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Shelby
Gelangweilt kaute ich auf meinem Kaugummi herum und beobachtete den Officer vor mir, der betont ruhig ein paar Unterlagen zusammen suchte, um dann laut seufzend den Blick von den Papieren zu heben. "Das wie vielte Mal seid ihr jetzt schon hier?"
Mein langjähriger bester Freund grinste ihn breit an. "Das neunte Mal. Nächstes Mal findet das zehnmalige Jubiläum statt."
Belustigt verdrehte ich nur die Augen.
Das ist so typisch Reece. In jeder noch so ernsten und beschissenen Situation den Spaß noch irgendwo unter dem Teppich hervorkehren und die Leute damit dann in den Wahnsinn zu treiben.
Der Officer, Mr Denver, schaute ihn reichlich genervt an. "Das ist nicht witzig. Wie oft soll ich euch noch ohne Strafen davon kommen lassen? Beim zwanzigmaligen Jubiläum oder wie?"
"Machen sie, rein aus Vorsichtsmaßnahmen, fünzigmaliges Jubiläum daraus. Dann haben wir noch ein wenig Puffer", antworte Reece lächelnd.
Mr Denver knallte seine bunte Kaffeetasse, aus der er gerade getrunken hatte, mit voller Wucht auf den zerkratzten Holzschreibtisch. "Ehrlich, ich schätze freundlichen Besuch sehr, aber ihr alle seid schon lange zu weit gegangen." Dabei guckte er nicht nur mich und Reece böse an, sondern auch Daniel, der bis jetzt noch gar nichts gesagt hatte und wie üblich den Polizist nur angriffslustig anfunkelte.
"Meinten sie nicht erst, es wäre toll, wenn die heutige Jugend mal ein wenig Sport treibt?", bezog ich die Aufmerksamkeit auf mich, da ich nicht genau einschätzen konnte, wie der Schrank auf Daniel's provokante Art reagieren wird.
Das war auch eine Vorsichtsmaßnahme.
Der letzte Cop ist wegen Daniel richtig ausgetickt, weshalb wir später fast noch eine Anzeige auf Körperverletzung bekommen hätten, obwohl wir nur Daniel vom Cop wegholen wollten, da beide beide wie die Verrückten auf sich eindrischten und die Kollegen, die wegen des Krachs einen Blick ins Büro geworfen hatten, die komplette Situation sowas von falsch einschätzten.
Mr Denver zerdrückte mit einer Hand eine Weintraube, die er aus seiner Brotbox herausgeholt hatte.
Verschwendung.
Aber ziemlich gewöhnungsbedürftig, dass das seine Art von Aggressionsbewältigung oder Frust war.
"In der Regel ist das in der Tat positiv und wenn ihr euren Parcourszeug mal woanders machen würdet, dann würde das auch keine großen Probleme mit sich bringen. Aber ihr drei Trottel begibt euch ja immer auf unbefugtes Gelände."
"Sie sind ja wohl ein Trottel, schließlich-"
Ich trat Daniel gegen das Schienbein, worauf er murrend verstummte.
"Weil das einfach so einen gewissen Kick hat", übernahm Reece an dieser Stelle. "Das ist doch auch wieder besser, als wenn wir Drogen und Alkohol konsumieren. Nicht, Sir?"
Der Officer grummelte etwas Unverständliches vor sich hin.
Wir drei tauschten untereinander einen zufriedenen Blick aus, da wir es wieder geschafft hatten, einen Polizisten dumm und dämlich zu quatschen. Bis jetzt ging unser Plan relativ gut auf.
"Okay. Ich werde euch jetzt gehen lassen, aber ab nun werde ich eine Strichliste führen. Und bei weiteren fünf Strichen dürft ihr mal eine Nacht im Jugendknast verbringen. Sozusagen als Lehre. Verstanden?" Abwartend musterte der Cop uns nacheinander, worauf wir mit einem innerlichen Jubelgeschrei, nach außen aber die ausdruckslosten Mienen zu Tage beförderten, nickten. "Gut. Dann bis auf kein Wiedersehen."
Gespielt artig schüttelten wir ihm alle noch die ausgestreckte Hand, bevor wir im Gänsemarsch das Büro verließen.
In der Eingangshalle und im Wartebereich zogen wir die Blicke der gesamten Leute auf uns. Reece war interessant, weil er mit seinen goldenen Locken und dem trainierten Körper wie ein Gott aussah. Ein Gott, der kaputte Jeans und ein enges weißes Shirt anhatte. Aber Daniel starrte man genauso an, weil er mit der langen Narbe, die sich einmal über seine Wange zog, den fast schwarzen Augen und den kurzen dunklen Haaren das komplette Gegenteil zu Reece bildete.
Ja und dann war da noch ich.
Die viel zu selbstbewusste Zicke mit den magentaroten Haaren, die wegen ihrer Frisur ein halbes Vermögen hingeblättert und die einen ausgeflippten Style hatte und die unangenehme Eigenschaft besaß, nicht mit anderen Mädchen zurechtzukommen. Die einzige Ausnahme war meine Schwester, sonst bestand meine Gesellschaft nur aus den beiden Jungs, die neben mir liefen.
Genervt von dieser Anglotzerei, schmiss ich schon fast aggressiv meine Haare über die Schulter, fasste meine Freunde an ihre Handgelenke und zog sie zügig Richtung Ausgang. Doch Reece musste mir mal wieder einen Strich durch die Rechnung machen, indem er mich, und dadurch auch Daniel, nach links schleifte.
"Sorry Leute, aber ich gönne mir den Luxus jetzt hier noch und hole mir einen kostenfreien Kaffee", rechtfertigte er sich.
Daniel schnaubte abfällig. "Bitte. Gönne dir nochmehr Bakterien aus dieser hässlichen Maschine."
"Na und? Besser, als jeden Morgen Kakao mit Honig zu trinken oder? Dass du noch keinen Zuckerschock hattest, wundert mich ehrlich gesagt total", konterte Reece augenblicklich zurück.
"Jungs", warf ich entnervt ein.
Beide verstanden, was ich meinte.
Daniel schüttelte nur nochmal verächtlich den Kopf und stützte sich leicht an meiner Schulter ab, während Reece, strahlend wie ein kleines Kind, einen Becher an der Maschine positionierte und entzückt auf den Knopf zur Zubereitung drückte.
"Er ist irgendwie gruselig", raunte mir Daniel zu.
Ich beobachtete mit hochgezogenen Augenbrauen, wie Reece unruhig vor dem Automat umher sprang und dabei mit einer Zuckertüte in der Luft umherwedelte. "Ja. Aber lass ihn seinen Spaß."
"Ich will aber nicht als Betreuer eines unterentwickelten Jugendlichen gelten. Was denken die anderen dann bitte, warum wir auf dem Revier waren? Weil er ein Dreirad eines Dreijährigen vergewaltigt hat?"
Vielsagend guckte ich in Daniel's dunkelbraunen Augen. "Warum nimmst du nicht die Variante, dass er dem Dreijährigen einfach den Lolli geklaut hat? Warum gleich Vergewaltigung?"
"Schon vergessen? Reece wird garantiert keinen Lolli klauen, wenn er vor kurzen fast erst an einem erstickt wäre", erklärte er mir schmunzelnd.
Der Geruch nach Kaffee stieg mir in die Nase.
"Wir können los", meinte Reece fröhlich. "Ach und Daniel. Warum soll ich bitte ein Dreirad vergewaltigen?"
"Woher soll ich das wissen?"
Diesmal konnte ich beide erfolgreich aus der Wache schieben, da sie zu sehr damit beschäftigt waren, sich gegenseitig anzumotzen. "Leute, können wir uns bitte beeilen? Meine Schwester braucht heute noch Hilfe in Kunst und ich will das Abendbrot nicht verpassen."
"Jaja", entgegneten Daniel und Reece synchron, was mir ein lautes Lachen entlockte.
Achja, beide sind einfach Zucker.

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