TWO
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2 — ÜBER BRENNENDE ABSCHEU
HERBSTGEWITTER WAREN IN ihren geographischen Breiten eigentlich nicht ungewöhnlich.
Was allerdings mit geradezu epochaler Besonderheit hervortrat, war die Tatsache, mit welcher Erbarmungslosigkeit ihre Kleinstadt in den letzten Tagen geflutet worden war. Ganze Bäche von klarem Regenwasser, das aufgrund des Allgegenwärtigkeit des Asphalts nirgendwo versickern konnte, stürzten die Straßen hinab, schwappten reihum die wenigen Blätter vom Belag, die sich schon von den Bäumen gelöst hatten.
Kihyun ging an solchen Tagen nicht gerne vor die Tür. Regenschirme missfielen ihm aufgrund der Tatsache, dass er die Feuchtigkeit daran in jeden Innenraum schleppen würde, und dass die überschüssigen Regentropfen sich jedes Mal von dem Plastik auf seiner Haut zu verteilen schienen. Offen gesagt hasste er jegliches unfreiwillige Kleben kalter Tropfen an seinen Fingern.
Ihm war zudem beinahe die gesamte Zeit über kalt; seine Knochen schienen die physikalischen Eigenschaften von Stahl anzunehmen; mit einer winzigen Wärmekapazität, die andauernd auskühlte. An Regentagen trank er fast drei Liter Tee bis zum Abendessen; und das, obwohl er der Meinung war, dass ohnehin schon zu viel sinnlose Flüssigkeit in Umlauf gebracht wurde.
Die meisten Blumen gaben sich dem anhaltenden feuchten Regenwetter mit Begeisterung hin und Kihyun konnte nicht anders, als ihnen trotz ihrer prominenten Leblosigkeit böse Blicke zuzuwerfen, wenn er den Laden durchquerte, um sich in der Sicherheit seines Mauervorsprungs zu vergewissern, dass von der Sintflut noch immer kein Ende in Sicht war. Wenn er so offenkundig litt, war es der konversierten Starrheit seiner Blumen sicherlich nicht erlaubt, sich des Regens zu ergötzen.
An solchen Tagen kam Minhyuk erst am späten Nachmittag in den Laden; sein blond gefärbtes Haar klebte feucht gegen seinen Kopf, Spuren der prasselnden Regentropfen verzierten den Kragen seines roten, übergroßen Sweatshirts und er nieste alle vier Sekunden. In der freien Hand, die nicht einen tropfnassen Regenschirm hielt, trug er eine pappig gewordene Papiertüte mit Kaffee und Muffins aus dem anliegenden Coffeeshop.
Er stellte die Tüte zwischen Kihyun und sich auf der Theke ab und fuhr sich dann schaudernd durch sein Haar; aufgrund der Feuchtigkeit hatten sich kleine Löckchen an seiner Stirn gebildet, die er nun mit einem Blick auf sein ausgeschaltetes Handydisplay verärgert zu glätten versuchte.
„Nenne mir ein, wirklich nur ein einziges Individuum, das diesen Regen auch nur ansatzweise feiert", schäumte er auf und seine Finger krampften sich in den Stoff seines Sweatshirts, während er sich auf seinen gewohnten Platz an der Theke fallen ließ.
„Ich weiß nicht", wandte Kihyun ein. „Koreanische Bauern?"
„Während der Erntezeit?" Minhyuk sah ihn zweifelnd an, schien aber dann zu entscheiden, dass sein ökonomisch/politisch-geprägtes Wissen wohl nicht mit dem eines Blumenhändlers rivalisieren konnte. Also wechselte er das Thema. „Ich hab' dir Kaffee mitgebracht; den Schwarzen ohne jeglichen Zusatz, genau wie du ihn magst. So bitter, wie's geht."
Kihyun lächelte beinahe, während seine Finger über der Tastatur seines Laptops schwebten. Er gab gerade die letzten Bestellungen für den nächsten Tag auf. „Danke, Minhyuk."
Sein Freund wirkte kurz verwirrt. „K-kein Problem, Kihyun. Immer doch."
Der andere sah kurz hoch, als er die Überraschung in Minhyuks Stimme hörte und seufzte leise auf. „Hyung. Danke. Ich weiß, was du in letzter Zeit für mich getan hast und glaub mir, das ist nicht ungesehen an mir vorbeigegangen. Aber du weißt, wie schwer mir so etwas fällt."
„Dich zu bedanken?" Minhyuk hatte dieses weiche Lächeln aufgesetzt, das üblicherweise nur für seinen besten Freund reserviert war.
„Ja."
„Ich weiß das genau, Kihyunnie. Deswegen hab ich dich doch nicht schon längst in den Wind geschossen."
Sein bester Freund zuckte beinahe unmerklich zusammen. „Bitte nenn mich nicht 'Kihyunnie'. Der Name... erweckt das Bedürfnis in mir, mich frontal durch meine Fensterscheibe auf die Straße zu stürzen."
„Dass du allem Weichen und Schönen immer gleich so abgeneigt bist", schmollte Minhyuk, aber Kihyun lachte nur leise (dieses Geräusch ließ sich wirklich viel, viel zu selten hören), und löste den Plastikdeckel von dem Kaffeebecher. Silberne Dampfschwaden stiegen aus dem nachtschwarzen Gebräu auf und während Minhyuk in der Papiertüte geräuschvoll nach dem Blaubeermuffin suchte, ertappte Kihyun sich dabei, wie er den Dampf mit den Augen verfolgte, bis er sich in der feuchten Luft zwischen ihnen verflüchtigt hatte.
Er war dem Schönen nicht abgeneigt; ganz gewiss nicht. Er mochte doch Musik, er mochte silberne Dampfschwaden, Funkensprühen bei einem Lagerfeuer; bei Gott, er besaß einen Blumenladen. Aber sobald sie versuchten, ihn einzulullen, ihn mit niedlichen Namen einer Notion des Lähmenden, Süßlichen anheim zu machen; nein—das hasste er.
Schönheit war etwas, das er als unbewegter Beobachter betrachten durfte, aus der Ferne, wie man ein unmenschlich hübsches Modell auf einer vorbeiziehenden Plakatwand anschaut, ehe sie sich im Grau des Regens verlor. Aber in seinem Leben selbst hatte sie keinen Platz.
(Er hatte sich übrigens in den letzten Wochen darin ausgezeichnet, Lim Changkyun zu genauestens zu beobachten, aber diese bestimmte und bezeichnende Korrelation war ihm noch nicht bewusst geworden. Lassen wir ihm Zeit.)
„Wie war College?", fragte er Minhyuk mehr aus Höflichkeit als aus ehrlicher Interesse.
„Unerträglich stressig. Hyungwon war nicht da, und ich musste doppelt mitschreiben, weil er seinen Fokus auf einen anderen Themenblock gelegt hat." Sein Hyung gähnte und fuhr sich wieder durch das Haar, das durch seine derbe Behandlung übrigens kein bisschen glatt lag.
„Ich versteh einfach nicht, warum du das für ihn tust." Für Kihyun war Hilfsbereitschaft ohnehin ein Fremdwort, und Freundlichkeit für das Team seines erbittertsten Feindes zu entbehren; unvorstellbar. „So gestört wie der Kerl sich verhält? Ich hasse diesen starren Blick. Er ist einfach nur gruselig."
Minhyuk nahm einen großen Schluck von seinem viel zu heißen Latte Macchiato und spürte, wie sein Gaumen Blasen warf. Hustend und spuckend verlor er sich in unflätigen Gefluche und Geschimpfe und ihm blieb eine ehrliche Antwort erspart. Er drehte sich rasch auf seinem Stuhl um, um durch das Schaufenster in den anderen Laden zu blicken, der sich im schlierigen Grau des Regens nur durch ein schwaches Licht auszeichnete.
„Er ist da", meinte Kihyun beiläufig, ohne aufzublicken. „Ist gegen drei gekommen. Mit diesem hässlichen Köter im Schlepptau. Ein Wunder, dass es das Vieh nicht von seinen krummen Pfoten gewaschen hat."
Minhyuk starrte ihn einen Augenblick lang sprachlos an, dann brach er in schallendes Gelächter aus. „Und ich dachte einen Augenblick du redest von Hyungwon."
Kihyun schüttelte unwillig den Kopf. „Nein, ich spreche von Lims jaulender Fußhupe. Dieses Büschel aus Unfähigkeit und Asthma."
Sein bester Freund hob bedeutungsschwanger die Augenbrauen und nahm einen weiteren Schluck von seinem immer noch viel zu heißen Latte. Changkyuns Hund hatte er nur einmal gesehen; und es stimmte, eine Schönheit war das Tier nicht, aber er erkannte durchaus, was der Tattooist in dem Hund sah. Ein kleiner, goldener Corgi, der älter war als die koreanische Verfassung, auf einem Auge blind war und wirklich laut wie ein Staubsauger atmete, wenn man sich dessen einmal bewusst geworden war. Aber er trug dieselbe Unverdrießlichkeit zur Schau, die auch Changkyun auszeichnete; und irgendwie konnte Minhyuk seine Zuneigung verstehen.
„Warum man überhaupt den Ego-Boost von so einem kleinen, abhängigen Vieh braucht", höhnte Kihyun weiter. „Liebt ihn denn sonst keiner?"
„Manche Menschen mögen einfach die Gesellschaft", erwiderte Minhyuk ruhig und drehte sich wieder zu ihm um.
„Gesellschaft...", knurrte Kihyun, als erschien ihm irgendetwas vollkommen unverständlich an diesem Wörtchen; aber er ließ spöttische Erwiderungen bleiben und kümmerte sich stattdessen lieber um die morgige Bestellung.
Minhyuk stellte seinen Laptop neben Kihyuns und begann, die letzten Paragraphen seiner Arbeit zu überfliegen, während er zeitgleich in einem anderen Fenster ein Dokument für Hyungwon öffnete, in das er die Notizen kopierte. Eine gute halbe Stunde arbeiteten die beiden Freunde in stummer Eintracht; und bis auf den gelegentlichen Kommentar über die Wetterlage, sprach keiner der beiden ein Wort.
Gerade, als Kihyun die Innenbeleuchtung aktiviert hatte, weil es draußen zu dunkel geworden war, ging über der Straße ein so lauter Donner ein, dass sämtliche Scheiben in ihrer Straße in ihren Rahmungen zu beben begannen. Minhyuk zuckte erschrocken zusammen, und Kihyun der den gleißenden Blitz nur eine Sekunde zuvor durch die Straße hatte zucken sehen, runzelte die Stirn. „Das Gewitter ist jetzt genau über uns."
Tatsächlich hatten sich auch die Wassermassen verdreifacht, die nun aus den Himmelsschleusen auf sie eingingen und der starke Regen machte es beinahe unmöglich, weiter als bis auf die andere Straßenseite zu sehen, wo gerade die Tür zum Tattooparlor aufging.
Ein winziger, goldener Schimmer löste sich aus dem erleuchteten Inneren des anderes Ladens und war innerhalb weniger Sekunden irgendwie in der verschwommenen Dunkelheit der Straße verschwunden. Keine Sekunde später hörte Kihyun die Tür zuschlagen und Changkyuns Stimme ertönte trotz des lauten Regens bis zu ihnen herüber: „Kkochi! Nein, komm zurück!"
Kihyun erhob sich von seinem Platz und durchquerte den Ladeninnenraum, nur um auf der anderen Seite der Straße zu erkennen, wie Lim Changkyun sich fluchend die Stoffkapuze seines Pullis über das Haar zog und dann in hastigen Laufschritt dem Hund hinterher eilte, den der laute Donner offensichtlich in die Flucht geschlagen hatte.
Sein Hund heißt Kkochi, dachte Kihyun einen winzigen Augenblick, bevor die Rationalität seiner Abneigung wieder einkehrte. Blume.
Dann drehte er sich mit einem geradezu maliziösen Lächeln zu Minhyuk um. „Der hinkende Corgi ist ausgebrochen."
Doch sein bester Freund schien seine Schadenfreude gar nicht teilen zu können; nicht, wenn er ein unschuldiges Wesen in Gefahr wusste. „Was? Wann??"
„Gerade eben. Lim muss dummerweise die Tür geöffnet haben und dann hat das panische Vieh sich nicht mehr halten können."
Minhyuk wirkte erschrocken. „Wir sollten ihm helfen." Er umklammerte seine Rückenlehne, während er sich zu Kihyun umdrehte.
„Sicher. Nicht." Kihyun wandte sich demonstrativ vom Fenster ab und schritt seelenruhig zu seinem trockenen und warmen Platz zurück. „Den Hund und ihn kann es meinetwegen nach Japan schwemmen; mir ist das wirklich ganz egal."
Der andere biss sich auf die Lippe, erwiderte aber nichts mehr. Er wusste, dass sein bester Freund sich wegen nichts auf der Welt dazu herablassen würde, für seinen selbsternannten Nemesis in sein verhasstes Wetter zu treten und so beschränkte er sich darauf, eine kleine Spur wütender auf seine Tasten zu schlagen als eigentlich nötig.
Gegen acht hatte Minhyuk den Laden in Richtung der Studentenheime verlassen; und Kihyun blieb alleine im Ladeninneren zurück, während er immer wieder einen Blick aus dem Fenster warf. Changkyun war mindestens vier Mal vorbeigekommen, jedes Mal hundelos und nässer als zuvor; aber er hatte sich nicht einmal die Mühe auch nur einen kurzen Blick in seine Richtung zu werfen. Also hatte ihn Kihyun mitleidslos durch die Scheibe beobachten können; der Jüngere war bis auf die Haut durchnässt, schien wohl zu zittern (es war eiskalt, nicht nur aufgrund des Regens) und wenn ihn nicht alles täuschte, hörte Kihyun ihn irgendwann ziemlich ungesund husten.
Um halb neun schloss Changkyun die Ladentür hinter sich ab und verschwand ohne einen weiteren Blick in die Richtung, in der Kihyun seine Wohnung vermutete. In der Hand hielt er die nutzlose Leine für den Corgi und ganz unmittelbar begann der Blumenhändler einen winzigen Stich des Mitleids in seiner Brust zu fühlen. Vielleicht hatte Minhyuk Recht gehabt und der Hund war so etwas wie Changkyuns Gesellschaft... dann war der Ausgang des heutigen Tages wirklich, wirklich unschön zu nennen.
Kihyun hatte einmal eine Katze gehabt, noch bei seiner Eomma, und obwohl das Vieh launisch und übergewichtig gewesen war, hatte er das Fellbündel gerne gegen seine Brust gedrückt und seinen Herzschlag an seinen gespürt. Am Ende war der Kater immer noch der einzige gewesen, der ihn auf seine eigene, ablehnende Art das Gefühl von Nähe gegeben hatte.
Aber mitsamt seiner Eomma war auch das hässliche Vieh aus seinem Leben verschwunden, und er hatte damals andere Sorgen gehabt, als den Verbleib des Perserkätzchens zu betrauern.
Plötzlich meinte er sich wieder an sein übellauniges Schnurren zu erinnern, das sich durch die Nacht gefräst hatte, wenn er die Katze dazu gezwungen hatte, in seinem Bett zu übernachten. Dieser auf ein Fellbündel komprimierte Beweis der Lebendigkeit, der Nähe und Vertrautheit. Die Wärme seines Fells unter seinen klammen Kinderfingern. Er hatte das Tier gebraucht, als niemand sonst für ihn dagewesen war.
„Oh, verdammt", fluchte er dann unterdrückt. „Fick dich, Lim Changkyun."
Eine winzige Sekunde verharrte er noch auf der Stelle, vor dem Fenster mit perfekten Blick über die Sintflut, die sich vor ihm ergoss, die tausenden von Liter, die ihn innerhalb einer halben Sekunde vollkommen durchnässen würden; ob Regenschirm oder nicht. Dann griff er nach seinem Mantel, nach dem Regenschirm und schlug blind nach dem Lichtschalter, ehe er die Sicherheit seines Geschäfts hinter sich zurückließ und auf die Straße trat.
Die Regentropfen fanden seinen Kragen, ehe er den Schirm aufspannen konnte und er erschauerte, als die kalten Wassertropfen seinen Hals hinab rannen. Wenigstens würde seine Hauttemperatur jetzt an die seiner Knochen anpassen.
Der Schirm klemmte und so begannen seine Haare, ähnlich wie Minhyuks am Nachmittag, in feuchten Strähnen an seiner Stirn zu kleben.
Ich wäre sowieso nass geworden, redete er sich ein, während er mit seinem rechten Schuh in eine zentimetertiefe Pfütze trat und fluchend in den Windschatten der Markise zurücktrat. Der Donner schallte noch immer gelegentlich durch die Straße, obwohl er schon viel weiter entfernt war als vor einer guten Stunde, als der hässliche Köter entrissen war.
Hin und wieder zuckte ein Blitz am Rande seines Gesichtsfeldes vorbei und er presste verärgert seine Lippen aufeinander. Herbstgewitter, was soll das?
Als der Regen aufgehört hatte, sich kalt auf seinem Gesicht anzufühlen, und er die Regentropfen inzwischen schon beinahe begrüßte, die das Gefühl der eisigen Kälte von seiner Haut fortzuwaschen versuchten, trat er aus dem Vorsprung mitten auf die windgepeitschte Straße.
Am Anfang wich er den Pfützen noch aus, aber als beide seiner Schuhe in Wasser schwammen und er seine Füße ohnehin nicht mehr fühlen konnte, gab er auf und stiefelte missmutig durch alle Seen, die der Regen ihm vor die Füße warf. Auf der Straße begegnete ihm keine Menschenseele. Nicht einmal ein Auto wagte sich bei diesem Wetter auf den Asphalt, und das Rauschen der Abermillionen Regentropfen auf der Straße, den Häusern, der Blech der Autos an denen er vorübereilte, schwoll zu einer Geräuschkulisse an, die alles andere ausblendete.
Kihyun war eiskalt, aber seine Füße trugen ihn immer weiter in die Richtung, in die die ihn Regentropfen spülten; er würde sich ganz gewiss nicht von ihnen ins Gesicht peitschen lassen.
„Eh, du Scheißköter!", versuchte er es probehalber, als er an einer abgedunkelten Seitenstraße vorbeikam, in der dieser Hund sich unter einer Mülltonne verkrochen haben konnte. „Bist du hier, du nutzloser Putzlappen?"
Er trat gegen jede Blechtonne, in der Hoffnung, das Vieh aufzuschrecken, aber außer einer kreischenden Katze, die fauchend in die Dunkelheit verschwand, ließ sich kein hässlicher Corgi dazu herab, ihn mit seiner Anwesenheit zu beehren.
Als er wieder auf die Hauptstraße trat, kam Kihyun unmittelbar ein Verdacht. Da die Straße mehr als abschüssig war und am Ende in einen wahren Sturzbach ausuferte, war es nicht unmöglich, dass ein Corgi in der Größe und Form eines wuchernden Salatkopf eine der Seitenstraßen hinabgetrieben worden war. Tatsächlich; als er zum Rande der Straße eilte, hatte sich das Pflaster in eine rutschige Steillage verwandelt, das mehr als nur ein wenig Haushaltsmüll dort hinabtrieb.
Und er wusste, dass diese Nebenstraße direkt zum Fluss führte, der ihre Kleinstadt im Norden begrenzte. Der Bach war üblicherweise harmlos, aber Kihyun wollte nicht wissen, zu welchem reißenden Fluss ihn der Regen transformiert hatte. Ohne, dass er es wollte, spürte er, wie seine Schritte sich beschleunigten, als er die Straße entlang rannte und rutschte; seine Finger krallten sich immer wieder in den Verputz der Häuserreihen, die er passierte und einmal musste er sogar einem Wäschekorb ausweichen, der vor ihm auf die Straße geschleudert wurde.
Er fluchte so laut und ausgiebig, dass er froh war, seine eigenen Worte durch das laute Rauschen des Regens kaum zu Ohren zu bekommen. Es wirkte jedoch so kathartisch auf ihn, dass er spürte, wie seine klammen Finger langsam wieder an Gefühl gewonnen.
Warum tat er das? Es konnte ihm doch vollkommen egal sein, ob dieser widerliche Köter davongeschwemmt wurde. Er hasste dieses Biest, das sich Changkyuns bedingungsloser Liebe erfreute und für ihn wäre es wohl eine wahre Freude, wenn er den hässlichen Corgi nicht mehr zu Gesicht bekäme.
Und trotzdem führten ihn seine Schritte immer weiter die Straße hinab. Der Hund war zu klein, schwach und machtlos, um sich gegen die Wassermassen wehren zu können, die vermutlich von ihm Besitz ergriffen hatten, als er aus dem Laden gestürmt war. Wenn er nicht schon längst jämmerlich im Fluss ersoffen war.
Als er am Ufer angelangte, das seine Schuhe geradezu freudig im Schlamm absorbierte, versuchte er so zu pfeifen, wie Hundebesitzer das allgemein taten.
„Komm her, du dummer Hund!", fluchte er in den Regen, nicht einmal ansatzweise laut genug, um zwei Meter dieser Apokalypse zu überwinden. „Ich bring dich zu deinem Herrchen zurück."
Er schaffte es bis zu einer Brücke, die natürlich vollkommen desertiert war. Dort lehnte er sich gegen einen Brückenpfeiler und versuchte, Luft zu schnappen. Es kam ihm inzwischen so vor, als ob er Wasser inhaliert hatte, so dicht, wie der klebrige, kalte Regen inzwischen fiel.
„Kkochi!", rief er in den Regen hinaus, während er versuchte, seine Augen mir seinen klitschnassen Ärmeln trocken zu wischen.
Ein Fiepen erklang unter ihm, kaum lauter als es Einbildung gewesen sein könnte.
Kihyun fuhr erschrocken zusammen und wirbelte sofort herum.
„Kkochi?", fragte er noch einmal.
Das Fiepen erklang erneut, lauter als zuvor und eindeutig von unter dem Brückenpfeiler gegen den er sich gelehnt hatte. Kihyun krallte seine Hand in die Balustrade und bückte sich so weit über die Reling, dass er in die trüben Wassermassen blicken konnte, die unter der Brücke vorbeigeschwemmt wurden. Ein dreckiger, ehemals goldener Fleck Fell saß auf dem letzten Stückchen Ufer, das die Sintflut noch verschont hatte, und winselte sehr erbärmlich.
„Du bist unglaublich dumm, weißt du das?", schimpfte er den Hund und wusste nicht, ob er sich nicht vielleicht selbst meinte.
Dann schöpfte er noch einmal Atem und sprang dann von den Treppenstufen in den Morast, den der Regen aus dem Ufer gemacht hatte. Kkochi wimmerte, als er Kihyun vor sich auftauchen sah, aber dieser packte ihn blind am Fell ohne auf sein Jaulen zu achten und riss ihn aus dem Treibsand, der den winzigen Hund offensichtlich bewegungsunfähig gemacht hatte.
„Ich hasse Hunde so sehr", deklarierte er und presste das zappelnde Bündel an sich, während er sich bückend unter der Brücke hervortrat und in den Regen zurückkehrte. „So widerlich. Sinnlos. Grauenerregend."
Kkochi winselte noch immer, schien aber mehr als froh zu sein, seinem sandigen Gefängnis entfleucht zu sein und so ließ er sich von Kihyun widerstandslos vom Fluss wegschleppen. Seine Pfoten waren voller Sand und es war ihm gelungen, nasser als Kihyun zu sein, aber die Tatsache, dass er in einem offensichtlich sehr kräftigen Klammergriff gehalten wurde, beruhigte seine Zappeleien sofort. (Vielleicht war er von Kihyuns scharfen Wangenknochen und den eisig blauen Lippen aber auch einfach so fasziniert, wie sein Herrchen es war.)
Kihyun brauchte Ewigkeiten, um zu den ersten Häuserreihen zurückzukehren, denn nun spielte der Abhang gegen ihn und er musste sich gegen die Wassermassen wehren, die zum Ufer des Bächleins spülten. Zudem hatte er nun eine nicht wirklich legere Fracht mit sich, die obendrein bald zu niesen begann.
„Hör auf damit", fuhr er den Hund an, der erschrocken verharrte und dann zu jaulen begann. Seine Pfoten zitterten und erst wurde Kihyun bewusst, dass das Tier sich gerade zu Tode fror. Kein Wunder, wenn er schon mehrere Stunden in der eisigen Kälte unterwegs war.
Mit einem frustrierten Knurren zog Kihyun seinen Mantel von seinen Schultern und hielt den Corgi mit einer Hand so von sich weg, dass dieser ihn nicht mit seinen ausscherenden Pfötchen treten konnte. Dann wickelte er den Hund so fest in den Kashmir seines Mantels ein, wie er es mit den Bouquets in Cellophan-Papier zu tun pflegte; so, dass dieses Bündel an Grässlichkeit sich ganz gewiss nicht mehr bewegen konnte. Er warf einen eisigen Blick in Richtung seines Pakets. „Fresse jetzt, ich muss telefonieren."
Sobald er sich unter einem Vorsprung derselben Straße untergestellt hatte, die er soeben hinabgeschlittert war, suchten seine Finger sein Handy in der Tasche. Der Bildschirm war feucht und funktionierte nicht richtig, aber nach einigen Anläufen gelang es ihm doch, Minhyuks Kontakt auszuwählen.
Nach dem Freiton dauerte es gut zehn Sekunden, dann hob sein bester Freund ab. „Kihyun?", fragte er überrascht. „Was ist los?"
„Frag nicht nach Einzelheiten", beschwor Kihyun ihn sofort. „Aber ich brauche Changkyuns Adresse."
Minhyuk fragte nach Einzelheiten.
So dauerte er gut eine halbe Minute, bis Kihyun sich Gehör verschafft hatte: „LEE MINHYUK, ICH HABE EINEN SCHEISSKÖTER IN DEN ARMEN, DER MIR GERADE WEGFRIERT, ALSO RÜCK CHANGKYUNS ADRESSE RAUS, ODER DAS HIER WIRD TRAGISCH ENDEN!"
„Oh", sagte Minhyuk. „Ich muss Hyungwon anrufen." Dann legte er auf.
Kihyun grollte frustriert und presste das hilflose Bündel fester an sich, während er die nächsten paar Meter hinaufeilte, so schnell er konnte. Inzwischen war er fast am Ende seiner Kräfte; den Berg hinaufzurennen, während es wie aus Eimern schütterte und Abertausende Liter Regenwasser wie eine Sintflut versuchten, einen von der Straße abzudrängen, war mehr Workout, als er bereit war zu machen.
Er hatte die Hauptstraße schon wieder erreicht, als Minhyuk endlich zurückrief. „Tschuldige, Kihyun. Hyungwon war ein klein wenig misstrauisch. Dachte wohl, du willst Changkyun abmurksen. Aber das mit dem Hund hat ihn überzeugt."
„Oh, wie gütig", meinte er mit beißendem Spott und warf dem Hund einen kalten Blick zu, damit dieser es ja nicht wagen würde, sich in andere Dimensionen zu verabschieden.
Minhyuk nannte ihm eine Adresse, die kaum zwei Blocks von hier entfernt war und Kihyun atmete erleichtert aus. „Danke, Hyung", verabschiedete er sich knapp und ehe sein übermäßig neugieriger bester Freund weiter nachhaken konnte, hatte er aufgelegt und das Handy zurück in seine Hosentasche gesteckt.
Die letzten Meter überwand er beinahe mühelos; der Regen schien ein wenig nachzulassen und außerdem hatte er nicht mehr gegen diese fiese Steigung zu kämpfen, die sich in Richtung Fluss ausgeweitet hatte. Changkyuns Wohnung befand sich in zweiter Reihe auf Höhe des ersten Stocks und so musste er in eine dunkle Hintergasse treten, ehe er den Aufgang zu seiner Wohnung fand.
Kkochi fiepte aufgeregt, als er bemerkte, dass er geradewegs nach Hause getragen wurde und Kihyun warf ihm einen eisigen Blick zu. „Still jetzt", zischte er ihn an. „Sonst hört er uns."
Der Aufgang zu Changkyuns Wohnung war überdacht und so spielte Kihyun mit dem Gedanken, den Hund einfach auf der Fußmatte abzuladen, zu klingeln und dann davonzurennen; aber er würde ganz gewiss nicht vor Lim Changkyun fliehen. Außerdem schaffte er keinen Meter mehr in einer Geschwindigkeit, die den Laufschritt überstieg.
Die Entscheidung wurde ihm von Kkochi abgenommen, der sehr laut und äußerst lang anhaltend nieste.
„Du dummer Hund", sagte er fassungslos zu dem sich schwach bewegenden Bündel in seinen Armen; aber da war es schon zu spät—die Haustür öffnete sich und Lim Changkyun stand ihm gegenüber; offenbar ausgehbereit, mit schweren Stiefeln, die dem Wetter wohl ein bisschen gerechter wurden, als die Stoffschuhe, die er selbst trug.
Auf seinem Gesicht spiegelte sich vollkommene Überraschung wieder, Kihyun auf seiner Türschwelle zu sehen; sein Mund war eine Winzigkeit geöffnet, was Kihyun zu seiner eigenen Überraschung nicht zurückgeblieben, sondern irgendwie niedlich fand.
Einen kurzen, atemlosen Augenblick starrten sie sich an; jeder in vollkommene Panik versetzt, den jeweilig anderen vor sich zu erkennen; und das, obwohl Kihyun immerhin gewusst hatte, dass Changkyun hier wohnte.
„Fuck", brachte er heraus und fragte sich sofort, warum er heute andauernd fluchte. „Hier ist dein... Kö- Hund."
Er streckte die Arme mechanisch aus, um Changkyun den eingewickelten Kkochi in Hand zu drücken. Changkyun starrte ihn nach wie vor vollkommen sprachlos an und Kihyun wurde bewusst, dass er sich wohl irgendwie erklären musste.
„Ist mir entgegengekommen", hustete er verlegen und wandte seinen Blick an, nur um die brennende Dankbarkeit in Changkyuns Blick nicht sehen zu müssen. „Ich... ich muss gehen."
Sofort wandte er sich auf der Stelle um und wollte wohl die Treppe hinabstürmen, aber er hatte nicht mit Changkyuns Geistesgegenwärtigkeit gerechnet, dessen erstaunlich warme Hand sich um sein Handgelenk schloss.
„Warte!"
Changkyun wusste offen gestanden nicht, was er tun sollte. Er hatte niemals damit gerechnet, Yoo Kihyun auf seiner Türschwelle anzutreffen; und weiter noch, mit seinem verlorenen Hund in den Armen, eingewickelt in diesem unglaublich teuren Mantel, der Kihyun aussehen ließ wie ein Model.
Jetzt gerade waren seine Finger um das Handgelenk des Älteren geschlungen, und er spürte den Herzschlag seines Hyungs gegen seine Fingerspitzen; es war beinahe so, als würde seine Pulsschlagader ihm entgegenspringen; als wollte wenigstens dieser gedankenlose, geistlose Teil von Yoo Kihyun, dass er Freundschaft in ihm fand.
Er hatte Determination in seine Stimme legen wollen, aber sein zweites Wort war nur eine Wiederholung des ersten, leiser und ein wenig schwächer: „Warte."
Kihyun sah ihn unverwandt war, Regentropfen in diesen dunklen, dichten Wimpern und Spuren der Nässe auf seinen Wangen. Fast, als hätte er geweint. Er spürte Changkyuns Finger gegen seinen Puls und der Jüngere bemerkte, wie unbehaglich es ihn machte.
„Bitte. Komm rein. Du bist eiskalt. Du musst dich aufwärmen."
Changkyun merkte, dass seinem Hyung nichts ferner lag, als seiner Aufforderung Folge zu leisten, also versuchte er es noch einmal: „Kihyun-ssi. Du holst dir den Tod, wenn du dich jetzt nicht aufwärmst." Es gelang ihm, eine Dringlichkeit in seine Stimme zu legen, die Kihyun zögern ließ.
Kkochi regte sich schwach in seinen Armen und Changkyuns gesamte Aufmerksamkeit changierte auf den Hund, der dank des Mantels eine klamme, wenngleich adequate Körpertemperatur wiedererhalten hatte. Changkyun wollte sich gar nicht ausmalen, was geschehen wäre, wenn Kihyun den Hund nicht gefunden hätte.
„Ich setze Tee auf", sagte er in einem Tonfall, der keine Widerrede zuließ, dann brach er mitsamt seinem Hund durch die Tür, ohne sich umzuwenden, um zu erahnen, ob Kihyun ihm folgte. Es war so warm drinnen, dass Kkochi unmittelbar in seinem Bündel zu strampeln begann. Changkyun kniete sich auf den Boden und wickelte den Hund aus, der erstaunlich fest verzurrt gewesen war. „Du bist der größte Pabo auf Erden, weißt du das?", schimpfte Changkyun den Corgi, der sich, noch immer feucht und irgendwie dreckig auf dem Wohnzimmerteppich ausbreitete und näher in Richtung Heizung kroch.
Kihyuns Mantel war vollkommnen verdreckt, starrte vor getrockneten Schlamm, den Kkochis Pfoten darauf hinterlassen hatten. Changkyun erhob sich, den Mantel zwischen den Händen, in dem Augenblick, in dem Kihyun durch die Tür trat. Erst jetzt erkannte der Jüngere, wie blau seine Lippen waren und wie blass seine Haut im dimmen Licht seines Wohnzimmers erschien.
„Jetzt, wo du es sagst", meinte er und die Worte kamen undeutlich zwischen seinen eiskalten Lippen hervor. „Nehme ich die Tasse Tee doch an."
„N-natürlich", beeilte Changkyun sich zu sagen und warf den Mantel über die Lehne des Armstuhls, ehe er auf die Küche zustürmte, um das Wasser so rasch wie möglich aufzusetzen. „Lehn' dich an die Heizung, um dich aufzuwärmen", rief er ins Wohnzimmer, während seine zittrigen, fahrigen Finger nach der Teedose suchten, die sich irgendwo über dem Ofen versteckte.
Sein Herz jagte in seiner Brust. Die Tatsache, dass er einen halb erfrorenen Eisprinzen in seiner Wohnung hatte, war so ironisch, das er beinahe lachen wollte. Vielleicht war das nur ein weiteres Symptom der Wahrheit, dass er sich in Yoo Kihyun getäuscht hatte. Der Hund war ihm nicht entgegengekommen. Changkyun hatte selbst überall geschaut und er hatte sich gerade aufgemacht, um unten am Fluss nach Kkochi zu suchen—denn ihm war relativ schnell bewusst geworden, dass der kurzbeinige Corgi keine großen Chancen gegen die Fluten gehabt hatte.
Die Tatsache, dass der Uferschlamm sowohl an Kkochi, als auch an Kihyuns Mantel haftete, war für ihn ein eindeutiger Beweis in der Sachlage, dass er recht gehabt hatte. Es hatte Kkochi die Straße hinab gespült, hinunter zum Fluss, der sich wahrscheinlich in eine reißende Flut verwandelt hatte. Kihyun lebte am anderen Ende der Stadt; er musste nicht über den Fluss gehen.
Er hatte den Hund gesucht. Er war mit der festen Absicht und der Expertise an die Sache herangegangen; kaum, dass Changkyun nach Hause gerannt war, um sich unter einer langen, heißen Dusche kurz aufzuwärmen, bevor er seine Suche fortgesetzt hätte.
Während das Wasser zu kochen begann, spürte Changkyun wie die Panik von ihm Besitz ergriff.
Kihyun hatte seinen dummen Hund gerettet, der ihm unglaublich viel bedeutete. Er hatte wahrscheinlich verhindert, dass Kkochi in den reißenden Fluten ertrank, die der Regen hervorgerufen hatte. Er wusste wirklich nicht, wie er mit dieser neuen Information umgehen sollte.
Als er fünf Minuten später mit zwei dampfenden Tassen Tee ins Wohnzimmer zurückkehrte, löste Kihyun sich eilig von der Heizung; sein dunkler Pulli klatschnass, ebenso wie die ehemals weißen Stoffschuhe, die nun vom Uferschlamm dunkelbraun gefärbt worden waren.
Er nahm die Tasse ohne ein Wort entgegen und Changkyun beobachtete, wie seine langen, schlanken Finger sich um das Porzellan der Tasse schlangen und die Wärme langsam zu absorbieren schienen. Seine Fingernägel waren so weiß, dass Changkyun sich Sorgen um die Nerven machte, die Kihyun sich wahrscheinlich gerade verbrühte.
Kkochi hatte sich inzwischen so weit wie möglich von seinem wütenden Herrchen zurückgezogen und war in den Korb verschwunden, der neben der Heizung stand. Von dort erklang ein gleichmäßiges Atmen, aber Changkyun wusste, dass der Hund nur spielte, um eine unausweichliche Schimpftirade vorzubeugen.
Kihyun blickte bedauernd auf die feuchten Spuren, die sein nasser Pulli auf dem Teppich hinterließ.
„Ich hol ein Handtuch", sagte Changkyun sofort, ehe Kihyun selbst etwas äußern konnte. „Und einen Pulli. Wir haben dieselbe Größe."
Er verschwand irgendwo in den Tiefen seiner Wohnung, griff blind nach dem größten Handtuch, das er finden konnte, suchte in seinem Schrank nach einem Sweatshirt, das nicht löchrig und abgenutzt war, ehe er mit dem Stapel Kleidung ins Wohnzimmer zurückkam, wo Kihyun bereits die gesamte Tasse geleert hatte.
„Und mehr Tee", murmelte er hastig und eilte aus dem Raum, damit er Kihyun die Peinlichkeit ersparte, sich vor ihm ausziehen zu müssen. Als er einen kurzen Blick durch die angelehnte Küchentür warf, um sich zu versichern, dass Rückkehr möglich war, erhaschte er einen raschen Blick auf eine unglaublich durchtrainierte Rückenpartie, die ihm in seiner Position des Spannertums sofort die Röte ins Gesicht trieb.
Er hatte immer gewusst, dass Kihyuns breite Schultern unter seinen T-Shirts irgendeinen Ursprung haben mussten, aber niemals hatte er erwartet, diesen selbst zu entdecken. Die verdammte Bewunderung für seinen Hyung nahm Übermaße an; und nun kam zu der alten Verehrung auch ich die Tatsache hinzu, dass Kihyun seinen Hund vor dem sicheren Tod gerettet hatte. Changkyun wusste selbst, dass er Statuen von Menschen errichtete, die niemand mehr einreißen konnte, sobald er sich ihrer sicher war; und Yoo Kihyun würde Changkyuns Gedanken nicht mehr so bald wieder verlassen. Der Jüngere hatte Helden immer eine einnehmende Liebe entgegengebracht, der nicht einmal sein Erwachsenenalter etwas anhaben konnte—und, oh, wie er Kihyun in diesem Augenblick verehrte.
Als er mit der frischen Tasse Tee ins Wohnzimmer zurückkam, fuhr Kihyun sich mit dem Handtuch gerade über das Haar und hinterließ dort ein Durcheinander, das Changkyun kaum anblicken konnte, ohne wieder rot zu werden.
Kiyhun sah in seinem Pulli besser aus, als er es jemals imaginiert haben konnte. Es war einer seiner liebsten Sweatshirts; eines der alten, das sein Vater ihm aus Amerika mitgebracht hatte—mit dem Schriftzug einer Band, die es in den Siebzigern zu großen Ruhm gebracht hatte. Allein Yoo Kihyun verschaffte dem verwaschenen Schwarz, dem Schriftzug zu neuer Glorie und Changkyun biss sich so fest auf die Lippe, dass er scharf Luft einziehen musste.
„Supertramp?", meinte Kihyun, mit beinahe so etwas wie dem Ansatz eines Lächelns. „Crime of the Century, 1971. Es gibt kaum einen apokalyptischeren Song."
„Eine meiner Lieblingsbands", erwiderte Changkyun verlegen und rieb sich über das Handgelenk. „Und zufälligerweise meine erste Platte."
Kihyun nickte, aber Changkyun bildete sich ein, ein winziges Heben seines rechten Mundwinkels erahnen zu können. „Ich bringe den Pulli morgen zurück", sagte er, leerte auch die zweite Tasse in einem Zug und hielt dann langsam auf die Tür zu.
Changkyun biss sich wieder auf die Lippe, noch mehr in Panik versetzt, als zuvor. „D-danke, Kihyun. Dass du Kkochi zurückgebracht hast. Ich wüsste nicht, was ich ohne diesen dummen Hund machen würde."
Kihyun drehte sich ihm um und sein Blick war ganz plötzlich so frei von der üblichen Kälte, dass Changkyun beinahe erschrocken zurückgezuckt wäre. „Das weiß ich doch."
Dann trat er durch die Haustür in die Nacht, und gerade, als er den Fuß der Treppe erreicht hatte, lichtete sich der Regen nur so weit, dass Changkyun ihn in der Dunkelheit verschwinden sehen konnte.
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AUTHOR'S NOTE:
Ich entschuldige mich, ich habe beim Schreiben die alten Supertramp-Platten meiner Eltern gehört, es ist möglich, dass etwas von dieser nostalgischen Melodramatik ein wenig auf Changki übergelaufen ist. Aber wer mag schon kein Melodrama.
Kihyuns Meinung zu Hunden ist möglicherweise an meine angelehnt; aber immerhin hat er den Köter gerettet! (Ich weiß nicht, ob ich das getan hätte. (Ok. Für Changkyun vielleicht schon.))
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