~ 4 ~
"Entschuldigung, aber kannst du kurz vor die Tür gehen. Ich möchte kurz mit der Patientin allein sprechen.", sagte der Arzt, ein paar Stunden nach dem Unfall. Nick nickte und drückte noch einmal Marlenes Hand bevor er ging. Einige Minuten später verließ der Arzt wieder das Krankenzimmer. "Geh rein. Sie wird dich brauchen.", sagte er nur und klopfte ihm auf die Schulter. Nicks Herzschlag beschleunigte sich. Es hörte sich überhaupt nicht gut an.
Sanft klopfte er an die Tür, bevor er sie öffnete und eintrat. Marlene saß von ihm abgewandt und schaute aus dem Fenster. Langsam ging er um das Bett. "W-Was hat er ge-gesagt?" Eine Antwort brauchte er nicht, als er Marlenes Tränen sah.
Die nächste Stunde saßen sie schweigend da. Nick hielt sie im Arm und wiegte sie sanft hin und her. Schließlich berührte Marlene seine Hand und er löste sich etwas von ihr, aber hielt sie noch so, dass sie sich sicher in seinen Armen fühlen konnte. "Ich habe zum Glück nur eine leichte Gehirnerschütterung.", fing sie an. "Aber auf den Bildern meines Gehirns haben sie noch etwas anderes entdeckt." Nicks Augen weiteten sich und sein Herz fing wieder an zu rasen. Sie schloss die Augen. "Ich habe Gehirnkrebs und... und er..." Sie fing an zu weinen und Nick schloss sie wieder fester in die Arme. "Schhhhh....", machte er nur, um sie zu beruhigen, aber ihm selber rollten die Tränen auch in Strömen runter. Marlene schniefte. "Er ist schon zu weit fortgeschritten und sie können nichts mehr tun." Nick drückte sie noch fester an sich. "Schhhh....". Eigentlich wollt er ihr sagen, dass alles gut sei, aber es war alles andere als gut.
"Oh mein Gott, Baby!" Marlenes Eltern sind gerade ins Zimmer gekommen. Nick löste sich von seiner Freundin und übergab sie ihrer Mutter, in deren Armen sie noch heftiger zu schluchzen anfing.
Nick ging mit wackeligen Beinen an der Wand gestützt aus dem Zimmer. Plötzlich packte ihn eine starke Hand und drehte ihn um. Es war Marlenes Vater, dessen Gesicht nichts als Panik zeigte. "Was ist passiert. Wir haben nur gehört, dass sie im Streit mit einem anderem Mädchen die Klippe runtergefallen war." Nick nickte stumm. "Aber es geht ihr gut?" Nick nickte wieder und schüttelte dann sofort den Kopf. "Nick.", drang ihr Vater ihn. Nick öffnete den Mund. "E-Es tut mir L-Leid..." Der Vater schaute frustriert. "Nick, kannst du mir sagen was..." Weiter kam er nicht, weil seine Frau nach ihm rief.
Wie gelähmt stolperte Nick zu einem der Stühle, die im Flur standen, und ließ sich auf ihn fallen. Er legte sein Gesicht in die Hände, wo er zu schluchzen anfing. Wieso? Wieso mussten alle Menschen, die er liebte so früh von ihm gehen? Wieso?!
Die Wochen vergingen und Marlene gewann ihr Lächeln zurück, auch wenn es nicht das selbe Lächeln war, dass Nick an ihr so liebte. Es war ein Lächeln, aber es zeigte mehr Trauer als Freude.
"Danke, dass du mich jeden Tag besuchst.", sagte Marlene, als Nick wie jeden Tag bei ihr im Krankenhausbett lag und sie in den Armen hielt. "D-Du brauchst dich nicht zu be-bedanken. D-das ist doch selbstverständlich.", antwortete er und küsste sie auf den Kopf. "Dein Stottern geht immer mehr weg.", sagte sie. "Versprich mir, dass wenn ich nicht mehr bin, du weiter daran arbeitest." Nick schluckte hart. Er hatte sie schon oft gebeten nicht über ihren Tod zu sprechen, aber letztendlich gab er es auf. Er glaubte, dass es vielleicht so einfacher für sie sei, wenn sie offen darüber sprach. Zumindest hoffte er es für sie.
Plötzlich fing sie an zu schluchzen. "Marli?" Sie drehte sich um und drückte ihr Gesicht in seine Brust. "Ich will nicht sterben.", sagte sie leise. "Wieso passiert mir das? Ich will noch nicht sterben." Nicks Herz verkrampfte sich und ihm entfloh schon die erste Träne. Da er nichts sagen konnte, drückte er sie einfach fest an sich, in der Hoffnung, dass sie sich bald wieder beruhigte.
Einige Tage später wurde Marlene in ein Hospiz gebracht. Da es nicht, wie das kleine Krankenhaus, in ihrem Dorf war, musste Nick jedesmal mit dem Bus in die nächste Stadt fahren, was auf Dauer finanziell zu einem Problem wurde. Also wurden die Besuche notgedrungen auf einmal in der Woche verringert, außer Marlenes Eltern nahmen ihn mit, und sonst waren ihre Unterhaltungen auf das Telefon beschränkt.
"Wie g-geht es dir?", fragte Nickt, als er sie wieder einmal besuchte. Sie lächelte. Ihr Lächeln hatte sich wieder etwas verändert. Seit Marlene in diesem Hospiz war, war etwas von dem alten Glanz in ihre Augen zurückgekehrt. "Gut. Ich hänge zwar jetzt an diesem Schlauch, aber es ist irgendwie einfacher mit Leuten zusammen zu sein, die das selbe Schicksal erwartet." Nicks Augen wanderten über das Kabel, das aus Marlenes Arm kam. Man hatte angefangen ihr das Schmerzmittel direkt in den Blutkreislauf einzuführen, da Tabletten nicht mehr gut genug wirkten und man wollte ihr nicht den Arm mit Spritzen zerstochern.
Marlene lehnte ihren Kopf an seine Schulter. "Ich danke dir dafür, dass du bei mir geblieben bist." Sie machte eine kurze Pause und fügte dann ein. "Ich liebe dich." Sofort schossen Nick die Tränen in die Augen. Er drehte sich zu ihr und nahm ihren Kopf in seine Hände und küsste sie. "I-Ich liebe dich auch.", sagte er, als er sich von ihr löste und eine Träne über seine Wange lief.
Marlene schluckte hart und küsste ihn noch einmal. "Nicht weinen, Dummkopf." Nick schmunzelte und drückte sie fest an sich, denn ihre Stimme war selber ganz zittrig geworden.
Irgendwann stand sie auf, packte den Ständer, an dem der Behälter mit dem Schmerzmittel hing, und ging zur Tür. Als sie sich umdrehte, war außer der leichten röte nichts mehr von ihren Tränen zu sehen, nur das Lächeln, das er so liebte. Sein Herz machte einen Sprung. Wie sehr hatte er dieses Lächeln vermisst. Marlene lachte. "Wieso weinst du denn schon wieder. Komm lass uns raus gehen."
~ 984 Wörter ~
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