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Er kniete sich vor dem kalten Stein und strich mit seiner Hand über die Gravur. Er lächelte und legte die Blumen davor. "Ich vermisse dich.", sagte er ganz leise und schloss die Augen. Einmal im Monat kam er sie besuchen, das Mädchen, das sein Leben wieder farbenfroh gemacht hatte. Eine einzelne Träne kullerte seine Wange hinunter, als er wieder zurück dachte:

Er war schon immer der, der ganz am Rande der Gruppe stand. Doch nach dem Unfall wurde es schlimmer. Die ersten Wochen haben sich noch alle gekümmert, aber dann wurde es weniger und nach fast einem Jahr fanden sie es nur noch nervig.

Was genau passiert war? Es war ein klarer Tag. Die Sonne schien und der Himmel war wolkenfrei. Doch dann nahm plötzlich ein Lkw die Vorfahrt und Nicks Mutter raste in das Fahrzeug rein. Nick selber hatte Glück. Er verlor noch nicht mal das Bewusstsein. Aber seine Eltern waren sofort Tod. Eingequetscht von einem Lkw.

Die ersten Tage war Nick ganz ruhig. Trauerte. Doch als er wieder sprach, stotterte er. So sehr er es versuchte, er konnte die Wörter nicht vernünftig aussprechen. Die Gespräche mit ihm dauerten immer länger und seine Mitschüler verloren langsam die Geduld und fragten lieber jemand anderen, der ihre Frage zum Geschichtsthema beantworten konnte. Die Lehrer versuchten natürlich alles, um die Situation zu ändern, aber gaben es dann schließlich auf. Wenigstens wird sich nicht über ihn lustig gemacht, sagten sie sich.

Inzwischen war ein Jahr vergangen und Nick sprach in der Schule nur noch selten. Seine mündlichen Noten rutschte in den Keller, da er sich nur meldete, wenn die Antworten kurz waren. Er wollte nicht den Unterricht behindern. Die Lehrer versuchten natürlich ihm was anderes einzureden, aber er ließ es nicht zu. So wurde er immer mehr zum Außenseiter.

"Wie war die Schule, mein Schatz?", fragte Nicks Großmutter, als er die Küche am Nachmittag betrat. "S-So w-wie im-m-mer.", antwortete er und setzte sich auf einen der Stühle am Küchentisch. Seine Großmutter lächelte und stellte ihm etwas zu essen auf den Tisch.

Sie nahm ihren eigenen Teller und setzte sich zu ihm. Das Essen verlief wie immer schweigend. Danach machten sie den Abwasch und dann gingen sie in den Gemüsegarten. 

Nach Stunden der Arbeit setzten sie sich auf die Veranda. "Dein Großvater wäre Stolz auf dich. Du bist ein wirklich guter Gärtner geworden.", sagte Nicks Großmutter und strich ihm liebevoll über den Arm. Nick wurde rot. "D-Danke..." Er liebte seinen Großvater, doch er starb noch, als Nick in der Grundschule war. Damals hatte Nick schon viel in dem kleinen Gemüsegarten geholfen, wann immer er und seine Eltern zu Besuch kamen.

Nicks Blick trübte sich bei dem Gedanken an seine Eltern. Schon ein Jahr und er kam mit der Situation immer noch nicht gut genug zurecht. Der Sozialpädagoge der Schule sagte, dass er ohne professionelle Hilfe das Stottern nie los kriegen würde, aber leider war der einzige Arzt in dem Dorf ein einfacher Hausarzt. Zum Psychologen müsste Nick in die nächste Stadt fahren und die Tickets für den Bus konnte sich seine Großmutter mit der kleinen Rente langfristig nicht leisten, hinzu kam, dass die Fahrt eine Stunde dauerte und durch den Ganztagsunterricht seiner Schule würde es nicht mal zeitlich passen. Also blieb ihnen nichts anders übrig, als damit zu leben und zu hoffen, dass es irgendwann wie durch ein Wunder von allein verschwand.

~ 558 Wörter ~  

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