Kapitel 25
Misaki lag regungslos im Bett, das Herz hämmerte in ihrer Brust. Ihr Kopf fühlte sich schwer an, als ob der Schlaf sie noch nicht ganz verlassen hatte. Erst als die letzten Reste der Trance von ihr abfielen, realisierte sie mit einem erschütterten Zittern, was in der Nacht zuvor geschehen war. Sie hatte mit Shouta geschlafen. Die Gedanken wirbelten in ihrem Kopf, unaufhörlich, chaotisch.
Hatte er es wirklich gewollt? Oder war es nur ein Moment der Schwäche für ihn? Ihr Herz raste. Die intensive Nähe, das leidenschaftliche Knistern – hatte es für ihn auch Bedeutung gehabt, oder war es nur eine flüchtige Affäre? Misaki wollte sich in den Gedanken verlieren, doch sie konnte nicht. Ihr Blick wanderte unruhig durch das leere Zimmer. Wo war Shouta? War das alles wirklich nur ein Traum gewesen? Er war nicht bei ihr. Ein ungutes Gefühl zog in ihr auf, und gerade als sie versuchte, sich zu sammeln, öffnete sich die Tür. Shouta trat ein. Sein Blick war eisig, unergründlich – der Blick, den er nur selten einem anderen Menschen schenkte.
„Guten Morgen, Shouta …“ Ihre Stimme klang zögerlich, fast unsicher.
Doch er unterbrach sie, ohne ein Wort zu verlieren. „Verlassen Sie mein Apartment.“
Misakis Magen zog sich schmerzhaft zusammen, als die Worte in der Luft schwebten, schwer wie Eisen. Was?
„Was?“ Ihre Stimme brach fast, als sie es wiederholte, als könnte sie die Worte nicht fassen.
War das wirklich er? Der Mann, mit dem sie noch in der Nacht ihre Leidenschaft geteilt hatte, der sie gehalten und geküsst hatte, als wären sie mehr als nur Vorgesetzter und Angestellte?
„Sie haben richtig gehört.“ Shoutas Stimme war schneidend kalt, jeder Ton schien sie zu durchdringen, als würde er mit Eiszapfen auf sie schießen. „Und vergessen Sie alles, was gestern passiert ist. Es ist zu sehr ausgeartet und hätte nie passieren dürfen.“
Der Schmerz in Misakis Brust war fast physisch, als sich ihre Welt plötzlich in tausend Scherben zersplitterte. Die Wärme, die sie in seiner Nähe gespürt hatte, der Moment der Nähe, der für sie so viel bedeutet hatte – all das war plötzlich wie ein verblassender Traum. Wie hatte sie sich nur so getäuscht?
„Shouta …“, flüsterte sie, ihre Stimme zitterte, als sie versuchte, die Fassung zu bewahren. „Was … was bedeutet das? Was passiert jetzt?“
Doch er drehte sich nur kalt von ihr weg, ohne ihr einen weiteren Blick zu schenken.
„Nichts“, sagte er knapp, fast schon spöttisch. „Vergessen Sie einfach alles. Es war ein Fehler.“
Misaki spürte, wie ihr Herz in ihre Magengrube sank. Ein Fehler? War sie für ihn wirklich nur ein flüchtiger Fehler? Ein Moment der Schwäche, der nie hätte passieren dürfen? Sie wollte sich aufrichten, ihm widersprechen, doch die kalte Mauer, die er errichtet hatte, ließ ihr keine Chance. Ihre Hände verkrampften sich in die Bettdecke, während sie ihn schweigend betrachtete. Es war, als wäre die Verbindung, die sie in der letzten Nacht gespürt hatte, völlig ausradiert worden. Nur Stille blieb, wo zuvor Wärme und Nähe gewesen waren.
„Verlassen Sie mein Apartment, Misaki“, wiederholte er, und in seinen Worten lag kein Funken von Zuneigung.
Nur leere, bittere Kälte. Misaki starrte ihn ungläubig an, das Herz in ihrer Brust hämmerte so laut, dass sie fast ihre eigenen Gedanken nicht mehr hören konnte. Wie konnte er nur?
Ihre Stimme zitterte vor Wut und Enttäuschung, während sie die Worte ausspuckte. „Moment. Erst lockst du mich hierher, für ein angebliches Geschäftsessen, und verbringst dann die Nacht mit mir – auf eine sehr intime Art –, nur um mir jetzt zu sagen, ich soll gehen und das alles war ein Fehler?“
Shouta’s Blick war kühl und unbewegt, als er sie ansah, als ob sie gerade einfach eine Frage gestellt hätte, die keinerlei Bedeutung hatte. „Es war ein Fehler meinerseits“, sagte er in einem Ton, der so leblos klang, als spräche er von irgendeinem belanglosen Vorfall. „Ich hätte Sie nie hierher einladen dürfen.“
„War das von Anfang an dein Plan?“ Misaki brachte es kaum über die Lippen, aber die Worte mussten raus. „Mich herholen, mit mir schlafen und mich dann wegwerfen, wie ein Stück Müll?“
Shouta reagierte nicht sofort, aber in seinen Augen flackerte für einen Augenblick etwas – vielleicht Reue, vielleicht Wut. Doch dann war es wieder weg, verschwand hinter der Wand aus Eis, die er um sich errichtet hatte.
„Das kann Ihnen egal sein“, antwortete er scharf, seine Stimme hatte jetzt etwas Bedrohliches. „Bitte gehen Sie einfach. Und erzählen Sie niemandem, was zwischen uns passiert ist. Sonst wird das Konsequenzen haben.“
Misakis Kopf ratterte, ihre Gedanken überschlagen sich. Diese Kälte, diese Distanz – alles, was sie geglaubt hatte, dass zwischen ihnen war, war in einem Moment zerstört worden. Sie hatte sich in der Nacht selbst hingegeben, war ihm so nahe gekommen wie nie zuvor, und jetzt war sie nichts mehr als ein lästiges Missverständnis für ihn.
„Du … du kannst nicht einfach so tun, als wäre nichts passiert“, sagte sie, ihre Stimme jetzt leiser, aber immer noch voller Schmerz. „Du hast mich nicht einfach ins Bett bekommen, Shouta. Es war nicht nur ein Fehler für mich – es war mehr. Aber für dich war ich wohl nur ein flüchtiger Moment.“
Shouta wandte sich von ihr ab und ging zum Fenster, den Blick in die Ferne gerichtet. „Ich habe meine Gründe“, sagte er, als ob er die Erklärung gar nicht aussprechen wollte. „Und du hättest diese Nacht nie erleben sollen. Aber jetzt ist es vorbei. Für uns beide.“
Misaki stand starr vor ihm, der Schmerz schnürte ihr die Kehle zu. Ist das wirklich alles, was er zu sagen hat? Sie hatte gehofft, dass es mehr geben würde, dass er vielleicht selbst spürte, was zwischen ihnen war. Doch stattdessen schob er sie einfach weg, als wäre sie nie mehr als ein flüchtiger Schatten gewesen.
„Ich gehe“, flüsterte sie schließlich, als die Tränen in ihren Augen brannten.
Doch sie wusste, dass sie nicht nur mit diesem Moment abschließen konnte. Sie musste auch mit dem Schmerz abschließen, den er in ihr hinterließ. Hastig zog sie sich um, ohne auch nur einen weiteren Blick auf Shouta zu richten und schnappte sich schnell ihre Habseligkeiten um einfach nur zu verschwinden.
Der Klang der Tür, die hinter ihr ins Schloss fiel, hallte in ihrem Inneren nach – wie das Ende von etwas, das sie sich nie hätte vorstellen können. Misaki konnte es kaum fassen – oder wollte sie es einfach nicht? Ihr Kopf war ein einziges Durcheinander aus Schmerz und Enttäuschung. Shouta, der gefürchtete Eisprinz der Firma, der nie einen Blick für zwischenmenschliche Gefühle zu haben schien – wie hatte sie nur geglaubt, dass er anders sein könnte?
Wie hatte sie nur hoffen können, dass er sie nicht nur für diese eine Nacht benutzen würde? Tränen rannen unaufhaltsam ihre Wangen hinunter. Sie wusste, dass es dumm war, zu weinen. Schließlich war es nur ein flüchtiger One-Night-Stand, nichts, was bleiben konnte, nichts, was wirklich Bedeutung hatte. Aber warum tat es dann so weh? War es der Glaube, dass sie etwas vom wahren Shouta gesehen hatte – etwas, das er hinter seiner kalten Fassade verborgen hielt? Oder erinnerte sie sich einfach an das, was sie mit Marco durchgemacht hatte? Wie oft hatte sie sich nach einer tiefen Verbindung gesehnt, nur um am Ende verletzt zu werden?
„Ich … war so dumm“, flüsterte sie in sich hinein, während ihre Hände zitternd nach ihrem Handy griffen.
Ihre Gedanken schwirrten, doch in diesem Moment wusste sie, dass sie jemanden brauchte. Jemanden, der ihr zuhören konnte, ohne zu urteilen. Sie wählte hastig Aois Nummer, ihre Finger zitterten so sehr, dass es fast unmöglich war, die Tasten zu treffen. Aber sie musste mit jemandem reden. Sie musste sich aussprechen, bevor sie unter der Last ihrer Gefühle zusammenbrach. Es war genau der Moment, in dem sie ihre beste Freundin am meisten brauchte – die Person, die sie immer verstand, egal was passierte. Der Klingelton warf sie noch weiter in ihren Strudel aus Unsicherheit und Angst.
Was würde Aoi sagen? Würde sie verstehen?
Aois fröhliche Stimme durchbrach das Stille und klang wie ein kleiner Lichtstrahl in Misakis Dunkelheit. „Hey, Süße! Was gibt’s? Wie lief dein Geschäftsessen?“ Sie betonte das Wort „Geschäftsessen“ in einem verspielten Ton, doch Misaki konnte kaum darauf reagieren.
„Aoi …“, ihre Stimme zitterte, so unsicher und zerbrechlich, dass sie sich fast schämte.
Doch Aoi, wie immer, erkannte sofort den Wandel in Misakis Stimme. „Du weinst? Was ist passiert?“, fragte sie mit einer Mischung aus Sorge und Instinkt.
„Ich habe einen riesigen Fehler gemacht“, flüsterte Misaki, die Tränen nun frei laufen lassend, als sie spürte, wie sich das Herz in ihrer Brust zusammenzog.
„Misaki …“, Aoi schwieg kurz, als würde sie die Situation bereits erahnen. „Du kommst jetzt sofort zu mir. Ich habe Eis und eine Kuscheldecke. Und dann erzählst du mir alles. Kein Zurückhalten. Alles.“
Es war, als ob Aoi ihre Gedanken in einer einzigen Sekunde erfasst hatte. Misaki wusste, dass sie keine anderen Worte brauchte. Sie brauchte einfach nur die Nähe ihrer besten Freundin, jemanden, der sie verstand, ohne zu fragen. Misaki stieg aus dem Taxi und blickte auf die belebten Straßen von Shibuya, dem pulsierenden Herzen Tokios. Die Morgensonne strahlte warm über die Stadt, die noch immer ihren morgendlichen Trubel aufnahm.
Die Luft war frisch, aber durchzogen von einem leichten Dunst, der den Himmel fast mystisch erscheinen ließ. Die Cafés öffneten ihre Türen, und erste Passanten schlenderten eilig zur Arbeit, während die Straßen von Taxis und Fahrrädern belebt waren. Misaki zog ihren Schal enger um sich, als sie den Gehweg entlangging. Ihre Schritte waren ruhig, doch in ihrem Inneren brodelte es. Jeder Schritt auf dem Weg zu Aoi fühlte sich schwerer an als der letzte. Ihre Gedanken wirbelten, unaufhörlich, immer wieder bei dem, was in Shoutas Wohnung passiert war – und der Art, wie er sie jetzt behandelte.
Der Weg zu Aois Wohnung führte sie durch die belebten Straßen von Shibuya. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee strömte aus den Cafés, und an den Kiosken wurden Zeitungen ausgelegt. Alles schien so normal, und dennoch fühlte sich Misaki, als wäre sie in einer anderen Welt. Die bunte Neonreklame, die in den Geschäften noch immer flimmerte, ließ sie an die letzte Nacht denken, an die Hitze, welche sich in Shoutas Schlafzimmer anbahnte, an die Leidenschaft, welche sie miteinander teilten und an die Geräusche, welche den Raum während der Nacht überfluteten.
Nur um jetzt weinend auf den Weg zu ihrer besten Freundin zu sein.
Die kleine Wohnung von Aoi lag in einem ruhigen, charmanten Altbau – ein Ort, den Misaki gut kannte und an dem sie sich immer sicher fühlte. Der Eingang war von Pflanzen umgeben, die die Fenster des Erdgeschosses schmückten. Es war ein Ort, der inmitten des hektischen Stadtlebens eine Oase der Ruhe versprach. Die vertrauten Geräusche der Stadt verklangen langsam, je näher sie der Wohnung kam. Misaki hielt an, um kurz zu atmen, dann ging sie mit festen, aber langsamen Schritten weiter. Als sie vor der Tür stand, klopfte ihr Herz ein bisschen schneller. Sie hatte keine Ahnung, wie sie Aoi alles erklären sollte – was geschehen war und was sie jetzt fühlen würde. Doch eines wusste sie sicher: Aoi war die Einzige, die sie jetzt brauchte.
Misaki wischte sich schnell ihre Tränen weg, auch wenn sie wusste, dass es nichts brachte, und drückte dann auf die Türklingel. Der schrille Ton machte Misaki bewusst, dass sie gleich all die Gefühle herauslassen und aussprechen konnte, welche sie selbst nicht genau verstand. Aoi öffnete die Tür und zog Misaki sofort in ihre Arme. Sie brauchte keine Worte um zu erahnen was passiert. Sie wusste, dass Misaki diese lange und feste Umarmung jetzt mehr brauchte als alles andere.
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