5

Sofort apparierte Remus an einen Ort, von dem er wusste, dass niemand dahin kommen würde. Dann sendete er eine Nachricht an Sirius, der gleich darauf neben ihm erschien. Für einen Augenblick sahen sie sich an, bevor sich Sirius umdrehte. Kurz war Remus verunsichert. Dachte er etwa, Remus würde ihn in eine Falle gelockt haben? Doch Sirius Haltung gab nichts über seine Gedanken preis, lediglich die Tatsache, dass er mit dem Rücken zu ihm stand und sich an die Brüstung lehnte, die Ellbogen als Stütze gedacht, verrieten, dass er sich nicht vollkommen wohl fühlte.
Schweigend trat Remus neben ihn und versuchte, die Aussicht zu genießen. Dieser Ort war für die beiden immer etwas Besonderes. Hier hatten sie zu zweit ein Wochenende verbracht, direkt nachdem sie unter sich beschlossen hatten, verheiratet zu sein, in einer herunter gekommenen Hütte auf einem hohen Felsen am Meer. Es war perfekt für sie gewesen, hier hatten sie ihre Ruhe gehabt und mussten keine Angst haben, von Personen erwischt zu werden, die etwas gegen ihre Sexualität hatten.

Gespannt wartete Remus darauf, dass der Schwarzhaarige anfing zu reden. Er wollte doch reden, oder nicht? War das nicht der Grund, weshalb er ihn treffen wollte?

Irgendwann sprach er auch wirklich, aber erst, als die Sonne schon langsam im Meer versank.

"Du hast dein Leben weiter gelebt. Bist vorangeschritten. Und eigentlich sollte es mich freuen. Aber das tut es nicht. Es schmerzt, wenn du glücklich ohne mich bist. Wenn dein Leben voran geht, während ich immer nur daran denken kann, wie sehr ich dich in meinem brauche. Ich will nicht, dass du glücklich bist mit deinem Leben, ich will, dass du bei mir glücklich bist. Und - oh gott - das ist alles so egoistisch! Ich habe wirklich versucht, darüber hinweg zu kommen. Ich habe mir gesagt, wenn ich dich wieder sehen sollte und du mir deine Frau vorstellst, würde ich mich für dich freuen. Aber ich kann es einfach nicht. Tut mir leid."

Sirius blickte nur ganz kurz zu Remus, der ihn unverwandt ansah, bevor er sich wieder der schönen Aussicht zu wandte. Das war leichter zu ertragen, als Remus' unergründliche, intensive Augen.

"Es tut mir leid, dass ich so egoistisch bin. Dass ich dir damals nicht vertraut habe. Es tut mir so unendlich leid."

Nach ein paar Minuten des Schweigens legte Remus seine Hand auf Sirius' Schulter und zwang ihn, sich zu ihm umzudrehen.

"Glaubst du wirklich, ich wusste nicht, worauf ich mich mit dir einlasse?", fragte er, erwartete aber keine Antwort. "Ich wusste, du bist in gewisser Weise egoistisch, ich wusste, du vertraust nicht leicht und bei meinem Verhalten damals kam es eigentlich nicht überraschend. Ich wusste es, ich kannte dich und deshalb war es wie ein Schlag ins Gesicht, als alle sagten, du hättest Lily und James verraten. Glauben wollte ich es nicht, aber es gab für mich keine andere Erklärung. Worauf ich hinaus will, ist, dass ich dich kannte. Immer noch kenne. Als wir angefangen haben, miteinander auszugehen, wusste ich, worauf ich mich einlasse. Aber das hat mich nicht abgehalten. Du bist nicht perfekt, niemand ist das. Aber trotz all deine Macken hab ich dich geliebt. Gerade wegen ihnen, habe ich dich geliebt. Und das hat sich in all den Jahren nicht geändert."

Sprachlos blickte der Schwarzhaarige ihn an. Stimmte das, was Remus von sich gab? Konnte er ihm wirklich verzeihen, was er alles getan hatte?

Alle seine Zweifel waren verschwunden, als Remus' Lippen seine berührten. Wie er es in Erinnerung hatte, waren seine Lippen rau, aber der Kuss war anders. So sanft und voller Angst, etwas falsch zu machen. Als sie sich voneinander lösten, schlug Sirius seine Augen auf. Er hatte gar nicht gemerkt, dass er sie überhaupt geschlossenen hatte. Das seichte Lächeln auf Remus' Gesicht wurde breiter, neckischer.

"Du dachtest wirklich, ich hätte eine Frau gefunden?"

"Halt die Klappe", murrte Sirius gespielt eingeschnappt und schlug gegen Remus' Brust. Da waren Muskeln wie eh und je. Seine eigenen hatten sich im Laufe der Jahre abgebaut. Hager war er, das wusste er, aber er glaubte nicht, dass es Remus etwas ausmachen würde. Die Intensität, mit der er angestarrt wurde, bestätigte seine Gedanken.

"Ich liebe dich", sagte Remus mit so viel Emotionen, dass er Sirius damit zum Schaudern brachte.

"Ich liebe dich auch", bekam er als Antwort, bevor sich rissige Lippen auf seine legten. Automatisch schlang Remus seine Arme um den kleineren und zog ihn fester an sich. Selbst durch die Stoffe konnte er fühlen, wie ausgemergelt er war. Alles an seinem Körper zeugte von den Spuren, die Askaban an ihm hinterlassen hat. Es tat Remus im Herzen weh.

Im selben Augenblick fiel ihm auf, dass er sein Versprechen gebrochen hatte. Schon lange bevor Sirius im Gefängnis gelandet war, hatte er ihm nicht mehr jeden Tag diese Worte sagen können. Ein schlechtes Gewissen breitete sich in ihm aus. Wie konnte er nur? Jeden Tag ein 'Ich liebe dich' war doch nicht zu viel verlangt! Wieso hatte er das nicht geschafft?

Weil du dachtest, er hätte James und Lily verraten.

Aber das stimmte nur zur Hälfte. Warum hatte er vorher schon aufgehört? Weil sie sich nicht mehr so oft sahen? Weil er wusste, dass sie sich auseinander gelebt hatten? Nur wegen Remus?

Sirius merkte, dass etwas nicht stimmte, und löste sich, um in Remus' trübe Augen zu schauen.

"Es tut mir so leid", flüsterte der Werwolf und strich mit seiner rauen Hand über Sirius' ebenso raue Wange. Sarkastisch lachte der Schwarzhaarige auf.

"Dir tut es leid? Was soll dir denn leid tun? Ich bin hier das Arschloch und du entschuldigst dich? Meinetwegen sind James und Lily gestorben. Ich habe dich verdächtig gehabt, Informationen an Voldemort zu liefern. Gut, es gab zwar einen Maulwurf in unseren Reihen, aber genau den habe ich zum Geheimniswahrer gemacht, während ich meinen eigenen Freund verdächtig hatte? Und trotzdem entschuldigst du dich?"

Schluckend sah Remus auf den Boden. Es war ganz sicher nicht in seinem Sinne, dass Sirius sich die Schuld an dem Ganzen gab.

"Du hattest deine Gründe. Peter wäre wirklich perfekt gewesen, wenn er nicht dem Dunklen Lord gehörig wäre. Niemand hätte ihn verdächtigt. Und ich bin ja selbst Schuld. Ich wusste, was ich aufs Spiel setze."

Die Verwirrung war Sirius deutlich anzusehen. Anscheinend wusste er noch nichts davon. Also erklärte Remus es genauer.

"Dumbledore hat mich gebeten, mich unter die Werwölfe zu mischen. Informationen herauszufinden und genauso gut unauffällig versuchen, sie in die richtige Richtung zu lenken. Ich wusste schon immer, was auf dem Spiel steht..."

Die Worte verloren sich in Remus' Mund. Stattdessen hatte er eine Erinnerung von damals vor seinen inneren Augen, nicht lange, bevor der Krieg zuende war. Jetzt fühlte er sich ebenso leer wie damals, als er in himmelblaue Augen blickte.

Er stand in Albus Dumbledores Büro. Nichts hatte sich seit seinem letzten Besuch verändert. Hatte sich überhaupt jemals etwas geändert? Würde sich etwas ändern? Er wusste es nicht. Und so, wie es im Moment mit seinem Auftrag und in seinem Leben lief, würde er es auch nie herausfinden.

"Warum haben Sie mich gerufen, Professor?"

Die blauen Augen waren so unergründlich wie eh und je. Aber wenn Remus raten müsste, würde er sagen, dass sich Mitleid und Sorge darin befanden.

"Brechen Sie den Auftrag ab, Remus", sagte Dumbledore mit leiser, sanfter Stimme. "Gehen Sie nach Hause."

Darauf konnte Remus erst mal nichts anderes tun, als den silberhaarigen Mann anzustarren. Dann: "Es gibt kein Zurück mehr. Alles hat seinen Preis. Und der von dieser Sache sind alle Personen, die für mich mein Zuhause sind."

Blinzelnd fand Remus in die Gegenwart zurück. Vielleicht wäre es nicht zu spät gewesen. Hätte er den Auftrag abgebrochen und Sirius alles erzählt... Vielleicht wäre es nicht dazu gekommen.

"Ach Sirius", seufzte der Werwolf und lächelte traurig. "Es tut mir so leid."

Und bevor dieser wieder behaupten konnte, dass es nichts gab, wofür er sich entschuldigen musste, hatte Remus ihn in einen liebevollen, verzweifelten Kuss gezogen.

A/N
Eine Stelle hab ich aus einem Kommentar von Chrisch00. Danke, dass du mich darauf gebracht hast.
Dann ein Dankeschön an tatze_der_rumtreiber ich hatte viel von dem Kapitel schon geschrieben. Und dann kam, zusätzlich zu so viel Scheiße in meinem Leben, eine Schreibblockade. Und irgendwie hast du es mit deinen Kommentaren geschafft, mich aus der Blockade rauszuholen.
Das Kapitel ist etwas kürzer als sonst. 1373 Wörter. Ich hätte noch ein bisschen schreiben können, aber ich wollte, dass es zumindest ein Kapitel gibt, in dem nicht alles blöd läuft für die beiden.

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