Kapitel 24

Misaki drehte das Weinglas zwischen ihren Fingern, während sie Shouta beobachtete. Sein sonst so undurchdringliches Gesicht wirkte heute … Weicher. Ob es am Wein lag oder an der ungewohnt entspannten Atmosphäre, wusste sie nicht. Aber sie spürte, dass dies ein Moment war, in dem er mehr von sich zeigte als sonst.

„Wissen Sie, Takahashi-san …“ Sie hielt kurz inne, dann schüttelte sie den Kopf und lachte leise. „Eigentlich sollte ich aufhören, Sie so zu nennen. Es fühlt sich merkwürdig an, wenn wir gerade hier sitzen und Wein trinken.“

Shouta hob eine Augenbraue, seine Lippen zu einem kaum merklichen Lächeln verzogen. „Dann hören Sie auf damit.“

Misaki blinzelte. „Was?“

Er stellte sein Glas ab und lehnte sich etwas vor. „Nennen Sie mich einfach Shouta. Zumindest für heute“

Ihr Herz machte einen unvernünftigen Sprung. „Sind Sie sich sicher?“

„Es ist nur ein Name, Misaki. Und hier höre nur ich, wie Sie meinen Namen nennen“ Seine Stimme klang ruhig, aber in seinen dunklen Augen lag eine Spur von Belustigung. „Es wäre wohl albern, wenn wir nach mehreren Gläsern Wein noch immer Förmlichkeiten wahren würden.“

Sie biss sich leicht auf die Unterlippe, dann nickte sie. „Also gut … Shouta.“

Sein Blick flackerte für einen Moment, als würde er testen, wie sein Name aus ihrem Mund klang. Dann nahm er wieder einen Schluck Wein. „Und jetzt, da wir die Formalitäten hinter uns gelassen haben …“ Er musterte sie. „Gibt es etwas, das Sie wirklich wissen wollen? Ohne sich dabei um Etikette zu sorgen?“

Misaki zögerte. Es gab viele Dinge, die sie ihn fragen wollte. Dinge, die ihr seit Wochen im Kopf herumspukten. Warum war er so verschlossen? Warum diese angespannte Beziehung zu Yuma? Doch sie entschied sich für etwas anderes.

„Was haben Sie eigentlich werden wollen, bevor Sie in diese Position gekommen sind?“

Shouta wirkte für einen Moment überrascht, als hätte er nicht erwartet, dass sie so weit zurückging. Dann lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und sah nachdenklich in sein Glas. „Ehrlich gesagt … Wollte ich früher nie in ein Büro gesperrt werden.“ Er lachte leise, aber es klang nicht wirklich amüsiert. „Als Kind hatte ich wilde Träume. Ich wollte Musiker werden. Oder vielleicht Autor.“

Misaki riss erstaunt die Augen auf. „Sie? Musiker?“

„Nicht lachen.“

„Ich lache doch gar nicht“, verteidigte sie sich, auch wenn sich ein Schmunzeln auf ihre Lippen schlich. „Ich versuche mir nur vorzustellen, wie Sie … Sagen wir … Gitarre spielen.“

„Piano“, korrigierte er und beobachtete ihre Reaktion.

Sie blinzelte. „Das passt tatsächlich zu Ihnen.“

„Wirklich?“

„Ja, irgendwie schon. Es hat etwas Elegantes. Strukturiert, aber mit einer gewissen Tiefe.“

Er wirkte für einen Moment, als hätte er nicht damit gerechnet, dass sie seine Antwort so ernst nahm.

„Spielen Sie noch?“, fragte sie vorsichtig.

Er schüttelte den Kopf. „Lange nicht mehr.“

„Warum nicht?“

Shouta sah sie an, als würde er überlegen, wie viel er preisgeben wollte. Dann zuckte er mit den Schultern. „Manchmal muss man seine Träume opfern, um das zu tun, was nötig ist.“

Misaki spürte, dass hinter diesen Worten mehr steckte, als er zugeben wollte. Aber sie entschied sich, ihn nicht weiter zu drängen – noch nicht. Stattdessen hob sie ihr Glas. „Dann sollten wir darauf trinken. Auf all die Träume, die wir hatten … Und vielleicht irgendwann wiederfinden.“

Shouta musterte sie für einen Moment, dann hob er ebenfalls sein Glas. „Darauf.“

Und als ihre Gläser erneut sanft aneinander klangen, war es, als würden sie nicht nur Wein teilen, sondern auch etwas Tieferes – einen Moment, der für beide mehr bedeutete, als sie zugeben konnten.

Misaki lachte leise und stellte ihr Glas ab. „Also ein verstecktes Klaviertalent … Wer hätte das gedacht?“

Shouta lehnte sich zurück, seine Miene wieder etwas ernster. „Es ist lange her.“

„Aber wenn Sie es so lange gemacht haben, kann man es doch nicht einfach vergessen, oder?“

Sie beugte sich leicht vor, neugierig. Er betrachtete sie mit einem undefinierbaren Ausdruck. „Warum interessiert Sie das so sehr?“

Misaki zuckte mit den Schultern und schenkte ihm ein offenes Lächeln. „Weil es schön ist, jemanden von seinen Träumen sprechen zu hören. Sie wirken sonst immer so … Distanziert, als würde Sie nichts wirklich berühren.“

Shouta hob eine Augenbraue. „Und das glauben Sie jetzt geändert zu haben?“

„Vielleicht ein bisschen.“ Sie grinste, dann lehnte sie sich ebenfalls zurück. „Aber ich muss zugeben, ich hätte Sie eher für jemanden gehalten, der als Kind Anwalt oder Geschäftsmann werden wollte.“

Shouta verzog leicht den Mund. „Mein Vater wäre begeistert, dass Sie das sagen.“

„Oh …“ Misaki biss sich auf die Lippe. „War er derjenige, der wollte, dass Sie in die Wirtschaft gehen?“

Shouta nickte nur und nahm einen weiteren Schluck Wein. „Er hält nicht viel von unnützen Talenten.“

Misaki spürte einen Stich in der Brust. Es musste schwer gewesen sein, solche Erwartungen erfüllen zu müssen.

„Und Sie?“, fragte er plötzlich. „Was war Ihr Traum?“

„Meiner?“ Sie überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf. „So spektakulär war der nicht. Ich wollte immer schreiben. Geschichten erzählen. Aber ich war nie mutig genug, um es wirklich durchzuziehen.“

„Deshalb arbeiten Sie also hier“, stellte er fest.

„Ja, genau.“ Sie lächelte leicht. „Es ist nicht ganz mein eigener Roman, aber es kommt dem nah genug.“

Shouta betrachtete sie mit einem Ausdruck, den sie nicht ganz deuten konnte. Fast als würde er sich fragen, warum sie nicht mehr für ihren eigenen Traum kämpfte. Aber bevor er etwas sagen konnte, meldete sich Misakis Magen mit einem leisen Knurren. Sie riss die Augen auf, während Shouta amüsiert eine Augenbraue hob.

„Haben Sie etwa Hunger?“

„Nein, natürlich nicht!“ Sie versuchte ernst zu bleiben, aber als sich ihr Magen erneut meldete, begann Shouta tatsächlich zu lachen. Es war ein seltener Klang, tief und warm – so ungewohnt, dass Misaki ihn für einen Moment einfach nur anstarrte.

„Kommen Sie“, sagte er schließlich und stand auf.

„Ich habe noch etwas vorbereitet.“ Misaki folgte ihm in die Küche, wo er einen Teller mit perfekt angerichteter Pasta aus dem Ofen holte.

„Wow …“, murmelte sie.

„Sie können kochen?“

„Ich kann zumindest einer Rezeptanleitung folgen“, entgegnete er trocken, während er ihr eine Portion auf den Teller lud.

Misaki setzte sich an den Tisch und nahm den ersten Bissen. „Okay, das ist unfair.“

„Was?“

„Sie sehen gut aus, sind erfolgreich und können auch noch kochen? Das ist nicht gerecht.“

Shouta schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Ich nehme das als Kompliment.“

Sie aßen in entspannter Stille weiter, unterbrochen von gelegentlichem Lachen und ein paar Neckereien. Es fühlte sich fast … Normal an. Als sie fertig waren, stand Misaki auf und begann, die Teller zusammenzuräumen.

„Lassen Sie das“, sagte Shouta sofort. „Ich mache das später.“

„Nichts da.“ Sie schnappte sich die Teller und brachte sie zur Spüle. „Ich helfe Ihnen.“

„Misaki.“ Seine Stimme war warnend, aber sie ignorierte ihn einfach und drehte den Wasserhahn auf.

„Wissen Sie, das ist das Problem mit Ihnen“, sagte sie grinsend, während sie das erste Glas abspülte. „Sie lassen sich nie helfen.“

Shouta verschränkte die Arme und beobachtete sie. „Ich brauche keine Hilfe.“

„Natürlich nicht.“ Sie reichte ihm ein sauberes Glas. „Aber vielleicht ist es ja trotzdem ganz nett.“

Er nahm das Glas mit einem kurzen Seufzen entgegen und trocknete es ab. So standen sie eine Weile nebeneinander, sie wusch ab, er trocknete. Und obwohl sie eigentlich nichts weiter taten als den Abwasch, fühlte es sich plötzlich so an, als hätte sich die Distanz zwischen ihnen ein kleines Stück verringert. Misaki reichte Shouta das letzte saubere Glas, ihre Finger streiften dabei flüchtig seine Hand. Es war nur eine Berührung, kaum mehr als ein Moment – und doch spürte sie plötzlich eine seltsame Spannung zwischen ihnen.

Sie schluckte und wandte sich schnell ab, um die Spüle abzutrocknen, aber Shoutas Blick brannte förmlich auf ihr.

„Misaki.“ Seine Stimme war leise, fast ein Hauch. Sie drehte sich langsam um, ihre Hände noch feucht vom Wasser.

„Ja?“ Er stand nur einen Schritt entfernt, viel näher, als sie gedacht hatte.

Sein dunkler Blick ruhte auf ihr, als würde er nach etwas suchen – einer Antwort, einem Zeichen, dass sie dasselbe fühlte wie er. Ihr Herz schlug schneller. „Shouta …“

Doch bevor sie weitersprechen konnte, schloss er den Abstand zwischen ihnen. Seine Finger strichen sacht über ihre Wange, seine Berührung war warm und ungewohnt sanft.

„Sag mir, wenn du das nicht willst“, murmelte er, seine Stimme rau.

Misaki wusste, dass sie sich zurückziehen konnte. Dass sie einfach „Nein“ hätte sagen können und alles wäre wie zuvor gewesen. Vielleicht auch, dass sie genau das hätte tun sollen. Doch stattdessen legte sie vorsichtig eine Hand auf seine Brust, fühlte den festen Rhythmus seines Herzens unter ihren Fingern.

„Ich …“ Sie konnte den Satz nicht beenden, weil Shouta in diesem Moment seine Lippen auf ihre legte.

Es war kein vorsichtiger, unsicherer Kuss. Es war fordernd, intensiv – als hätte er diesen Moment schon viel zu lange zurückgehalten. Misaki konnte nicht anders, als ihm entgegenzukommen, ihre Arme um seinen Nacken zu legen und sich an ihn zu schmiegen. Seine Hände glitten an ihrer Taille entlang, zogen sie noch näher.

Als sie sich atemlos voneinander lösten, suchten ihre Blicke sich. Ein stilles Einverständnis lag darin, ein unausgesprochenes Verlangen. Shouta nahm ihre Hand und führte sie aus der Küche. Das nächste, was sie spürte, war die weiche Oberfläche seines Bettes unter ihr. Seine Lippen fanden ihren Hals, während ihre Finger über die Knöpfe seines Hemdes fuhren, sie einen nach dem anderen öffnete. Ihr Atem vermischte sich mit dem seinen, als sie sich dem Moment hingaben, als wäre es das Natürlichste auf der Welt.

Als wäre es unvermeidlich gewesen. Misaki spürte die Wärme seiner Haut unter ihren Fingern, das gleichmäßige Heben und Senken seiner Brust, während ihre Lippen sich erneut fanden. Shoutas Küsse waren nicht nur verlangend, sondern auch voller Hingabe – als wolle er sich jeden Moment genau einprägen. Er strich sanft über ihre Arme, als wolle er sicherstellen, dass sie sich wohlfühlte, bevor seine Hände weiterwanderten, ihre Taille entlang, hinab über den Stoff ihres Kleides. Misaki ließ sich von ihm leiten, spürte das leichte Ziehen, als er den Reißverschluss ihres Kleides langsam öffnete.

„Bist du sicher?“ Seine Stimme war rau, fast ein Flüstern.

Misaki sah in seine dunklen Augen, die so anders wirkten als sonst – nicht distanziert, nicht kalt, sondern voller Emotionen, die sie nur schwer deuten konnte. Doch eines wusste sie sicher: Sie wollte ihn. Statt zu antworten, zog sie ihn erneut zu sich, ließ ihre Finger durch sein Haar gleiten, während er sie sanft auf das Bett hinabdrückte.

Die Nacht verlief in einem Rausch aus Berührungen, sanften Küssen und geflüsterten Worten. Misaki verlor sich in ihm, in der Art, wie er sie hielt, wie er sie ansah – als wäre sie das Einzige, das in diesem Moment zählte. Erst als sie später neben ihm lag, ihre Körper noch immer nah beieinander, wurde ihr bewusst, was gerade passiert war.

Sie lag in Shoutas Armen, ihr Kopf ruhte an seiner Brust, sein Atem war ruhig und gleichmäßig. Für einen Moment wagte sie nicht, sich zu bewegen. War das hier nur eine einmalige Sache gewesen? Würde er morgen wieder der distanzierte, kühle Chef sein?

Doch dann spürte sie, wie seine Finger sanft über ihren Arm strichen, wie er sich leicht zu ihr drehte und ein leises „Schlaf“ murmelte, während er sie noch enger an sich zog.

Misaki schloss die Augen. Vielleicht sollte sie einfach diesen Moment genießen, bevor der Morgen kam.

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