Kapitel 3

Fassungslos starrte Rina ihre kleine Schwester an. Eine Stunde hatte es gedauert bis Misaki sich so weit beruhigt hatte, dass sie ihrer Schwester endlich sagen konnte was genau los war – und das, obwohl sie sich aus dieser Intention heraus überhaupt erst zu ihrer großen Schwester geflüchtet hatte.

Eine Stunde lagen die beiden einfach gemeinsam auf der Couch und haben gekuschelt. Rina hielt Misaki einfach im Arm, streichelte sie und begann erstmal über irgendwelche unsinnigen Themen zu reden, oder über Dinge, die beide in ihrer Kindheit gemacht hatten. Wie das eine Mal, als sie versucht hatten Ryo mit er Post zu verschicken, als er gerade mal zwei Wochen alt war.

Misaki war Rina unendlich dankbar dafür. Rina fing sie auf, kümmerte sich um sie und sorgte dafür, dass Misaki sich so langsam beruhigen konnte, Rina hatte ihr sogar einige Lieder vorgesungen, die sie ihr in ihrer Kindheit immer vorgesungen hatte, wenn Misaki traurig war. Auch wenn die schwarzhaarige junge Dame die Töne absolut nicht traf. Aber es war der Gedanke, der zählte.

Nach dieser einen Stunde, und Unmengen an heißer Schokolade und den darauffolgenden Gängen zur Toilette, hatte sich Misaki endlich dazu bereit gefühlt, ihrer Schwester von ihrem treffen mit Marco zu erzählen. Rina hörte ihr die ganze Zeit ruhig zu und hatte ihre kleine Schwester erstmal zu Ende reden lassen. Aber auch wenn sie nach außen hin ruhig aussah, brodelte es tief in ihr.

Rina fühlte sich wie ein Vulkan, welcher jeden Moment auszubrechen drohte. Sie verstand, genauso wenig wie Misaki, wie das ganze so enden konnte. Sie waren doch glücklich miteinander, zumindest dachten sie das.

Rina schüttelte erschüttert ihren Kopf und zog Misaki erneut in eine feste Umarmung „Süße, denk daran, es ist nicht deine Schuld. Du kannst nichts dafür, wenn er sich in eine andere verliebt.“

„Aber was, wenn ich ihn in die Arme dieser anderen getrieben habe? Was, wenn es eben doch meine Schuld ist? Was, wenn ich doch keine gute Freundin war? Vielleicht bin ich ihm auch einfach nicht mehr hübsch genug oder ich habe ihn genervt, ohne es zu wissen.“, sprudelte es aus Misaki heraus und kaum sprach sie diese Worte, flossen ihr erneut heiße Tränen ihre Wange hinunter.

Ihre große Schwester begann ihren Arm zu streicheln „Ach quatsch. Hör auf so einen Schwachsinn zu reden, du warst eine tolle Freundin, dass weiß ich. Schon alleine, weil ich weiß, wie du ihn jedes Mal ansiehst, wie du lächelst, wenn du an ihn denkst. Er hätte sich keine bessere Freundin wünschen können und du musst dich nicht schlecht reden, nur weil er jetzt mit dreiundzwanzig eine verfrühte Midlife-Crisis hat.“

„Aber...es tut einfach so weh und ich verstehe nicht, warum er Schluss gemacht hat....vielleicht hätte ich ihn einfach zu Ende reden lassen sollen aber...ich wollte einfach nur noch weg.“

Sanft wischte Rina ihrer jüngeren Schwester ihre tränen, und das letzte überlebende Make-up, aus ihrem Gesicht „Hey, das ist doch total verständlich. Ihr wart sieben Jahre zusammen und er macht einfach Schluss, weil er sich in irgendeine Partybekanntschaft verliebt hat. Du warst überfordert, verletzt und wolltest einfach nur noch weg aber...“, die schwarzhaarige zögerte, sie wusste nicht genau, wie sie dieses Thema ansprechen sollte.

Rina wusste das Misaki das jetzt wahrscheinlich nicht hören wollte aber sie musste noch ein letztes Mal mit Marco reden, schon alleine für ihren Seelenfrieden.

Nach kurzem Überlegen seufzte sie dann leicht, sie beschloss die offensichtliche Tatsache einfach auszusprechen „Du solltest noch einmal mit ihm reden, wenn etwas Gras über die Sache gewachsen ist, einfach noch einmal ein richtig klärendes Gespräch, damit du auch weißt wie das ganze passiert ist und warum er sich für die Andere entschieden hat.“

Misaki schüttelte leicht ihren Kopf, alleine bei dem Gedanken daran, ihrer großen Liebe noch einmal gegenüber zustehen zog sich ihr Herz wieder schmerzhaft zusammen „Das kann ich nicht. Wenn ich ihn sehe dann...fühle ich mich nur noch mieser als ich es eh schon tue. Es wundert mich, dass ich nicht direkt vor ihm in Tränen ausgebrochen bin.“

„Ich bin der Meinung, das du es tun solltest, nicht sofort, aber in paar Tagen, wenn du dich etwas besser fühlst und das Ganze verarbeiten konntest. Einfach der Klarheit wegen. Am Ende wird es dir guttun zu wissen, warum das ganze passiert ist.“

Sie wusste, dass ihre große Schwester recht hatte. So wie immer und Misaki hasste es, dass Rina immer recht hatte, aber sie wusste auch, dass es ihr danach vielleicht wirklich besser gehen würde, fürs Erste jedoch, musste sie all ihre Gefühle herauslassen, sich selbst und diese Gefühle hinterfragen und versuchen wieder auf alles klarzukommen und ihr Leben wieder in eine geordnete Richtung zu bekommen.

Zwar konnte sie die Beziehung mit Marco nicht mehr retten und auch die Situation ihrer Eltern konnte sie wohl kaum verbessern aber zumindest konnte die Halbjapanerin versuchen ihre aktuelle Situation auf der Arbeit zu verbessern. Zwar wusste Misaki nicht wie sie das anstellen sollte, aber irgendwas würde ihr schon einfallen, schließlich konnte das alles nicht noch schlimmer werden, als es eh schon war.

Misaki seufzte, sah sich kurz in der kleinen, gemütlich eingerichteten, Wohnung ihrer Schwester um und begann zu überlegen. Ob ihre Schwester sie wohl hier bleiben lassen würde? Zumindest ein paar Tage damit sie ihren Kopf in Ruhe freibekommen kann, mit permanent streitenden Eltern würde das schließlich nur noch schwieriger werden. Zudem hätte sie in ihrem eigenen zu Hause nur an ihren Exfreund erinnert.

Die Bilder, welche an ihren Wänden hingen und die beiden in ihren glücklichen Zeiten zeigten, die Plüschtiere, welche Marco seiner Freundin immer kaufte, da Misaki verrückt nach allem war, was niedlich und flauschig war. Und ihr Bett, in welches sie eigentlich nur noch wollte, roch sicherlich immer noch nach ihm. Jetzt, zwei Stunden nach der Trennung, konnte und wollte sie einfach noch nicht nach Hause.

Mit großen, vom weinen geröteten und geschwollenen Augen, sah sie die Schwarzhaarige an „Kann...kann ich erstmal eine weile bei dir bleiben? Ich möchte nicht nach Hause. Mama und Papa streiten nur und....zu Hause wird mich alles an Marco erinnern.“

Sanft lächelte Rina ihrer Schwester zu, es war eines dieser warmen beruhigenden Lächeln, die Misaki immer zeigten, dass alles wieder gut werden würde „Natürlich, solange du willst. Ich weiß, dass du ein paar Tage Ruhe brauchst um das alles zu verarbeiten.“

Zwei Wochen vergingen in denen Misaki versuchte, alles, was in ihrem Leben gerade zerbrach, zu verarbeiten doch mittlerweile fühlte sie sich als wäre sie verflucht worden.
Sie weinte durchgängig, weil alles was sie tat, sie an Marco erinnerte.

Jeder Ort, an dem sie war, jedes spiel das sie spielte einfach alles. So sehr sie auch versuchte sich abzulenken, es ging einfach nicht. Sie schaffte es nicht einmal, ihn auf Whatsapp oder Insta zu entfernen, das es ja doch möglich sein könnte, dass er sie doch noch anschrieb oder sie sogar anrief.

Natürlich tat er das nicht, ganz im Gegenteil, er postete fröhliche Bilder von sich und seiner neuen Freundin, welche die beiden frisch verliebt und glücklich zeigten. Misaki lag tagelang im Bett, starrte diese Bilder an und weinte, die letzte Woche konnte sie sich nicht einmal aufraffen, um zur Arbeit zu gehen, was ihrem Chef natürlich nicht gefiel. Am letzten Freitag rief er sie wütend an, um ihr zu sagen, dass er sie fristlos Kündigen würde, wenn sie nicht zur Arbeit kommen würde.

Misaki konnte es verstehen, er musste an das Wohl der Firma denken und er hatte ihr eine letzte Chance geben sich wieder zu beweisen, indem sie eine Präsentation für einen wichtigen Kunden vorbereiten sollte, welcher ein Spiel in Auftrag gegeben hatte. Zwar hatte die Halbjapanerin diese schon so gut wie fertig, musste allerdings noch Feinarbeiten daran vornehmen, was natürlich nicht ging, wenn sie nicht zur Arbeit gehen würde. Dieses Spiel könnte die Firma retten, sofern die Präsentation mit den Ideen und der Ausführung den Kunden überzeugen würde und natürlich wollte sie ihren Chef nicht enttäuschen.

An diesem Tag hatte sie es zum ersten Mal wieder geschafft zur Arbeit zu gehen, wenn auch auf Drängen ihrer großen Schwester und den Gewissensbissen, welche sie ihrem Chef und ihren Kollegen gegenüber hatte. Man sah der jungen Frau jedoch an, dass es ihr nicht gut ging und sie eigentlich absolut nicht da sein wollte. Ihr platinblondes Haar, welches wirklich mal wieder eine Haarwäsche gebraucht hätte, hatte sie sich zu einem hohen messy bun geknotet.

Man konnte sehen, dass ihre Haare länger nicht gewaschen wurden. Es war Misaki unangenehm, da sie ihre Haare regelmäßig wusch, doch sie konnte sich einfach nicht dazu durchringen, wenn sie in den letzten zwei Wochen duschen war, dann stieg sie kurz in die Dusche, wusch nur kurz ihren Körper und ging danach wieder heraus, sich auch noch um ihre Haare zu kümmern, war ihr einfach zu anstrengend gewesen.

Auch trug die junge Frau normalerweise immer Make-up und ein schönes Outfit doch auch dies hatte sie heute nicht, stattdessen kam sie in lockerer Jogginghose, welche ihrer schönen Figur nicht gerade schmeichelte, und einem etwas weiteren T-Shirt. Selbst das Make-up hatte sie komplett weg gelassen.

Rina sah sie in der Früh an und gab nur ein „selbst deine Augenringe haben Augenringe“ ab. Ein freundlicher Hinweis darauf, dass sie sich zumindest etwas für die Arbeit fertig machen sollte – diesen Tipp ignorierte Misaki jedoch. Solange dieser wichtige Kunde noch nicht da war, war es ihr egal gewesen wie sie aussah.

Katja betrat den Raum mit einer mühelosen Eleganz einer Frau, die sich ihrer Wirkung auf andere, besonders auf das andere Geschlecht, bewusst war. Ihr schwarzer Blazer umarmte ihre Figur mit einer selbstverständlichen Autorität. Unter ihrem Blazer schimmerte ein schlichtes, weißes Top hervor.

Der schwarze Rock, welcher bis knapp über ihre Knie ging, umspielte ihre Hüften. So ungern Misaki es auch zugab, die Brünette war eine sehr attraktive Frau. Sie war sich sicher, dass sie sich mit ihr verstehen würde, wenn ihr Charakter nur ansatzweise so schön wie ihr Aussehen gewesen wäre.
Zielstrebig stöckelte die Dame auf Misaki zu. Die junge Frau bildete sich auch ein, ein kurzes teuflisches Lächeln auf ihren vollen Lippen aufblitzen zu sehen, was nicht verwunderlich wäre, wenn man bedachte wie sehr die beiden Frauen sich hassten, auch wenn Misaki der Dame nie etwas getan hatte.

Natürlich ließ sie es sich nicht nehmen, die Dreiundzwanzig jährige mit ihren Sticheleien auch noch fertig zumachen. In ihrer Abteilung ging es schon herum, dass Marco mit ihr Schluss gemacht hatte. Misaki verfluchte sich mittlerweile dafür, dass sie einige der jüngeren Kollegen darüber in Kenntnis gesetzt hatte, nachdem diese sie angeschrieben und nach ihr und ihrem Wohlergehen gefragt hatten.

Angewidert sah Katja an Misaki auf und ab und begann dann schrill zu Lachen „Also, wenn du privat immer so herumläufst, wundert es mich nicht, dass dein Freund mit dir Schluss gemacht hat, sowas Hässliches wie dich würde ich auch durch ein anderes Modell ersetzen.“

Misaki war genervt, versuchte dies aber nicht zu nah an sich heranzulassen, sie hatte schon genug mit dem sie klarkommen musste, da konnte sie sich nicht auch noch um Katjas Sticheleien kümmern. Sie verdrehte einfach nur ihre Augen und wollte an ihrer Rivalin vorbei, diese jedoch sah sich kurz um und setzte dann mit einem hinterhältigen Lächeln auf ihren vollen, roten Lippen ihren Plan in die Tat um.

Während Misaki einfach nur zu ihrem Arbeitsplatz gehen wollte, stellte Katja ihr im Vorbeigehen ein Bein, und fast in Zeitlupe sah sie, wie diese auf den harten Holzboden stürzte. Noch bevor Misaki sich aufrichten konnte, kippte Katja das Glas Wasser in ihrer Hand „aus Versehen“ über Misaki. Das kalte Wasser ergoss sich in einer gnadenlosen Welle über die Halbjapanerin.

Katjas Augen blitzten mit einem hinterhältigen funkeln auf und sie erhob dann ihre Stimme gegenüber Misaki, sodass sie die ganze Aufmerksamkeit der Abteilung auf sich zog „Sieh mal an was du mit deiner Tollpatschigkeit mal wieder angestellt hast, sei froh das mein Wasser durch dich nicht auf einen der Computer gekippt ist. Dumm, hässlich und tollpatschig. Was kannst du eigentlich? Du kannst ja nicht einmal geradeaus laufen!“

Misaki starrte die Brünette einfach nur an. Sie konnte nichts sagen und sie wollte es auch nicht. Alles, was sie jetzt sagen würde, würde die Situation nur noch schlimmer machen. Auch wenn es die offensichtliche Wahrheit war, würde ihr sowieso niemand glauben, dass Katja ihr ein Bein stellte. Sie sah mit einem Hilfe suchenden Blick um sich herum, einige der Kollegen tuschelten miteinander und machten es nicht gerade unauffällig, dass sie über sie redeten, andere sahen einfach schnell weg, als hätten sie nichts bemerkt.

Misaki seufzte und stand auf, es war klar das niemand ihr helfen würde, Katja hatte alle um ihren Finger gewickelt, sie wollte sich gar nicht vorstellen, was diese unerträgliche Person ihren Kollegen alles für Lügen erzählt haben musste, in der einen Woche in der sie weg war. Wie konnte nur keiner sehen, was für eine falsche Schlange diese Dame war? Oder war es ihnen einfach egal?

„Ich mache dir dein Leben hier zur Hölle, solange du da bist“, zischte Katja und stapfte in Richtung ihres Büros, stille herrschte in der Abteilung, das einzige Geräusch, welches noch zu hören war, war das klacken von Katjas hohen Schuhen, welche sich immer weiter entfernten.

Misaki saß fünf Minuten später an ihrem Schreibtisch, die Schultern nach innen gezogen, als wolle sie sich unsichtbar machen, um ja keine weitere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ihre noch leicht nassen Haare klebten an ihrem Gesicht, welches vor Scham glühte.

Die Blicke ihrer tuschelnden Kollegen bohrten sich wie Nadelstiche in ihren Rücken, während sie stumm auf ihren Bildschirm starrte und versuchte diese brennende Demütigung mit Arbeit von sich abzuschütteln. Jeder Tastenschlag fühlte sich schwer und sinnlos an, als hätte der Boden unter ihren Füßen jegliche Stabilität verloren.

Wie lange sollte Misaki das noch aushalten? Das Mobbing in einer Firma, welche mal einer ihrer Lieblingsorte war, das Wissen, dass ihre große Liebe glücklich mit einer anderen war und das langsame Zerbrechen ihrer Familie.
Würde sich je etwas ändern? Manchmal wünschte sie sich, dass sie einfach abhauen konnte, irgendwo ein neues Leben beginnen, einfach noch einmal von vorne anfangen. Ja, das wünschte sie sich gerade sehnlichster als alles andere. Aber sie wusste, dass sie nicht einfach gehen konnte, schließlich war hier in Nürnberg alles was sie hatte und kannte.

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