Kapitel 10
Eine Woche später war es endlich so weit: Misakis erster Tag in der Storytelling-Abteilung der Firma Yugen Games began.
Schon seit ihrer Kindheit träumte sie davon, Geschichten zu erschaffen, die Menschen in fantastische Welten entführen. Mit einer Mischung aus Aufregung und Nervosität betrat sie das moderne Bürogebäude.
Zwar kannte sie den Ablauf aus ihrer alten Firma, doch Yugen Games war einfach eine höhere Etappe. Sie wollte das ihre Arbeit perfekt war. Das Takahashi-san es nicht bereuen würde, sie eingestellt zu haben.
Plötzlich näherte sich eine Kollegin mit kurzen, blau gefärbten Haaren und einem breiten Lächeln auf den Lippen.
Ihre Augen leuchteten freundlich, und sie streckte Misaki die Hand entgegen, etwas was eher unüblich war, für Japaner welche sich noch nicht kannte „Hi, ich bin Kiriya Aoi! Ich werde dich heute durch die Abteilung führen“, sagte sie in einem energischen Ton.
Misaki war sofort von Aoi’s lebhafter Ausstrahlung eingenommen. Die junge Frau trug eine lässige Lederjacke und ein T-Shirt mit dem Logo eines bekannten Indie-Spiels, das Misaki selbst begeistert gespielt hatte.
Aoi wirkte so sympathisch und selbstbewusst, ganz wie jemand, der schon länger in der Branche gearbeitet hatte. „Keine Sorge, wir sind hier alle ganz entspannt.
Ich zeige dir alles Wichtige, damit du dich schnell zurechtfindest“, fügte Aoi hinzu, während sie begann, Misaki durch die offenen, lichtdurchfluteten Räume der Storytelling-Abteilung zu führen.
„Hier sitzen die Autoren und Designer, die die Geschichten und Dialoge entwickeln“, erklärte die junge Japanerin und deutete auf eine Gruppe von Schreibtischen, an denen Leute konzentriert arbeiteten „Und da drüben, bei den Whiteboards, entstehen die ersten Ideen für neue Welten. Du wirst es lieben.“
Misaki konnte das Knistern der Kreativität in der Luft spüren. Jede Ecke des Büros schien so voller Energie und Inspiration zu stecken.
Sie konnte fühlen, wie die anfängliche Nervosität langsam verflog, während sie sich immer mehr auf die Arbeit freute, welche noch vor ihr lag. Misakis Blick blieb an dem jungen Mann haften, welcher von einigen Kollegen, hauptsächlich weiblicher Natur, umgeben war.
Seine platinblonden Locken schienen wie ein leuchtendes Highlight im Raum, ungezähmt und wild, und sie gaben ihm eine Aura von kreativer Freiheit, die sofort ins Auge sprang.
Der schwarze Hut, welchen er trug, lies sein Haar noch heller erstrahlen und verstärkte den Eindruck, dass er in seiner eigenen Welt lebte – vielleicht der Welt eines Träumers oder eines Visionärs.
Während Misaki ihn beobachtete, erkannte sie die künstlerische Rebellion, die seine ganze Erscheinung verkörperte.
Alles an ihm wirkte so, als würde er sich nicht an Regeln halten, als ob sein ganzes Sein danach strebte, die Grenzen des Normalen zu sprengen. Die Strähnen, welche ihm spielerisch ins Gesicht fielen, ließen seine großen, ausdrucksvollen Augen nur hin und wieder aufblitzen – Augen, die wirkten, als würden sie die tiefsten Geheimnisse der Welt aufsaugen. Sein Gesicht, schmal und markant, war wie das einer Porzellanpuppe, fast zu perfekt, um real zu sein. Doch seine unbeschwerte Körperhaltung und das leichte, fast herausfordernde Lächeln auf seinen Lippen erzählten eine andere Geschichte: die eines jungen Mannes, der seine Individualität und seinen künstlerischen Geist ohne Zurückhaltung lebte.
Als Misaki die Tätowierung erblickte, die gerade so über den Kragen seiner Camouflage-Jacke lugte, fühlte sie, dass hinter dieser Erscheinung noch viel mehr steckte – etwas Wildes, vielleicht Unergründliches.
Es war ein Moment, in dem sich Misaki fragte, welche Geschichten in diesem jungen Mann verborgen lagen und ob sie eines Tages die Gelegenheit haben würde, diese zu entdecken. Aoi lachte leise, als sie Misakis Blick bemerkte, der unwillkürlich an dem jungen Mann hängen blieb und sich nicht von ihm lösen wollte.
„Ah, ich sehe schon, du hast Kato Yuma entdeckt“, sagte sie grinsend und stupste Misaki leicht in die Seite „Er ist hier ziemlich bekannt – und nicht nur wegen seines Aussehens.“
Misaki spürte, wie ihr Gesicht leicht errötete.
„Yuma ist einer der Hauptautoren hier und unglaublich talentiert“, fuhr Aoi fort „Er hat dieses besondere Gespür für Charaktere und Dialoge, die unsere Spieler lieben. Außerdem ist er super freundlich und offen. Jeder hier versteht sich gut mit ihm, besonders die Frauen“, fügte sie mit einem Augenzwinkern hinzu.
Misaki nickte langsam, ihre Gedanken noch immer bei der geheimnisvollen Ausstrahlung, die Kato Yuma umgab. Sie konnte sich gut vorstellen, warum er so beliebt war.
Seine wilde Erscheinung, kombiniert mit seiner freundlichen Art, schienen eine magnetische Wirkung auf die Menschen in seiner Umgebung zu haben.
„Mach dir keine Sorgen“, sagte Aoi beruhigend „Du wirst ihn bestimmt bald kennenlernen. Und glaub mir, er ist genauso nett, wie er aussieht. Zu schade, dass er zurzeit nicht auf der Suche nach einer Freundin ist.“
Misaki sah Aoi mit einem breiten, vielsagendem Grinsen an „Ach ja? Also hast du Interesse an ihm?“
Die Japanerin lachte leise auf, Misaki hatte sie eindeutig ertappt „Sagen wir es so, ich würde nicht nein sagen, wenn er mich nach einer Verabredung fragen würde.”
Aoi begleitete Misaki zu ihreem neuen Schreibtisch, der direkt neben ihrem eigenen und dem von Kato Yuma stand. Misaki spürte, wie ihr Herz ein wenig schneller schlug, als sie ihren Platz erreichte. Der Gedanke, so nah an ihm zu arbeiten, ließ sie unwillkürlich nervös werden, auch wenn sie versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen.
Warum war sie überhaupt nervös? Er war nur ein Mann wie jeder andere auch. Zugeben ein sehr attraktiver junger Mann aber immer noch ein Mann, welcher nur ein Kollege für sie werden würde.
„Hier ist dein Platz“, sagte Aoi fröhlich und zeigte auf den Schreibtisch, der bereits mit einem Computer und einigen Notizblöcken ausgestattet war „Wenn du irgendetwas brauchst, sag einfach Bescheid. Und keine Sorge, die ersten Tage sind immer ein bisschen überwältigend.“
Misaki setzte sich, ließ ihren Blick kurz über den Raum schweifen und bemerkte, wie Kato Yuma vertieft in seine Arbeit war. Es war ein merkwürdiges Gefühl, so nah an jemanden zu sein, der eine solche Präsenz hatte, und doch wusste sie, dass sie sich bald daran gewöhnen würde.
Plötzlich öffnete sich die Tür des Teamleiters Takahashi Shouta. In dem Moment, in dem er den Raum betrat, verstummte das gesamte Büro schlagartig. Die Gespräche verstummten, und jeder schien wie gebannt. Eine spürbare Spannung lag in der Luft, als ob seine bloße Anwesenheit die Atmosphäre in den Raum saugte.
Misaki konnte die starke Präsenz, die von ihm ausging, förmlich spüren – es war, als hätte er den Raum in seinen Bann gezogen, ohne ein Wort zu sagen. Takahashi Shouta war groß und hatte eine imposante Haltung. Sein dunkler Anzug saß perfekt, und er strahlte eine Autorität aus, die keinen Zweifel daran ließ, dass er derjenige war, der die Richtung vorgab. Seine scharfen Augen glitten einmal kurz durch den Raum, als ob er jede einzelne Person darin sofort erfasste.
Niemand wagte es, etwas zu sagen, und Misaki spürte, wie eine Mischung aus Ehrfurcht und Nervosität sie ergriff.
„Tja, unseren Teamleiter hast du ja schon kennengelernt. Er ist ein sehr autoritärer Mann, jeder hier respektiert ihn oder hat Angst vor ihm“, flüsterte Aoi und sah mit einem ehrfürchtigen Blick zu Takahashi Shouta, „Glaub mir, er ist die Art Mann, welcher dir eine Kündigung fürs Niesen geben würde.“
Misaki zog skeptisch eine Augenbraue hoch und sah ihre neue Kollegin mit den blauen Haaren an „Jetzt übertreibst du etwas, kann das sein?“ Aoi schüttelte nur ihren Kopf
„Kurz bevor du dein Vorstellungsgespräch hattest, hatte er einen Familienvater gekündigt, weil er den Abschnitt einer kleinen Geschichte eines Nebencharakters für das neue Spiel nicht zu der Welt des Spieles gepasst hätte. Besser gesagt hatte er ihm solange keine Arbeiten mehr gegeben bis er von selbst gekündigt hatte.“
„Moment darf er sowas überhaupt?“, Misaki war nun mehr als skeptisch, wegen so etwas Kleinem kann man doch niemanden kündigen oder dafür sorgen, dass er selbst kündigte. Doch dann musste sie an den Grund ihrer eigenen Kündigung denken und seufzte leicht.
Man konnte Menschen mit den richtigen Argumenten scheinbar wegen allem kündigen, selbst hier in Japan.
„Da waren noch ein paar andere Sachen, wenn Takahashi-san jemanden hasst, findet er seine Mittel und Wege diese Personen loszuwerden. Wie gesagt, keine Arbeit geben und so“, seufzte Aoi doch dann zierte ein leichtes Grinsen ihre Lippen, es schien als würde sie an etwas denken, was sie sehr belustigte,„Es wundert mich das Yuma noch hier arbeitet.“
Verwirrt sah Misaki zu Aoi „Kato-san? Wieso das? Ich dachte, er ist so beliebt bei allen?“
Aoi zuckte nur mit ihren Schultern „Keine Ahnung was bei den beiden los ist, aber es scheint fast so als wären die beiden auf Kriegsfuß. Takahashi-san meckert an allen rum, was Yuma macht. Alles, was er macht, geht direkt an den Firmenchef und erst, wenn er es absegnet, wird es auch wirklich ins Spiel aufgenommen. Dabei ist Yuma einer unserer Hauptautoren, er bringt die meisten und besten Ideen ein, er hilft den anderen, wenn sie mal Probleme haben. Aber immer, wenn die beiden miteinander Interagieren ist es voll mit Sticheleien und Anfeindungen. Natürlich alles auf gehobenen Niveau, wenn man das so nennen kann.“
Takahashi Shouta trat vor das Team, sein Gesicht ausdruckslos und seine Haltung straff. Ohne viel Umschweife sprach er mit einer kühlen, sachlichen Stimme: „Das ist Misaki. Sie ist neu hier in der Storytelling-Abteilung und wird ab heute Teil eures Teams sein.“
Seine Worte waren klar und direkt, ohne jegliche Herzlichkeit oder Wärme, die man vielleicht bei einer Begrüßung erwartet hätte. Er sah Misaki kurz an, bevor er seinen Blick wieder über das Team schweifen ließ „Ich erwarte, dass ihr sie unterstützt, wo es nötig ist. Sie hat sich schnell einzuarbeiten. Das war’s.“ Ohne weiter auf sie einzugehen oder auf Fragen zu warten, wandte er sich ab, um den Raum genauso ruhig und beherrscht zu verlassen, wie er ihn betreten hatte.
Bevor Takahashi Shouta den Raum verließ, warf er Kato Yuma einen abfälligen Blick zu, der Misaki nicht entging. Es war mehr als nur eine flüchtige Geste – der Ausdruck in seinen Augen sprach Bände. In dem kurzen Moment konnte Misaki den deutlichen Hass erkennen, der zwischen den beiden zu bestehen schien.
Takahashis Lippen verzogen sich kaum merklich, als ob er mit Verachtung auf Yuma herabsah. Die Spannung im Raum verstärkte sich für einen Moment, und obwohl Yuma den Blick erwiderte, ließ er sich äußerlich nichts anmerken. Er wirkte gelassen, als ob er solche Reaktionen gewohnt wäre, doch Misaki konnte nicht umhin, sich zu fragen, was hinter dieser Feindseligkeit steckte, welche Aoi schon angesprochen hatte.
Kaum war Takahashi aus der Tür, atmete das Team spürbar auf, aber die unangenehme Schärfe, die der Austausch hinterlassen hatte, hing weiterhin in der Luft.
„Ich glaube ich verstehe, was du meintest Kiriya-san“, murmelte Misaki und ließ sich an ihrem neuen Arbeitsplatz in ihren Stuhl sinken.
Aoi zog ihre Augenbraue hoch und sah auf Misaki herab „Kiriya-san? Lass diese Förmlichkeiten, nenn mich einfach nur Aoi.“
Misaki war überrascht, als Aoi ihr sofort anbot, sie beim Vornamen anzusprechen. In Japan war es oft üblich, besonders im beruflichen Umfeld, formell zu bleiben und jemanden mit dem Nachnamen und einem respektvollen „-san“ anzusprechen.
Aoi’s lockere Art war jedoch ganz anders.
„Hier im Team sind wir alle recht entspannt, keine steifen Formalitäten.“
Sie zwinkerte Misaki zu und klopfte ihr auf die Schulter. „Wir sind schließlich ein kreativer Haufen, da passen diese Förmlichkeiten doch nicht so richtig, oder?“
Misaki lächelte verlegen, noch etwas ungewohnt mit der informellen Atmosphäre, aber sie spürte, dass es eine freundliche Geste war, die ihr half, sich schneller wohlzufühlen.
„Danke, Aoi“, antwortete sie zögernd, aber innerlich erleichtert.
Yuma kam mit einem freundlichen Lächeln auf Misaki zu, während sie an ihrem Schreibtisch saß. Seine Präsenz war wie ein Lichtstrahl, der die angespannte Atmosphäre ein wenig auflockerte. Die spürbare Kühle, die Takahashi hinterlassen hatte, schien im Vergleich zu Yumas aufgeschlossener Art sofort zu verblassen.
„Hey, willkommen im Team, Misaki! Ich bin Kato Yuma“, stellte er sich vor, während er sich leicht zu ihr herunterbeugte, um ihr die Hand zu reichen „Wenn du Fragen hast oder etwas brauchst, lass es mich wissen. Es kann am Anfang etwas überwältigend sein, aber wir sind hier, um dir zu helfen. Oh und bitte, nenn mich auch einfach Yuma, Aoi-Chan hat dir sicherlich schon erklärt, dass wir hier im Team nicht so formell sind. Ich persönlich mag dieses ganze formelle Zeug eh nicht so wirklich."
Misaki fühlte sich durch seine freundliche Art sofort willkommen. Sie lächelte zurück und schüttelte seine Hand.
„Danke, Yuma. Ich freue mich, hier zu sein. Ich hoffe, ich kann schnell dazulernen.“
„Das wirst du auf jeden Fall. Und keine Sorge, jeder hier hat einmal klein angefangen“, antwortete er mit einem aufmunternden Lächeln.
„Wenn du mal eine Pause brauchst, sag einfach Bescheid. Ich lade dich gerne zu einem Kaffee ein.“ Misaki nickte, froh über die Einladung, und bemerkte, dass Yumas charmante Art nicht nur eine Fassade war – er schien wirklich daran interessiert zu sein, ihr den Einstieg zu erleichtern.
Aoi beobachtete die Szene einfach nur lächelnd, während Misaki und Yuma miteinander sprachen. Es war schön zu sehen, wie Misaki so schnell Anschluss fand und Yuma seine charmante Art einsetzte, um ihr das Gefühl zu geben, willkommen zu sein.
Die junge Japanerin fühlte sich erleichtert, dass Misaki sich so gut einlebte. Es war klar, dass Yuma mit seiner freundlichen Art einen positiven Eindruck hinterließ. Sie genoss den Moment und freute sich für ihre neue Kollegin, während sie gleichzeitig die angenehme Atmosphäre im Raum aufnahm.
Mit einem inneren Lächeln entschloss Aoi sich, die positive Stimmung zu unterstützen „Hey, wie wäre es, wenn wir später alle zusammen Mittag essen gehen?“ schlug sie fröhlich vor „Dann könntest du auch noch mehr über uns erfahren, Misaki.“
Aoi wollte sicherstellen, dass sich alle wohlfühlten und dass die Verbindung zwischen ihnen stärker wurde.
„Ich habe eine bessere Idee, was haltet ihr davon, wenn wir nach Feierabend zusammen was trinken gehen? So können wir uns alle besser kennenlernen, ohne den Druck dieses Gebäudes um uns herum zu haben. Wir könnten auch ein paar andere aus dem Büro einladen. Zum Beispiel in eine Karaoke-Bar“, schlug Yuma begeistert vor, sichtlich angetan von seiner eigenen Idee.
Misaki lächelte einfach nur schüchtern, es überwältigte sie, dass alle sie sofort so herzlich im Team aufnahmen
„Ja, das wäre nett.“ Misaki lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und ließ ihren Blick über den Raum schweifen. Das geschäftige Treiben der Storytelling-Abteilung, das Lachen und die kreativen Gespräche, erfüllte sie mit einem Gefühl der Zugehörigkeit.
Es war ihr erster Tag, und sie hatte schon das Gefühl, Teil dieses Teams zu sein. Besonders die herzliche Art von Aoi und die freundlichen Worte von Yuma hatten einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen. Sie war erleichtert, dass sie so gut aufgenommen wurde und dass die Atmosphäre hier so offen und einladend war. Der abfällige Blick von Takahashi hatte die Freude über ihren neuen Arbeitsplatz nicht trüben können.
„Ich kann es kaum erwarten, hier zu arbeiten und meine Ideen einzubringen“, dachte sie. Mit einem Lächeln auf den Lippen begann sie, ihre Notizen durchzusehen und Pläne für ihre ersten Projekte zu schmieden. Es fühlte sich an, als ob ein neues Kapitel in ihrem Leben begonnen hatte, und sie war bereit, es mit all der Kreativität und Leidenschaft zu füllen, die in ihr steckte.
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