4

Als Remus die Nachricht erhielt, dass Voldemort besiegt war, war er erleichtert. Dann hörte er, dass Lily und James Potter tot waren, und war entsetzt. Dass Harry überlebt hatte, stimmte ihn wieder teilweise freudig, aber dann lief es ihm eiskalt über den Rücken. Wenn James und Lily tot waren, konnte das nur eins bedeuten: Sirius hatte sie verraten.

Glauben wollte er es nicht. Und als dann auch noch überall stand, dass Sirius Black Mörder von zwölf unschuldigen Muggeln und zudem noch Peter Pettigrew sein sollte, wusste er wirklich nicht, was mit ihm los war. So viele widersprüchliche Gefühle hatte er selten, weshalb er zu dem einzigen Mann ging, dem er vertraute. Albus Dumbledore.

"Ah, Remus, ich hatte Sie erwartet", begrüßte der Schulleiter seinen ehemaligen Schüler und deutete mit einer Hand auf einen der immer noch vorhandenen Sessel vor seinem Schreibtisch. Dieses Mal wollte Remus aber nicht sitzen, er war zu unruhig.

"Stimmt es? Was man sagt?"

Über seine Halbmondbrille hinweg sah der silberhaarige Mann ihn an. Dann seufzte er. "Ich befürchte ja. Alles, was gesagt wird, ist wahr."

Auf der Stelle brach Remus in Tränen aus, worauf er wortlos von Dumbledore ein Taschentuch gereicht bekam.

"Was passiert mit Harry?", fragte er, sobald er sich beruhigt hatte.

"Der ist bei seinen Verwandten."

"Verwandten? Verwandten im Sinne von Petunia? Petunia Evans? Oder Dursley oder was auch immer ihr Name ist?"

"Ja, genau in diesem Sinne."

Sprachlos sah Remus den alten Mann an. Das konnte der doch nicht ernst meinen. Er merkte, wie Wut in ihm aufstieg und zwang sich, ruhig zu bleiben. Vollmond konnte nicht immer als Ausrede zählen.

"Professor", versuchte er ihn mit vernünftigen Argumenten umzustimmen, "Lily hat mit mir über ihre Schwester gesprochen. Sie hasst Hexen und Zauberer. Harry wird es dort nicht gut ergehen. Bitte, Professor, überlegen Sie es sich."

"Ich verstehe Ihre Bedenken, Remus, aber ich habe meine Gründe."

Es fiel dem Werwolf unheimlich schwer, sich zusammen zu reißen. Was dachte der Mann sich dabei? Einfach so über Harrys Zukunft zu entscheiden?

Aber er selbst hatte auch nicht das Recht, über Harry zu entscheiden. Sirius war der Patenonkel. Sirius.

"Sir", begann Remus stockend und schluckte schwer. "Was ist mit Sirius?"

"Wie gesagt, alle Gerüchte sind leider wahr."

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass er so etwas tun würde. Er hat James geliebt, wie seinen Bruder."

"Ah", machte Dumbledore und setzte sich hin, was den Werwolf dazu veranlasste, ebenfalls Platz zu nehmen. Seine Beine konnten ihn kaum tragen. "Sein tatsächlicher Bruder, also der, mit dem er blutsverwandt ist, hatte sich aber entschlossen, einen anderen Weg zu wählen. Es war immer nur die Frage, welchem Bruder er folgen würde."

Remus schwieg. Er glaubte es nicht. Wollte es nicht glauben, nicht einsehen.

"Remus", sagte der Schulleiter mitfühlend und zögernd, "er hat gelacht. Als die Muggel gestorben und die Ministeriumsleute angekommen waren, hat er gelacht."

Zittrig atmete Remus ein, bevor er die nächste Frage stellte. "Was ist mit Peter?"

Erneut zögerte Dumbledore, bevor er antwortete. "Das größte Stück, was von ihm gefunden wurde, ist sein Finger."

Damit wurde Remus schwarz vor Augen und er fiel vom Stuhl.

***

Es vergingen zwölf Jahre, bevor er wieder etwas von Dumbledore hörte. In dieser Zeit besuchte er das Grab seiner Eltern ziemlich oft und war auf der Suche nach einer Arbeit. Viele wollten ihn natürlich nicht bei sich arbeiten lassen. Er war immerhin ein Werwolf. Aber Arbeit war nicht sein größtes Problem. Er hatte alle seine besten Freunde in einer Nacht verloren und er konnte nicht damit umgehen. Mit der Zeit wurde es besser, aber verarbeitet hatte er die Ereignisse von der Nacht des 31. Oktobers noch nicht. Es war ihm unmöglich. Ein paar Mal hatte er versucht, Frank und Alice zu besuchen, aber sie so verwirrt zu sehen, brach ihm sein Herz noch mehr. Also ließ er es bleiben.

Zwölf Jahre, in denen er meist für sich blieb, hatte er Zeit, um mit den Geschehnissen klar zu kommen und sich zu fragen, wie es Sirius ging. Mittlerweile fragte er sich nicht mehr, ob es wahr war, was damals passiert war. Andere Wege zu suchen, machte die Tatsachen auch nicht besser.

Im Sommer 1993 erhielt er plötzlich zwei Nachrichten von zwei unterschiedlichen Personen, die sein ungeordnetes Leben noch unordentlicher machten. Von beiden hatte er über zwölf Jahre nichts gehört.

Zuerst nahm er den Brief mit der Schrift, die ihm so bekannt war, dass er sie selbst nach so langer Zeit wieder erkannte. Sirius, dachte er, als er mit seinen rauen Fingern über die eine Zeile strich, die auf dem Pergament stand.

"Hilf mir", las er leise flüsternd vor. Dann zerknitterte er das Blatt. Er war ein Serienmörder und hatte ihre besten Freunde verraten. Was erwartete er von ihm? Dass er ihm noch helfen würde? Außerdem, wie sollte er? Sirius saß in Askaban, da konnte er ihm nicht helfen.

Die letzte Frage klärte sich, als eine weitere Eule durch sein Fenster trudelte und ihm den Tagesspiegel auf den Tisch fallen ließ. Sirius Black war aus Askaban ausgebrochen. Einerseits hatte Remus ein schlechtes Gefühl dabei. Andererseits machte sein Herz auch einen Hüpfer. Sirius war immer noch der kluge Junge, der Regeln brach und unheimlich intelligent Auswege fand.

Schluss, ermahnte er sich selbst.

Als nächstes, zumindest sobald er sich wieder gesammelt hatte, öffnete Remus den letzten Brief. Er war in einer ordentlichen Schrift geschrieben und auch diese erkannte der Werwolf, als er länger drauf starrte.

Nachdem er den Brief gelesen hatte, ließ er ihn auf den Boden fallen. Das konnte er doch nicht ernst meinen. Oder doch?

Wie gewünscht traf er sich noch persönlich mit dem Versender des Briefes. Anscheinend wusste dieser, dass er ablehnen würde und wollte ihn so noch umstimmen.

"Guten Abend, Professor", sagte er, als er den Mann erreichte, der mit seinen silbrigen Haaren am Fenster in einem Café saß. So eine gewöhnliche Situation passte gar nicht zu dem Schulleiter.

"Guten Abend, Remus. Danke, dass Sie sich entschieden haben, zu erscheinen."

"Selbstverständlich, Sir", sagte Remus und nahm gegenüber von dem Mann mit den glänzenden Haaren Platz. Während er sich fragte, wie es möglich war, dass seine Haare tatsächlich glänzten, obwohl das Licht in dem Café eher schummrig war und auch draußen weder die Sonne noch der Mond schien, formulierte er auch schon seine nächsten Worte.

"Ich weiß das Angebot wirklich zu schätzen, Professor Dumbledore, aber ich kann es nicht annehmen."

"Ich dachte mir, dass Sie das sagen."

"Und Sie haben sich Argumente überlegt, die mich umstellen sollen", vermutete Remus und schloss kurz müde seine Augen. Er bekam definitiv zu wenig Schlaf.

"In der Tat. Aber nennen Sie mir doch erst mal ihre Gründe, warum Sie ablehnen wollen."

Der Hauptgrund war ganz einfach. Nein, eigentlich waren es zwei, aber den einen konnte er Dumbledore nicht mitteilen.

"Lykanthropie ist keine besonders nett angesehene Krankheit. Niemand dürfte von meiner Kondition wissen, und das vor so vielen Schülern geheim zu halten ist so gut wie unmöglich. Insbesondere wenn kluge Schüler oder Schülerinnen dort unterrichtet werden, die realisieren, dass das Gespenst in der Heulenden Hütte immer zu den Zeiten da ist, die ich in Hogwarts verbringe."

Dumbledore hätte während der gesamten Rede nicht eine Sekunde aufgehört zu lächeln. Und statt darauf einzugehen, fing er an, über etwas ganz anderes zu reden.

"Sie erinnern sich doch an Severus Snape, nicht wahr?"

Remus nickte.

"Er unterrichtet an Hogwarts jetzt Zaubertränke, wie sie vielleicht schon mitbekommen haben."

"Verstehen Sie mich nicht falsch, Professor, aber nur weil meine Abneigung gegen Snape nicht so groß war wie die von James oder Sirius, heißt es nicht, dass wir beste Freunde waren und er der Grund ist, nach Hogwarts zurückzukehren."

"Doch, ich glaube, er wird ein Grund. Nur nicht in dem Sinne wie Sie denken. Wie ich gerade erzählen wollte, ist er hervorragend in Zaubertränke, Sie erinnern sich doch daran? Und er ist in der Lage, den Wolfsbann-Trank zu brauen."

Remus schwieg. Das war in der Tat ein Grund, nach Hogwarts zu gehen. Dieser Trank war unglaublich kompliziert und somit waren nicht viele in der Lage, ihn zu brauen. Und die, die es taten, verkauften den Trank. Zu Preisen, die er sich nicht leisten konnte.

Aber war das ausschlaggebend dafür, dass er nach Hogwarts zurück ging? Mit dem Trank konnte er niemanden verletzten. Er würde ein zahmer Wolf sein und keine Gefahr darstellen.

Aber er wusste auch, dort würden ihm viele Erinnerungen hochkommen; der zweite, große Grund, warum er nicht dahin wollte.

Er wollte nicht die ganzen vielen Erinnerungen an seine toten Freunde wieder bekommen. Und auch die Erinnerungen an Sirius... Sirius... Sirius! Wenn Sirius im Auftrag des Dunklen Lord gehandelt hatte, dann würde er wahrscheinlich das zuende bringen wollen, was Voldemort selbst nicht geschafft hatte. Harry Potter umbringen. Und Harry würde ab September wieder Hogwarts besuchen. Als Lehrer konnte er ein Auge auf ihn haben und ihn beschützen.

Schließlich willigte er ein. Und mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass Dumbledore tatsächlich seine Meinung geändert hatte, obwohl er sich fest vorgenommen hatte, das nicht zuzulassen, disapparierte er und fing an, sich auf die folgende Zeit vorzubereiten.

***

Harry James Potter hatte unglaublich viel Ähnlichkeit mit seinem Vater. Vom Äußeren her. Als Remus ihn das erste Mal im Zug gesehen hatte, war er für einen Moment erstarrt und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Wie ein Lehrer, hatte er sich gesagt, aber im Endeffekt war er dann doch etwas zu... freundschaftlich gewesen. Zum Glück hatten Harrys Freunde nichts gemerkt. Er war sich nicht sicher, ob er wollte, dass Harry von seiner Verbindung zu seinen Eltern wusste.

Im Laufe des Schuljahres hatte Remus es ihm dann doch erzählt. Diese Augen, Lilys Augen, machten es schwer, Geheimnisse für sich zu behalten.

Als er dann erfuhr, dass Harry die Karte des Rumtreibers besaß, wusste er nicht, ob er weinen oder lachen sollte. Anscheinend war Harry seinem Vater auch innerlich sehr ähnlich.

Natürlich hatte er die Karte konfisziert und sie auch die erste Zeit nicht benutzt. Zu viele Erinnerungen waren damit verbunden - insbesondere die, wo die Karte verloren gegangen war. Auch dass Harry ihm erzählt hatte, die Karte müsste falsch sein, denn Peter Pettigrew soll erschienen sein, konnte ihn nicht dazu bringen, die Karte zu benutzen. Harry musste sich geirrt haben. Musste. Oder nicht? Solche zweifelnden Gedanken hatte er so lange gehabt, bis er sich doch überwinden konnte, die Worte "Ich schwöre feierlich, ich bin ein Tunichtgut" auszusprechen. Peter Pettigrew war nirgends zu sehen. Erleichtert, weil sich seine Welt nicht komplett auf den Kopf gestellt, und gleichzeitig irgendwie enttäuscht, weil er doch nicht einen alten Freund zurück bekommen hatte, sah er regelmäßiger auf die Karte.

Eines Abends, am Ende des Schuljahres, sah er etwas merkwürdiges. Nicht so merkwürdig wie Peter, aber ganz nah dran. Auf der Karte waren zwei Hermines und zwei Harrys. Abgesehen von der Tatsache, dass sie sich nicht draußen herumschleichen sollten, wie war das möglich?

Im nächsten Augenblick war die Frage schon wieder vergessen genauso wie die zweite Hermine und der zweite Harry, denn ein Harry und eine Hermine zusammen mit dem einzigen Ron haben Hagrids Hütte betreten. Aber Hagrid war nicht allein. Peter Pettigrew stand in geschwungener Schrift auf dem Pergament. Remus traute seinen Augen kaum. Es dauerte eine Weile, bis er sich von seinem Schock erholt hatte, aber da traf ihn der nächste Schlag. Die drei Schüler waren wieder auf dem Weg zum Schloss, da stürmte eine Figur namens Sirius Black auf sie zu. Und er ergriff nicht nur Peter, sondern auch Ron.

Schnell rannte Remus los. Er musste wissen, was los war. Und er wollte mit Sirius reden. Jetzt, nach all den Jahren, konnte er endlich seine Fragen stellen.

Aber dazu kam er nicht. Sobald Sirius ihm versichert hatte, dass Peter der Geheimniswahrer gewesen war und sie ihm nichts von dem Tausch erzählt hatten, weil Sirius insgeheim ihn verdächtig hatte, Informationen an Voldemort weiter zu geben, mussten sie die drei verängstigten Schüler aufklären. Innerlich beruhigte sich Remus damit, dass er später noch genügend Zeit haben würde, mit Sirius zu reden.

Hatte er nicht.

Im Nachhinein verfluchte er sich für seine Verantwortungslosigkeit und seine Dummheit. Es war seine Schuld, dass Sirius nicht frei war. Immerhin war er nicht in Askaban, aber er war auf der Flucht. Und das nur, weil er seinen Trank nicht genommen hatte. Er hätte jemanden umbringen können.

Logischerweise unterrichtete er nicht weiter Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Jetzt musste er sich wieder andere Arbeit suchen, aber das war nicht seine Hauptsorge. Er dachte über Sirius nach. Was für eine Abwechslung.

Ging es ihm gut? War er wütend auf Remus, weil er ihm nicht genug vertraut hat? Weil er geglaubt hat, dass er James und Lily verraten hatte?

Schlechtes Gewissen nagte an ihm. Nicht nur, weil es seine Schuld war, dass Sirius kein normales Leben führen konnte, weil seinetwegen Peter entkommen war. Es ging auch darum, dass er Grund für den Bruch ihrer Beziehung war. Dadurch dass er den Auftrag bei den Werwölfen angenommen hatte, hatte er die Beziehung dem Ende geweiht. Die ganzen Lügen und Geheimnisse gingen auf seine Kappe. Alles war seine Schuld.

Deshalb überraschte es ihn, als er eines Tages einen Brief von Sirius in der Hand hielt, der ihn um ein Treffen bat.

2185 Wörter

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top