Kapitel 9
Drei Tage waren seit dem Vorstellungsgespräch vergangen, und Misaki hatte bisher nichts von Takahashi-san oder der Firma gehört. Auch ihre Tante Himeko, die sonst immer bestens über alles informiert war, konnte ihr keine neuen Informationen geben. Das Warten nagte an Misakis Nerven, und die Unsicherheit machte sie zunehmend unruhig. Um sie etwas aufzumuntern, hatte Himeko vorgeschlagen, gemeinsam in Shinjuku shoppen zu gehen – nichts half besser gegen schlechte Laune als ein Ausflug in eines der belebtesten und farbenfrohsten Viertel Tokios.
„Komm schon, Misaki! Du brauchst dringend etwas Süßes zum Anziehen“ sagte Himeko mit einem Zwinkern, während sie sich durch die Menschenmengen bewegten.
Die Neonlichter blitzten von allen Seiten, und die Schaufenster zeigten eine bunte Mischung aus Mode, von stylischen Outfits bis hin zu kawaii-Kleidung. Misaki versuchte, sich auf die Farben und Geräusche um sie herum zu konzentrieren, aber ihre Gedanken wanderten immer wieder zu dem Gespräch mit Takahashi-san zurück.
„Was, wenn ich es vermasselt habe?“, fragte sie sich, während sie in einem Geschäft mit pastellfarbenen Kleidern stöberte.
Himeko bemerkte ihre Zurückhaltung sofort „Schätzchen, hör auf, dir Sorgen zu machen!“
Himeko lächelte breit, während sie ein flauschiges, pastel blaues Kleid mit Rüschen in der Hand hielt „Du weißt, dass Takahashi-san vielleicht etwas kühl ist und vielleicht auch etwas sehr stur und streng, aber das bedeutet nicht, dass du es nicht geschafft hast. Du hast so viel Erfahrung, sie wären dumm, wenn sie dich nicht nehmen würden!“
Misaki seufzte und ließ ihre Finger über die weichen Stoffe gleiten „Ich weiß, aber … es ist schwer, nichts zu hören. Vielleicht haben sie jemanden besseren gefunden. Außerdem habe ich dieses Vorstellungsgespräch nur deinetwegen bekommen. Ohne dich hätten sie mich vielleicht gar nicht eingeladen.“
Himeko winkte ab „Unsinn! Ich habe dir nur den Kontakt verschafft, den Rest hast du selbst gemacht. Und ehrlich gesagt, du hast mehr als genug Talent.“
Sie hielt das flauschige Kleid hoch und musterte es kritisch. „Das hier passt vielleicht zu dir … oder ist es zu viel?“
Misaki lächelte schwach „Es ist süß, aber vielleicht ein bisschen zu süß.“ Trotzdem nahm sie das Kleid in die Hand und stellte sich vor, wie es wohl wäre, in solch niedlicher Kleidung durch die Straßen Tokios zu spazieren, wenn sie die Stelle tatsächlich bekommen würde.
Vielleicht war das ja ein gutes Omen?
Himeko lachte „Man kann nie süß genug sein! Komm, probier es an. Danach essen wir einen dieser gigantischen Parfaits, die du liebst – es gibt nichts, was ein gutes Parfait nicht heilen kann.“
Misaki konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Egal, was die Zukunft brachte, sie war froh, jemanden wie Himeko an ihrer Seite zu haben. Sie war einfach nur überglücklich endlich wieder Kontakt zu ihrer Tante zu haben. Und vielleicht war das Kleid ja tatsächlich das kleine Stück Hoffnung, das sie gerade brauchte, während sie auf die erlösende Nachricht wartete.
„Jetzt komm Misaki, probiere das Kleid zumindest einmal an“, drängte Himeko mit einem vielsagenden Lächeln.
Misaki ließ sich schließlich von Himeko überreden und nahm das pastellblaue Kleid an sich. Sie betrachtete es skeptisch, während sie in Richtung Umkleidekabine ging „Na gut, aber wenn ich darin aussehe wie ein übergroßer Cupcake, ist das deine Schuld“, sagte sie schmunzelnd.
Himeko kicherte und schob sie sanft in die Kabine „Vertrau mir, Misaki-chan, du wirst umwerfend aussehen!“
Als Misaki das Kleid überzog, fühlte sie sofort den weichen, leichten Stoff auf ihrer Haut. Es war verspielt, mit zarten Rüschen am Saum und kleinen Schleifen an den Ärmeln. Sie drehte sich vor dem Spiegel und betrachtete sich von allen Seiten. Es war viel süßer, als sie normalerweise trug, aber irgendwie fühlte es sich … richtig an. Sie fühlte sich, als wäre dieses Kleid nur für sie gemacht worden. Sie sah aus wie eine überdimensionale Puppe aber irgendetwas an diesem aussehen sagte ihr „Das ist dein wahres Ich.“
Zögernd öffnete sie den Vorhang und trat heraus. Himeko, die neben der Kabine gewartet hatte, klatschte begeistert in die Hände.
„Siehst du! Was habe ich gesagt? Du siehst aus wie ein Model aus der Love Pop!“
„Love Pop?“, fragte Misaki verwirrt nach.
„Ja Love Pop, das ist eine sehr bekannte Zeitschrift für jugendliche, welche sich hauptsächlich um alles dreht, was niedlich ist“, klärte Himeko ihre Nichte auf „Wenn ich dich so ansehe, denke ich darüber nach, dass ich meine alten Kontakte für dich spielen lassen sollte. Du wärst perfekt als Model."
Misaki ignorierte den Kommentar ihrer Tante über eine Modelkarriere und betrachtete sich in einem großen Spiegel im Laden. Das Pastellblau schmeichelte ihrem Teint, und obwohl sie sich immer noch ein bisschen unsicher fühlte, konnte sie nicht leugnen, dass das Kleid sie fröhlicher machte. Vielleicht war es auch genau das, was sie in diesem Moment brauchte – etwas, das sie aus ihrer Unsicherheit herauszog und sie daran erinnerte, dass es in Ordnung war, die Dinge leicht und verspielt zu nehmen.
„Na gut“, sagte sie schließlich und drehte sich leicht zur Seite, um den Fall des Kleides zu überprüfen „Es ist wirklich süß. Vielleicht hast du doch recht, Himeko.“
„Natürlich habe ich das!“ Himeko strahlte und legte den Arm um Misakis Schultern „Jetzt siehst du nicht nur aus wie jemand, der eine große Zukunft vor sich hat, du strahlst es auch aus!“
Misaki lächelte leicht und nickte. Vielleicht war es nur ein Kleid, aber manchmal konnten solche kleinen Dinge die Perspektive ändern. Und wer wusste schon, was als Nächstes kam?
Misaki saß, nach drei weiteren Stunden des shoppens, mit ihrer Tante Himeko in einem gemütlichen Café, umgeben vom Duft frisch gebrühten Kaffees und süßen Gebäck. Die Atmosphäre war warm und einladend, doch Misakis Gedanken schweiften immer wieder ab, während sie auf die dampfende Tasse vor sich starrte. Himeko hatte versucht, sie mit kleinen Anekdoten aufzuheitern, doch das Schweigen zwischen ihnen war mit einer stillen Erwartung gefüllt.
„Reichen drei große und prall gefüllte Einkaufstüten voller niedlicher Klamotten, Make-up und Accessoires wirklich nicht um dich auf andere Gedanken zu bringen?“, stichelte Himeko lachend.
Misaki zuckte leicht mit ihren Schultern und ließ dabei ihre Tasse nicht aus dem Blick „Naja es geht schließlich darum, ob ich hier ein neues Leben anfangen kann oder nicht.“
Plötzlich vibrierte Misakis Handy auf dem Tisch und begann laut zu klingeln. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sie den Bildschirm sah – es war die Firma. Himeko, die das sofort bemerkte, hörte auf zu reden und nickte ermutigend. Mit zitternden Händen nahm Misaki den Anruf entgegen
„Moshi moshi?“ Ihre Stimme klang ein wenig unsicher, während sie versuchte, ruhig zu bleiben.
„Schuster-San?“ Es war die freundliche, professionelle Stimme von Takahashi-sans Assistentin.
„Ich hoffe, ich störe Sie nicht.“
„Oh, nein, überhaupt nicht!“, antwortete Misaki schnell, ihre Hand fest um das Handy geklammert.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“ Die Assistentin machte eine kurze Pause, bevor sie fortfuhr.
„Takahashi-san möchte sich für die Verzögerung entschuldigen und Sie darüber informieren, dass Sie die Stelle als Gamedesignerin im Storytelling-Bereich erhalten haben. Er würde gerne in den nächsten Tagen ein Treffen zur Vertragsunterzeichnung vereinbaren.“
Misaki hielt den Atem an. Es dauerte einen Moment, bis die Worte wirklich bei ihr ankamen „Ich … ich habe die Stelle?“, fragte sie, fast ungläubig.
„Ja, herzlichen Glückwunsch“, sagte die Assistentin, immer noch in ihrem ruhigen, professionellen Ton „Wir freuen uns darauf, Sie im Team willkommen zu heißen.“
Misaki konnte nicht anders, als ein breites Lächeln auf ihrem Gesicht zu spüren. Sie sah zu Himeko, die bereits ahnte, was passiert war, und triumphierend grinste.
„Vielen Dank!“, sagte Misaki und versuchte, ihre Aufregung zu zügeln.
„Ich freue mich sehr. Ich stehe für das Treffen zur Verfügung.“ Nachdem die Details geklärt waren, legte Misaki auf und sah ihre Tante an. Himeko hob eine Augenbraue und wartete darauf, dass sie sprach.
„Ich habe die Stelle!“, rief Misaki schließlich aus, kaum in der Lage, ihre Freude zurückzuhalten.
Himeko klatschte in die Hände und umarmte sie begeistert „Ich wusste es! Das hast du verdient, Misaki-chan!“
Misaki konnte nur noch lächeln. Die Unsicherheit der letzten Tage war endlich verschwunden, und zum ersten Mal fühlte sie sich bereit für das, was vor ihr lag.
Es war 21:00 Uhr in Tokio, und die Stadt war in ein funkelndes Lichtermeer getaucht. Misaki saß in ihrem Zimmer, eingekuschelt in ihrem Bett, gemeinsam mit ihrem Teddy. Um den Tag gebührend abzuschließen, beschloss sie, ihren kleinen Bruder Ryo und ihre große Schwester Rina über WhatsApp anzurufen.
Die Zeitverschiebung zwischen Deutschland und Japan betrug sieben Stunden, was bedeutete, dass es in Deutschland erst 14:00 Uhr war. Ryo und Rina waren also beide noch wach und hoffentlich weder mit Arbeit oder Schulkram beschäftigt. Mit einem schnellen Klick wählte sie die Gruppe an und wartete, bis sich das Bild auf ihrem Bildschirm aufbaute. Zuerst erschien Ryo, der mit einem großen Stück Pizza in der Hand vor der Kamera saß und an seinem Controller herumspielte.
„Hey, Misaki! Was geht ab?“ rief er, während er den Controller beiseite legte.
„Hi, Ryo! Ich hab dir was zu erzählen!“
„Ich hoffe, es ist besser als die letzte Geschichte über deinen Kaffee!“, schaltete sich Rina ein, während sie ins Bild trat. Sie saß am Küchentisch und wirkte entspannt, mit einem Buch in der Hand.
„Das kann ich dir versprechen!“, antwortete Misaki und lachte „Ich hatte doch vor ein paar Tagen das Vorstellungsgespräch bei Takahashi-san, dem Teamleiter der Storytelling-Abteilung von Yugen Games, gehabt – und … Ich habe die Stelle bekommen!“
Ryos Augen weiteten sich, und er schnappte nach Luft „Echt jetzt? Wow, das ist super! Du bist die Beste!"
„Ich wusste doch, dass du es schaffen wirst“ Rina lächelte und legte das Buch zur Seite „Das ist großartig, Misaki!“
„Ja, ich kann jetzt endlich im Storytelling-Team arbeiten! Es wird so spannend! Ich habe so viele Ideen im Kopf! Natürlich muss ich erstmal abwarten an welcher Art Spiel gerade gearbeitet wird, aber ich bin mir sicher, dass ich gute Arbeit leisten werde.“
„Du musst uns auf dem Laufenden halten!“, rief Ryo und begann, mit seinem Controller zu gestikulieren „Ich will das erste Gameplay sehen!“
„Ich werde es dir zeigen, wenn ich kann! Ich muss erst alles vorbereiten. Aber ich kann es kaum erwarten, mit euch zu teilen, was ich mache!“
Rina nickte zustimmend „Du hast dir das wirklich verdient. Es klingt nach einer großartigen Gelegenheit. Und ich bin sicher, du wirst da richtig aufblühen!“
„Danke, Rina! Und Ryo, ich erwarte deine besten Spieltipps, wenn ich an meinem ersten Spiel arbeite!“ Misaki lächelte.
„Deal! Ich bin bereit, die Welt zu retten!“, antwortete Ryo mit einem übertriebenen Heldenton.
Sie lachten gemeinsam und Misaki fühlte sich durch den Anruf erleichtert und motiviert. Es war schön, ihre Familie um sich zu haben, selbst wenn es nur über den Bildschirm war.
„Ich kann es kaum erwarten, euch beide bald zu sehen! Vielleicht komme ich nach Deutschland, wenn alles in der neuen Firma läuft.“
„Das wäre toll!“, rief Rina begeistert „Wir müssen unbedingt feiern!“
„Ja! Und ich werde dir zeigen, wie man richtig spielt, Ryo!“ Misaki grinste und wusste, dass sie die Unterstützung ihrer Geschwister immer schätzte, egal wo sie waren.
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