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Es war ein heißer Tag, als die Klassenlehrerin nicht allein das Klassenzimmer betrat. Ein Mädchen in einem weißen Sommerkleid mit Kirschmuster folgte ihr. Ihre braunen langen Haare waren zu zwei Zöpfen geflochten und ihre blauen Augen strahlten, als sie die Klasse anlächelte. Sofort steckte sie alle, sogar Nick, mit ihrem Lächeln an.

"Das ist Marlene. Sie wird ab heute in diese Klasse gehen. Katrin, wärst du so nett sie die nächsten Tage an die Hand zu nehmen." Das angesprochene Mädchen nickte.

Marlenes Platz wurde der, der direkt neben Nick frei war. Sie lächelte ihn an und er lächelte ihr zurück. Als sie ihren Blick wieder nach vorne richtete, senkte Nick den seinen. Schon bald wird auch sie Abstand von ihm nehmen. Aber das ist nicht so schlimm, sagte er sich, das bin ich schon gewohnt. Das allein sein...

Als die Pause anfing, wurde sie sofort von Katrin mitgezogen. Sie wolle ihr die Schule zeigen. Und, dachte sich Nick, von wem sich Marlene am besten fernhalten sollte, um nicht als Außenseiterin zu enden.

Schließlich war der Schultag vorbei und Nick packte seine Bücher in seine Tasche. "Hey.", hörte er plötzlich jemanden neben sich sagen. Kurz dachte er es wäre an ihn gerichtet, aber dann besann er sich eines bessern. Wer sollte ihn den schon ansprechen? "Huhu." Eine Hand winkte ihm vor der Nase und er schaute blinzelnd auf. Er guckte direkt in die strahlend blauen Augen von Marlene.

Ihr Lächeln wurde noch breiter, was den Raum um sie noch mehr zum strahlen zu bringen schien. "Bin Marlene, aber nen mich ruhig Marli." Nick lächelte unsicher. "N-Nick.", antwortet er. Wieso spricht sie mich an? Katrin hatte Marlene bestimmt schon gesagt, dass sie sich von ihm fernhalten sollte, wenn sie nicht schräg angeschaut werden wollte.

Marlene sprach weiter und riss ihn so aus seinen Gedanken. "Hab schon von Katrin gehört, dass du stotterst. Aber keine Sorge, mich stört das nicht im geringsten. Ich hab Katrin sogar schon gesagt, was ich davon denke, dass sie dich alle ausgrenzen." Nicks Augen wurden groß. Sie hat was?! Wollte sie etwa schon von Anfang an eine Außenseiterin werden?

Nick öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder. Stattdessen packte er seine Tasche, schüttelte mit dem Kopf und ließ Marlene einfach stehen.

Die nächsten Tage ließ das Mädchen nicht von ihm locker. Jeden Morgen, wenn sie sich auf dem Schulweg über den Weg liefen, ging sie mit ihm zusammen und redete über alles mögliche und während der Schulzeit versuchte sie immer wieder ein Gespräch mit ihm anzufangen.

"Ach komm schon, Marli. Der wird nicht mit dir sprechen.", sagte Katrin gerade zu ihr, als sie wieder auf Nick zuging. Marlene drehte sich zu ihr. "Das ist doch bestimmt nicht deine Sache, ob ich mit ihm rede oder nicht." Katrin schaute sie nur missbilligend an und wendete sich zu ihren Freundinnen. Nick wusste in dem Moment, dass Marlenes Schicksal in der Klasse damit besiegelt wurde.

Diesmal wartete sie am Schultor auf ihn. "Was dagegen, wenn wir zusammen laufen?" Nick blieb vor ihr stehen. Er schaute ihr direkt in die Augen. "W-Wieso? W-Wegen m-mir bist d-du jetzt a-a-auch ei-ne A-Au-Au-Außen-seiter-in-n." Sie lächelte. "Das ist mir egal. Ich wusste schon vom ersten Tag, dass ich mit denen nichts zu tun haben will. So wie die über dich gesprochen haben." Sie schüttelte den Kopf und Nick senkte seinen. "J-Jetzt ist e-es so-sowie-so zu-zu spät."

An dem Tag ging Nick nicht allein nach Hause. Marlene begleitete ihn den ganzen Weg und sprach wie immer über alles mögliche. "Ach, das ist ja mal eine Überraschung.", sagte Nicks Großmutter, als sie das Mädchen an seiner Seite sah. "Schönen guten Tag, mein Name ist Marlene, aber nennen Sie mich ruhig Marli." Marlene streckte ihr die Hand entgegen. "Ich lebe erst seit kurzem hier im Dorf und gehe auch seit ein paar Tagen mit Nick in eine Klasse." Die Großmutter lächelte entzückt. "Was für eine Freude, aber bitte nenne mich einfach Gerda, so wie jeder hier im Dorf, und das 'Sie' lasse auch gleich weg." Marlene lächelte sie auf ihre besondere strahlende Weise an. "Gern."

Seitdem besuchte Marlene Nick immer öfter, bis dann auch Nick anfing sie zu besuchen. Dann kamen auch schon Übernachtungen hinzu. Ja, seit Marlene in Nicks Leben getreten war, hatte es immer mehr Sinn morgens aufzustehen.

Inzwischen war ein halbes Jahr vergangen und der Schnee fing langsam an zu tauen. "Los, einfach sagen. Sieben Fliegen, fliegen hinter sieben Fliegen. Dreimal hintereinander, das schaffst du." Sie saßen gerade auf der Veranda und Marlene versuchte gerade Nick zu 'therapieren'. Natürlich auf ihre ganz eigene Methode. "N-Nein, dass k-kann ich nicht.", antwortet Nick und kreuzte die Arme und Marlene kreuzte ebenfalls die Arme. "Vertrau mir. Du kannst doch schon dank mir besser sprechen, also hör auf deine Therapeutin und sag den Satz dreimal." Nick seufzte. Es war toll, wie sehr sich Marlene bemühte ihm zu helfen, aber er wusste, dass es nicht ihren Übungen zu verdanken war, sondern eher ihrer Anwesenheit.

Schon seit einiger Zeit verspürte er ein warmes Gefühl um sein Herz und so ein merkwürdiges Kribbeln im Bauch, wann immer er sie nur sah. Er fragte sich, ob sie genauso fühlte oder ob dieses Gefühl nur einseitig war.

Er nahm tief Luft. "Sieben Fliegen, f-fliegen hinter s-sieben F-Fliegen." Marlene verzog den Mund. "Du musst dir mehr Mühe machen, außerdem hab ich dreimal gesagt." Nick schmunzelte und schüttelte nur mit dem Kopf. "D-Du bist unmöglich." Marlene grinste. "Wenn, dann bist du derjenige, der unmöglich ist." Dann lachten sie einfach nur.

Als sie sich beruhigten, strich sich Marlene die losen Strähnen wieder hinter das Ohr. Nick beobachtete sie dabei und sie bemerkte seinen Blick sofort. "Hab ich was im Gesicht?" Er wurde rot und schaute weg. "N-Nein..." Marlene grinste. "Ohhhh, hast du gerade an etwas schmutziges gedacht?" Nick wurde noch roter. "Nein! W-Wie kommst d-du da drauf?" Marlene lachte und schaute ihm dann tief in die Augen. "Kein Grund zum schämen. Du bist in dem Alter und ich bin halt ein attraktives Mädchen." Nicks Mund klappte auf. "W-Was?" Wieder lachte sie.

Die nächste Minuten saßen sie schweigend da. "Du..." Nick schaute zu ihr rüber, als sie wieder das Wort ergriff. Ihr Blick war nach unten gerichtet und sie fummelte mit den Händen, als ob sie nervös wäre. Sie wurde ein bisschen rot, als sie die nächsten Worte aussprach. "Ich... auch wenn es gerade nicht so rüber kam, würde ich... würde ich ehrlich gesagte nichts dagegen haben..."

Nick blinzelte verwirrt. Was meinte sie jetzt? "Wa...." Doch bevor er was sagen konnte, lagen ihre Lippen plötzlich auf den seinen. Nicks Herz setzte für einen kurzen Moment aus, nur um dann wie wild zu schlagen. Nach wenigen Sekunden löste sie sich wieder von ihm und ihr Gesicht war noch roter als vorher. "E-Es tut mir Leid. I-Ich hätte das nicht tun sollen.", sagte sie schnell und stand auf, aber Nick hielt sie auf, indem er sie sanft am Arm packte.

Er hörte, wie sich ihr Atem beschleunigte und seiner tat es ihr gleich. "E-Es ist in O-Ordnung. Ei-Eigentlich wollte i-ich es schon l-länger." Überrascht hob sie den Kopf, aber traute sich noch nicht ihn anzusehen. "Wirklich?" "W-Wirklich. Der K-Kuss war gerade a-atemberaubend."

Nach dem letzten Satz drehte sie sich um. Sie lächelte, aber nicht so wie immer. Es war ein glückliches und erleichtertes Lächeln, kombiniert mit den Tränen, die aus Freude und der tiefen Erleichterung fielen.

Nick ließ ihren Arm los und sie ging den Schritt, den sie sich von ihm entfernt hatte, wieder zurück. Als nächste folgte wieder ein Kuss, diesmal aber länger. Beide schlossen ihre Augen und genossen die Schmetterlinge, die in ihren Bäuchen flatterten.

~ 1266 Wörter ~

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