Kapitel 8

Ein paar Tage später stand Misaki vor dem imposanten Glasgebäude von Yugen Games, die Hände fest um den Riemen ihrer Tasche geschlossen.
Ihr Herz klopfte schneller als gewohnt, während sie auf das moderne Logo der Firma starrte, das in geschwungenen, leuchtenden Buchstaben über den Eingang prangte.

Es war einer dieser Momente, in denen sie sich wünschte, ihr innerer Monolog würde zur Ruhe kommen, doch die Nervosität ließ ihre Gedanken unaufhörlich kreisen. Das Gebäude war hoch, fast einschüchternd.
Die glänzende Glasfassade spiegelte die Wolken am Himmel wider, und Misaki konnte sich in den Fenstern erkennen – klein und unsicher, als wäre sie nur ein weiteres Gesicht in der Masse.

Sie atmete tief durch und versuchte, die Aufregung in den Griff zu bekommen. Ihre Tante hatte sich für sie ins Zeug gelegt, ihr dieses Gespräch vermittelt, und das war ihre Chance, aus der Verwirrung der letzten Monate herauszukommen.
Aber was, wenn sie nicht gut genug war? Was, wenn sie versagte?

„Jetzt nur keine Panik“, murmelte sie leise zu sich selbst.

Die Worte hallten schwach in ihrem Kopf nach, doch sie fühlten sich hohl an. Aber da war auch ein Funke von Entschlossenheit, tief in ihrem Inneren. Misaki wusste, dass sie Geschichten erzählen konnte. Das hatte sie immer gekonnt. Und wenn es irgendwo eine Firma gab, die ihren kreativen Ausdruck zu schätzen wusste, dann war es wohl Yugen Games. Zumindest hoffte sie dies.

Sie straffte die Schultern, atmete tief ein und machte den ersten Schritt in Richtung Eingangstür. Egal, was passieren würde – sie war bereit, es zu versuchen. Sie musste es versuchen, alleine ihrer Tante zuliebe, welche sich ins Zeug gelegt hatte, damit ihr Chef das Vorstellungsgespräch mit dem Teamleiter der Storytelling-Abteilung organisiert hatte.

Himeko erwähnte beiläufig etwas von „reichlicher Überredungskunst“. Sie war sich nicht genau sicher, was genau ihre Tante damit meinte, aber sie fragte nicht weiter nach, sie war einfach froh über die Chance, welche sich ihr damit bot.

Misaki zupfte den Ärmel ihres weißen Hemdes zurecht, welches sorgfältig in ein schwarz-weiß kariertes Kleid gesteckt war, welches eng an ihrer Taille anlag und sanft in Falten fiel. Der schwarze Schlips, der ordentlich um ihren Kragen gebunden war, verlieh dem Look eine formelle Note, während das Karomuster eine dezente Verspieltheit ausstrahlte. In diesem Outfit wirkte sie gleichzeitig Professionell und selbstbewusst – genau die richtige Mischung für ihr Vorstellungsgespräch.

Sie schmunzelte leicht, ihr Vater hätte ihr nie erlaubt, so etwas zu tragen, besonders nicht zu einem Vorstellungsgespräch. Es wäre niemals elegant genug für ihn gewesen um seine Tochter so herumlaufen zu lassen.
Misaki erinnerte sich daran, wie ihre Tante ihr das Outfit an diesem Morgen in die Hände gedrückt hatte. Mit einem wissenden lächeln sah sie ihre Nichte an, als sie ihr die Tüte mit dem Outfit überreichte. Himeko strahlte als Misaki in diesem niedlichen und doch leicht elegantem Outfit vor ihr stand. Doch irgendetwas schien noch zu fehlen.
Himeko sprintete regelrecht in ihr Schlafzimmer und kam nach kurzer Zeit mit etwas Schwarzem in ihrer Hand zurück und trat mit einem sanften Lächeln näher an Misaki.

„Das wird dir Glück bringen“, hatte Himeko gesagt, während sie den schwarzen Schlips sorgfältig um Misakis Hemdkragen band.

Misaki hatte gezögert, unsicher, ob das karierte Kleid nicht doch zu verspielt für ein Vorstellungsgespräch war. Doch als sie mit ihrem fertigen Outfit vor dem Spiegel stand, spürte sie die Wärme ihrer Tante in jedem Detail. Himeko hatte ihr nicht nur ein Outfit gegeben, sondern auch ein Stück vertrauen.

„Wenn du diesen Job bekommst, gehen wir erstmal schön shoppen, dein Kleiderschrank braucht eindeutig einen hauch mehr Misaki und nicht Michael“, lachte ihre Tante als sie Misaki aus der Haustür schob.

Mehr Misaki? So etwas in der Art hatte ihre Schwester ihr auch gesagt. Misaki brauchte einen Glowup wie Rina es nannte und der erste Schritt war das Färben ihrer Haare zu pastel Rosa. Misaki liebte ihre neue Haarfarbe und war ihrer Schwester dankbar, dass sie Misaki geradezu dazu genötigt hatte, sich die Haare zu färben.

Die Halbjapanerin schmunzelte bei den Gedanken an ihre Schwester, schob diese Gedanken jedoch schnell ab. Sie musste sich jetzt auf diesen nächsten neuen großen Schritt in ihrem Leben konzentrieren. Sie atmete die angenehme Morgenluft ein, um sich etwas zu beruhigen, und schritt dann mit entschlossenen Schritten in das Gebäude.

Schon alleine der Empfangsbereich war wunderschön und modern. An den Wänden hingen wunderschöne Kunstwerke, der Wartebereich war mit eleganten Ledermöbeln ausgestattet, allesamt in Schwarz gehalten. Es gab sogar eine Kaffeemaschine, bei der sich die wartenden selbst einen Kaffee machen konnten. Mit jeden Schritt, den sie tat, konnte sie die Seriosität spüren. War sie mit ihren rosa Haaren hier überhaupt richtig?

Alles schien so modern und Seriös zu sein, selbst die junge Frau am Empfangsschalter strahlte eine pure Freundlichkeit und Professionalität aus. Statt das sich ihre Nervosität legte, schien sie nun nur noch größer zu werden. Die junge Frau am Empfang tippte etwas auf ihrem Computer ein, als sie Misaki bemerkte, sah sie zu ihr auf und ein freundliches aber distanziertes Lächeln legte sich auf ihre schmalen, zart rosafarbenen Lippen.
Ihre rehbraunen Augen sahen sie durchdringend an. Misaki sah auf das Namensschild, welches am eleganten Kostüm der jungen Angestellten hin. Hoshino Yurika.
Sie schien eine ruhige freundliche Person zu sein, vielleicht war sie das aber auch nur, wegen der Arbeit am Empfang. Misaki fragte sich, ob alle hier so professionell und elegant aussahen.

„Guten Tag meine Dame, wie kann ich ihnen helfen?“, fragte sie mit einer ruhigen Stimme und riss Misaki damit aus ihren Gedanken.

Nervös lächelte Misaki die Dame an „Ja also“, Misaki zögerte etwas.

Was sollte sie sagen? Einfach nur stumpf ihren Namen oder sollte sie irgendwie versuchen Eindruck zu schinden? Aber wie? Und wieso war sie überhaupt so nervös? Bei dem Gespräch für ihre Ausbildung vor einigen Jahren war sie zwar auch nervös gewesen, aber nicht so sehr. Lag es daran, dass Yugen Games um so vieles größer war als ihr alter Arbeitsplatz?

Die Dame am Empfang lachte leicht „Lassen sie mich raten, Schuster Misaki?“

Misaki war überrascht, als die Japanerin am Empfang ihren Nachnamen „Schuster“ fast perfekt aussprach. Sie war darauf eingestellt gewesen, den Namen buchstabieren oder zumindest langsam wiederholen zu müssen, doch die Frau lächelte freundlich und sagte „Schuster-San“ ohne einen Hauch von Unsicherheit.

„Wie haben Sie das so gut hinbekommen?“, fragte Misaki verblüfft.

Die Empfangsdame schmunzelte „Wir Japaner haben viel Übung mit deutschen Namen. Außerdem klingt ‚Schuster‘ ein bisschen wie ein japanisches Wort, finden Sie nicht?“ Sie zwinkerte leicht, und Misaki konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

Es war ein kleines Detail, das Misaki in diesem Moment spürte: Manchmal sind die Dinge, die man für schwierig hält, einfacher, als man denkt – besonders in einem Land voller Überraschungen wie Japan.

Die Empfangsdame lachte sanft „Nun, da sie meine Vermutung bestätigt hatten, bitte ich sie einen Moment im Wartebereich Platz zu nehmen, ich werde einer Kollegin Bescheid geben, dass sie Sie zu Takahashi-san für ihr Vorstellungsgespräch nimmt.“

Misaki stand nun vor der Bürotür von Takahashi-san, dem Teamleiter, mit dem sie gleich ihr Vorstellungsgespräch haben würde. Die schmale Flurgestaltung und das gedämpfte Licht verstärkten die leise Nervosität, die sich in ihrem Magen breitmachte. Eine freundliche Dame vom Empfang hatte sie hierher gebracht, nachdem sie eine Weile im Wartebereich gesessen und versucht hatte, sich zu beruhigen. Das Klacken der Schritte der Empfangsdame hallte noch in ihrem Kopf nach, während sie einen tiefen Atemzug nahm.
Die Tür vor ihr trug ein dezentes Schild mit der Aufschrift „Takahashi Shouta– Teamleiter“. Der Name wirkte fast einschüchternd, doch Misaki wusste, dass dies ein entscheidender Moment war. Sie richtete sich auf, glättete die Falten ihres Hemdes und klopfte schließlich leicht an die Tür.

„Herein“, hörte sie eine ruhige, kalte Stimme aus dem Inneren des Büros.

Misaki trat in das Büro und blieb abrupt stehen. Ihr Herz setzte einen Moment lang aus, als sie das Gesicht des Mannes am Schreibtisch sah – es war derselbe distanzierte Mann, den sie vor einigen Tagen am Nürnberger Flughafen angerempelt hatte.
Damals hatte er sie mit einem kühlen Blick bedacht, bevor er weitergegangen war. Jetzt saß er vor ihr, Takahashi Shouta, der Teamleiter, mit dem sie ihr Vorstellungsgespräch haben sollte. Er hob den Kopf von den Papieren, die er durchgesehen hatte, und seine Augen verengten sich für einen kurzen Moment, als er sie erkannte.
Doch genauso schnell legte er wieder seine distanzierte, professionelle Maske auf.

„Setzen Sie sich, bitte, Schuster-San“, sagte er in demselben Tonfall wie damals, kühl und fast emotionslos.

Misaki versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Sie lächelte höflich, setzte sich auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und spürte, wie die Spannung im Raum sie wie eine unsichtbare Wand umgab. Das Gespräch hatte noch nicht einmal begonnen, aber sie wusste bereits, dass dies kein leichtes Treffen werden würde.
Das Vorstellungsgespräch begann in einer kühlen, fast frostigen Atmosphäre.

Takahashi Shouta saß steif hinter seinem Schreibtisch, sein Blick immer noch distanziert, als er auf Misaki wartete, die ihre mitgebrachten Bewerbungsunterlagen hervorholte. Sie wusste, dass sie nur hier war, weil ihre Tante Himeko, die Sekretärin des Firmenchefs, sie empfohlen hatte. Diese Tatsache lastete schwer auf ihr, doch sie hatte sich fest vorgenommen, ihre Qualifikationen sprechen zu lassen, nicht ihre familiären Verbindungen.

„Nun, Schuster-San“, begann Takahashi-san in einem professionellen Tonfall „Wie ich sehe, liegen mir keine Bewerbungsunterlagen vor. Sato-san hat Ihre Empfehlung persönlich ausgesprochen, aber ich möchte dennoch einen Überblick über Ihre beruflichen Qualifikationen und Erfahrungen.“

Misaki schluckte und reichte ihm ihre Mappe „Natürlich, Takahashi-san. Hier sind meine Unterlagen. Ich habe fast fünf Jahre lang als Game Designerin bei der deutschen Firma Dream Games gearbeitet, vor allem im Bereich Storytelling. Dort habe ich an mehreren erfolgreichen Projekten mitgearbeitet und konnte wertvolle Erfahrungen sammeln.“ Sie versuchte, selbstbewusst zu klingen, auch wenn ihr bewusst war, dass die Umstände ihrer Kündigung besser ungesagt blieben.

Takahashi blätterte durch die Unterlagen, sein Gesicht unverändert neutral. „Dream Games“, murmelte er leise „Ich habe von dieser Firma gehört. Sie haben einige interessante Titel produziert.“

Sein Ton verriet weder Lob noch Anerkennung, er sprach fast mechanisch „Die Firma schien im letzten Jahr einige Probleme gehabt zu haben, es mussten Leute entlassen werden, nachdem das letzte Spiel eine Katastrophe war.“

Misaki schluckte schwer. Hatten sich die Probleme der Firma wirklich so sehr in der Welt der Spieleentwickler herumgesprochen? Würde es ihre Chance verringern bei Yugen Games zu arbeiten, wenn es bekannt war, dass Dreaming Games kurz vor dem Ruin stand? Schließlich fallen solche Misserfolge auch immer auf die Gamedesignerin zurück.

„Was genau war Ihre Rolle im Storytelling?“, fragte Takahashi und legte die Papiere beiseite, während er sich zurücklehnte und Misaki mit diesem unergründlichen Blick musterte, der sie an ihre peinliche Begegnung am Flughafen erinnerte.

„Ich war hauptsächlich für die Entwicklung von Charakteren, Plots und Dialogen verantwortlich. Meine Aufgabe bestand darin, immersive Geschichten zu gestalten, die die Spieler in die Welt des Spiels hineinziehen. Dabei habe ich eng mit den anderen Designern und dem Kreativteam zusammengearbeitet, um sicherzustellen, dass die Story gut mit dem Gameplay harmoniert.“

Takahashi nickte knapp, seine Augen schienen sie zu durchbohren „Und warum sind Sie von Dream Games weggegangen? Etwa wegen der Probleme?“

Misaki spürte, wie ihre Kehle trocken wurde. Sie hatte gehofft, diese Frage würde nicht aufkommen, zumindest nicht so früh im Gespräch „Ich …“ Sie hielt kurz inne, bevor sie entschied, die Wahrheit leicht zu umschiffen.
„Ich wollte mich weiterentwickeln und neue Herausforderungen suchen. Die Möglichkeit, in Japan zu arbeiten, war eine Chance, die ich nicht ausschlagen konnte.“

Takahashi ließ ihre Antwort unkommentiert, seine Miene blieb unergründlich „Verstehe. Und was denken Sie, könnte Ihre Erfahrung in einem Unternehmen wie Dream Games hier bei uns einbringen? Wie würden Sie das Storytelling hier verbessern?“

Misaki war sich bewusst, dass dies ein entscheidender Moment wa. „Ich denke, meine Erfahrung, Geschichten für ein globales Publikum zu schreiben, könnte von großem Nutzen sein. In der heutigen Spielewelt ist es wichtig, Geschichten zu haben, die sowohl lokal als auch international ankommen. Ich habe gelernt, wie man kulturelle Nuancen berücksichtigt, während man gleichzeitig universelle Themen anspricht, die Spieler überall auf der Welt ansprechen.“

Takahashi nickte, aber seine Kälte schien weiterhin ungebrochen. „Interessant“, sagte er, fast emotionslos „Doch was glauben Sie, macht Sie wirklich geeignet für diese Position, abgesehen von Ihrer Erfahrung bei Dream Games?“

Misaki spürte, wie ihre Hände unter dem Tisch leicht zitterten, und legte sie fest auf ihren Schoß „Ich bringe nicht nur Erfahrung mit, sondern auch Leidenschaft. Ich liebe es, Geschichten zu erzählen, die Spieler emotional bewegen. Egal ob es um die kleinen Details in einem Charakterdialog oder die epische Handlung eines Spiels geht – ich habe immer danach gestrebt, etwas Besonderes zu schaffen, das den Spielern in Erinnerung bleibt. Ich bin bereit, hart zu arbeiten, um auch hier einen Beitrag zu leisten.“

Takahashi blieb einen Moment still, seine Augen schienen sie zu bewerten, als würde er in ihren Worten nach Schwächen suchen. Schließlich nickte er langsam, aber es war schwer zu sagen, ob er zufrieden oder einfach nur geschäftsmäßig blieb.

„Gut“, sagte er schließlich „Das war informativ. Ich werde Ihre Bewerbung weiterleiten, und wir werden sehen, ob Sie ins Team passen.“

Misaki stand auf, verbeugte sich leicht und versuchte, ihre Anspannung zu verbergen „Vielen Dank für Ihre Zeit, Takahashi-san.“

Er nickte lediglich, und während sie den Raum verließ, hatte sie das Gefühl, dass das Gespräch noch lange nicht vorbei war – zumindest nicht in seinen Augen.

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