicht im Entferntesten, was für einen Fehler du da gemacht hast." Wütend sah er mich lange an. "Du schuldest mir nun was."
"Ich - Entschuldigung, entschuldigung, ich lass dich in Ruhe, wirklich... versprochen", flüsterte ich vollkommen eingeschüchtert.
"Ich glaube dir nicht." Er nahm seine Finger von meinem Kinn weg und steckte sie diesmal in die Taschen seiner zerissenen schwarzen Jeans. "Ich glaube dir kein Bisschen." Mit einem letzten warnendem Blick in meine Richtung, wandte er sich ab.
Mein Herz setzte aus aus, als sein intensiver Blick mich ein letztes Mal traf.
Alles wird gut?
Alles wird gut ?!
Vergiss es, Sharret. Ab jetzt wird nichts mehr gut.


Hiiiii.
Nach einer langen Pause, Dark Room hat mich sehr beschäftigt, habe ich mich dazu entschlossen, dass diese Story mal wieder unbedingt weitergeschrieben werden muss. Und Guys, ihr seid so lieb. Das Buch hat schon 4K Reads. Dankeschön.
Erste Eindrücke zu Tyran und Sharret?
♡
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