♟kichERn♟

"I don't have dreams, I have goals."

--Harvey//Suits

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Ein tiefes Surren, was wie eine unschön klingender Harmonikversuch klang, zog sich durch jede einzelne meiner Poren, als würde eine Nadel versuchen aus mir eine Petchwerkdecke zu machen. Es war sicher die Klingel gewesen, was bedeutete Baekhyun habe Besuch oder Post oder ein Nachbar hatte seinen Schlüssel vergessen. So oder so, ich beeilte mich das Wasser abzudrehen und mich gutmöglichst abzutrocknen. Aber wie ich meine Locken kannte, tropften sie trotzdem, egal wie sehr ich versuchen würde diese auszuringen.

Ich hörte Stimmen und lautes Klatschen und ich hörte Baekhyun. Sein Lachen. Wunderschön. Er klang so fröhlich. Wach, überrascht und überrumpelt. Ich wollte einmal aus dem Türspalt spähen, doch ich verharrte, bevor ich die Türklinke berührte und presste stattdessen mein Ohr an die Tür. Es war eine Nervosität, die mich verharren ließ. Ich wollte nicht der Typ sein, der nicht eingeladen war oder der, der eine komische Situation bei Freunden untereinander auslöste, weil sie mich nicht kannten. Ja. Eindeutig. Es war eine Nervosität, die furchtbar unangenehm an mir klebte, wie Kleber, der graue stellen auf der Haut hinterlässt, sobald man versucht diesen abzurubbeln.

Meine Haare tropften und die Tropfen landeten auf meinen Schultern und rannen weiter, so dass eine erneute Gänsehaut sich an meiner Wirbelsäule hochrangelte.

Mein Ohr immer noch an die Tür gepresst.
Es war leise draußen und ich hörte leichte Schritte an der Tür vorbeigehen.

Ich atmete erleichtert auf:

"Pssst, Baek?"

Anscheinend konnte er mein Flüstern trotz Tür zwischen uns noch hören.

"Könnte ich mir einen Pulli oder so von dir leihen?"

Stille. Aber die Schrittlaute waren nicht weitergegangen. Und ich konnte einen Schatten sehen, der sich durch die Türspalte schlich.

"HYUNG!!", schrie auf einmal eine Stimme direkt neben meinem Ohr, da ich immer noch nahe an der Badezimmertür stand. Doch das Gebrülle klang fremd.

"Da fragt jemand nach einem Pulli!". Es war eindeutig eine junge Person, die da durch Baeks Wohnung brüllte. Und ich war mir sicher es war ein junger Er, sobald ich sein Lachen vernahm. Laut und offen. Kindlich.

Ich verzog mein Gesicht und meine Zehen verkrampften und wollte sich in den Fliesenboden unter mir graben. Als sei der Boden aus Sand. Ich konnte nicht anders, als mit meinen Zähnen zu knirschen.

Ich konnte Baekhyuns Lachen hören. Und ich hoffte es war nur Einbildung, denn ich dachte es klang stumpfer, als hätte er vergessen, dass ich noch da war und dass ich ihm womöglich peinlich sein könnte.

Ich traute mich gar nicht meine Augen zu öffnen.

Es klopfte sanft an der Tür.

Eben so sanft die Stimme: "Hier. Der müsste passen.". Baekhyuns Stimme. Oder Hyungs? Der Spitzname verriet mehr als es sollte. Bei jung war ich wohl richtig und auch bei einem jungen Jungen. Vielleicht sein kleiner Bruder von dem er im Cafe gesprochen hatte. Das Familienessen.

Allein bei dem Gedanken über Baeks Familie kam mir ein bitterer Beigeschmack auf die Zunge. Die Achterbahnfahrt kurz vorm Abfahren. Der stumpfe emotionale Schmerz, den ich mir niemals ausmalen könnte.

Ich öffnete die Tür einen Spalt und sah eindeutig Baekhyuns zierliche Hand, wie sie schüchtern einen Pulli hindurchreichte. Ich ergriff nach ihm, doch es folgte kein weiteres Wort aus mir, außer ein geflüstertes "Danke."

Irgendwie war es mir gerade zu viel. Und peinlich. Ich dachte daran, wie es rüberkäme, wenn ich einfach die Tür zu ließ und wartete bis die anderen weg seien. Und dann widerrum dachte ich daran, dass sie ja wussten, dass ich da war, weil ich Dummkopf den vermeidlich bzw. vermutlichen kleinen Bruder Baekhyuns für Baek selbst gehalten hatte. Es fühlte sich an wie im Treppenhaus, wenn man ein Stockwerk unter einem eine andere Person die Treppen hochlaufen hörte und man selbst versuchte so schnell wie möglich am Ziel zu sein, um einem unangenehmen Smalltalk auszuweichen oder geschweige denn den Moment zu erfahren, dass der andere einen überholte. Und selbst, wenn man es schaffte rechtzeitig hinter sich die Tür zu schließen, fühlte man sich schlecht, weil man quasi vor der anderen Person weggerannt war. So feige.

Sollte ich rausgehen?

Ich sah in den Spiegel und betrachtete meine nasstriefenden runterhängenden Haare, die eher aussahen wie schwarze Makkaroni. Wenn ich so weiter auf meiner Unterlippe rumkauen würde, würde sie noch blau anlaufen.

Der Pulli in meiner Hand war weich und creamfarbend. Anders als die Pullis, die ich bisher kannte. Er sah ein wenig aus wie ein Pollunder und irgendwie auch nicht. Er hatte so einen britischen Eindruck auf mich. Ein warmer nasser Herbst. Genau. Die Farben wie Kaffeebohnen, Sahne und Herbstlaub. Ich schlüpfte in ihn hinein und ich war mental bereits darauf vorbereitet, dass mir der Pulli zu kurz sein würde, doch tatsächlich passte er ziemlich genau bis zu meinen Handgelenken. Wie lang musste der wohl für Baekhyun sein?

Sein roter Schal war auch nicht ohne gewesen. Vielleicht mochte er einfach Klamotten in denen er sich verstecken konnte. Worin er seine Nase vergraben und seine Fingerspitzen mit dem Stoff spielen konnten? Wie auf Kommando zog ich die Ärmel nach vorn und versteckte meine Arme in den weiten Pulli und zog meinen Hals ein, um an dem Kragen riechen zu können. Die Wolle, die an dem Punkt von einem hellen braun zu einem eher weißlichen Unterton wechselte-also wo der Kaffee auf die Sahne traf-, roch nach Mandelöl und wieder nach etwas herbstlichen. Wie die roten Blätter von Ahornbäumen. Ja. Es roch nach Mandelöl und Ahornblüten. Süßlich, lieblich. Und natürlich dachte ich an die roten Blätter, die zu Boden fallen, da es sich hier schließlich um Baekyhun handelt. Und zu Baekhyun gehörte doch immer ein rotes Detail. Und vielleicht ein Bisschen Symbolik, ein Bisschen Drama.

Ich musste schmunzeln.
Irgendwie hatte die kühle Dusche mich nicht wirklich abgekühlt.

Der Geruch von ihm hang mir selbst nach dem ich den Pulli wieder normal an mir zurechtlegte immer noch in der Nase. Als hätte ich meine Nasenspitze in einen lieblichen Weihnachtstee getunkt.

Mandelöl und Ahornblüten.

Manu hatte früher immer viel zu verschenderisch den Ahornsirup auf seine Wochenendpancakes getan. Der war immer viel zu schnell alle und doch so teuer. Ich hatte beim Zusehen allein schon immer begonnen meinen Mund zu verziehen. Nicht, weil ich es eklig fand oder eifersüchtig wurde. Nein. Eher, weil ich besser wusste, als er selbst, wie seine Mutter die Stirn in Falten legen würde und beim Einkaufen wieder zwei mal überlegen würde, ob sie nun radikaler handeln müsste nicht. Sie wollte ihn nie traurig sehen und deswegen gab sie so oft nach. Seine Mutter hatte ihn immer davor gewarnt und dann irgendwann, weil er nicht hören wollte, das flüssige Gold nicht mehr nachgekauft. Er hatte aus Trotz alle möglichen Dinge in der Küche leergefuttert. Seine Logik ging immer einen anderen Weg als meine. Ich hätte mich entschuldigt, daraus gelernt und wenn sie dann Neuen kaufen würde, würde ich beweisen, dass ich es verstanden hatte. Er stattdessen bekämpfte Feuer mit Feuer, ließ nichts unangebrannt und bekam am Ende das was er wollte. Faszinierend. Und irgendwie erschreckend.

Vielleicht hatte ich deswegen so oft bei Diskussionen nachgelassen oder aufgegeben. Irgendwann war die Kraft weg.

Ich dachte wieder an Baeks Sternzeichen zurück. Stier. Manu war auch Stier gewesen. Und die ganzen Mankos, die bei einem Stier mit einem umhergingen, hätte ich bei Manu Stück für Stück Beispiele nennen können. Momente, die die negativen Eigenschaften untermauern. Er hätte dann extra noch mehr diese Charaktereigenschaften zeigen wollen, um zu Beweisen, dass es noch schlimmer ging und der ursprüngliche Manu uns doch so viel lieber sei. Und dann hätte ich mich entschuldigen müssen. So wie immer.

Baekhyun hätte dagegen zeigen wollen, dass die positiven Dinge überwogen und sobald ein Manko wirklich auffällig werden würde, würde er versuchen es an sich selbst zu verbessern. Er würde nicken, sich entschuldigen, dass sowas manchmal aus ihm rausbrach und würde daran arbeiten wollen. Dann läge es in meiner Verantwortung ihm zu zeigen, dass kein Mensch ohne Fehler sei und er würde dieses Argument abwinken, weil es ein genau so alberner Opaspruch war, wie dass die Dosis doch das Gift machte und dass sein Zucker in seinem Kakao genauso eine Droge sei, wie mein Kaffee. Er würde es wertschätzen und dann trotzdem versuchen an seinen Mankos zu wachsen.

Wenn man es so sah, war er eigentlich überhaupt nicht wie Manu.

Er war besser als Manu. Ist besser als er.

Er ist die erste Person, die ich wirklich...

Es war...

Ich stolperte vollkommen über meine eigenen Gedanken. Und ich wurde nervös dabei, da ich spürte wie das Kribbeln wiederkam und ich an unser Nachttelefonat dachte. Und dieser verdammt lieblicher Geruch in meiner Nase.

Und sein Lachen da draußen.

Ich öffnete die Tür. Andere Luft, richtig durchatmen und nicht mehr in diesen Spiegel sehen. Es war als hätte ich Panik und trotzdem fühlte der Pulli sich so schön weich an. Ich stand plötzlich im Wohnzimmer und es waren drei Augenpaare, die mich musterten.

Ein Augenpaar, maronenbraun, herbstlich und lächelnd. Und die anderen beiden wie eine Kopie von dem ersten paar, nur unbekannter.

Verwirrt sah ich in die Runde.

"Ähh", entkam es mir, "Es ist jetzt nicht das wonach es aussieht.". Ich wusste selbst nicht was ich da sprach. Es war ein Gestammel, ein Brabbeln und ich wusste auch nicht so genau, was ich mit der Aussage sagen wollte. Wonach sah es denn aus?

Der kleine Junge zwischen Baekhyun und der anderen Frau - wow sahen die sich alle ähnlich- hatte wohl dieselbe Frage wie ich, denn ich konnte ihn flüstern hören, wie er sagte:

"Wonach sieht es denn aus?"

Er schien auf einmal so klein. Seine Stimme war auch klein. Vorhin hatte er so laut, glücklich, beinahe protzig geklungen. Machte ich ihm Angst? Sollte ich ihn anlächeln?

Die Frau musste heiser und hoch, beinahe wie ein leichter Windzug, kichern. Was hatte ich nur für eine Situation geschaffen.

Ich sah hilfesuchen zu Baekkie. Er stieg in das Kichern ein. Sie klangen irgendwie gleich. Ich kratzte mich verlegen am Hinterkopf und verlagerte mein Gewicht abwechselnd auf dem einen Bein und dann auf dem anderen. Ruhig bleiben ging irgendwie nicht. Und ich lachte. Schief, verlegen, dümmlich, albern. Alles. Ich wusste nicht genau, wonach es denn nicht klang.

Baekhyun kriegte sich erst nach der Frau wieder ein, die ihn leise mit einem Blick aufforderte, diese Situation aufzulösen. Sie könnte eine Ehefrau sein, die ihrem Ehepartner ohne Worte, nur mit Blicken sagte, dass er sie vor seinen Kollegen vorstellen sollte. Auch wenn sie es selbst könnte, es machte so einen souveränen Eindruck.

Baekhyun räusperte sich: "Chanyeol,", er deutete auf die Beiden, "das sind meine Geschwister. Seohyun", er wuschelte dem Kleinen durchs Haar, "und das hier ist Shihyun.". Sie nickte zufrieden.

"Schön dich endlich kennenzulernen, Chanyeol. Freut mich sehr. Wir wollten auch nicht lange stören. Wir wollten nur einmal reinschauen und dem Geburtstagskind gratulieren. Sonst bekommen wir ihn ja leider zu selten zu Gesicht.".

Ihr Lächeln war wie Baekhyuns, nur noch eher in die charmante, statt freche Richtung. Sie sahen sich so unglaublich ähnlich.

"Ge-", mein Gestammel begann vom Neuen, "Geburtstagskind?"

Baekhyun zuckte entschuldigend mit seinen Schultern. So leicht, als sei es nichts. Kein Ding. Nichts Besonderes.

Ich klatschte mir mit der flachen Hand auf die Stirn: "Und ich Dödle hätte dir als erstes gratulieren können.". Es war ein eindeutiges Jammern, was ich von mir gab und ich hörte erneut ein leichtes Kichern, was abermals von den dreien kam und sich harmonisch abglich. Ein wahres Geschwistertrio.

"Dein Anruf war schon Geschenk genug.", kam mir Baekhyun lächelnd näher und legte seine Hand auf meinen Arm. Durch die Wolle des Pullis fühlte es sich an, als würde er mich mit einem Kissen berühren. Und trotzdem kribbelte alles.

"Der Anruf.", ich seufzte erneut und schloss aufgebend meine Augen, "Der war ja sogar noch um 0 Uhr..."

"Geburtstagsstunde", sagte Seohyun fröhlich und wusste gar nicht, wie sehr er mir damit mental in den Bauch trat.

Viel Zeit um mich selbst zu bemitleiden und mich zu entschuldigen blieb mir nicht, da alles zu allem kam und wir uns nett beisammensetzten um gemeinsam Kuchen zu essen. Es war schön, dass sie es für so selbstverständlich sahen, dass ich dabeiblieb. Sie beide waren so unglaublich freundlich. Unfassbar, dass das alles Kinder aus dieser "seelenlosen" Familie sein sollen.

"Hat Dayung schon gratuliert?", fragte Seohyun mit einem vollen Kuchenmund. Der Name sagte mir etwas und mein unwohles Gefühl, weswegen ich langsam schluckte, bewies sich als richtig, sobald Baekhyun antwortete.

"Wir sind schon seit Monaten nicht mehr zusammen.", seine Stimme klang wie ein Satz den man versuchte in einem Zug laut vorzulesen, ohne die Stimme groß zu verändern oder höher oder gar tiefer werden zu lassen. So monoton wie die Betonung nur ging. Die Ex. Die Zweite. Und damit auch die erste wirklich schmerzhafte Trennung, wie er mir beschrieben hatte. Die unglaublich schöne Person, die fürs modeln das Land verlassen will und es nicht in Erwägung zieht, dem festen Freund es zu erzählen.

Shihyun wusste wohl nicht, wie viel ich nun eigentlich im Bilde war oder eben nicht, weswegen sie auch gleich den Mund aufmachte und zu mir sprach, obwohl sie währenddessen entschuldigend zu Baekkie blickte: "Dayung ist-"

Ich unterbrach sie gleich. Irgendwie waren mir diese Themen unangenehm. Alles was mit Baekhyuns traurigen Blicken, ob deren Familie, sein Opa, Anwaltskanzleien oder ehemalige Beziehungen zutun hatte, wollte ich so schnell wie möglich abkauen, beziehungsweise umgehen.

"Ja. Ich weiß.", ich schmunzelte entschuldigend und gab ein Stichwort, um zu zeigen, dass ich es wirklich wusste, "Toxic."

Ich hoffte, dass der Kleine nicht wusste wovon wir sprachen.

Seine große Schwester nickte anerkennend.

Ich schüttelte den Kopf. Da musste wohl ein Themenwechsel ran.

"Der Kuchen ist wirklich gut.", ich schob mir ein weiteres Stück in meinen Mund, "Wer hat den denn gebacken?"

"Der ist gekauft.", kam es knapp von Seohyun. Na gut. Das war wohl nicht so glatt gelaufen, wie geplant.

Shihyun sah mich schüchtern schmunzelnd und trotzdem freundlich an. Sie hatte so eine ruhige Austrahlung. Nicht müde, aber trotzdem wirkte Baekhyun dagegen kindlicher, beziehungsweise aufgeweckter.

"Und was arbeitest du?", machte ich einen erneuten Themenwechselversuch. Aus meinem Augenwinkel konnte ich Baekhyuns Gesicht sehen, wie es mich anblickte und auf einmal hörte ich ihn belustigt räuspern.

"Ich bin Anwältin.", das Wort erklang wie ein Echo im Raum. Meine Lippen fühlten sich spröde an. "Vielleicht hast du ja schonmal von uns gehört. Die Byun-Familie?"

Meine Lippen wurden zu einem schmalen Strich. Oh ja das hatte ich. Von der Familie gehört. Der bittere Geschmack kehrte zurück. Und schon wieder ein Fettnäpfchen.

Und doch lachte Baekhyun. Laut und hell. Ich hatte ein Deja-Vu. Der Satz: "Schonmal von uns gehört?" und sein Lachen. Ein Deja-Vu.

Und alles kribbelte.







Uhhhhh das hat Spaß gemacht. Ich hoffe euch genauso beim Lesen. Habt ein schönes Wochenende ;)))

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