THREE

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3 — ÜBER VORSICHTIGE ANNÄHERUNG


         KIHYUN HÄTTE NICHT GEDACHT, dass er einmal eine unnatürliche Anhänglichkeit zu einem schwarzen Stück Stoff entwickeln würde.

Aber jetzt, da er Changkyuns Sweatshirt in der Hand hielt und seine Finger frenetisch in den weichen, beinahe fedrigen Stoff eingrub, obwohl er den Pullover zuvor schon mühselig zusammengefaltet hatte, fühlte er sich, als ob er langsam aber sicher den Verstand verlor.

Er befand sich hinter der Theke, drehte sich auf seinem Stuhl herum (und Kihyun vermied überflüssige nervöse Bewegungen normalerweise mit Vehemenz), starrte mit leerem Blick aus dem Schaufenster auf die sonnenbeschienene Straße und ließ seine Fingerspitzen immer wieder in den alten Jersey einsinken.

„Oh, fuck", meinte er in einem höchst charakteruntypischen Ausbruch plötzlicher Emotionalität und krallte seine Finger unmittelbar über dem goldenen Schriftzug zusammen. Er hatte den Pulli in strömenden Regen getragen, als er am Abend zuvor nach Hause gerannt war, und so konnte er nicht behaupten, dass er nach etwas anderem als muffiger Feuchtigkeit roch—aber die Tatsache, dass dieses leblose Stück Jersey einmal Changkyun umkleidet hatte, als dieser seiner lebensechten Besonderheit nachgegangen war—sie erschien ihm abstrus.

„Ich brauch' Hilfe", deklarierte er resigniert und schob den Pullover so weit wie möglich über die Theke, als könnte er damit den Gedanken daran aus seinem Leben verbannen; als könnte er den gestrigen Abend damit wieder ungeschehen machen.

Etwas an Lim Changkyun hatte ihn berührt und seitdem nicht mehr losgelassen; hatte mit hungrigen, scharfen Krallen nach ihm gegriffen und hielt ihn fest in seinem Bann. Eine unglaubliche Unschuld lag der Gestik des Jüngeren allzeit zugrunde, eine Weichheit des Geistes; die Kihyun äußerst nervös machte. Er war so etwas nicht gewohnt; er kannte zwar Besonnenheit von Seiten seines besten Freundes; ehrliche Höflichkeit von Kunden und seinen Nachbarn—aber in allen davon lang Berechnung.

Changkyun war so vollkommen anders, so authentisch und geradezu blauäugig, dass Kihyun sich allein bei der Erinnerung an den vor Überraschung leicht geöffneten Mund des Jüngeren ein seltsames Flattern in seiner Magengegend spürte, als wohnte darin tatsächlich ein Etwas, das Changkyun genauso verfallen war wie er.

Verdammt, das hatte er gerade nicht wirklich durch seine Gedanken laufen lassen. Verfallen? Was für ein absoluter Schwachsinn. Kihyun fiel nicht, erst recht nicht mit Vorsilbe. Der Pulli begann langsam wirklich seine Gedanken zu vergiften; mit all den winzigen Szenarios und nicht beschrittenen Pfaden, die geradezu eklatant im dunklen Stoff eingeworben waren.

Ein Sweatshirt machte ihm Vorwürfe. Genau.

Es wurde Zeit, dass Minhyuk nach seiner Vorlesung zu ihm ins Geschäft kam und ihm mit seiner überschäumenden, neugierigen Elefant-im-Porzellanladen-Art den Kopf wieder gerade rückte. Irrationale Schwärmereien bekamen Kihyun wirklich nicht gut.

Er suchte eine Tüte aus der obersten Schublade, lehnte sich halb über die Theke, dass er das Sweatshirt gerade berührte, das er dort platziert hatte und griff es sich mit spitzen Fingern, ehe es ihn nochmal überrumpeln konnte. Dann warf er das Sweatshirt in die Tüte, nahm einen Tacker aus der gleichen Schublade, schlug mehrere Metallklammern in den gestärkten Rand und stellte sein fest verschnürtes Paket mit einem zufriedenen Blick an das ferne Ende der Theke.

Eine Sekunde später bemerkte er, dass er gerade Genugtuung über eine versiegelte Plastiktüte verspürt hatte und wünschte sich unwillkürlich, ein Querbalken aus der Decke würde sich lösen und ihn von seinem selbstinduzierten Elend befreien.

„Ich brauche wirklich Hilfe", wiederholte er, noch eine Spur konsternierter als zuvor, ehe er seinen Laptop aufklappte und hoffte, dass sich darauf etwas finden würde, das ihn ablenken würde.

Minhyuk kam und ging; er hatte überall rote Wutflecken im Gesicht, weil er sich mit Hyungwon wegen eines Projekts überworfen hatte und Kihyun kleidete sich in Mitleid, während er seinem besten Freund versicherte, vollkommen auf seiner Seite zu stehen. Dabei hatte er ihm, wie es doch so typisch für ihn war, wieder einmal nicht wirklich zugehört. Er hatte andauernd rasche Blicke über Minhyuks Schulter geworfen; und als Changkyun gegen vier tatsächlich vor seinem Laden aufgetaucht war und die Tür ohne einen Blick nach hinten geöffnet hatte, war er für die Winzigkeit eines Augenblicks in die Panik verfallen, die er gestern Abend zur Genüge verspürt hatte.

Minhyuk hatte ihn über die „Changkyun-Situation" natürlich bereits am Abend zuvor ausreichend über jede existierende und legale Kommunikationsmöglichkeit hinweg gelöchert, aber auch von Angesicht zu Angesicht schien ihn die gestrige Begebenheit noch zu interessieren. Kihyun beeilte sich, die Geschichte ohne ausschmückende Sprachornamente zu erzählen, ließ jegliche Gefühlsregung aus, die Minhyuk vielleicht interessiert hätte und bemühte sich, die gesamte Zeit über ein starres Gesicht der Gleichgültigkeit zu behalten.

„Huh", meinte Minhyuk schließlich, als Kihyun seine Erzählung beendet hatte und die Tüte mit Changkyuns Sweatshirt mit seinem Fuß so tief wie möglich in die Schatten geschoben hatte, als könnte er damit die Wahrheit davon abhalten, ans Tageslicht zu dringen. „Heißt das, ihr seid wieder gut?"

Kihyun zuckte mit den Schultern. Seltsamerweise hatte er sich in der Zeit seit gestern Abend, in der sich seine Gedanken pausenlos um Changkyun, seine unwahrscheinliche Rettungsaktion und den welthässlichsten Corgi gedreht hatten, kaum darüber verwundert, inwieweit die Beziehung zwischen Changkyun und ihm nun weiter in Mitleidenschaft gezogen wurde oder nicht.

War das gestern Abend eine Versöhnung gewesen? Oder lediglich der erste Schritt in eine Richtung der Diplomatie?

„Ich weiß es nicht", sagte er wahrheitsgemäß und warf einen langen Blick über die Straße. Minhyuk folgte seinem Augenmerk und seufzte leise auf.

„Regel' das, Kihyun. Glaub mir. Das ist das Beste."

Obwohl Kihyun Ratschläge üblicherweise nur ungern annahm und sie mit äußerster Vorsicht befolgte (falls er sich überhaupt dazu herab ließ), konnte er nicht anders, als zwischen Minhyuks umsichtiger Voraussehung und seinem eigenen, beinahe pedantischen Wunsch, Changkyun auf die ein oder andere Art wiederzubegegnen, eine gewisse Korrelation festzustellen. Ein Wiedersehen war unausweichlich—und es war besser, er riss das Pflaster in einer durchgehenden Bewegung ab, bevor er allzu lange überlegte.

Changkyun war für ihn ohnehin eine Sache der Impulsivität; hatte doch ihr erstes Zerwürfnis, das durch die zersplitterte Scheibe hervorgerufen worden war, die ihm inzwischen mehr wie eine Requisite vorkam, eine Aura der Unüberlegtheit gehabt. Kihyun war damals zu schnell zu wütend geworden, um sich noch länger auf den Schutzschild der Rationalität berufen zu können—ein Fehler, der ihm seltsamerweise das erste Mal unterlaufen war.

„Jaah", erwiderte er lahm und sein Finger fuhr in einem nervösen Tick die Kante der Theke entlang. „Ich werd schon noch mit ihm reden, sei unbesorgt."

Minhyuk erhob sich aus seinem Stammsessel und blickte ihn streng an. „Kihyun, mach deine Hausaufgaben. Ich werde es wissen, wenn du wieder einmal den Asozialen gespielt hast."

Eine Weile später, als Kihyun wieder alleine war und missmutig die letzte Aussage seines besten Freundes Revue passieren ließ, tat sich auf der anderen Seite der Straße zum ersten Mal seit gefühlten Stunden etwas; die Ladentür öffnete sich und Changkyun trat auf die Straße—das goldene Licht der Nachmittagssonne besaß die Frechheit ihm zu schmeicheln, ihm die Weichheit, die er ohnehin zur Genüge mit sich führte, in die Züge zu zaubern, während sein Haar von der leichten Sommerbrise geradezu charmant erfasst wurde. Es war fast so, als wollte ihm die Natur liebevoll anrechnen, wie sehr sie ihn schätzte; ihm, den Tattooisten, der Natürlichkeit der Haut doch mit schwarzer Tinte vorbeugte. Es war schlichtweg nicht gerecht zu nennen.

Zu Kihyuns absoluten Schrecken zog Changkyun die Tür hinter sich zu und hastete geradewegs über die leicht befahrene Straße; nur um unmittelbar vor seinem Blumenladen zu einem Halt zu kommen. Er wirkte durch die verzerrte Wahrnehmung der Scheibe beinahe atemlos, und das, obwohl er nur wenige Meter zurückgelegt hatte. Erst jetzt bemerkte Kihyun, dass er seinen schweren Kashmir-Mantel über dem Arm trug, den er durch die Pfotenabdrücke des kognitiv herausgeforderten Corgi eigentlich als verloren erachtet hatte. Davon war jedoch kein Spur mehr zu erkennen; der Mantel erschien sauber, wenn nicht sogar gebügelt und schmiegte sich so zufrieden um Changkyuns Unterarm, als habe er schon immer dort gesessen.

Es erschien Kihyun beinahe, als schöpfte Changkyun einen winzigen, letzten Augenblick Atem, ehe er mit unverfrorener Expertise eines Menschen, der jedem Ort ein Stückchen Heimeligkeit anhängen konnte, durch die Tür brach.

Sie standen sich wieder einmal gegenüber; diesmal berechnender als jemals zuvor—denn beiden Seiten war die unzweifelhafte Anwesenheit des anderen diesmal bewusst gewesen—und wussten nicht wirklich, ob Feindseligkeit aus dem Raum verschwunden war.

Kihyun fühlte sich in jeder Hinsicht schuldig, den Zustand der kühlen Nachbarschaftlichkeit damals so unüberlegt vergiftet zu haben; wenn er stattdessen unlängst so etwas wie Freundschaft zu Changkyun pflegen könnte. Sein eigener Stolz; sein Stigma, die Wahrheiten der Vergangenheit hatten beinahe dafür gesorgt, dass eine Zukunft sich von ihnen zurückzog. Und das Beinahe war noch zu greifbar, als dass er es nicht mit einer einzigen simplen und doch raren Gestik für immer zerschmettern würde; er lächelte.

Er lächelte Changkyun an; schmal zwar und zu fein, als dass es offenherzig wirken konnte—aber der Jüngere schien sich in seiner Mission bestätigt zu sehen.

„Ich hab deinen Mantel", sagte er, aber es klang wie ein Friedensangebot.

„Und ich deinen Pulli", erwiderte Kihyun und konnte nicht anders, als das Ja, ja, ja, natürlich nehme ich es an darin mitschwingen zu sehen. Er hob die Tüte auf den Tisch und runzelte die Stirn, als ihm bewusst wurde, dass der Pullover noch immer tief unter mehreren Schichten gestärkten Plastiks, Papiers und Tackernadeln gefangen war.

Changkyun legte seinen Mantel auf der Theke ab, ehe er die Tragetüte mit einem winzigen Lächeln in Empfang nahm; so, als habe er gar nichts anderes erwartet, als dass Kihyun ihm den Supertramp-Pullover als Entfesselungsakt präsentierte.

„Ich konnte heute erst später kommen", erklärte Changkyun, um die Stille zwischen ihnen zu brechen. „Kkochi war erkältet heute morgen, aber es geht ihm inzwischen besser."

„Das ist... gut."

Oh, er war auch ein wahrer Wortkünstler. So klang es, als applaudiere er der Erkältung des Köters (was er auch tat, denn das gestrige Erlebnis hatte seinem Hundehass nur noch aufflammen lassen), und nicht der Tatsache, das Genesung geschah.

„Ich wollte mich noch einmal förmlich bedanken", stotterte Changkyun nun unter Kihyuns abwartenden Blick und konnte gerade noch verhindern, dass seine Finger sich nervös ineinanderkrallten. „Du hast... Kkochi gerettet."

Kihyun winkte ab, ohne selbstgerecht zu wirken. „Ich hatte Glück. Und Intuition."

Er schien felsenfest davon überzeugt zu sein, Changkyuns Dank nicht anzunehmen—mit einer unerbittlichen Determination, die Changkyun schon immer an ihm bewundert hatte, erkannte er die Unwilligkeit darin, sich zu beugen. Ja, er hatte etwas Gutes getan, so kam es Changkyun vor, sei aber schlichtweg nicht überzeugt genug, um seine gute Tat als eine solche verbuchen zu können. Vielmehr schien er Gefallen daran gefunden zu haben, Changkyun auf eine Art zu mustern, die ihm die Röte ins Gesicht trieb.

Es war fast, als ertappte er sich noch einmal dabei, Kihyuns entblößte Rückenpartie anzustarren; nur, dass dieser jetzt von einer unausweichlichen Passivstellung in eine aktive gewechselt war—mit anderen Worten; Changkyun fühlte sich sehr, sehr unwohl, wobei er zeitgleich nicht wusste, ob ihn Kihyuns militante Schönheit weinen oder lachen lassen sollte.

„Ähm", sagte er dann, bevor die Stille zwischen ihnen noch peinlicher werden konnte. „Ich wollte eigentlich einen Blumenstrauß kaufen."

Kihyuns Lächeln wurde eine Spur spöttisch. „Dann bist du hier richtig."

Was Changkyun als leichten, spielerischen Spott verstand, als eine Feststellung der Tatsache, wie mundtot ihn seine Verlegenheit machte, war vielmehr ein winziges Verrutschen der Maske, die Kihyun in Changkyuns Gegenwart bisher immer getragen hatte.

Er hatte seine wahre Gesinnung vor dem Jüngeren immer versteckt; diejenige prickelnde Notion unter seiner Haut, die sich seit der ersten Begegnung zu etwas gewandelt hatte, das in Kihyun gestern Abend mit einer Vehemenz explodiert war.

Die Wahrheit war; Lim Changkyun war in einer Welt der apathischen Gleichgültigkeit, der geradezu irrelevanten Profanität, die Kihyun gelinde gesagt nicht unwichtiger hätte sein können, herausgestochen. Schon von Beginn an.

Weil Mut darin lag, weich zu sein.

Kihyun, dieser verschlossene, gefühlskalte Blumenhändler, dem nachgesagt wurde, seine Ware mit der Eisigkeit seines Charakters zu erdrücken, zu erfrieren; ausgerechnet Yoo Kihyun fand etwas, das vielen ihr gesamtes Leben verborgen bleibt.

Changkyun hatte ihn berührt; länger schon, als er sich eingestehen hatte wollen. Er hatte ihn bewegt, ihn zum Denken angeregt, ihn gefordert, ihn aufbrausen lassen, fluchen (mehrmals)—ihn in jeder Hinsicht nicht kalt gelassen.

Ja, unter gewöhnlichen Umständen könnte man beinahe sagen, dass Kihyun Gefühle für den Jüngeren entwickelt hatte—und Eifersucht war nur eine logische Konsequenz daraus.

Und dass Changkyun Blumen kaufte, machte ihn auf eine Art und Weise eifersüchtig, die ihn selbst vollkommen verschreckte. Der andere sah nervös aus, so, als habe er vor die Blumen zu jemanden zu bringen, der ihm viel bedeutete.

Und man rückte nicht einmal schnell fast hunderttausend Won für einen Blumenstrauß heraus, wenn man nicht vollkommen von der Wichtigkeit der anderen Person überzeugt war.

Er ließ Changkyun aus einem Katalog auswählen, wie er es bei Kunden meist tat, während er zeitgleich mit den Fingern gegen den Rand der Theke pochte und darauf wartete, dass der Jüngere—mit leicht geöffneten Mund, was Kihyun zu niedlich fand—zwischen der Form, Größe, und Art der Blumen auswählte, sodass er sich an die Arbeit machen würde.

Er wählte hauptsächlich dunkle Rosen, grünen Farn zur Volumenfüllung und ein paar weiße Schneeglöckchen, die zwischen den blutroten Rosenköpfen hervorlugen würden, wenn er einmal fertig war.

Kihyun hatte ein Händchen für Gestaltung. Es gelang ihm jedes Mal, den fertigen Blumenstrauß auf eine Art zur Geltung zu bringen, dass Dynamik in die abgetrennten Blumenköpfe kam. Es war fast, als konservierte er ihr Leben noch so lange, wie die Blumen in Vasen gestellt und nach ein paar Stunden in die Kulisse abrückten und allmählich vergessen wurden.

Changkyun beobachtete seinen Hyung dabei, wie er den Ladeninnenraum durchquerte, und aus den mit Wasser gefüllten Behältern genau so viele Rosen nahm, wie er sie sich zwischen die Finger stecken konnte, ehe er zu den Farnen überging und die längsten davon aus den Behältnissen pflückte. Er schien dabei nur einen kurzen Blick auf das Repertoire werfen zu müssen, um zu erkennen, welche sich perfekt eigneten.

„Wie lange hast du diesen Laden schon?", fragte er in die Stille, während er nervös seine Hände hinter dem Rücken verschränkte und Kihyun dabei zusah, wie dieser langsam die Reihe des Blumenfundus entlang schritt und mit blinder Sicherheit die richtigen Blumen, Farne und Gestecke hervorholte.

„Eigentlich ist es nicht meiner." Kihyun hatte nun offensichtlich genug gesammelt und kehrte an die Ladentheke zurück, wo er nun alle Rosen nebeneinander ausbreitete und mit einem schmalen silbernen Messer den Stängel von jeglichen Dornen befreite. Changkyun hatte ihn durch sein eigenes Fenster schon oft dabei beobachtet, wie er sich mit dem Messer  widerspenstigster Pflanzen vor der Tür annahm, aber nun aus der Nähe erschien ihm die gesamte Angelegenheit viel weniger medizinisch, als er angenommen hatte. „Ich bin nur seit gut drei Jahren die ständige Vertretung für die eigentliche Besitzerin."

„Oh", machte Changkyun überrascht. Jetzt wo Kihyun es erwähnte, meinte er, so etwas ähnliches schon einmal im täglich Klatsch der Straße gehört zu haben, aber Genaueres konnte er definitiv nicht mehr verorten.

„Ja, aber sie kann sich nicht mehr bewegen. Ist schon seit Jahren in Behandlung." Kihyun zuckte mitleidig mit den Schultern, während er aus der Schublade ein anderes Messer zog, mit dem er nun die Stängel der Rosen schräg abtrennte, sodass sie beinahe der Länge nach aufgerissen schienen. „Ich wollte eigentlich nur einen Nebenjob, als ich zu studieren begonnen hatte, um mich über Wasser halten zu können, aber Politik war dann doch nicht so meins und so habe ich entschieden den Laden für Mrs. Choi weiterzuführen, während sie in den Krankenstand geht."

„Also warst du auch mal an der Uni?", fragte Changkyun überrascht, während er beobachtete, wie Kihyun eine Rose nach der andere auf seine linke Handfläche legte und sie so mit Farn, Schneeglöckchen und Netzpapier umwickelte, das ein festes Zentrum entstand.

„Ich habe zusammen mit Minhyuk angefangen. Meinem besten Freund. Du kennst ihn wahrscheinlich." Kihyun hustete verlegen und wandte seinen Blick in einer Manier ab, die verlauten ließ, dass besagter Minhyuk wohl der elfenartig hübsche Typ war, der Changkyun in der letzten Woche mehr wütende Blicke zugeworfen hatte, als er zählen konnte.

„Oh, ja, ich glaube, dass ich ihn kenne." Changkyun grinste und Kihyun schien erleichtert, dass er ihm offensichtlich nichts nachzutragen schien.

Kihyun legte den Blumenstrauß aus der Hand und sah Changkyun gerade aus an, dessen fröhliches Lächeln unter seinem intensiven Blick verrutschte. „Hör zu, wir sollten darüber reden, ehe wir uns anfreunden. Sonst schleppen wir das die gesamte Zeit mit herum. Das mit der Scheibe."

Changkyun öffnete den Mund, wollte sich verteidigen, aber Kihyun schnitt ihm das Wort ab.

„Ich war ein Vollidiot, heilige Scheiße. Wie unfair von mir, dich für etwas zur Verantwortung ziehen zu wollen, das klar nicht deine Schuld war. Ich bin einfach so unselbstständig und unausgeglichen, dass ich sofort einen Sündenbock suchen muss." Er hielt kurz inne, überrascht von seiner eigenen Wortgewalt. „Und das ist das selbstreflexivste, das ich jemals von mir gegebenen habe."

Changkyun musste lachen, auf diese Art und Weise, die den meisten ohnehin einen Schauder über den Rücken zu jagen schienen, weil sie sich so ihrem letzten Moment als Freigeist bewusst wurden, ehe Changkyuns Charisma sie einlullte und nicht mehr losließ. Auch Kihyun schien zu schwanken, tief in seinen Grundfesten, als er seinen fast hungrigen Blick über Changkyuns schmales Gesicht gleiten ließ.

Fuck. Er war so von ihm eingenommen. Er brauchte Hilfe.

„Kihyun, es ist in Ordnung. Wirklich. Ich weiß, was für einen Eindruck meine Freunde auf Außenstehende erwecken können, und... sie scheinen diesen Ruf ja auch zu genießen." Changkyun schien ihm wirklich nichts mehr übel zu nehmen und Kihyun fragte sich, ob dies in seinem Charakter lag, oder ob Kkochis wundersame Rettung ihn so versöhnt hatte.

Ein echtes Lächeln breitete sich auf Kihyuns Lippen aus, während er den beinahe fertigen Blumenstrauß wieder zur Hand nahm. „Ich bin froh, dass wir das hinter uns lassen können."

Dafür, dass die gesamte Welt Changkyuns Lächeln zu einem Synonym der Engelsgleichheit erklärt hatte, spürte der Jüngere plötzlich, wie sein Puls beim Verziehen der Lippen seines Hyungs erstaunlich stolpernd zu rasen begann. Da war etwas in Kihyuns Lächeln; eine Verheißung allen Okkulten, der fauchenden Einzigartigkeit eines Waldbrandes, sich in den Himmel windende Rauchschwaden. Changkyun fragte sich, wie ein einzelnes Lächeln ihm die Welt gleichzeitig erklären und verschlüsseln konnte.

Kihyun, der die Veränderung in seinem Blick bemerkte, sah hastig wieder auf den Blumenstrauß und band nun geschickt eine letzte rote Masche darum, die sich im Rot der Blütenblätter wiederfand.

Dann schob er ihn über die Theke, als könnte er dessen Anblick und unmittelbare Präsenz nicht mehr länger ertragen und Changkyun beeilte sich, die knapp dreißigtausend Won auf den Tisch zwischen ihnen abzulegen, ehe er den makellos zusammengeschnürten Blumenstrauß in die Hand nahm und Kihyun mit seinem strahlenden Lächeln bedachte. „Danke, Hyung. Wir sehen uns dann morgen, oder?"

Kihyun, der mit einer gerade unmerklich Stirnfalte die Grünreste von der Theke gefegt hatte, nickte. „Sicher doch."

Irgendetwas in ihm widerstrebte der Gedanke so unendlich, Changkyun mit einem Blumenstrauß in der Hand von ihm fortgehen zu sehen, dass er sich vollends auf seine Säuberungsarbeit konzentrieren musste, um nicht etwas Dummes oder Unüberlegtes zu sagen. Changkyun drehte sich an der Schwelle noch einmal zu ihn um, die roten Rosen für einen winzigen Augenblick die Farbe seiner geröteten Wangen und Kihyun empfand das Bedürfnis, sich sein Silbermesser in die Handfläche zu rammen.

Dann war sein Nachbar um die Ecke verschwunden und Kihyun ließ sich mit inzwischen ausgeprägter, steiler Stirnfalte auf den Stuhl hinter der Theke fallen und blickte missmutig auf seine Hände, die von den Grünschnittresten verklebt und schmutzig waren. Er nahm ein Tuch von der Theke und versuchte, seine Finger zu säubern, ehe er nach seinem Handy griff.

Er brauchte jetzt Ablenkung.

— ❀ ❀ ❀ —

Kihyun kannte Jooheon seit er denken konnte, und Hyunwoo beinahe noch länger.

Es war nur natürlich, dass Minhyuk und er beinahe jeden Freitagabend in der Bar ausklingen ließen, die Hyunwoo vor vier Jahren von seinem verstorbenen Vater übernommen hatte.

Dabei handelte es sich um ein altes, irisches Pub mit konvexen Fensterscheiben, abgedunkelten Nischen, einem knarzenden Holzboden und mehr Alkohol auf dem Regalbrett hinter der Theke, als ein einzelner Mensch imaginieren konnte. Kihyun und Minhyuk waren in Jooheon und Hyunwoos Augen wohl unzertrennlich miteinander verbunden, hatten die beiden keinen der besten Freunde jemals unabhängig vom anderen angetroffen.

Umso größer war ihre Überraschung, als Kihyun am Dienstagabend ohne Minhyuk in der gut besuchten Spelunke auftauchte und, ohne sich überhaupt hingesetzt zu haben, den stärksten Scotch verlangte, den Jooheon in seinem geheiligten Fundus hortete.

„Bist du sicher?", meinte der hochgewachsene Koreaner, der wie immer einen dünnen Strich Kajal unter seinen Augen trug, der ihn nur noch exotischer wirken ließ. „Es ist nicht mal sieben."

„Ich bezahl dich nicht für deine Meinung", meinte Kihyun scherzhaft und ließ sich unmittelbar vor seinem besten Freund auf einen Barhocker fallen. Jooheon hob beide Hände, als wolle er die negative Energie, die Kihyun absonderte, unmittelbar von sich abwenden und machte sich sofort daran, sein Regal mit gezielten Blick nach allem teuren, alten Schottischen zu durchsuchen.

„Was ist passiert? Ist dir eine deiner langstieligen Rosen abgebrochen?" Hyunwoo, der gerade im Schankraum zugegen gewesen war, kam mit einem Tablett leerer Gläser hinter die Theke und wich Kihyuns scherzhaften Schlag aus, der unmittelbar seinen Arm getroffen hätte, wäre er nicht im letzten Augenblick geschickt ausgewichen.

Er hätte niemals erwartet, seinen guten Freund irgendwann einmal in einem Blumenladen stehen zu sehen; und nicht, wie allgemein angenommen worden war, als Geschäftsmann wie sein Vater vor ihm.

„Du bist wirklich urkomisch", sagte Kihyun ohne die Miene zu verziehen und nahm den Scotch entgegen, den Jooheon ihm über die Theke hinweg zugeschoben hatte.

„Geht aufs Haus", meinte dieser nur seufzend, und Kihyun kippte das Glas in einem Schluck hinunter, ehe er angewidert das Gesicht verzog.

„Ich bekomm' immer das Gefühl, meine Magenwände stülpen sich von innen zusammen. Noch einen."

Jooheon warf Hyunwoo einen Blick zu, als müsste er sich zuerst eine Einverständnis einholen, aber der Ältere zuckte bloß mit den Schultern und so hatte Kihyun bald ein Viertel der Flasche geleert.

„Okay, was ist jetzt wirklich los?", fragte Jooheon und lehnte sich ein Stückchen vor. „Du besorgst mich."

„Ich glaub, er wird krank", überlegte Hyunwoo, der sich neben seinen Freund auf der Theke abstützte und Kihyun musterte wie ein exotisches Tier. „Er wird sich doch nichts Schlimmes eingefangen haben, wie etwa... menschliche Gefühle!"

Er brach in entschieden zu lautes Gelächter aus und musste unter Kihyuns eisigen Blick wegtauchen.

„Warum bin ich mit euch beiden befreundet?"

Als Hyunwoo später irgendwo im Schankraum verschwunden war, um eine Prügelei auseinanderzubrechen, ließ sich Jooheon, der von den beiden immer der Einfühlsamere gewesen war, neben ihn nieder und blickte ihn aufrichtig an.

„Okay, Kihyun. Was ist los?"

Weil nicht einmal Yoo Kihyun sich Jooheons offenen, ehrlichen Augen entziehen konnte, brachte er in einer rohen Skizze die gestrigen Ereignisse zu Gespräch, wobei er auch Changkyuns Besuch im Blumenladen nicht außen vor ließ. Jooheon hörte die gesamte Zeit aufmerksam zu, und schenkte Kihyun zum Schluss einen Irish Coffee nach, um dem morgigen Kater vorzubeugen.

„Wenn du ihn magst, und das klingt verdammt so, finde doch erst einmal raus, wie ernst es ihm mit dem Mädchen ist, für das er die Blumen gekauft hat."

„Wenn es ein Mädchen ist, Jooheon, dann ist das das Problem." Kihyun erhob sich in einem Ruck und musste verärgert feststellen, dass er leicht schwankte. Das war ihm doch auch noch nie passiert. „Weißt du was, ich vergesse es. Dieses ewige Herumgejammere bringt keinem was."

Jooheon wirkte, als wollte er widersprechen, aber Kihyun war selbst betrunken noch einschüchternd genug, um jegliche Erwiderung stecken zu lassen.

„Wenn du es für richtig erachtest", sagte er also nur und sah seinem alten Freund kopfschüttelnd dabei zu, wie er aufstand und inmitten des überfüllten Schankraums in die Herbstnacht verschwand.

— ❀  ❀  ❀ —

Am Abend darauf stand Changkyun erneut in seinem Blumenladen und kaufte wieder ein Bouquet.

Diesmal sprachen sie länger; fast zehn Minuten und das, obwohl der Veilchenstrauß seit fast der Hälfte der Zeit zwischen ihnen auf der Theke lag. Sie sprachen über das Wetter, den seltsamen Herbst und die meteorologischen Voraussagen für diesen Monat, Changkyun fragte Kihyun etwas über die Herkunft der Veilchen, sie lachten mindestens drei Mal—und dann verschwand Changkyun genauso wie am Abend zuvor in der Nacht, während Kihyun unglücklich mit seinem Grünschnitt zurückblieb.

Ihm fiel auf, wie gelöst Changkyun schien, jedes Mal, wenn er seinen Laden verließ und in eine undefinierte Richtung verschwand. Es brach beinahe sein Herz.

Am Tag darauf sprachen sie fast eine Viertelstunde und Changkyun fragte plötzlich unverblümt, als seine Finger durch die Blätter einer Herbstzeitlosen geglitten waren: „Okay, dann sag mir eines, Kihyun. Was genau willst du noch mit dieser welkenden Vergänglichkeit, wenn du stattdessen die Langlebigkeit von Tinte haben könntest?"

Kihyun hob überrascht beide Augenbrauen. Er hatte nicht erwartet, dass Changkyun ihm solch eine Frage stellen würde, wo sie doch gerade eben noch über Supertramp und ihre frühesten Erfolge gesprochen hatten.

Er betrachtete Changkyun, der in seinem charaktertypisch durchlöcherten Pullover vor seiner Blumenwand stand, mit diesem leichten roten Schimmer über den Wangen, der ihm neben dem Glänzen seiner Augen pure Lebendigkeit einhauchte. Obwohl er nie ein Meister der Eloquenz gewesen war (das war schon immer Minhyuks Aufgabe gewesen), formulierten seine Gedanken plötzlich eine Antwort, derer er sich ganz gewiss nicht erwehren würde: „Weil eine Blume blüht, Changkyun, während deine Tinte starr und unbeweglich ist. Ich will nichts außer Wandel, Bewegung und Lebendigkeit."

Der andere schien zu überlegen, dann schüttelte er den Kopf. „Vergänglichkeit erschreckt mich trotzdem."

Kihyun band den Strauß so fest zusammen, dass niemand ohne eine Kreissäge an die Blumen kommen würde (allzu leicht wollte er es Changkyuns mysteriöser Angebeteten auch nicht machen), und er konnte nicht anders, als dass die Antwort des Jüngeren ihn lächeln ließ. „Changkyun, wir sind alle vergänglich. Das ist nur natürlich."

Am Abend darauf, Kihyun hatte den gesamten Tag schon Blicke über die Straße geworfen, um auf keinen Fall zu verpassen, wie Changkyun aus seinem Laden auf den Asphalt treten würde (er vergaß niemals, nach rechts und links zu sehen), erwiderte der Jüngere ohne kaum einen Einstieg: „Aber Blumen sind zu schön, um sie gleich wieder sterben zu lassen!"

Er schien sich wirklich Gedanken darüber gemacht zu haben. Andauernd biss er sich auf seine Unterlippe und Kihyun versuchte, sich von dieser beiläufigen Bewegung nicht das Leben schwermachen zu lassen.

„Ich hasse den Gedanken, dass all das hier in weniger als einer Woche verdorrt ist!" Er machte eine einschließende Bewegung und Kihyun zuckte mit den Schultern.

„Aber so ist es nun einmal. Wenn Blumen nicht vergehen würden, dann würden sie dir auch irgendwann mal langweilig werden." Heute hatte Changkyun wieder Rosen bestellt und er tat sein Bestes daran, den Strauß so üppig wie möglich zu gestalten. „Das fügt doch nur zu ihrer Schönheit hinzu, dass man ständig im Hinterkopf behalten muss, wie kurz diese Eleganz nur währt!"

„Blumen sind so schön", lamentierte sich Changkyun und blies frustriert Luft in seine Wangen, „aber ich hasse es, dass sie nicht für immer bleiben können."

Dreiundzwanzig Stunden später rannte Kihyun über die Straße, riss die Tür zu Changkyuns Parlor auf—zu seinem Glück war der letzte Kunde vor einer halben Stunde mit blutenden Handgelenk verschwunden—und platzte heraus: „Und was ist mit einer permanenten Blume?"

Changkyun hatte an der Kasse gesessen, beide Füße auf dem Beistelltisch, seine Chipstüte auf seinem Pullover und offensichtlich hatte er gerade das Internet nach Memes durchforstet, denn der Anflug eines Lächelns schwebte noch immer auf seinem Gesicht. „W-wie bitte?"

Erst fiel Kihyun auf, dass er seit ihrem erinnerungswürdigen Streit vor fast drei Wochen nicht mehr hier gewesen war und dass Changkyun im Augenblick wohl ein unschönes Deja-Vu bekommen konnte.

„Was ist mit einer permanenten Blume?", fragte er noch einmal und presste seine Handflächen in seine Seiten. „Wärst du dann zufrieden?"

„Eine Plastikblume?" Changkyun runzelte verwirrt die Stirn. „Darüber haben wir doch schon geredet. Das würde die Echtheit nehmen."

„Nein. Was ist mit dem Tattoo einer Blume?" Kihyuns Atem ging immer noch eine Spur zu schnell und er fragte sich, ob es daran lag, dass Changkyuns unschuldige Aura ihm jedes Mal den Boden unter den Füßen wegzuziehen schien.

Der Jüngere legte die Chipstüte beiseite und nahm langsam die Füße vom Tisch. „Das ist... keine dumme Idee. Der Mensch, auf dem die Blume wächst, drückt Lebendigkeit aus, genau, wie wir sie vermisst haben und zeitgleich verwelkt die Blume nicht!" Ein Strahlen machte sich auf seinem Gesicht breit. „Kihyun-Hyung, das ist genial!"

Der Ältere atmete tief ein und aus, dann sagte er: „Okay, dann tätowier mir eine. Eine Blume."

Changkyun starrte ihn an. „Hier und jetzt? Auf der Stelle?"

„Wenn du keine anderen Termine hast?"

Er schüttelte den Kopf. „Nein, ähm, hab ich nicht. Aber bist du wirklich sicher, dass du das willst?"

Kihyun nickte noch einmal; er traute sich nicht, mündliche Bestätigung zu geben, aus Angst, dass seine Stimme ihn verriet. Er hatte schon länger darüber nachgedacht, sich ein Tattoo stechen zu lassen—seine vergangene Abneigung zu Changkyun hatte den Wunsch zwar auf Trockeneis gelegt—aber nun war er sich immer sicherer, dass es das war, was er wollte.

Allein der Gedanke, dass Changkyun seine Haut berühren musste, seine Finger über seinen entblößten Rücken gleiten lassen würde, elektrisierte ihn. Und er wollte diese Blume.

„Okay dann... setz dich am besten auf den Stuhl dort hinten." Changkyun klang plötzlich äußerst heiser. „Ich bin gleich bei dir."

Kihyun tat wie ihm geheißen worden war; der Stuhl wirkte übrigens genauso schrecklich, wie er sich so etwas immer vorgestellt hatte; in einer halben Schräglage, sodass er nicht liegen würde, aber tief genug war, als dass Changkyun problemlos Hand an ihn anlegen konnte.

„Und wo willst du das Tattoo?", erkundigte sich der Jüngere, während er in einem dubios wirkenden Medizinschrank nach Desinfektionsmittel, Tüchern und mehreren Instrumenten suchte, die Kihyun in leichte Panik versetzte. Im Vergleich zu ihm, wirkte Changkyun plötzlich so, als habe er genügend Professionalität wiedererlangt, um die Operation ohne Schwierigkeiten hinter sich zu bringen.

„Auf dem Rücken." Verdammt. Warum klang seine Stimme auf einmal so brüchig?

„Was für eine Blume?"

„Eine Rose, schätze ich. Nicht stilisiert. So realistisch wie möglich."

Changkyun, der sich noch immer an den Instrumenten zu schaffen machte, drehte sich mit einem winzigen Lächeln zu ihm um. Eine verschwörerische Einigung lag zwischen ihnen; und Kihyun wurde bewusst, dass Changkyun ganz genau wusste, was er von ihm wollte. Eine Rose. Naturgetreu.

„Ähm... du müsstest deinen Pullover ausziehen", meinte Changkyun verlegen, während er mit den verschiedenen Geräten zu ihm zurückkam. Kihyun folgte seinem Befehl und er bemerkte, wie Changkyun jeder seiner Bewegungen folgte, als läge darin eine Besonderheit, an die er sich sein restliches Leben erinnern wollte. Als er mit entblößten Oberkörper vor Changkyun saß, gab dieser sich die größte Mühe, sich so professionell wie möglich zu gehaben.

Kihyun war nicht der Muskulöseste, den er jemals tätowiert hatte, aber eine unbezwingbare Schönheit lag in den Kanten und Konturen seiner Rückenmuskulatur, die sich unter seinen Händen ausbreitete und sich ihm als die Leinwand seines neusten Kunstwerkes anbieten wollte. Changkyun gab Kihyun ein Gummiröhrchen, auf das er bei übermäßigen Schmerz beißen konnte und bat ihn dann, an etwas Angenehmes zu denken.

Probeweise ließ er die Hand, die nicht von einem Gummihandschuh verhüllt war, auf die Stelle zwischen Kihyuns Schulterblätter sinken und spürte, wie der andere sich unter seiner Berührung versteifte.

„Hey", murmelte er, während seinem inneren Augen das Motiv bereits vorschwebte. „Vertrau mir."

„Das tu ich", kam die knurrende Antwort postwendend zurück und Changkyun lächelte, ehe er die Nadel anhob und mit seiner freien Hand die Kuhle zwischen den Schulterblättern suchte, in der Haut und Muskelstränge zusammenwuchsen. Seine Daumenkuppe berührte die empfindliche Stelle und er spürte, wie Kihyun unter ihm erschauderte.

„Bereit?"

„Bringen wir's hinter uns."

Changkyun erinnerte sich nicht daran, jemals so im Fieber gearbeitet zu haben, wie an diesem Abend; als jede Linie, jeder Punkt der Rose, die seiner Nadel entwuchs, sich so makellos auf Kihyuns Haut aufreihte, mit der blassen, weißen Helligkeit verschmolz und kontrastierend ebendas erscheinen ließ, das sie die längste Zeit gemeinsam gesucht hatten.

Kihyun war unglaublich ruhig unter der Nadel, bewegte sich kaum, bat kein einziges Mal um eine Unterbrechung des auszehrenden Prozesses, sondern gehabte sich wie ein Wiederholungstäter; aber Changkyun war sich sicher, dies war sein erstes Tattoo.

Irgendwann verlor er beide Handschuhe, arbeitete nur noch mit Haut auf Haut und einer Metallnadel dazwischen; und tat so, als würde er nicht die Schübe der Aufgeladenheit verspüren, die vom Körper des Älteren ausgingen und seine Fingerspitzen zu versengen schienen. Er hatte sich selten so bemüßigt gefühlt, Perfektion zu errichten, Makellosigkeit seinen Fingern entwischen zu lassen, wie in diesem Augenblick.

Kihyun unter ihn war makellos, und so musste seine Arbeit es auch sein.

Es war nach neun, als er endlich fertig war—als er das weiße Heftpflaster auf seiner Haut anbrachte und sich ewig Zeit dabei ließ, die Klebstreifen anzubringen. Schließlich zog er seine Hand zurück, aber bevor er sich endgültig von Kihyun zurückziehen konnte und einen Schritt von ihm wegmachte, hatte dieser sich umgedreht und sein Handgelenk gepackt.

Seine Fingerspitzen, erschöpft und müde von seiner Arbeit; der berauschenden Elektrizität, die Kihyun absonderte, brannten wie Feuer, als sie langsam seine nackten Arme entlangfuhren und auf Höhe der Schultern plötzlich verharrten. Kihyun starrte ihn an, eine letzte hungrige Sekunde, dann fingen Changkyuns Lippen unter Kihyuns Feuer.

Es war wirklich Kihyun, der Changkyun küsste—der hungrig und atemlos nach vorne gefallen war, und dort seine Lippen mit Flehen in Empfang genommen hatte, als habe er in der letzten Stunde; den letzten Wochen von nichts anderem mehr fantasiert als dem Augenblick, in dem es geschehen war.

Changkyuns Herz hörte auf zu schlagen—nein, es schlug doppelt so schnell, dreifach sogar, als Kihyuns Hände seinen Oberkörper entlangglitten und sich im Stoff seines Pullis vergruben, bis er seine Hüften berührte und dort verharren blieb.

Der Jüngere spürte nur die Hitze, die Kihyuns Körper entsprang, und als er sich so stark gegen ihn lehnte, dass er beinahe das Gleichgewicht verlor, fielen sie beide in den Stuhl zurück; Changkyun zwischen Kihyuns geöffnete Beine.

Keiner unterbrach den Kuss, die Umarmung, diesen Kampf ihrer endgültigen Kapitulation, und in einem letzten, verwirrten Gedanken betete Changkyun, dass niemand dies jemals tun würde.

— ❀ ❀ ❀ —

AUTHOR'S NOTE

Well.
That escalated rather quickly.

Also; kinkkhyun
this is for you. I hope you feel better now.
Which I doubt. Because this is the cringe
Love you.

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