Kapitel 2

Zwanzig Minuten später, kam Misaki in der kleinen Wohnung ihrer Schwester, welche inmitten der Nürnberger Innenstadt lag, an. Normalerweise würde sie in alle Schaufenster der Läden schauen und hoffen, dass sie ein süßes Paar Schuhe oder Kleidung findet. Oder aber sie machte sich direkt auf den Weg in den nächsten GameStop, um den neusten Anime Merch oder die neusten Spiele zu begutachten, bevor sie zu ihrer Schwester ging, doch heute wollte sie einfach nur zu ihr.

Sie wollte einfach nur von ihrer Schwester in den Arm genommen werden, alles, was sie fühlte, herauslassen und von Rina gehört bekommen, dass alles wieder gut werden würde. Auch wenn Misaki genau wusste, dass nichts wieder in Ordnung kommen würde. Sie hatte ihre erste große Liebe verloren, die Person die sieben Jahre lang einer der wichtigsten Menschen in ihrem Leben war. Dazu kamen dann noch die Familiäre und ihre Arbeitssituation. Sie konnte nicht mehr, wie konnte es passieren das alles innerhalb weniger Wochen um sie herum zusammenbrach.

Endlich war sie da, Misaki hatte Glück, die Haustür des Mehrfamilienhauses stand offen, so musste sie zumindest nicht darauf warten, dass diese geöffnet wurde. Jeder Schritt im Hausflur fühlte sich für Misaki immer schwerer an, eine halbe Stunde musste sie ihre Tränen so gut sie es konnte zurückhalten. Niemals würde sie sich die Schmach geben und in der Öffentlichkeit weinen, schließlich wollte sie weder von fremden Menschen komisch betrachtet noch angesprochen werden. Sie hasste es schon alleine, wenn diese aufdringlichen Leute in der Innenstadt auf sie zukamen um ihr irgendwelche Flyer über Gott und die Welt anzudrehen.

Natürlich nahm sie diese immer an, Misaki wollte ja eine höfliche junge Frau sein – nur um die Flyer anschließend im nächsten Mülleimer zu entsorgen. Zwar fühlte sie sich etwas schlecht dabei aber lieber so als die Menschen, welche auch nur ihren Job machten, auf irgendeiner peinlichen Art und Weise aus dem Weg zu gehen oder sie einfach komplett zu ignorieren. So wie es wohl die meisten Menschen taten.

Mit jedem Schritt und jeder weiteren Stufe zur Wohnung ihrer Schwester konnte sie spüren wie ihr immer mehr Tränen in die Augen stiegen, ihr Hals tat schon weh vom ganzen zurückhalten ihrer Tränen. Noch bevor sie auf die Klingel mit dem Namensschild ihrer Schwester drücken konnte, riss Rina die Tür auf. Ihre Haare fielen wie ein glänzender Wasserfall aus Ebenholz, der sanft die Konturen ihres Gesichts umspielten.

Trotz der Kürze füllten sie den Raum mit einer stillen Eleganz, jeder feine Schnitt wirkte wie eine sorgfältig gesetzte Pinselstriche eines Meisters. Die Spitzen der Haare umrahmten ihren Nacken und ließen das Gesicht klar hervortreten, während ein Hauch von Verspieltheit in den leicht fransigen Enden mitschwang. Es war eine Schlichtheit, die Kraft aus Zurückhaltung zog – unaufdringlich und doch von eindringlicher Schönheit. Schon immer bewunderte Misaki die Schönheit ihrer Schwester. Eine Schönheit, welche im aktuellen Zustand durch die Sorge, welche in das schöne Gesicht der Halbjapanerin zierte, überschattet wurde. Ohne Irgendetwas zu sagen, griff Rina nach dem Arm ihrer Schwester und zog sie in eine innige Umarmung, während sie mit ihrem Fuß ihre Wohnungstür zustieß.

Als die Tür hinter Misaki ins Schloss fiel, konnte sie die Fassade nicht länger aufrechterhalten. Die Tränen, die sie so lange zurückgehalten hatte, brachen in einem plötzlichen, unaufhaltsamen Strom aus ihr hervor. Ihre Schultern bebten unter der Last des unausgesprochenen Schmerzes, während sie tiefer in die Arme ihrer Schwester sank.

Die Umarmung war fest und schützend, doch konnte sie die Verzweiflung, die in ihr tobte, nicht aufhalten. Sie klammerte sich an ihre Schwester, als wäre sie das einzige, was sie vor dem gähnenden Abgrund der Einsamkeit bewahren konnte. Jeder Schluchzer schnitt durch die Stille des Raumes, jeder Atemzug war ein Kampf gegen die überwältigende Dunkelheit, die sich in ihr auszubreiten drohte.

Rina hielt sie fest, streichelte sanft ihren Rücken, ohne ein Wort zu sagen. Es gab nichts, was die richtigen Worte fassen könnten, nichts, was den Schmerz hätte lindern können. Und so standen sie da, verwoben in einem stummen Austausch von Trost und Leid, während die Welt draußen weiterging, als wäre nichts geschehen. Doch für sie, in diesem Augenblick, war alles in ihrem Inneren zerbrochen.

Rina hielt ihre geliebte kleine Schwester fest in ihren Armen, so als könnte ihre Umarmung die zerbrochenen Teile des Herzens ihrer kleinen Misaki wieder zusammenfügen. Ihr eigener Schmerz mischte sich mit der Sorge, doch sie ließ nichts davon durchscheinen. Stattdessen blieb sie still und stark, auch wenn ihre eigenen Augen von einem unerträglichen Mitgefühl brannten.

Mit sanften Bewegungen strich sie ihr durch das platinblonde Haar, ihre Hände glitten beruhigend über den bebenden Rücken. Jeder ihrer Atemzüge war tief und gleichmäßig, fast als würde sie versuchen, Misaki in diesen Rhythmus einzuladen, ihr eine Zuflucht in dieser unglaublich schmerzhaften Situation zu bieten.

Obwohl sie kaum die Worte fand, die die Verzweiflung mildern könnten, flüsterte sie leise „Ich bin hier. Ich bin da für dich.“

Diese Worte waren nicht bloß eine Versicherung, sondern ein Versprechen, das sie in diesem Moment mit all ihrer Kraft zu halten versuchte. In ihrer Brust pochte ein stiller Schmerz, doch sie drängte ihn zurück, sich ganz darauf konzentrierend, ihrer Schwester die Stärke zu geben, die sie selbst kaum zu finden wusste.

Während die Zeit verging, drängte sie die eigenen Tränen zurück, die sich hinter ihren Augen sammelten. Denn in diesem Augenblick wusste sie, dass ihre Schwäche nicht nach außen dringen durfte. So blieb sie fest, ruhig, auch wenn die Stille des Raumes nur von den unterdrückten Schluchzern durchbrochen wurde. Denn sie wusste: Ihr Halt war alles, was in diesem Moment zählte.

„Marco...“, schluchzte Misaki und versuchte sich langsam wieder zu beruhigen, was ihr einfach nicht gelingen wollte, zu tief saß der Schmerz in ihrem Herzen und kaum hatte sie den Namen ihrer verlorenen Liebe ausgesprochen, brachen weitere Tränen aus ihr heraus.

Rina sah verzweifelt an die Decke, während sie Misaki weiter den Rücken streichelte und versuchte standhaft zu bleiben und nicht selbst in Tränen auszubrechen. Es zerbrach ihr das Herz ihre geliebte Schwester so zu sehen. Noch nie hatte sie die junge Frau so verzweifelt und so bitterlich weinen sehen, sie wusste, was auch immer passiert war, es hatte ihre Schwester gebrochen.

Und sie schwor sich selbst, sollte die schwarzhaarige Frau den Freund ihrer Schwester je auf der Straße sehen, würde sie ihn in Stücke reisen, für das was er ihrer Schwester antat. Für den Moment jedoch, musste sich Rina aber erstmal irgendetwas einfallen lassen, um ihrer Schwester zu helfen, den tief sitzenden Schmerz zumindest für eine kleine weile beiseite zu schieben.

Misaki's schluchzen und das gelegentliche nach Luft ringen, war noch immer das Einzige, was in der Wohnung ihrer Schwester zu hören war. Es gab etwas das Misaki immer half, wenn sie traurig war, jedoch wusste Rina nicht, ob das in diesem Fall auch helfen würde, schließlich hatte sie ihre Schwester noch nie in solch einem Zustand gesehen.

„Komm...ich mach’ dir eine heiße Schokolade und dann kannst du mir alles erzählen, wenn du möchtest“, flüsterte die Halbjapanerin und strich weiterhin über den Rücken ihrer Schwester.

Unfähig wirklich zu antworten nickte Miskaki einfach nur. Vorsichtig löste Rina sich von ihrer Schwester, legte ihren Arm um ihre Schultern um Misaki zu stützen und führte sie langsam in ihr kleines Wohnzimmer. Das ganze weinen war so kräftezehrend für die platinblonde junge Frau, dass sie kaum noch stehen konnte, ihre Beine zitternden und im Allgemeinen fühlte Misaki sich schwach. Hatte sie heute überhaupt schon was gegessen? Sie wusste es nicht mehr und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, wollte sie es auch nicht, sie wollte sich eigentlich nur noch hinlegen, weinen, einschlafen und wenn es nach ihr ginge, würde sie nicht einmal mehr aufwachen wollen.

Noch nie verspürte sie solche Schmerzen in ihrem Herzen und in ihrem Körper. Sie wusste nicht, dass Liebeskummer auf die Art und Weise weh tun konnte. Natürlich hatte sie sich ab und zu mal mit Marco gestritten und ja, auch das tat weh, aber es hatte sich nie so angefühlt, wie es sich in diesem Moment anfühlte. Vermutlich lag es auch daran, dass die Streitereien mit Marco nie länger als ein paar Stunden anhielten und sich beide entschuldigten und alles war wieder genauso schön wie vorher.

Doch jetzt? Misaki fühlte sich, als hätte man ihr Herz herausgerissen und jeder weitere Gedanke an Marco und das wissen, dass nie wieder alles so werden würde wie früher, fühlte sich an, als hätte man ihr immer mehr auf ihrem Herz herumgetrampelt und es in winzige Stücke gerissen hätte. Die ganzen schönen Zeiten, einfach weg. Für immer.

Rina stellte eine kleine weiße Tasse mit heißer Schokolade auf den kleinen Wohnzimmertisch „Hier bitte meine süße. Und jetzt Atme einmal tief ein und dann kannst du mir alles erzählen, ich höre dir zu, egal wie lange es dauert.“

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