Kapitel 5

Misaki starrte ihre Schwester an, als hätte sie gerade etwas Absurdes vorgeschlagen. Fassungslosigkeit legte sich wie ein Schleier über ihr Gesicht.

„Nach Tokio? Zu Tante Himeko?“, wiederholte sie langsam, als ob die Worte durch ihre Lippen rinnen mussten, um irgendeinen Sinn zu ergeben.

Sie konnte kaum glauben, dass dies der ernstgemeinte Vorschlag ihrer Schwester war – als Lösung all ihrer Probleme.

Ein nervöses Lächeln zuckte über Misakis Lippen, während ihr Kopf sich mit widersprüchlichen Gedanken füllte. Weggehen? Einfach alles zurücklassen?

Ihre Schwester saß ihr gegenüber, die Arme verschränkt, als ob der Plan längst beschlossen wäre. Doch für Misaki fühlte sich die Idee so fremd und fern an wie die Stadt selbst – ein fremder Ort, der vielleicht noch mehr Unsicherheit versprach, anstatt sie von ihren Sorgen zu befreien.

Zwar war sie früher ab und an mal mit ihrer Familie in Tokio gewesen, aber sie hatte dennoch kaum Kontakt zu ihrer Tante Himeko gehabt. Was daran lag, dass ihre Tante und ihre Mutter Yumiko sich nicht wirklich gut miteinander verstanden.

Himeko war die jüngere Schwester von Yumiko und als diese hatte sie schon immer mehr Aufmerksamkeit von deren Eltern bekommen. Schon immer wurde Misakis Mutter mit ihrer kleinen Schwester verglichen. Himeko hatte die besseren Noten, war besser in Sport, sah besser aus und hatte den besseren Job.

Himeko war in Japan eine Art Star. Schon als Kind hatte Misakis Tante einige Rollen in Fernsehserien gespielt, ab und an auch mal eine Hauptrolle. Als sie dann fünfzehn war, war sie sogar Mitglied einer Girlgroup namens Dreaming Bird. Aus dieser stieg die hübsche Japanerin dann mit achtzehn aus, um ihre Jugendliebe zu heiraten, jedoch war sie noch erfolgreich als Model tätig, bis sie mit zwanzig ihren Sohn, Misakis Cousin Hiroki, bekam.

Kurzum ihr Leben schien perfekt zu sein.

Dass sie auch noch der Liebling ihrer Eltern war, sorgte nur dafür, dass sich Himeko und Yumiko nur noch mehr entzweiten, als es in ihrer Kindheit und Jugend nicht schon ohnehin der Fall war. Egal was passierte, Yumiko bekam die Schuld dafür.

Als sie dann mit gerade einmal achtzehn mit Rina schwanger wurde, bestanden ihre Eltern darauf, dass sie den jungen Mann heiraten sollte, welcher eigentlich nur für ein Austauschjahr nach Japan gekommen war – das sie dafür mit nach Deutschland musste, ein Land, von dem die junge Frau keine Ahnung hatte, war diesen dabei vollkommen egal gewesen.

Aufgrund all dessen, hatte sie weder richtigen Kontakt zu ihren Großeltern, außer die Pflichtbesuche einmal im Jahr, noch zu ihrer Tante und nun schlug ausgerechnet ihre Schwester Rina, welche die Geschichte bestens kannte, ihr vor, genau zu dieser zu ziehen? Das war schwachsinnig. Warum sollte ihre Tante sie auch aufnehmen?

Wenn sie sich sahen, war sie zwar immer sehr nett zu Misaki gewesen, aber das bedeutete doch lange nicht, dass die Frau sie auch wirklich aufnehmen würde. Sie waren nie wie eine Familie – mehr wie entfernte Bekannte, welche sie nur aus ihrer Kindheit kannte.

Rina lehnte sich vor, ihre Stimme ruhig, aber eindringlich, als sie Misaki ansah „Ich weiß, es klingt verrückt“, begann sie, „aber Tante Himeko ist deine Chance auf einen Neuanfang.“

Misaki schaute skeptisch zurück, ihre Stirn in Falten gelegt, die Hände fest in ihrem Schoß verschränkt.
„Wir kennen sie doch kaum“, warf Misaki ein, ihre Worte schwer von Zweifeln.

Rina spürte den Widerstand in ihrer Schwester, doch sie ließ nicht locker.

„Das stimmt“, gab sie zu, „aber genau das könnte der Vorteil sein. Sie ist Familie, aber du wirst dort keinen ständigen Druck oder die Erinnerungen an all das hier haben. Sie lebt in einer ruhigen und wohlhabenden Gegend, und vielleicht ist das genau das, was du jetzt brauchst – Abstand.“

Misaki schüttelte den Kopf, unsicher, ihre Augen suchten nach einem Ausweg „Und warum jetzt, nach all den Jahren ohne Kontakt? Warum sollte sie mir plötzlich helfen?“

Rina seufzte und griff nach Misakis Hand „Weil sie es kann und weil sie will. Ich habe mit ihr gesprochen. Sie versteht, dass du gerade durch eine schwere Zeit gehst. Manchmal kommt Hilfe aus den unerwartetsten Ecken.“
Ihre Schwester drückte Misakis Hand sanft „Ich tue das, weil ich möchte, dass es dir besser geht. Du brauchst eine Pause, einen Ort, an dem du durchatmen kannst. Und wenn nicht bei Himeko, dann wo sonst?“

Misakis Augen weiteten sich, und sie blickte Rina ungläubig an „Du... du hast mit Tante Himeko gesprochen?“ Ihre Stimme klang erstaunt, beinahe ungläubig, als hätte Rina soeben etwas völlig Unerwartetes enthüllt. Dass Rina den Kontakt zu ihr gesucht hatte, schien Misaki völlig aus der Bahn zu werfen.

Rina nickte langsam, ein sanftes Lächeln auf den Lippen, als ob sie die Überraschung ihrer Schwester erwartet hätte „Ja, vor ein paar Tagen. Ich dachte... es könnte dir helfen.“
Sie hielt kurz inne, ihre Augen fixierten Misakis verwirrten Blick „Ich weiß, wir haben seit Jahren kaum ein Wort mit ihr gewechselt, aber ich wollte es versuchen. Für dich.“

Misaki lehnte sich zurück, noch immer sprachlos, und ließ die Information auf sich wirken. Die Vorstellung, dass Rina die Mauer des Schweigens zwischen ihnen und Tante Himeko durchbrochen hatte, war unfassbar.

„Und was hat sie gesagt?“, fragte sie schließlich, die Worte vorsichtig wählend, als könne jede Antwort die Realität nur noch unwirklicher machen.

„Sie war überrascht, ja. Aber sie hat sofort angeboten, dass du kommen kannst“, sagte Rina sanft.
„Sie möchte dir helfen. Sie weiß, wie schwer es für dich gerade ist. Sie hat sogar angeboten dir das Flugticket zu bezahlen und....sie hätte einen Job für dich.“

"Einen Job?", flüsterte Misaki nachdenklich.

Sanft lächelte Rina ihre kleine Schwester an "Ja einen Job. Sie arbeitet als Sekretärin für den Chef einer großen Spielefirma in Tokyo. Yugen Games oder irgendwie sowas. Egal jedenfalls suchen sie scheinbar einen Gamedesigner mit dem Schwerpunkt Storytelling. Ist das nicht genau dein Spezialgebiet? Überleg es dir, du kannst ja zumindest eine Woche hinfliegen, das Bewerbungsgespräch machen und dann immer noch überlegen, ob du es machen willst oder nicht."

Misaki blieb still, überwältigt von der plötzlichen Nähe zu einer Frau, die sie kaum kannte. Dass Rina sich so für sie eingesetzt hatte, rührte sie, und für einen Moment wusste sie nicht, was sie fühlen sollte – Dankbarkeit, Skepsis oder einfach nur Erstaunen.

In ihr herrschte nur noch ein großes Gefühlschaos. Ein Neuanfang wäre jetzt genau das richtige, aber sie wusste nicht, ob es wirklich richtig wäre, nach Tokio zu ihrer Tante zu gehen – auch wenn diese ihr scheinbar überraschend helfen wollte. Ein neuer Job...ein neues Land und somit ein neues Umfeld, das wäre praktisch, jedoch hielt sie nicht nur ihr Gedanke daran zurück, noch einmal komplett neu anzufangen, auch der Gedanke an ihre Mutter hielt sie zurück.

Ihre Mutter wäre definitiv nicht begeistert darüber, dass sie ausgerechnet zu Himeko gehen würde. Besonders, weil sie sich ihrer Mutter nicht anvertraut hatte. Weder über die Arbeit noch über die Trennung von Marco hatte sie ihr berichtet. Vermutlich hätte sie ihr nicht einmal zugehört, so wie sie aktuell in Gedanken um ihre eigenen Probleme war.

Es wäre wie ein Verrat, wenn Misaki zu ihrer Tante gehen würde. Das konnte sie ihrer Mutter doch nicht auch noch antun, nachdem ihr Vater sie schon nicht gut behandelt hatte. Auf der anderen Seite würde sie ihre Tante, welche sie schon Jahre lang nicht mehr gesehen hatte, gerne wiedersehen.

Rina spürte es sofort. Misakis Haltung hatte sich verändert, ihre Schultern wirkten steif, und der Ausdruck auf ihrem Gesicht verriet eine Mischung aus Unbehagen und Unsicherheit. Rina wusste, was in ihrer Schwester vorging, auch wenn Misaki nichts sagte. Der Gedanke, zu Tante Himeko zu ziehen, war für sie wie ein Schritt ins Ungewisse – noch schwieriger wegen des zerrütteten Verhältnisses zwischen ihrer Mutter Yumiko und Himeko. Die Spannungen zwischen den Schwestern hatten sich wie ein Schatten über die Familie gelegt, und Misaki fühlte sich nun gefangen zwischen zwei Fronten.

„Du fühlst dich nicht wohl bei dem Gedanken, oder?“, fragte Rina leise, ihr Blick sanft, aber voller Verständnis.

Misaki wich ihrem Blick aus, ihre Finger fuhren nervös über die Tischkante „Es ist...“ Sie zögerte, bevor sie fortfuhr, „es ist nur... Mama und Himeko... sie reden doch nicht mal mehr miteinander. Wie soll ich da hinziehen, wenn sie sich nicht einmal ausstehen können? Mama würde mir das doch nie verzeihen.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, und der Konflikt war deutlich herauszuhören.

Rina seufzte leise, ließ die Stille zwischen ihnen kurz wirken.

„Ich weiß, dass es kompliziert ist", sagte sie schließlich „Das Verhältnis zwischen Mama und Himeko war nie gut. Aber du bist nicht Mama. Du musst nicht ihre Kämpfe austragen. Himeko hat dir nichts getan. Im Gegenteil, Himeko hat mir gesagt, dass sie uns vermisst. Wir haben sie schließlich über zehn Jahre nicht gesehen. Wir können nichts dafür was passiert ist. Vielleicht... vielleicht ist es eine Chance, diese alte Wunde endlich heilen zu lassen.“

Misaki sah immer noch zweifelnd aus, die Last der Familienstreitigkeiten lag schwer auf ihren Schultern. Rina streckte die Hand aus und legte sie auf Misakis „Es geht um dich“, sagte sie sanft „Nicht um das, was zwischen ihnen war. Du musst das tun, was für dich das Beste ist.“

Die junge Frau saß schweigend da, die Gedanken kreisten unruhig in ihrem Kopf. Ihre Augen waren auf die Tasse Tee vor ihr gerichtet, doch sie sah nicht wirklich hin. Der Vorschlag, zu Tante Himeko zu ziehen, klang immer noch fremd, beinahe abwegig. Und doch nagte etwas in ihr, eine leise Stimme, die Rinas Worte wieder und wieder wiederholte.

Vielleicht war es tatsächlich eine Chance. Vielleicht brauchte sie diesen Abstand, um wieder zu sich selbst zu finden. Aber dann war da ihre Mutter – Yumiko, die nie ein gutes Wort über Himeko verlor, die alte Konflikte wie unsichtbare Mauern zwischen ihnen aufrechterhielt.

„Es wäre seltsam...“, flüsterte Misaki plötzlich, mehr zu sich selbst als zu Rina „Ich meine, wir haben doch fast keinen Kontakt. Wie du schon sagtest, wir haben sie seit zehn Jahren nicht gesehen und Kontakt? Den hatten wir nur gelegentlich über Social Media oder wenn sie uns eine Weihnachtskarte schickten, auch wenn sie das nur unseretwegen. Und dann, nach all dem, soll ich einfach so... bei ihr leben?“ Sie hob den Blick und sah Rina an, als suche sie Bestätigung dafür, dass ihre Zweifel berechtigt waren.

Rina nickte verständnisvoll „Ja, es wird sicher nicht einfach. Aber vielleicht ist es genau das, was du jetzt brauchst. Ein Ort, wo du dich neu sortieren kannst, ohne all die Erwartungen und Belastungen hier.“

Misaki schwieg wieder, ihr Inneres hin- und hergerissen. Sie stellte sich vor, wie es wäre, bei Himeko zu sein, eine Frau, die sie kaum kannte, deren Leben sie sich nicht vorstellen konnte. Würde es sich fremd anfühlen, oder könnte es wirklich eine Zuflucht sein? Sie zögerte, das Bild in ihrem Kopf klar zu fassen. Aber die leise Hoffnung, die in ihr aufkeimte, war da – ganz schwach, aber spürbar.

„Vielleicht...“, begann sie vorsichtig, „vielleicht wäre es wirklich gut, mal Abstand zu gewinnen.“ Ihre Worte hingen in der Luft, unsicher und zaghaft, doch sie spürte, dass sie vielleicht bereit war, diesen Schritt zumindest in Erwägung zu ziehen "Ich....muss erstmal darüber nachdenken."

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