FOUR

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4 — ÜBER ENDGÜLTIGE VERSÖHNUNG


        CHANGKYUN HATTE IM VERLAUF seines Leben mehrere Momente erlebt, in denen er geglaubt hatte, unter größten Mühen die oberste Spitze erreicht zu haben; den Gipfel des gewaltigen Bergmassivs, das da sein Leben darstellte. Oft waren diese Augenblicke von der Behauptung irgendeiner Unsterblichkeit ausgegangen, die sich schon in der nächsten Sekunde spöttisch verflüchtigte, und ihn enttäuscht und wütend zurückgelassen hatte.

Selten einmal hatte er dieses Gefühl mit jemanden geteilt; mit Hyungwon vielleicht, der die meiste Zeit die Erweiterung seiner eigenen Gefühlsregungen zu ermöglichen schien—aber nie, kein einziges Mal in seinem zwanzigjährigen Leben hatte er diese Euphorie, die brennende Begeisterung für das Leben und alles, was damit zusammenhing unter den Fingerspitzen an der Haut eines anderen verspürt. Niemals war er unter der Berührung eines fremden Menschen so vergangen, wie unter Kihyuns.

Jegliche Autonomie, die er zu besessen geglaubt hatte, wurde ihm abgesprochen, als der Ältere seine rechte Hand von seiner Hüfte löste und sie in einer fließenden, geradezu beschützerischen Bewegung auf seinen Hinterkopf legte, während Changkyun sich so tief in den Kuss lehnte, dass er meinte, keine Luft mehr zu bekommen.

Kihyuns lange Finger spielten mit seinem Haar, ob absichtlich oder aus einem verschütteten Impuls heraus, vermochte Changkyun nicht zu sagen, aber die federweiche, kalkulierte Berührung ließ ihn erschauern, während Kihyuns andere Hand sich nun ebenfalls von seinem Rücken löste und ihn gierig am Kragen seines alten Pullis zu sich heranzog, sodass er nun endgültig auf ihm lag und den rasenden Herzschlag des Älteren gegen seinen spürte.

Changkyun spürte, wie seine Mundwinkel sich bei dem Gedanken an Kihyuns brennende Bedürftigkeit verzogen. Ihm wäre nicht in tausend Jahren in den Sinn gekommen, dass die hastig abgewandten Blicke, die verlegenen Pausen, die auf seine Worte folgten, und die unsicheren Lippenbisse, die Kihyun in seiner Gegenwart andauernd vollführte—aus einer Leidenschaft für den Jüngeren geboren waren, die sich nun, in einer Eruption der Panik und Kapitulation, zu einem wilden, gedankenlosen und blinden Kuss gesteigert hatte.

Als habe Kihyun seine Gedanken gehört, brach er plötzlich unter ihm weg und Changkyun löste sich beinahe erschrocken von ihm. Kihyuns Hand, die zuvor sein Haar umfasst hatte, tastete nun mit einer ungläubigen Bewegung über seine Wange, als könne er nicht glauben, dass das trübe Licht der Deckenbeleuchtung ihm keinen Streich spielte. Die Berührung seiner aberwitzig eleganten Klavierhand, in der seine Finger langsam über Changkyuns Wangenknochen strichen und an seiner Kinnlinie endeten, schien einen Augenblick der Unendlichkeit zwischen ihnen aufzuziehen, der Changkyun gleichzeitig quälend lang und viel zu kurz erschien.

„Hör jetzt nicht auf", beschwor er seinen Hyung knurrend und Kihyuns Augen weiteten sich eine winzige Spur. Er schien alles erwartet zu haben, nur nicht die felsenfeste Determination, mit der Changkyun offensichtlich bereit war, all das zu erwidern, das er ihm zu schenken bereit war.

„Mein Rücken", sagte Kihyun und es gelang ihm, sogar in einem solchen Augenblick trocken und ironisch zu klingen. „Ich weiß ja nicht, ob du's vergessen hast, aber offene Wunde und so weiter."

Changkyun zog erschrocken Luft ein, noch immer nur schmale Winzigkeiten von Kihyuns leicht geöffneten Lippen entfernt. „Oh, verdammt, es tut mir so Leid, ich hab nicht—"

Aber Kihyun brachte ihn mit bloß einem Blick aus seinen dunklen, kühlen Augen zum Schweigen. „Nein, vergiss es. So weh tut es gar nicht."

Changkyun verlor das Gefühl in seinen Fingerspitzen, als er Kihyuns Lippen erneut auf seinen spürte und sein Herz setzte nicht weniger als drei stolpernde Schläge aus, als der Ältere Changkyuns Hände in seine nahm und sie auf seiner nach wie vor entblößten Brust platzierte. Er konnte die Hitze spüren, die Kihyuns Haut absonderte und er meinte daran zu vergehen, wie unregelmäßig und erstickt der Atem des anderen an seinem Ohr klang, als Kihyuns Lippen sich langsam von seinen lösten und eine Spur der beißenden, saugenden Neckerei seine Kinnlinie entlang hinterließen, bis sie an der obersten Schliere seines Tattoos angelangt waren, das dort weit hervorstand.

Changkyun war seit sechs Jahren, seit dem Tag, an dem er an dieser Stelle tätowiert worden war, beinahe gefühlstaub, da seinem damaligen Tatooisten ein Fehler beim Auffinden der Epidermis unterlaufen war und er als Nebeneffekt einige Nervenenden abgestumpft hatte. Als Kihyuns Lippen jetzt jedoch über die geschwärzte Haut strichen, spürte er mit einem Mal, wie ein brennender Schauder durch die Stelle zuckte und sich entlang seines Körpers ausbreitete. Er hatte ganz vergessen, wie es war, an dieser empfindlichen Stelle etwas anderes zu verspüren, als das Kribbeln von Verdunstungskälte und so keuchte er erschrocken auf, wobei er nicht verhindern konnte, dass seine Hände sich in Kihyuns durchtrainierte Schultern krampften.

„Fuck", brachte er hervor und seine Hand schnellte unmittelbar zu seinem Hals, wobei seine Fingerspitzen ungläubig die Haut abtasteten. Sie hinterließen kaum ein Gefühl.

Changkyuns Ausruf der Überraschung schien in Kihyun etwas wachzurütteln, das sich die vergangenen Minuten gekonnt aus seinem Bewusstsein verabschiedet hatte.

Ihm wurde plötzlich bewusst, was er getan hatte. Und er verfiel in Panik.

Er hatte gegen zwei seiner adamantesten Grundregeln verstoßen; er hatte jemanden die Wahrheit über seine Sexualität gezeigt, die er üblicherweise vor Fremden immer unter Verschluss hielt aus der unbestimmten Angst, auf Ablehnung zu treffen—und er hatte jemanden geküsst.

Oh, verdammt. Was hatte er getan?

Mit einer abrupten, beinahe harten Bewegung stieß er Changkyun von sich weg und kam stolpernd auf die Beine. Der Jüngere starrte ihn an, als habe er den Verstand verloren—und Kihyun konnte nicht umhin, als ihm recht zu geben.

Plötzlich war er wieder fünfzehn, saß neben dem einzig anderen Jungen, den er jemals geküsst hatte, auf seinem Bett und blickte in das hasserfüllte Gesicht seiner Eomma, die mit kreischender Stimme über widerlichen Abominationen der Natur schrie, Wuttränen weinte und sich an den Haaren riss. Er meinte ihre Fingernägel auf seiner Haut zu spüren, als sie ihn anschrie, das Haus zu verlassen.

Er war ihrem verfluchenden Ausstoß gefolgt, natürlich war er das; was war ihm auch anderes übrig geblieben und nicht einmal Minhyuks flüsternde, beschwörende Worte im Zimmer seines Hyungs hatten ihm die Angst nehmen können; die Gewissheit, dass er wirklich krank war, dass etwas von ihm Besitz ergriffen hatte, das es seiner Eomma unmöglich machte, ihn weiter zu lieben.

Seit sieben Jahren hatte er sich niemandem mehr genähert, sich nicht einmal erlaubt, auch nur im Ansatz Gefühle zu entwickeln; bis dieser offenherzige, vor begeisterten Leben sprühende Tattooist in das Haus gegenüber eingezogen war und ihn graduell geheilt hatte. Oder?

Denn Kihyun musste jetzt bemerken, dass alte Angst sein Herz zu vergiften drohte, schwerer, schwarzer Teer durch seine Venen jagte und ihn nach und nach erstarren ließ. Er fühlte sich erkaltet, tot und vollkommen widerlich; verklebt von Sünde und ebender Abscheulichkeit, die andere seinem Wesen anhängen wollten.

Er brauchte kaum zwei Schritte um den Raum in Richtung seines Pullovers zu durchqueren, so rasch wie möglich in Ärmel und Kragen zu verschwinden und dann ohne auf das Brennen des Tattoos auf seinem Rücken zu achten, mit fahrigen Fingern all die Papierscheine aus seiner Hosentasche zu ziehen, die er mit sich trug.

„Das... das sollte genug sein", hörte er sich selbst stottern, bevor er das Geld dem verwirrten Changkyun auf die Theke warf. Seine Augen brannten wie verrückt, und er spürte, dass sein gesamter Körper zu zittern begonnen hatte. Er musste hier raus; weit, weit fort von hier.

Ohne auf den Jüngeren zu achten, der mit halb geöffneten Mund dort stand, wo er ihn zurückgelassen hatte, eilte er durch den Ladenraum nach draußen in die eisige Dunkelheit. Die Fenster des Tattoostudios verflossen zu der Kulisse der falschen Geborgenheit, die er nicht in Anspruch nehmen konnte und er war bestimmt hundert Meter gerannt, als er bemerkte, wie nass seine Wangen waren.

Es hatte wieder zu regnen begonnen.

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Graue Sonntage brachten üblicherweise so viel lähmende Reue mit sich, dass Kihyun ohne sonderliche Fremdeinwirkung bei Jooheon und Hyunwoo auftauchte; und diese sogar den Anstand besaßen, sich nicht allzu überrascht zu geben.

Jooheon musste nur in Kihyuns Gesicht sehen, um ihm sofort ein Glas mit Vodka über die Theke zu schieben, noch bevor sein bester Kunde sich auf den gepolsterten Barhocker fallen gelassen hatte. Er kannte diese Tage, in denen sein unglücklicher Freund jegliche Hoffnung aus der Welt gebannt hatte; in der er beinahe darauf zu bauen schien, dass Schreckliches geschehen würde. Jooheon konnte jedoch nie mehr tun, als ein Glas über die Theke zu schieben und mitleidig die Lippen aufeinander zu pressen.

Kihyun hatte seit gestern Abend mehr getrunken, als es ihm gut getan hatte. Seine Schulter pochte in einem perpetuellen Schmerz, der jedes Mal dann anzuschwellen schien, wenn seine Gedanken auf Changkyun zurückzukommen drohten und auch so fühlte Kihyun die Panik wie die Brandung des Pazifiks in sich aufschäumen, wenn er meinte, nur einen kurzen Augenblick von seinem festen Pfad der Verdrängnis abzukommen.

Minhyuk hatte ihm immer gesagt, dass er daran arbeiten musste; dass er Zuneigung und Freundschaft nicht einfach von sich fortschieben konnte wie einen Fluch—und dass ein Zeitpunkt kommen würde, in dem ihn alles überrollte. Tatsächlich schlugen jetzt die Wellen über seinem Kopf zusammen, während er am Grunde dieses selbstinduzierten Ozeans kniete und sich mit aller Kraft gegen die Fluten abzuschirmen versuchte.

Minhyuk hatte Recht gehabt, wie so meist, aber er war im Augenblick nicht hier, um Kihyun durch die Dunkelheit zu führen, wie er es vor sieben Jahren getan hatte.

Stattdessen trat jemand durch die Türen der Bar, der Kihyun nichts Gutes wollte—der ihn von der erste Sekunde an verabscheute und sich seit mindestens genauso langer Zeit zu dem Ziel verschworen hatte, ihn unschädlich zu machen.

Chae Hyungwon, der seine Mitmenschen allzeit um gut zwei bis drei Zentimeter überragte und sich ausnahmslos in Farben kleidete, die seine Haut blasser und seinen Blick unsteter wirken ließen, trug einen ähnlich kalten Klumpen Teer als Ersatzherz in seiner Brust, wie Kihyun es vor einer Weile zu tun gepflegt hatte. Er war hübsch genug, um andauernd Empfänger neugieriger Blicke und tuschelnder Bemerkungen zu werden und—im seltensten Falle—eines tollpatschigen Annäherungsversuchs, der von ihm durch kaum mehr als das mitleidlose Heben einer Augenbraue zerschlagen wurde.

Hyungwon war kein guter Mensch, ganz offen gesagt—aber er war auch niemand, der sich um einen Ruf in dieser Kategorie kümmerte. Er wusste selbst, dass er eine winzige Spur zu emotionslos und gleichgültig geraten war, und als er Kihyun zum ersten Mal aus der Ferne gesehen hatte, war er für die Winzigkeit eines Augenblicks davon überzeugt gewesen, nicht mehr alleine zu sein. Aber Kihyun war kaum wie er.

Er hatte schnell bemerkt, dass Kihyuns Kälte aus vergangener Ablehnung geboren worden war; und einer Art angehörte, wie sie nur der bloßen Gegenwart eines Lim Changkyuns zu tauen beginnen würde. (Und Hyungwon hatte Recht behalten.)

Hyungwon selbst lebte nicht im Schatten einer Angst, eines Traumas, das ihm angetan worden war; es rührte nicht daher, dass er einmal zu viel geliebt hatte. Er liebte nicht. Seine Kälte war nicht oberflächlich und neuartig wie Yoo Kihyuns, sondern sie bohrte sich bis in die tiefsten Schichten seines Wesens, bis in den Teil, der frei von bisherigen menschlichen Einfluss gewesen war. Hyungwon war immer stolz darauf gewesen, unantastbar zu sein. Bis Lim Changkyun.

Weil ihm nie gezeigt worden war, wie man richtig liebte, machte Hyungwon alles falsch, als er Changkyun begegnete. Denn er verliebte sich auf eine selbstsüchtige, egomanische, eigenwillige Art und Weise in den Jüngeren, mit der er niemals ins Reine kommen würde. Ja, Hyungwon verliebte sich, daran gab es keinen Zweifel—und er hasste den Gedanken. So hasste und liebte er Changkyun; und würde so niemals bereit sein, ihn zu teilen.

Aber davon wusste Kihyun nichts, der an der Bar saß und gedankenverloren auf den Boden seines Glases blickte, während Hyungwons eisig kalter Blick durch den Raum wanderte und an seinem Rücken hängen blieb. Er bemerkte nichts davon, wie Hyungwons Augen sich verengten, ehe er nach einer zwischen ihnen pendelnden Sekunde den Raum durchquerte und geradewegs auf den freien Platz neben ihm zuhielt.

Kihyun blickte auf, als er den hochgewachsenen Koreaner neben sich erkannte und gab ihm mit einem knappen Nicken zu verstehen, dass der Platz neben ihm nicht besetzt war. Hyungwon legte seine Hand auf die Stuhllehne und zog den Hocker dann unter der Bar hervor.

Jooheon schien ihn zu kennen, denn er brachte Hyungwon ein knappes Nicken entgegen, ehe er ihm über die Theke ein klares, mit geruchloser Flüssigkeit gefülltes Glas hinschob, das dieser wortlos entgegennahm.

„Hi", meinte Kihyun schließlich, der von Minhyuk mehr oder minder alle Beleidigungen und Diffamierungen erfahren hatte, die Hyungwon zu lethargisch war, um ihm selbst auszurichten. Nicht wissend, wie er seinem hochgewachsenen Gegenüber begegnen sollte, zu gleichgültig, um Diplomatie wirklich als eine Option zu manifestieren, begrüßte er ihn auf eine Art und Weise, die jegliche Erwiderung nach sich ziehen konnte

Der andere nickte nur und schien sich nicht die Mühe machen zu wollen, Kihyuns Begrüßung zu erwidern. Tatsächlich entbrannte unter Hyungwons apathischer Oberfläche im folgenden Augenblick ein Kampf seiner gesamten Selbstbeherrschung, nicht mit der Hasserfülltheit auf Kihyun loszugehen, die dieser seiner Meinung nach verdient hatte. Hyungwon war zu diszipliniert, um nicht genau über die Fügungen seines Geistes Bescheid zu wissen; und ihm war mehr als deutlich bewusst, dass es Eifersucht war, die ihn Yoo Kihyun so verabscheuen ließ.

„Ich weiß, du magst mich nicht", fuhr Kihyun unverblümt fort, und Jooheon, der in der Nähe gestanden und Gläser geputzt hatte, entfernte sich eilig aus der unmittelbaren Nähe, um auf keinen Fall etwas zu erfahren, das er nicht hören wollte. Er hatte wohl panische Angst, dass ein zu tiefer Einblick in die Psyche der beiden Männer, die gerade an seiner Bar saßen, einen bleibenden Schaden seiner emotionalen Unbehelligtkeit verursachen würde. Denn obgleich er die beiden—vor allem den unbekannten, allzeit schweigsamen Chae Hyungwon—auf eine seltsame Weise bewunderte, war er doch froh um die Sanftheit seines eigenen Geistes.

„Du hast Recht." Hyungwon hatte zum ersten Mal gesprochen, rauer in der Stimme, als Kihyun vermutet hatte. Ihm wurde wieder einmal schmerzlich bewusst, wie oft Changkyun diesen makellosen Menschen vor sich sitzen gehabt und ihn bewundert hatte. Denn auch er war eifersüchtig auf Hyungwon; die Nähe zu Changkyun war ihm ein Gräuel, etwas, das er selbst für sich beanspruchen wollte, wenngleich man ihm immer zugute halten konnte, dass es bei ihm lediglich eine Notion blieb; und keine feste Absicht.

„Aber das macht dich zu niemand Besonderen." Hyungwon zuckte mit den Schultern und fuhr mit dem Finger über den Glasrand, wobei seine beiläufige Bewegung jedoch nicht auf eine charmante Art gedankenverloren wirkte, sondern so, als handelte es sich dabei um ein letztes Refugium vor seiner eigenen Zerstörungswut, die in Wellen vom fort ebbte. Oh, wie er Kihyun hasste, und wie gerne er ihm mit Jooheons Eisscherer über sein makelloses, feinknochiges Gesicht gekratzt hätte, um diese Disposition der Liebesbedürftigkeit daraus zu löschen. Sie würde doch nur Changkyun auf den Plan rufen.

„Das ist dein gutes Recht", erwiderte Kihyun, ohne ihn anzusehen. Hyungwon wünschte sich sofort, er wäre angriffslustiger; würde ihm eine schlecht fundierte Anschuldigung ins Gesicht werfen, die es ihm erlauben würde, mit Zähnen und Krallen auf ihn loszugehen. „Aber es gibt da etwas, das ich wissen muss."

Er hatte lange mit sich gehadert, ob er es tatsächlich wagen sollte; mit seiner Frage Interesse zu bekunden, mehr noch; eine Verbundenheit für Changkyuns Person—nach dem er sich all die Jahre zuvor Gleichgültigkeit geschworen hatte. Wenn er es aussprach, würde es kein Zurück mehr geben; er befand sich unter freiem Himmel und all die Gefahren, vor denen er sich zuvor geschützt hatte, konnten und würden auf ihn einprasseln wie Bomben. Aber langsam wurde ihm langweilig in seinem Schützengraben der Einsamkeit.

„Ist Changkyun in einer Beziehung? Hat er eine...", das Wort auszusprechen bereitete ihm beinahe körperliche Schmerzen, „...Freundin?"

Hyungwon hatte mit vielem gerechnet, mit bodenlosen Anschuldigungen oder bitterlichen Beteuerungen, aber nicht mit dieser plumpen und erstaunlich voraussehbaren Nachfrage. Nur jahrelange Übung bewahrte ihn davor, auch nur eine Millisekunde lang sein Gesicht zu verlieren. Stattdessen konnte Kihyun lediglich beobachten, wie seine vollen Lippen sich zu einem Ausdruck des jovialen Mitleids verzogen. Hyungwon konnte sich nicht daran erinnern, als sein Gesicht das letzte Mal einen Ausdruck gezeigt hatte, den er nicht in eiskalten Kalkül aufgesetzt hatte.

„Eine Freundin?", sagte er mit sanfter Stimme und gab sich überrascht. „Woher weißt du davon?"

Kihyuns Herz sank. Die gesamte Zeit über hatte er gehofft, einem kolossalen Missverständnis aufzusitzen; dass Changkyun wie durch ein dummes, blaues Wunder die Möglichkeit besessen hatte, seine Gefühle zu erwidern. Aber er hätte es ahnen müssen; solche Blumen logen nicht.

„Vermutung", gab er müde von sich. „Beobachtungskunst." Seine Finger fanden wie von selbst den Rand seines Glases und mit einer einzigen, fließenden Bewegung war der eiskalte Vodka seine Kehle hinabgeronnen und hinterließ dort eine brennende Spur. Es hätte ihn nicht weniger kümmern können.

Er sah, dass Hyungwon ihn von der Seite anblickte, mildes Interesse auf seinem Gesicht. Kihyun erwartete nicht, dass der andere ihn bedauerte, dafür war seine Abneigung zu greifbar; aber wenn er nur versucht hätte, für eine kurze Sekunde hinter die kalten, schwarzen Augen zu blicken und dort das lodernde Feuer der Schadenfreude zu erkennen, das bei Kihyuns offensichtlicher Niederlage in ihm aufgeflammt war! Doch wie jeder andere ließ Kihyun sich von der marmornen Fassade Hyungwons alabasterweißen Gesichts blenden, wandte den Blick ab und ließ den hochgewachsenen Koreaner in all seiner hinterhältigen Niedertracht unberührt.

„Danke für die Ehrlichkeit", sagte er und stand auf. Er beglich seine heutige Rechnung mit einem zehntausend Won Schein, den er auf die Theke warf, ehe er sich ohne ein Wort des Abschieds von der Bar entfernte und aus den Türen in den dämmrigen Tag brach.

Hätte er sich doch nur umgedreht; denn in diesem Augenblick hatte Chae Hyungwon seine Karten niedergelegt und offenbarte sich in seiner gesamten wunderschönen Zerstörungskraft. Sein Lächeln war schmal und beinahe unmerklich; aber von einer solchen bösen Notwendigkeit, dass sein gesamtes Gesicht erhellt wirkte. Hyungwon hatte neue Hoffnung erlang; die ungesunde Sorte, die niemals richtig genährt ist—und oh, sie stand ihm so gut.

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Es war ein wesentlicher Charakterzug seitens Lim Changkyun, dass er sich in etwas verbiss, wenn er die Notwendigkeit darin sah.

Wenn es nicht physikalisch unmöglich gewesen wäre, hätte Kihyun sich in dem Augenblick, in dem Changkyun am Abend darauf wieder in seinem Blumengeschäft stand, noch mehr in in verliebt.

Diesmal bestellte er Tulpen; die Sorte aus Holland, die Kihyun immer ganz vorne ins Schaufenster stellte, weil er sie schöner als Sonnenlicht empfand.

Keiner von ihnen sagte ein Wort; während gegen Kihyuns Inneres die fauchende Enttäuschung und die Wut prasselte, die ihn seit dem Gespräch mit Hyungwon andauernd begleitete, war Changkyun zum ersten Mal in seinem Leben zu schüchtern, um mit seiner sprühenden Unbedarfheit Klarheit in die Sache zu bringen.

Sie standen sich so stumm gegenüber wie Sekundanten vor einem Duell; nur eine Sekunde, eine falsche Bewegung davor, all das zu offenbaren, das sie in sich trugen. Kihyuns Finger zitterten, als er den Strauß am Rumpf zusammenband und ihn Changkyun anschließend über die Theke schob.

„Danke, Hyung", sagte dieser leise und packte den Strauß, ohne ihn noch einmal anzusehen. Kihyun ignorierte den Schein, den Changkyun ihm hinhielt und schüttelte den Kopf.

Einen kurzen Augenblick lang wanderte sein Blick über Changkyuns leicht gerötete Wangen, die wieder einmal Lebendigkeit zu atmen schienen und ein weiches Lächeln wollte auf seinem Gesicht erscheinen, aber da hatte der Jüngere sich abrupt umgedreht und war aus dem Geschäft geeilt, auf die Straße—in dieselbe Richtung, in der er immer verschwand.

Kihyun, der Masochismus anscheinend weniger abgeneigt war, als ihm bewusst gewesen war, packte seine Jacke (es war so kalt geworden), durchquerte den Laden und warf die Tür hinter sich ins Schloss. Changkyun verschwand gerade um die Ecke, als er vor das Geschäft trat und Kihyun folgte ihm so rasch und leise wie er konnte.

Jeden Meter, den Changkyun zurücklegte, brannte das Bedürfnis stärker in ihm, einfach umzudrehen. Wollte er das wirklich sehen? Changkyun, der jemand anderen seine Blumen schenkte, der jemanden anderen auf diese Art und Weise anblickte, die Kihyun auf ewig für ihn reserviert hatte? Warum tat er das?

Changkyun ließ die Straße mit den Dutzenden Cafés ohne einen zweiten Blick hinter sich und eilte bald an der Universität vorbei, die Kihyun das letzte Mal vor zwei Jahren betreten hatte, um seinen Schein mit der endgültigen Exmatrikulation abzugeben. Erst an der Uniklinik verlangsamte er seine Schritte und Kihyun musste sich hinter einen Krankenwagen ducken, um Changkyuns nervösen Blick über die Schulter zu entgehen, den er urplötzlich zurückgeworfen hatte.

Das Foyer war bis auf eine Krankenschwester am Empfang ausgestorben, als Kihyun sich endlich traute, Changkyun hinterherzueilen und er fühlte sich auf eine ganz neue Art idiotisch, als er unsicheren Schrittes auf sie zuhielt. Die Wände sprachen in Warnungen und Verboten zu ihm, aus der Ferne klang das Summen einer Heizung und er hörte mehrere Gänge entfernt das eilige Trappen mehrerer Schritte im Flur. Was wollte Changkyun hier?

„Entschuldigung", räusperte sich Kihyun und war erleichtert, dass niemand außer der Krankenschwester Zeuge seiner Unfähigkeit wurde. „Aber der junge Mann mit den Blumen und den... Tattoos... wissen Sie, wen er hier besucht?"

Die Krankenschwester sah überrascht zu ihm auf, müde Augen und ein herabgezogener Mund wich einem breiten Lächeln. „Oh, ich kenne seinen Namen nicht, aber er kommt seit gut einer Woche vorbei und bringt Blumen."

„Wem?", fragte er so heiser, dass seine Stimme sich anfühlte wie Raspelpapier.

„Das ist ja gerade das besondere", lächelte die Krankenschwester und Kihyun fühlte sein Herz wie in Hoffnung einer unrealistischen Vorahnung schneller schlagen. „Er hat keine Angehörigen hier. Und er bringt die Blumen jedes Mal jemand anderem. Meistens den Vergessenen. Die schon so lange auf der Station liegen, dass keiner sich mehr an sie erinnert."

Kihyun wollte etwas erwidern, aber seine Lippen waren zu trocken, als dass seine Zunge Worte daraus lösen konnte.

„Er hat einen unglaublichen Einfluss auf die Patienten. Sie wollen ihn beinahe nicht mehr gehen lassen. Wissen Sie? Er ist einer dieser Leute, die jede staubige Sekunde kostbar machen können."

Ich weiß, hätte er am liebsten erwidert, aber das breite Lächeln der Krankenschwester machte es ihm unmöglich noch ein weiteres Wort herauszubringen.

„Kihyun?", hörte er in diesem Augenblick eine Stimme hinter sich und er fuhr herum. Mitten im Gang, der zu den Patientenräumen führte, stand Changkyun in seinem löchrigen Pullover und diesen festen Stiefeln, die bei jedem Schritt unglaublich viel Lärm machten. Seine Tattoos traten wie ein Leuchtfeuer der Antikonformität von seiner Haut hervor und Kihyun spürte, wie er aufgab.

Er gab sich auf.

Er gab die Stigmen seiner Mutter auf, die ihn seit sechs Jahren davon abgehalten hatten, nach seinen Regeln zu leben. Er gab seine eigenen dummen Prinzipen auf, nach denen er sich geschworen hatte, so etwas wie Changkyun nicht geschehen zu lassen. Und er gab die falsche Wahrheit auf, die er selbst ersannt und die Hyungwon für ihn weitergesponnen hatte.

„Du hast keine Freundin", stieß er hervor und beobachtete hilflos, wie Changkyun auf ihn zukam—blumenlos übrigens und mit einem unglaublich überraschten und äußerst verlegenen Ausdruck auf dem Gesicht.

„Nein."

„Ich bin ein Idiot", erkannte er und musste nun bemerken, wie ein schmales Lächeln auf Changkyuns Gesicht auftauchte.

„Oh, ja."

„W-was machst du mit den Blumen?"

Changkyun besaß die Insolenz, auf eine unfassbar niedliche Art die Augen zu verdrehen. „Es ging mir nie um die Blumen, Yoo Kihyun. Es ging mir um dich. Ich wollte eine Entschuldigung, Zeit mit dir zu verbringen. Also habe ich all diese Blumen gekauft, die ich nicht gebraucht habe."

„Wieso hast du das getan?"

Changkyun lachte auf, glockenhell und so befreit, dass Kihyun bemerkte, wie auf seine eigenen Lippen ein unfreiwilliges Lächeln schlüpfte. „Weil ich in dich verliebt bin, du schlecht gelaunter Idiot."

„Du bist in mich verliebt?"

„Glaubst du, ich renne immer herum und küsse Leute, für dich nichts empfinde?" Er verschränkte die Arme vor der Brust und blickte Kihyun mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Glaubst du das wirklich, Kihyun? Ist es so unwahrscheinlich, dass ich dich liebe?"

„Ja", brachte er heiser hervor. „Ziemlich."

Changkyun wandte sich kopfschüttelnd zur Krankenschwester um, die ihre Konversation mit geweiteten Augen von ihrer Position hinter dem Empfang verfolgt hatte. „Können Sie glauben, was dieser Junge für Nerven hat? Unmöglich", knurrte er und füllte den Gang mit den Schritten, die zwischen ihm und Kihyun gefehlt hatten, nur um geradewegs seine ungläubig geöffneten Lippen mit seinen eigenen zu verschließen.

Kihyun, der damit nicht im Geringsten gerechnet hatte, reagierte sofort, indem er beide Hände an den Kragen seiner Jacke legte und Changkyun näher an sich zog, sodass kein Zweifel an der Tatsache gelassen wurde, wie sehr er dieser Aktion zustimmte.

Nach einer Zeitspanne, die ihm wie eine winzige Unendlichkeit vorgekommen war, löste Changkyun sich von ihm und sah ihn an, winzige Grübchen in der Weichheit seiner Wangen. „Glaubst du mir jetzt?"

„Ein oder zweimal musst du das noch machen", erwiderte Kihyun heiser, „dann können wir verhandeln."

Changkyun lachte; und nichts stimmte Kihyun glücklicher als für sich selbst festzustellen, der Ursprung dieser Erheiterung zu sein. Dann legte der Jüngere seinen Arm um Kihyuns Hüfte, genau an der Stelle, die ihm leise Schauder entlang seiner Wirbelsäule bescherte und der Ältere konnte nicht anders, als seinen Arm um Changkyun zu legen.

Ja. Yoo Kihyun unternahm eine öffentliche Zurschaustellung seiner Zuneigung, und er musste für sich selbst zugeben, dass er es überhaupt nicht so schlimm fand.

Als sie wenig später gemeinsam die Straße überquerten, blickte er, bevor sein Fuß den Asphalt berühren konnte, zuerst nach rechts, und dann nach links.

FIN

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AUTHOR'S NOTE

Ich habe mich in Hyungwon verloren, es tut mir Leid. Ich liebe ihn zu sehr.
Changkyun und Kihyun sind meine neuen Herzchen; oh du meine Güte.

Und Yep, es ist vollbracht. Um einiges länger, als ich geplant hatte und ich bin ausnahmsweise beinahe zufrieden mit dem Endwerk.

kinkkhyun;
Danke. Danke, dass du mir Changkyun und Kihyun gezeigt hast, warum lässt du mich immer das Wunderschöne shippen, das mein Herz bricht? Ich hoffe so sehr, es hat dir gefallen. Ich glaube, ich bin so zufrieden, weil ich es für dich schreiben durfte und das für mich das schönste war. I'll love you forever.
Holy shit.

(ashesofme ur an actual bae, i love you, i thank you. danke dass du in meinem kreativen Leben bist, du olle Bereicherung)

(ohrelijeon und auch du, du wunderbare person. Danke dir fürs Lesen <3.)

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