ONE

1 — ÜBER STECHENDES
M I S S T R A U E N

— ❀ ❀ ❀ —

              YOO KIHYUN BLICKTE SELTEN einmal nach rechts und links, ehe er die Straße überquerte.

Diese absichtliche Vernachlässigung der Straßenpflicht, die man üblicherweise schon im Alter von drei Jahren im Kindergarten eingetrichtert bekam, sprach bei Kihyun jedoch nicht von Unwissenheit oder gar der Tatsache, dass er sein Leben an der nächsten Straßenecke abgeben wollte.

Es war vielmehr so, dass er selten einmal auf seine Umgebung achtete. Der Begriff 'Gedankenlosigkeit' schien perfekt auf ihn zugeschnitten zu sein, beizeiten könnte neben ihm ein metallenes Regal voller Blumenkübel zusammenstürzen und er würde den donnernden Lärm nicht einmal zur Kenntnis nehmen. Sein bester Freund sprach manchmal minutenlang ins Leere, ohne, dass Kihyun eine Reaktion zeigte. (Aber Mihyuk redete ohnehin gerne, und ob Kihyun ihm zuhörte, oder nicht, war nur ein zusätzlicher Bonus seiner Redseligkeit.)

Kihyun hatte zusätzlich etwas Düsteres, Kühles an sich, das Leute selten einmal anspornte, ihn um Hilfe zu bitten, wenn sie sich verfahren oder verlaufen hatten, und er die einzige Anlaufstelle in unmittelbarer Umgebung darstellte. Dass er in Lee Minhyuk einen so engen und bedingungslosen Freund gefunden hatte, war wohl der Tatsache geschuldet, dass die beiden sich seit rund einundzwanzig Jahren ihres dreiundzwanzigjährigen Daseins kannten und es, O-Ton Minhyuk, „jetzt ohnehin zu spät sei, das sinkende Schiff zu verlassen."

In den Augen seines besten Freundes war Kihyun also ein seit dreiundzwanzig Jahren permanent sinkendes Schiff—aber Minhyuk neigte zu Übertreibungen und Melodramatik; sonderlich ernst nehmen konnte man sein Wort eigentlich nicht.

Zu Kihyuns kühler, unnahbarer Aura, die selbst kleine Kinder an der Hand ihrer Mutter dazu bewog, ihn mit ängstlicher Faszination anzublicken, kam die Tatsache erschwerend hinzu, dass er mehr oder minder gut aussah. Er hatte das Glück gehabt, die scharfen Wangenknochen seiner Eomma zu erben (das einzig Gute, das ihm diese Frau jemals vermacht hatte) und in den Jahren, in denen er nun schon zentnerschwere Wassereimer durch den Laden trug und Säcke mit Blumenerde aus den Lieferwägen ausräumte, hatte seine Statur sich zu einer beeindruckenden Stämmigkeit gewandelt; wenn er nur ein T-Shirt trug, blieb Iseul (die Tochter des Besitzers des anliegenden Stoffwarengeschäfts) immer ein paar Minuten länger im Laden als unbedingt nötig, wenn sie ihm die Zweitschlüssel des gemeinsamen Hinterhofs vorbeibrachte.

Iseul war ein hübsches Ding, mit großen, rehbraunen Augen, hell gefärbtem Haar und der Disposition für einen ganz reizenden Schmollmund. Kihyun war zwar nicht im Geringsten an ihr interessiert, aber Iseuls Vernarrtheit sorgte auf der anderen Straßenseite für allgemeinen Unmut.

Dort nämlich residierte Lim Changkyun, kaum zwanzig; Tattooist, gepierct und so offen, freundlich, selbstlos und warmherzig, dass die Bewohner der Straße das Eröffnen seines Tattoostudios nach einem nur kurzem Studium seines Charakters vorbehaltlos akzeptiert hatten.

„Ich versteh nicht, wie so ein Typ mit Blumen hantieren kann, ohne, dass sie ihm unter den eisigen Fingerspitzen wegfrieren", ließ Changkyun gerade halb scherzhaft gegenüber einem seiner Freunde Schrägstrich Kunden verlauten, als Kihyun gerade vor dem Schaufenster des Blumengeschäfts aufgetaucht war, um ein wenig Ordnung in die Buschwindröschen vor der Tür zu bringen.

Durch das abgedunkelte Schaufenster starrten sie beide auf die gegenüberliegende Straßenseite, an der Kihyun mit einer Gartenschere die Ästchen einer kleinen, widerspenstigen Yucca-Palme trimmte.

Changkyun war drei Jahre jünger als Kihyun und hatte mit dem verschlossenen, gerade zu lapidar antwortenden Blumenhändler nur am Tag seines Einzugs ein Wort gewechselt—an das er sich jetzt offen gestanden nicht mehr erinnerte; aber nachdem alle Ladeninhaber dieser Straße mehr als freundlich zu ihm gewesen waren, hatte ihn das brüske Verhalten seines Gegenübers ein klein wenig irritiert.

Er hatte ihn kaum angesehen, als Changkyun sich auf seiner Runde durch die Läden seiner neuen Nachbarn auf seine überschäumende und einnehmende Art vorgestellt hatte, war die gesamte Zeit über mehr als ungesprächig gewesen und hatte am Ende erleichtert ausgesehen, als Changkyun den Laden wieder verlassen hatte.

„Meinst du, weil er so eisig ist, dass seine Blumen krepieren sollten?", grinste sein Freund zurück, dessen Name hier nicht viel zur Sache tut.

Aber Changkyun antwortete nicht, denn er war damit beschäftigt, ganz gegen seinen Willen in den faszinierenden Bann seines Nachbars zu geraten, der gerade mit erstaunlicher Genauigkeit und fast einer Art von Sanftheit (falls er zu so etwas fähig war), die Stängel der Blumen zwischen seine Finger nahm und sie genau an der richtigen Stelle mit einem kleinen Messer durchtrennte. Changkyun bildete sich sogar aus der Ferne ein, die determinierte Linie seines Unterarms auszumachen, die entlang der Stränge seiner Armmuskeln an Form gewann, wann auch immer er die abgehackte Bewegung des Zuschnappen seines Messers vollführte.

Eigentlich war Lim Changkyun nicht davor bekannt, lange aus der Ferne zu bewundern. Er war einer dieser Leute, die mit Sack und Pack vor deiner Haustür auftauchten, wenn sie dich ins Herz geschlossen haben und von dort nicht mehr so schnell zu vertreiben sind. Im Vergleich zu Kihyun stammte er aus einer typisch ländlichen Großfamilie; drei Brüder und zwei Schwestern, mehrere ledige Tanten und seine Großmutter väterlicherseits, die sich zusammen mit seiner Eomma und seinem Appa das geräumige Bauernhaus weit hinter Gwangju geteilt hatten. Er war schon immer weich gewesen und warm; so sehr, dass er bald zum absoluten Liebling der Familie erklärt worden war.

Changkyun hatte etwas an sich, das sich in diametraler Beharrlichkeit zu Yoo Kihyuns Charakter verhielt (einer der Gründe, warum die beiden sich seit ihrer ersten Begegnung vorbehaltlos misstrauten). Er war so offenherzig, dass man nach gut einer Minute in seiner Gegenwart bereit war, ihm seine Kontonummer zu verraten—nach nur zwei schon, das tiefste, dunkelste Familiengeheimnis und man nach einer guten Viertelstunde das Land mit ihm verlassen würde, um nach Atlantis zu suchen; wenn er es nur verlangt hätte.

Früher hatte es Changkyun offen gestanden verwirrt, dass Menschen ihn blind zu lieben schienen; in seinen Augen war er ein gewöhnlicher Jugendlicher—der sich in der Schule gerade über Wasser hielt, nicht sonderlich gerne las, nach Unterrichtsende öfters Fußball spielte und auch ansonsten allen Charakteristiken der Gewöhnlichkeit gerecht wurde. Aber er sah nun einmal nicht das, was seine Mitmenschen taten; die großen leuchtenden Augen der absoluten Vertrauenswürdigkeit, das weiche Lächeln, das um seine volle Lippen spielte und wenn er lachte; seinen Kopf in den Nacken warf und alle Befangenheit ablegte; dann war es um die meisten geschehen. Lim Changkyun war schlichtweg mit einer einnehmenden Aura gesegnet worden, die andere Menschen anzog wie das Licht eine Motte.

Das Paradebeispiel, das Opfer seiner Anziehungskraft geworden war, hörte auf den Namen Chae Hyungwon und war—neben Kihyun vielleicht—der kälteste, sardonischste Mensch, der sich auf den Straßen dieser Kleinstadt herumtrieb. Er besaß eine Disposition der Unzufriedenheit; die sich entlang seiner konstant zusammengefurchten Augenbrauen eröffnete, sich in Ablehnung äußerte und nur in Lim Changkyun die Auflösung fand. Denn Hyungwon, der nebenbei so tat, als würde er Politik studieren, hatte die Welt verabscheut, seit er geboren worden war. Als er Changkyun traf, musste er beginnen, sie noch mehr zu hassen—denn sie war nun zu einer einzigen Verschwörung geworden, Hyungwon des wertvollsten zu berauben, das er besaß; Changkyuns Freundschaft.

Während dieser von Hyungwons Besitzgier weniger mitbekam, als es ihm gut tat, mieden Changkyuns andere Freunde den hochgewachsenen Studenten mit einer ausdauernden Expertise; was diesen kaum störte. So hatte er Changkyun für sich alleine; während die arbeitslosen Versager, wie er Changkyuns Freunde in Gedanken oft nannte, vor ihm flohen und die beiden unbehelligt ließen.

Hyungwon war im ungefähren Alter von Kihyun; das bedeutete, er war Changkyuns Hyung und wurde von diesem dementsprechend vorbehaltlos verehrt. Im Gegenzug dessen fühlte Changkyun sich in Hyungwons Gegenwart auf eine unstete Weise besonders. Natürlich kannte er beinahe nur Zuneigung und freundliche Verehrung; aber die Art und Weise, wie Hyungwon ihn anknurrte, wenn Changkyun etwas tat, was ihm nicht passte, erschien ihm aufregend. Die fortwährende schlechte Laune seines besten Freundes übte eine angenehme Polarität auf seine Frohnatur auf; etwas, das er bei Kihyun nicht ausstehen konnte.

Wo der Blumenhändler ihm zu düster und eigenbrötlerisch war, da stellte Hyungwon klingende, summende Aufregung für ihn dar. Man musste auch ins Gewicht fallen lassen; dass Changkyun gerade erst zwanzig war, niemals in einer Großstadt gelebt hatte und (wenn man es so nennen wollte) fast zu naiv für sein eigenes Wohl war.

Kihyun und Changkyun lebten gut vier Monate nebeneinander her, ohne, dass es zu einer Konfrontation oder freundlichen Annäherung kam. Sie nickten sich vielleicht gerade einmal zu, wenn der eine den Laden aufschloss und der andere schon darin residierte; Changkyun hatte Kihyun nach dem schicksalhaften Tag seines Einzugs nicht mehr besucht und Kihyun würde es ohnehin nicht im Traum einfallen, jemanden für eine höfliche Konversation unter Nachbarn aufzusuchen. Es war also ein wackeliger Frieden, der zwischen den beiden herrschte, der von gegenseitigen Stigmen und Vorurteilen so gespeist wurde, dass nur ein winziger Funken von Nöten wäre, um den Brandherd explodieren zu lassen.

Und der Funke erfolgte tatsächlich; natürlich—in Form einer zersplitterten Fensterscheibe an einem Montagmorgen im Herbst, in dem die ersten Blätter gerade begonnen hatten, sich zu verfärben.

Yoo Kihyun überquerte die Straße, ohne nach rechts und links zu sehen, wie es für ihn so typisch war, während er die Hände tief in die Taschen seines Mantels vergraben hatte. Er trug Kopfhörer über den Ohren, dessen schwarzes Kabel tief in seine Tasche führte, sodass kein Fremder erahnen konnte, was er gerade hörte (es war She Used to Love Me A Lot von Johnny Cash, denn irgendwann hatte er sich eine Vorliebe für die rauchige Stimme des amerikanischen Countrysängers angeeignet).

Der Wind fuhr ihm durch sein samtenes, gerade zu golden schimmerndes Haar, das das einzig Weiche an ihm zu sein schien; anders, als die scharfen Kanten, die sein Gesicht bestimmten. Die Sohlen seiner festen Stiefel traten mit einer angeborenen Sicherheit auf dem Asphalt der Straße auf, die ihm andauernd anzuhaften schien. Sein Auftreten hatte etwas, das für einen Blumenhändler mehr als untypisch erschien. Wie Changkyun aus dem Laden gegenüber schon oft beobachtet hatte; er schien zu hart, zu ungehalten, zu zornig für die spröde Brüchigkeit der Blumenstiele zu sein. Dabei waren seine Finger lang und schlank und geschickt; Klavierspielerhände, die sich früher tatsächlich darin betätigt hatten.

Aber das war vor einer zu langen Zeit gewesen. Inzwischen erinnerte Kihyun sich nicht einmal mehr an das kühle, glatte Elfenbein unter seinen Fingerspitzen; das dem Flügel im Salon seiner Großmutter angehört hatte. Es war zu lange her; und Kihyun hatte andere Haptiken zu schätzen gelernt; vom Tau feuchte Blumenblätter zum Beispiel.

Als er an diesem Montagmorgen jedoch über die Straße eilte (ohne nach rechts und links zu sehen, wie es inzwischen ausführlich erwähnt und benannt wurde), schien die tägliche, neue Lieferung sofort an die zweite Stelle seiner Prioritätenliste zu rücken.

Das rechte Schaufenster neben der Tür, das nicht durch die schweren Metallrolläden gesichert war, und einen direkten Einblick auf die Kasse und den hinteren Teil des Ladens eröffnete, war von einem feinen Netz winziger weißer Linien durchzogen, die auf den ersten Blick so wirkten, als sei das Fenster über Nacht blind geworden. Das Epizentrum der Erschütterung lag knapp auf Fußhöhe; und ja, es war ganz eindeutig ein Fußabdruck, der sich im Zentrum des spinnennetzartig ausufernden Krakeles befand.

Jemand hatte versucht, die Scheibe einzutreten, war gescheitert; und hatte dabei das unverfängliche Zeichen dieses Kriminalakts hinterlassen—dort mitten auf der Scheibe, dass Kihyun es sofort sehen würde, wenn er am Morgen über die Straße auf das Geschäft zukam.

Der Verdacht fasste schneller in ihm Fuß, als dass die Rationalität ihn eindämmen konnte; war nicht Lim Changkyuns Tattooparlor bis spät in die Nacht geöffnet? An einem Sonntag? Hatte der hochgewachsene, entschieden zu offenherzige Tattooist nicht andauernd seltsame, zwielichtige Klienten, denen es im Adrenalinrausch eines neu gestochenen Tattoos ganz gewiss einfallen würde, die sinnlose Ausgabe recht schnell wieder zu begleichen?

Natürlich war es einer von Lim Changkyuns Klienten gewesen. Kihyun hatte ihm nie auch nur ansatzweise vertraut; und gemocht hatte er ihn sicher nicht. Changkyun mit seinem viel zu lauten Lachen, der Art, wie er den Kopf in den Nacken warf, dem breiten Grinsen, das die gesamte Nachbarschaft unter seinen Bann gebracht hatte. Es war doch nur eine Frage der Zeit gewesen, bis einer von seinen Gästen die Grenze missbilligte und mit beiden Füßen übertrat.

Kihyun stand eine gute Minute vor dem zersplitterten Fenster, ließ seinen rechten Zeigefinger immer wieder über die scharfen, winzigen Linien wandern, die sich wie Eiskristalle in das einstmals makellos Glas gefräst hatte und überlegte.

Sollte er Changkyun sofort zur Rede stellen? Das Parlor hatte noch geöffnet—etwas an den brennenden Lichtern im Ladeninneren sagte ihm, dass sein Nachbar wieder die Nacht durchgemacht hatte und ehe ihm der Versager wieder für zwei Tage aus dem Weg ging, wie er es montags zu tun pflegte, wollte er sicher gleich Gewissheit. Vielleicht hatte er den Scheck mit dem Versicherungsbetrag schon bereit und wartete nur darauf, dass Kihyun ihn abholte.

Also löste er die Kopfhörer von seinen Ohren, ließ sie um seinen Hals schnellen, und überquerte so rasch wie er konnte die Straße.

Die Tür war nur angelehnt und als er durch die Scheibe ins Ladeninnere blickte, erkannte er nur die übliche Unordnung, die Changkyun auf dem Fuß folgte. An den Wänden hingen einige Schwarz-Weiß-Fotos diverser Körperteile, die von Changkyuns Entwürfen geziert wurden; Schmierblätter mit neuen Motiven zogen sich wie eine Erzählung des schaffenden Genies durch den Raum, der von quer stehenden Stühlen und umgeworfenen Bierflaschen gesäumt war. Kihyun konnte nicht anders, als angewidert den Mund zu verziehen. Von Changkyun selbst war keine Spur, aber vermutlich hatte sich der Typ in den Hinterraum verschanzt und schlief seinen Rausch aus.

Also atmete er tief ein und aus, als würde der Geruch nach eisigem Wind und frisch gefallenen Blättern gleich etwas viel Unangenehmeren weichen.

Die Tür gab ein sanftes Klingen von sich, als der Rahmen oben gegen eine Glocke stieß und aus dem Hinterraum ertönte tatsächlich ein dumpfes Geräusch, das klang, als sei gerade jemand aus einer Höhe von einem guten Meter auf den Boden gefallen.

„Entschuldigung?", fragte er in den Raum, so eisig und betont abweisend, wie seine geradezu schon neugierige Verwirrung es ihm erlaubte. Er war nie in dem Tattooladen gegenüber gewesen; während viele seiner Nachbarn einen Höflichkeitsbesuch abgestattet hatten, als der Jüngere vor mehreren Wochen hier eingezogen war, hatte Kihyun darauf verzichtet, dieser von koreanischen Höflichkeit induzierten Tradition nachzukommen.

Er hatte Changkyun schon von Beginn aus deutlich machen wollen, dass es bei ihnen keine nachbarliche Freundschaft geben würde; und der Tattooist hatte seinen Wink mit dem nicht mehr ganz so subtilen Zaunpfahl irgendwann verstanden und hatte jegliche Zeichen der freundlichen Wiedererkennung sehr bald eingestellt.

„Lim Changkyun-ssi?" Er verzichtete absichtlich auf die eigentliche Höflichkeitsform, die Nachbarn zugesprochen wurde, sondern wählte die entfernteste Variante—natürlich ohne dabei gleich das Gesicht zu verlieren.

Aus dem Nebenraum ertönte noch ein dumpfer Laut, als ob jemand in aller Eile in seine Schuhe schlüpfte und dabei über einen Sessel fiel, und keine Sekunde später erschien tatsächlich niemand anderes als Changkyun im Türrahmen; in einem löchrigen, weiten Sweatshirt, passenden Jeans und schwarzen Sneakers. Sein Haar war zerzaust, er hatte den Abdruck eines Handys auf der Wange und seine Augenringe machten der Farbe von schwarzen Turmalinen Konkurrenz.

„Kihyun-Hyungnim." Changkyun sah ein wenig überrascht aus, seinen ihm gegenüber immer kühlen, ausnahmslos verschlossenen Nachbarn in Inneren seines Ladens auszumachen. Für ihn war Kihyun immer eine Figur der Bewunderung gewesen; ganz gleich, wie der Ältere ihn behandelt hatte. Noch bevor er in das alte Tattooparlor eingezogen war und gerade auf Auskundschaftung gewesen war, hatte er Kihyun vor seinem Laden dabei beobachtet, wie er die schweren Blumenkübel der Reihe nach aus dem Inneren des Lieferwagens gezerrt hatte; ganz, ohne dabei Hilfe anzunehmen.

Damals hatte er ihn genauso ignoriert wie jetzt; und so konnte Changkyun nicht anders, als eine Spur der kühlen Ablehnung in seiner unmittelbaren Gegenwart wertzuschätzen; auf eine masochistische, selbstzerstörerische Art und Weise—den schon jetzt erkannte er die Wellen der ungefilterten Feindseligkeit, die von seinem Hyung ausgingen und ihn mitten in der Brust treffen wollten.

„Kann ich helfen?", wagte er trotzdem den letzten Versuch, die winzige, schmale Spur der Missachtung auf Kihyuns Gesicht zu glätten, die sich entlang seiner Stirnfalte einfand und überhaupt nichts Gutes verhieß.

„Oh. Ja", antwortete Kihyun mit kühlem, fast schon untypisch beißenden Spott und lehnte sich in den Türrahmen. Trotz seiner eindeutig offensiven Haltung konnte Changkyun nicht anders, als zu bemerken, wie gut er sich an dem dunklen, polierten Eichenholz seines Türrahmens machte. Sein Herz setzte fast einen dummen, verräterischen Schlag aus, als er die ungetrübte, lässige Nichtachtung verspürte, die Kihyun ausströmte.

Er war unglaublich hübsch; er in seinem Mantel und den Kopfhörern um den Hals, die wie das Loblied auf das erschienen, das ihm eine Freude war. Für einen winzigen, dummen Augenblick, den sich Changkyun später vor Peinlichkeit am liebsten tief in seinem Verschlag im Keller verkrochen hätte—für einen kurzen Augenblick der Unkontrolliertheit überlegten seine Fingerspitzen, wie die weiche Blässe Kihyuns Haut sich unter ihnen anfühlen würde.

Changkyuns Herz sprach für sich selbst; oder war es schlichtweg dieser kurze, brennende Moment zwischen ihnen, der von Kihyuns Wut so entzündet worden war, dass er fälschlicherweise für... Leidenschaft hielt? Changkyun interessierte sich nur für Mädchen; ausnahmslos—und eigentlich geierte er gerade Iseul hinterher, der Nachbarin, die Kihyun so viel interessanter fand als ihn. Dass er in diesem Augenblick nichts lieber getan hätte, als die Distanz zwischen ihnen beiden zu überwinden, trotz der lodernden Abscheu in den schwarzen Augen des anderen; ließ ihn sprachlos den Kopf schütteln.

„Du könntest mir zum Beispiel die Namen und Adresse der Leute geben, die meine Scheibe eingeschlagen haben." Der eisige Hohn, den Kihyun immer dann aufzulegen schien, wenn er sich verletzt fühlte, begann den Raum zwischen ihnen auszufüllen; plötzlich war da nicht mehr Luft zwischen ihnen, sondern eine Mauer an Vorurteile, Stigmen und unausgesprochener Anklagen. Changkyun kannte sie inzwischen gut genug; dieses Wechseln auf die andere Straßenseite gewisser Passanten, die ihn nicht kannten, wenn er mit Lederjacke und Motorradstiefeln vor die Tür trat. Das angewiderte Gesicht einer alten Dame in der Supermarktschlange hinter ihm, mit dem sie seine Tattoos musterte, die sich wie eine archivierte Form der Kriegsbemalung über seine Schultern, seinen Brustkorb und Teile seines Halses zogen. Mütter, die ihre Kinder rasch weiterzogen, wenn er sich bemühte, ihnen ein aus dem Kinderwagen gefallenes Spielzeug zurückzugeben.

Changkyun hatte gelernt mit solchen Augenblicken umzugehen; die Schultern zu zucken und stattdessen ein sanftes Lächeln walten zu lassen. Denn das wirkte selbst auf Fremde.

Aber sich hier; gegenüber Yoo Kihyun verteidigen zu müssen, in seinem Laden, seine eigenen Klienten des Rufmords ausgesetzt sah, dass sie Vandalismus begannen hatten; es tat beinahe weh.

„Entschuldigung?", sagte er leise, als hoffte er, sich verhört zu haben. Er bemerkte, wie Kihyun von der plötzlichen Lautlosigkeit seiner Stimme kurz irritiert war und seinen Blick über sein Gesicht wandern ließ. Merkte er, wie hart er ihn gerade vor den Kopf stieß?

Natürlich war ihm bewusst gewesen, dass Yoo Kihyun und er nicht wirklich beste Freunde werden würden—ehrlich gesagt wollte er das auch gar nicht; aber in gewisser, gestörter Weise fühlte er sich, als hätte er in den letzten Wochen nach seiner Ankunft ununterbrochen versucht, langsam und stetig in seiner Achtung zu steigen. Das Ziel, Yoo Kihyun zu beeindrucken, schien sich in ihm festgefressen zu haben; denn ehrlich, niemand konnte sich der Faszination dieses Eiswesens einziehen, das sich mit ihnen eine Straße teilte.

Leider, oh leider, musste Changkyun jetzt bemerken, dass er nie wirklich eine Chance gehabt hatte, Kihyun zu beeindrucken. Dieser hatte ihn trotz allem immer genauso gesehen, wie die Mütter und alten Damen an den Supermarktkassen dieser Welt. Es fühlte sich fast so an, als würde sein Herz gerade einen unschönen Knacks davontragen.

„Willst du damit sagen, dass ich... dass meine Gäste ziellos umherstreifen und Fensterscheiben einschlagen?" Das Stigma, das nun zwischen ihnen im Raum schwebte, schien beinahe Gestalt anzunehmen; wie ein rauchiges, widerliches Etwas, das sich zwischen ihnen ausbreitete und verhinderte, dass sie die Wahrheit sahen.

Er hatte Kihyun eine letzte Chance gegeben, sich zu amortisieren; einen Sendeplatz der Ausgeglichenheit einzunehmen und ihm zu erklären, was er mit diesen verletzenden Anschuldigungen eigentlich hatte meinen wollen.

„Genau das sage ich", meinte Kihyun gerade aus und Changkyun bemerkte schwach, dass er sich noch immer nicht aus dem Türrahmen bewegt hatte. Wusste er, wie er dabei aussah? „Einer deiner Freunde, oder Kunden, wie auch immer du diese Gestalten nennst, sie haben meine Fensterscheibe eingeschlagen. Und ich hätte gerne Nummer und Adresse; damit ich weiß, an wen ich mich wenden soll."

„Das war keiner von meinen Freunden", presste er kalt hervor. „Wir wissen uns zu benehmen; da kannst du dir sicher sein."

Er hasste die Tatsache, dass er in Pulli und Jeans vor Kihyun stand, der in seinem taillierten Mantel wirkte, als sei er gerade von einem italienischen Laufsteg gestiegen. Er hasste es, wie klein und unwesentlich er sich unter seinem eisigem Blick fühlte; wie schuldig. Natürlich waren seine Freunde keine Unschuldslämmer; aber er würde nie zulassen, dass sie seine Position in der Nachbarschaft durch solche Aktionen gefährdeten—vor allem nicht, wenn sie Kihyun schadeten, den er immer bewundert hatte.

„Ihr wisst euch doch niemals zu benehmen", spottete Kihyun. „Ihr vergesst euch doch in dem Boden der Flasche, die ihr gerade trinkt. Fühlt euch wie die Herrscher dieses Universums, nur weil ihr einmal ein paar Minuten auf einen Wattebausch gebissen habt, wenn ihr euch mit unhygienischen Nadeln irgendwelche Gangzeichen stechen lasst."

Seine Stimme triefte vor Hohn; er schien genau zu wissen, was er sagen musste, welche Phrasen er formulieren musste, um Changkyun an den Rande der Weißglut zu bringen. Er hatte genug davon, dass ihn der Ältere wie einen Verbrecher hinstellte, nur weil er ein paar Tattoos auf seiner Haut hatte, drei Piercings im Ohr und seine Freunde wieder einmal vergessen hatten, die Bierflaschen mitzunehmen, als sie heute in aller Frühe den Laden verlassen hatten.

Raus", sagte er gefährlich leise. Er war genauso groß wie Kihyun, aber sein Hyung hatte etwas an sich, dass ihn unglaublich einschüchterte. Er wagte es kaum, einen Schritt auf den Älteren zuzumachen—der ihm in jeder Hinsicht so überlegen schien. „Verlass meinen Laden. Sofort."

Kihyun löste sich aus dem Türrahmen und warf dem Jüngeren einen so spöttischen, einen so kalten Blick zu, dass dieser unwillkürlich eine Gänsehaut bekam. Wie konnte man nur so viel Misanthropie in diese dunklen Augen legen? So viel Anteilslosigkeit?

„Wir sprechen uns noch, Lim." Kihyuns Stimme war ein Klangteppich aller eisigen Töne, die seine Stimme finden konnte. Mit einem beiläufigen, geradezu unbehelligten Schritt durchquerte er den Ladeninnenraum und die Klingel erschallte im Unterton der Höflichkeitsform, die Kihyun ihm gerade verwehrt hatte. Changkyun beobachtete, wie Kihyun über die Straße eilte, und die Tür zu seinem eigenen Geschäft aufschloss.

Sein Herz schlug viel zu schnell in seiner Brust und durch seine Adern kochte das zornige Blut, während er Kihyuns hohe Gestalt hinter seinen Fenstern beobachtete.

Er bekam das ungute Gefühl, gerade einen wirklichen Feind gewonnen zu haben.

— ❀ ❀ ❀ —

Lee Minhyuk und Chae Hyungwon saßen in Einführung in die Politik II nebeneinander, tauschten beizeiten Notizen aus, wenn der eine außer Stadt war und sie unterhielten sich allzeit auf einer freundschaftlichen, höflichen Basis.

Es dauerte nicht lange, bis sie bemerkten, dass ihre jeweiligen besten Freunde entschieden hatten, in den ewigen Feindesstand zu gehen und ihnen selbst nun nichts anderes übrig blieb, als sich der Sache anzunehmen.

Der Posten als verhandelnde Sekundanten, die zwischen den Hochburgen der jeweiligen Hasserfülltheit zu vermitteln wussten, begann damit, dass Minhyuk bei Kihyun an der Theke lehnte, auf seinem Laptop ein Essay verfasste, und über die Straße hinweg seinen Sitznachbarn erkannte, der gerade aus dem Tattooladen kam, von dem Minhyuk von Kihyun bisher nur Schlechtes gehört hatte.

„Warte, bin gleich wieder da", meldete er Kihyun, der gerade dabei war, hinter der Theke ein Bouquet zusammenzustecken und auf unmittelbare Anrede ohnehin nur mit einem abwesenden Hmm antwortete.

Minhyuk eilte aus dem Laden, gerade rechtzeitig um Hyungwon noch zu erwischen, ehe dieser um die Ecke biegen konnte und verschwand. Sein Kommilitone trug wie immer diese Miene zur Schau, die ihn die ersten zwei Wochen davon abgehalten hatte überhaupt mit ihm zu sprechen (und Minhyuk redete mit allen).

Hyungwon-ah!", brachte er hervor, während der andere sich überrascht umdrehte und einen atemlosen Minhyuk auf ihn zueilen sah. Seine Augen gaben keinerlei Zeichen der freudigen Wiedererkennung von sich, aber Minhyuk wusste inzwischen, solche Warnungen zu ignorieren.

„Minhyuk. Was tust du hier?" Hyungwons tiefe Stimme mischte sich in die kalte Herbstluft zwischen ihnen und es erschien ihm beinahe, als würde er ein Lächeln zustande bringen.

„Mein bester Freund. Kihyun. Ihm gehört der Blumenladen da hinten, ich habe ihn besucht. Was machst du hier?"

„Dasselbe. Ich habe Changkyun besucht, meinen besten Freund. Er besitzt den Tattooladen."

Einen Augenblick drohte das Lächeln von Minhyuks Gesicht zu rutschen; aber er fing sich, ehe ihm ein so verheerender Fehler unterlaufen konnte. „Oh. Ist dem so?" Er räusperte sich. „Also schätze ich du weißt von..."

„Der Sache mit dem Fenster? Ich weiß, dass Yoo Kihyuns Anzeige wegen fehlenden Beweisen und einem wirklichen Haupttäter fallen gelassen wurde." Hyungwon hatte eine unangenehme Direktheit an sich, an die Minhyuk sich erst einmal hatte gewöhnen müssen. Der hochgewachsene Hüne war allgemein etwas, das man nicht allzu schnell wieder vergas; aber Minhyuk hätte sich niemals träumen lassen, dass Hyungwon die Freundschaft von jemanden wie Changkyun suchte. Er hatte ihn als Einzelkämpfer gesehen; nicht als loyalen Freund.

„Ja", entgegnete Minhyuk lahm. Er hasste es, dass Hyungwon ihn immer an die Wand zu spielen schien, wenn die beiden sich begegneten. „Also, ähm, denkst du nicht, dass es einer von Changkyuns Freunden war?"

Hyungwon blickte ans Ende der Straße, als wünschte er sich nichts sehnlicher, aus diesem Gespräch auszubrechen, aber er ließ sich, begleitet von einem jovialen Seufzen, dazu herab, ihm zu antworten. „Hör zu, ich mag Changkyuns... Freunde auch nicht wirklich, aber ich glaube nicht, dass sie so etwas tun würden. Sind doch viel zu schmächtig, um so ein Fenster einzutreten."

Ein schmales Grinsen flog über Minhyuks Lippen. „Aber Kihyun scheint fest davon überzeugt zu sein, dass sie es waren."

„Dein Kihyun soll den Stock aus seinem Arsch ziehen, wenn er weiß, was gut für ihn ist." Hyungwon zuckte mit den Schultern, während Minhyuk von seiner Direktheit wieder einmal vollkommen schockiert war und sich nur unsicher auf die Lippe biss.

„Ich... werde es ihm ausrichten", sagte er zögerlich. Was er wahrscheinlich nicht tun würde, denn eine offene Konfrontation von Kihyun und Hyungwon war nichts, das er nicht innerhalb eines Atomschutzbunkers erleben wollte. „Und du kannst Changkyun sagen, dass... dass er vorsichtig sein muss. Wir beobachten ihn."

Hyungwon zuckte gleichgültig mit den Schultern und vergrub seine Hände tiefer in den Taschen seiner Jacke. „Werd ich machen. Wir sehen uns in Politik. Bis dann, Hyung."

Minhyuk sah ihm hinterher, bis er um die Ecke gebogen war, bevor er sich kopfschüttelnd abwandte und langsamen Schrittes zum Blumengeschäft zurückkehrte. Als er sich in Richtung des Tattooladen wandte, erkannte er Changkyun in der Tür, der ihn und Hyungwon offensichtlich beobachtet hatte. Sobald dieser Minhyuks Blick bemerkte, kräuselte er spöttisch die Nase, löste sich aus dem Rahmen und knallte die Tür ins Schloss, sodass der dumpfe Knall durch die Straße hallte, bis Minhyuk wieder in den Ladenraum getreten war.

Kihyun blickte nicht von seinen Bouquets auf und Minhyuk beschloss, ihm nichts von seinem Zusammenstoß mit Hyungwon zu erzählen. Sein bester Freund war ohnehin schon gereizt genug und er war nicht so lebensmüde, dass er weiter dazu beitragen wollte.

Die nächsten paar Tage unternahm der blondierte, zierliche Student alles in seiner Macht Stehende dazu, dass so etwas wie ein Silberstreif am Horizont der Kriegsfront auftauchte. Er sprach mit Hyungwon, der sich höchst widerwillig bereiterklärte, Changkyun etwas zu bearbeiten; er versuchte es unmittelbar bei dem Tattooisten, der ihn brüsk abwimmelte, sowie bei Iseul, die bei Changkyun ein gutes Wort für Kihyun einlegen sollte.

Doch Changkyun schien genug von allem zu haben, das mit Kihyun in Verbindung stand; während Minhyuks bester Freund nach wie vor der festen Meinung war, in Changkyun den Schuldigen für das Malheur gefunden zu haben.

Es war ein aussichtsloser Kampf, wie Minhyuk irgendwann feststellen musste, und so gab er schließlich auf, überließ die beiden ihrer stummen Ablehnung und widmete sich lieber seiner Hausarbeit, mit der er ein wenig in Verzug geraten war.

Aber wie das Schicksal es so wollte, sandte es nur kurze Zeit später nach dem Funken, der die Explosion verursacht hatte, auch das große Gewitter, das den Brand ersticken würde.

— ❀ ❀ ❀ —

AUTHOR'S NOTE:
Das erste von vier Kapiteln!
Ich, die ich Monsta X nur aus den zahlreichen Schwärmereien unserer allerliebsten kinkkhyun kenne, muss mich für alles entschuldigen, das ich unwissent- und unwillentlich falsch gemacht habe.
Minhyuk, mein Einstiegsbias, ist ein wahrer Engel, oh gosh, ich liebe ihn zu sehr. Und Hyungwon meinen endgültigen Bias sowieso. <3

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top