Kapitel 22

Drei Wochen waren vergangen. Drei Wochen voller ausweichender Blicke, ungesagter Worte und dieser ungreifbaren Spannung, die in der Luft lag. Yuma hatte sich seit jenem Gespräch kein einziges Mal geöffnet. Er lachte, machte seine üblichen Witze und tat so, als wäre nie etwas passiert. Doch Misaki kannte ihn zu gut – es war nur eine Fassade. Etwas brodelte unter der Oberfläche, doch er ließ sie nicht näher heran.

Und Shouta?

Nach dem Abend des Geschäftsessens hatte Misaki geglaubt, einen winzigen Blick hinter seine eiskalte Maske werfen zu können. Dass sie vielleicht einen Riss in seiner perfekten, unnahbaren Fassade hinterlassen hatte. Doch sie hatte sich getäuscht.

Er war so distanziert wie immer – professionell, kontrolliert, unnahbar. Jedes Mal, wenn sie in sein Büro kam, um nach Neuigkeiten zum Geschäftsdeal zu fragen, wies er sie mit einem kurzen, emotionslosen „Es gibt noch nichts Neues.“ ab. Kein Blick, kein Anzeichen dafür, dass er sich an diese eine Nacht erinnerte. Oder erinnern wollte.

Selbst wenn sie ihm auf dem Flur begegnete oder gemeinsam im Aufzug stand, war da nichts. Keine flüchtigen Blicke, keine unausgesprochenen Worte. Nur kühle Distanz. Und doch konnte Misaki das Gefühl nicht abschütteln, dass da mehr war. Dass er etwas verbarg. Etwas, das sich nur in den Momenten zeigte, in denen er glaubte, dass niemand es bemerkte – in einem zu langen Blick, in einem Anflug von Spannung, wenn sich ihre Wege kreuzten.

Aber vielleicht … Vielleicht bildete sie sich das auch nur ein. Misaki seufzte leise, als sie mit einem Stapel Dokumente in den Händen durch das Büro ging. Sie hatte keine Ahnung, warum es sie so sehr beschäftigte, dass Shouta ihr gegenüber so distanziert war. Vielleicht, weil dieser eine Moment zwischen ihnen – das Glas Sake, das leichte Zucken seiner Mundwinkel, als er ihren Zuckerverbrauch kommentierte – sich so echt angefühlt hatte.

Doch offenbar hatte sie sich geirrt. Sie trat an ihren Schreibtisch und ließ sich auf den Stuhl sinken. Ein leises Pling ertönte von ihrem Handy. Sie zog es aus der Tasche und sah auf das Display.

Yuma: Mittagspause? Ich bringe Essen mit. Sushi oder Ramen?

Misaki musste unwillkürlich lächeln. Egal, was in seinem Kopf vorging, Yuma blieb immer Yuma.

Misaki: Ramen. Und extra scharf. Fast sofort kam seine Antwort:

Yuma: Du willst mich also sterben sehen? Verstanden.

Sie schüttelte den Kopf, legte das Handy weg und griff nach den Unterlagen vor ihr. Doch bevor sie auch nur eine Seite durchgehen konnte, fiel ihr Blick auf die Tür von Shoutas Büro. Sie wusste, dass sie sich nicht so sehr darauf konzentrieren sollte, aber ihr Verstand ließ es einfach nicht zu. Warum ließ er sie nicht näher an sich heran? Gerade als sie den Blick wieder abwenden wollte, öffnete sich die Tür und Shouta trat heraus.

Sein Blick war – wie immer – ruhig und undurchdringlich. Doch dieses Mal war da noch etwas anderes. Seine Augen fanden ihre, nur für den Bruchteil einer Sekunde. Dann wandte er sich ab und sprach mit einem Kollegen, als wäre nichts gewesen. Doch Misaki hatte es gesehen. Ein Moment der Unruhe. Ein winziger Riss in seiner Maske. Und das reichte, um ihr Herz schneller schlagen zu lassen.

Aoi musterte Misaki mit einem schelmischen Funkeln in den Augen, während ein belustigtes Lächeln ihre Lippen umspielte. „Na, na, was war denn das gerade für ein Blick zu unserem berüchtigten Eisprinzen? Sag bloß, jemand hier hat ein kleines Techtelmechtel mit dem Big Boss im Kopf.“

Misaki verschluckte sich fast an ihrem Kaffee und warf ihrer Freundin einen empörten Blick zu. „Also, erstens: Als Abteilungsleiter ist er wohl kaum der Big Boss. Und zweitens: Nein, ich bin nicht in ihn verliebt.“

Aoi legte den Kopf schief, als würde sie ihre Worte sorgfältig abwägen, doch das spitzbübische Glitzern in ihren Augen verriet, dass sie sich köstlich amüsierte. „Sicher? Wobei … Du hast recht. Ein Eisklotz wie Takahashi-San passt sowieso nicht zu dir.“ Sie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du brauchst eher jemanden wie Yuma an deiner Seite – warmherzig, charmant und immer für einen Spaß zu haben.“

Misaki spürte, wie ihr Herz einen ungewollten Hüpfer machte, doch sie zwang sich zu einem gleichgültigen Schulterzucken. „Du schaust echt zu viele Dramen, Aoi.“

„Möglich.“ Aoi grinste breit. „Aber ich habe auch ein verdammt gutes Gespür für Romantik.“

Misaki seufzte und rührte gedankenverloren in ihrem Kaffee, während Aoi sie weiterhin mit diesem wissenden Grinsen ansah. Sie wusste genau, dass ihre Freundin nicht locker lassen würde – Aoi hatte ein Talent dafür, verborgene Gefühle aufzuspüren, selbst wenn man sie vor sich selbst noch leugnete.

„Jetzt mal ehrlich, Misaki.“ Aoi beugte sich leicht vor und senkte verschwörerisch die Stimme. „Was fühlst du wirklich, wenn du mit Takahashi-San sprichst? Und komm mir nicht mit nichts – ich hab genau gesehen, wie du ihn ansiehst.“

Misaki biss sich auf die Unterlippe und wandte den Blick ab. „Ich … Ich weiß nicht, okay? Er ist mein Chef, und ja, manchmal ist er … Interessant. Aber meistens ist er einfach nur distanziert und eiskalt.“

Aoi hob eine Augenbraue. „Interessant, ja? Das ist schon mal ein Anfang.“

Misaki stöhnte frustriert. „Aoi, lass das.“

„Schon gut, schon gut.“ Aoi hob die Hände, als würde sie sich geschlagen geben, doch ihr Grinsen blieb. „Aber was ist mit Yuma? Er scheint sich in letzter Zeit komisch zu verhalten. Erst dieser seltsame Zwischenfall mit dieser Hikari von dem du mir erzählt hast, dann die Sache mit Takahashi-San … Hast du ihn mal direkt darauf angesprochen? Ich mein das mit Takahashi-san geht schon ewig, zumindest war es schon so, als ich hier angefangen habe.“

Misaki schüttelte den Kopf. „Er weicht immer aus. So, als würde er mir nicht die ganze Wahrheit sagen wollen.“

Aoi lehnte sich zurück und tippte sich nachdenklich ans Kinn. „Hmmm … Also entweder hat er ein dunkles Geheimnis, oder er will dich vor etwas schützen.“

Misaki lachte trocken auf. „Dramatisierst du nicht ein bisschen? Vielleicht mag er Takahashi-san einfach nicht, und diese Hikari war nur eine Ex oder so.“

„Mag sein …“ Aoi musterte sie erneut mit diesem wissenden Blick. „Aber ich wette, du wirst es noch früh genug herausfinden. Wahrscheinlich auf die denkbar dramatischste Weise.“

Misaki verdrehte die Augen, doch tief in ihrem Inneren konnte sie das mulmige Gefühl nicht abschütteln, dass Aoi vielleicht recht hatte. Aoi murmelte etwas vor sich hin, doch Misaki nahm es kaum wahr. Ihr Blick haftete an Shouta, der gerade einen Anruf entgegennahm. Es dauerte nicht lange – fünf Sekunden, vielleicht –, doch das reichte aus, um eine subtile Veränderung in ihm zu bemerken.

Für jeden anderen hätte er wohl völlig unbeteiligt gewirkt, doch Misaki erkannte es sofort: die leichte Anspannung in seinen Schultern, das kaum merkliche Verhärten seines Kiefers. Etwas beschäftigte ihn. Mit seinem gewohnt eisernen Blick steckte Shouta das Handy zurück in seine Tasche und setzte sich in Bewegung, zielstrebig Richtung Aufzug.

„Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“ Aoi schnippte genervt vor Misakis Gesicht, riss sie aus ihren Gedanken.

„Was? Ja … Ja, klar.“

Aoi verschränkte die Arme und musterte sie mit hochgezogener Braue. „Misaki, du bist eine grottige Lügnerin.“

Misaki zuckte leicht zusammen und riss ihren Blick von Shouta los, doch es war zu spät. Aoi hatte sie längst durchschaut.

„Wirklich jetzt?“, seufzte ihre Freundin dramatisch und lehnte sich gegen den Schreibtisch. „Seit Wochen beobachte ich dich. Du tust so, als wäre Takahashi-san nur dein eiskalter Chef, aber sobald er in Sichtweite ist, vergräbst du dich in Tagträumen.“

Sie schüttelte grinsend den Kopf. „Gib es zu, du hast eine Schwäche für ihn.“

„Ich habe keine Schwäche für ihn!“ Misaki errötete und verschränkte abwehrend die Arme. „Ich war nur … Nachdenklich.“

„Nachdenklich, hm?“ Aoi tippte sich mit gespielter Nachdenklichkeit an die Lippe. „Lass mich raten. Du fragst dich, warum unser geschätzter Chef so angespannt aussieht? Vielleicht hat er Beziehungsprobleme? Vielleicht gibt es eine mysteriöse Ex? Oder—“ Sie schnappte übertrieben nach Luft. „Vielleicht steckt er in dunklen Machenschaften!“

Misaki verdrehte die Augen. „Jetzt übertreibst du.“

„Tue ich das?“ Aoi grinste schelmisch. „Dann erklär mir doch, warum du ihn so beobachtest.“

„Weil …“ Misaki biss sich auf die Unterlippe. Sollte sie es wirklich sagen? „Weil ich an diesem Abend nach dem Geschäftsessen gedacht habe, ich hätte ihn ein bisschen besser verstanden. Aber jetzt ist er wieder genauso distanziert wie vorher.“

Aoi musterte sie eine Sekunde lang, bevor sie schmunzelte. „Aha. Also doch.“

„Also doch was?“

„Du willst ihn verstehen.“ Aoi zwinkerte. „Und wenn eine Frau einen Mann verstehen will, ist sie entweder hoffnungslos neugierig oder—“

„Aoi!“

„Oder verliebt.“

Misaki spürte, wie ihr Gesicht noch röter wurde. „Ich bin nicht verliebt!“

„Ja, ja …“ Aoi klopfte ihr grinsend auf die Schulter. „Aber pass auf, Eisprinzen können gefährlich sein. Wenn sie auftauen, könnten sie dir das Herz stehlen.“

Misaki schüttelte nur den Kopf und versuchte, Aois Worte zu ignorieren. Doch ein kleiner, störender Gedanke ließ sie nicht los. Warum wollte sie Shouta wirklich verstehen? Misaki zögerte einen Moment, bevor sie ihre Gedanken in Worte fasste. „Es ist nur … ich glaube, hinter dieser eiskalten ‚Ich-bin-euer-Chef-und-habe-keine-Lust-auf-zwischenmenschliche-Kontakte‘-Fassade steckt mehr. Irgendetwas anderes. Etwas, das er niemandem zeigt.“

Ihre Stimme klang unsicher, fast ein wenig fragend, als ob sie selbst versuchte, das Unausgesprochene zu verstehen. Aoi lehnte sich zurück, die Arme verschränkt, und betrachtete sie mit einem durchdringenden Blick.

„Meinst du wirklich?“ Ihre Augen funkelten, als sie Misaki herausfordernd musterte. „Du hast den Eindruck, dass er sich nur hinter einer Maske versteckt?“

Misaki nickte langsam. „Ja. An diesem Abend, nach dem Geschäftsessen … er war anders. Wenigstens für einen Moment hatte ich das Gefühl, dass ich einen Blick hinter diese harte Fassade werfen konnte. Es war, als ob er … als ob er sich einen Moment lang geöffnet hätte. Aber sobald der Abend vorbei war, war er wieder der gleiche—distanziert und unerreichbar.“

Aoi schnaubte belustigt. „Oh, das klingt ja fast schon romantisch. Du weißt schon, es gibt einen Begriff für dieses Verhalten: die berühmte ‚Eisprinzen‘-Maske.“ Sie setzte sich auf die Kante von Misakis Schreibtisch und legte ihr Kopf schief. „Aber, Misaki … warum sollte er sich überhaupt öffnen? Wieso solltest du diejenige sein, der er das erlaubt?“

„Ich weiß nicht“, murmelte Misaki, die plötzlich einen Kloß im Hals hatte. „Aber ich kann nicht aufhören, daran zu denken, was hinter dieser Maske steckt. Vielleicht ist es mehr als nur dieser distanzierte Chef, den alle sehen.“
Ihre Gedanken verwirrten sie, doch sie konnte sich nicht abwenden. „Ich glaube, er ist anders, wenn er will. Aber warum tut er das? Warum zeigt er es niemandem?“

„Vielleicht, weil er Angst hat“, sagte Aoi plötzlich, die Stimme leiser als zuvor. „Angst davor, verletzt zu werden. Oder vielleicht hat er seine eigene Geschichte, die ihn zu diesem eisigen Mann gemacht hat. Vielleicht hat er sich selbst so gebaut, um niemanden wirklich an sich heranzulassen.“

Misaki schloss für einen Moment die Augen, die Worte hallten in ihrem Kopf nach. Aoi hatte recht. Vielleicht war es genau das. Eine Fassade aus Selbstschutz, hinter der sich ein verletzlicher Mensch verbarg. „Und was, wenn er nie auftaut?“, fragte Misaki fast verzweifelt. „Was, wenn er immer dieser kalte Chef bleibt?“

Aoi legte eine Hand auf ihre Schulter und drückte sie sanft. „Manchmal muss man geduldig sein, Misaki. Wenn er wirklich etwas anderes ist, dann wird er es dir irgendwann zeigen. Aber du musst aufhören, zu viel zu erwarten. Lass ihn sich öffnen, wenn er bereit ist, und wenn nicht … dann ist es auch okay.“

Misaki atmete tief durch und nickte, aber der Gedanke, dass Shouta vielleicht nie seine Maske ablegen würde, ließ sie nicht los. Aoi und Misaki zuckten zusammen, als plötzlich eine Reihe fein gestapelter Ramen-Boxen vor ihnen niederfiel, die geräuschvoll auf dem Tisch landeten. Misaki blickte überrascht auf, und vor ihr stand Yuma, sein Gesicht von einem schelmischen Lächeln erhellt.

„Na, versucht Misaki mal wieder, in die Privatangelegenheiten anderer Menschen einzutauchen?“ Seine Stimme klang fast amüsiert, doch Misaki spürte sofort, wie ihr Herz schneller schlug. Es war ihr unangenehm, dass Yuma scheinbar jedes Wort ihres Gesprächs mit Aoi mitgehört hatte.

Sie stammelte ein wenig, unfähig, ihre Gedanken zu ordnen. „Ich … äh, es tut mir leid, Yuma. Das war nicht … ich wollte nicht in Dinge eintauchen, die mich nichts angehen.“ Ihre Worte klangen leise, fast entschuldigend, als hätte sie sich selbst ertappt.

Yuma zuckte mit den Schultern, als ob er sich nicht wirklich darum kümmerte. Er setzte sich lässig an den Tisch, seine Augen funkelten leicht. „Im Ernst, Misaki“, begann er mit einem leichten Lächeln, „ich hab’s dir doch schon mal gesagt. Shouta ist nun mal Shouta. Das ist sein Charakter. Kalt, distanziert und immer mit dieser Mauer um sich.“

Er sah sie mit einem Blick an, der gleichzeitig fordernd und einladend war, als wollte er sie herausfordern, sich mit der Realität abzufinden. Misaki spürte ein plötzliches Kribbeln in ihrem Nacken. Jedes Mal, wenn Yuma von Shouta sprach, schwang eine Spannung in seiner Stimme mit, die sie nie so ganz einordnen konnte. War es nur der Unwille, sich mit den wahren Gefühlen auseinanderzusetzen? Oder steckte da mehr dahinter?

„Er ist nicht einfach nur kalt“, murmelte Misaki, mehr zu sich selbst als zu den anderen. „Da muss mehr sein, Yuma. Irgendwas … irgendetwas, das er verbirgt.“

Sie lehnte sich nachdenklich zurück und starrte auf die Ramen-Boxen, die vor ihr standen, als könnten sie ihr eine Antwort geben. Yuma musterte sie ruhig, aber seine Augen wirkten plötzlich schärfer, ernster. „Misaki … du kannst nicht einfach versuchen, jedem Menschen sein Herz zu entlocken. Manche Menschen bleiben eben verschlossen, egal wie sehr du es versuchst. Und vielleicht ist das auch gut so.“
Er lehnte sich zurück und ließ einen Seufzer los, als ob er den finalen Punkt setzen wollte.

„Vielleicht“, sagte Misaki leise, aber in ihrem Inneren war sie sich sicher, dass sie die Wahrheit hinter Shoutas Mauer finden musste.
Es war mehr als nur eine Herausforderung. Es war eine Frage, die sie nicht losließ.

Gerade als Misaki, Aoi und Yuma sich über ihre Ramen beugten und das Mittagessen genießen wollten, durchbrach die Tür des Büros das entspannte Murmeln. Shouta trat ein, in seiner gewohnten, makellosen Erscheinung, das Kinn leicht erhoben, seine Augen wie immer undurchdringlich. „Legt alles beiseite, was ihr gerade macht“, sagte er mit ruhiger, aber bestimmter Stimme. „Ich habe eine Ankündigung zu machen.“

Sofort verstummte das gesamte Büro. Die lebhafte Atmosphäre, die eben noch von Gelächter und Gesprächen durchzogen war, wich einer dichten Stille. Die Mitarbeiter, die zuvor noch fleißig an ihren zugewiesenen Projekten gearbeitet oder sich in angeregte Diskussionen vertieft hatten, blickten nun gespannt und mit einer Mischung aus Nervosität und Unsicherheit zu Shouta.

„Wie ihr alle wisst, gab es in letzter Zeit intensive Verhandlungen bezüglich eines exklusiven Vertrags mit NeonCore“, begann er, seine Stimme klang jetzt fast sachlich, aber dennoch war da diese unterdrückte Intensität, die niemand in diesem Raum je zu überhören wagte. „NeonCore ist der Marktführer im Bereich der Spielekonsolen. Ein Deal mit ihnen würde uns in der Branche unglaublich nach vorne katapultieren. Und ich freue mich, euch mitteilen zu können, dass NeonCore dem Vertrag zugestimmt hat.“

Ein kollektives Aufatmen ging durch das Büro, doch Shouta fuhr ruhig fort, ohne sich von den Reaktionen der anderen ablenken zu lassen. „Wir werden die aktuellen Projekte weiterhin für die breite Masse verkaufen, aber mit den kommenden Titeln werden wir uns ausschließlich auf NeonCore konzentrieren.“ Ein Flimmern von Anerkennung, fast wie ein leiser Applaus, schlich sich in die Atmosphäre – doch Shouta dämpfte das sofort. „Das war alles“, sagte er knapp, und dann legte er seinen Blick auf Misaki, der unerbittlich und so unergründlich wie immer war. „Ach, und Schuster-San? Sie würde ich dann bitte in meinem Büro sprechen.“

Ein Schock durchzuckte Misaki, und für einen Moment schien die Welt stillzustehen. Sie konnte fühlen, wie alle Augen auf sie gerichtet waren, als sie ihre Ramen beiseite schob, der Löffel in ihrer Hand plötzlich schwerer als alles andere. Hatte er sie gerade wirklich gerufen? War das eine Auszeichnung oder die Vorahnung von etwas, das sie nicht wollte? Aoi warf ihr einen flüchtigen Blick zu, der genauso nervös wie neugierig war, und Yuma schien in der gleichen Mischung aus Anspannung und Erstaunen gefangen zu sein.

Während Shouta langsam aus dem Büro trat, spürte Misaki einen plötzlich aufkommenden Druck in ihrer Brust, ein Kribbeln, das nicht nur von der Situation, sondern auch von der Nähe zu ihm kam.

„Tja, dann werde ich das wohl hinter mich bringen, hm?“ Misaki versuchte, ihre Nervosität zu überspielen, doch der flüchtige Blick, den Aoi ihr zuwarf, verriet, dass sie die Anspannung förmlich spüren konnte.

„Solange du uns danach alles berichtest“, scherzte Aoi, ein schelmisches Grinsen auf ihren Lippen.

Misaki lachte leise, die Worte waren mehr ein beruhigendes Murmeln, als dass sie tatsächlich ihre Unsicherheit verringerten. „Sowieso.“

Sie stand auf, die Ramen beiseite schiebend, und spürte das vertraute Pochen in ihrer Brust. Ihr Herz schlug schneller, je näher sie dem Büro von Shouta kam. Was wollte er von ihr? Warum gerade sie? Mit jedem Schritt, den sie auf den langen Flur zum Büro setzte, nahm die Unsicherheit zu, doch Misaki zwang sich, ruhig zu bleiben. Sie atmete tief ein, bevor sie sich vor die Tür stellte und ein leises Klopfen ertönen ließ.

„Herein.“ Shoutas Stimme durchbrach die Stille und ein Hauch von Nervosität durchzuckte sie, als sie die Tür öffnete.

Sofort überkam sie ein vertrautes Gefühl, fast wie ein Déjà-vu. Es war genau der gleiche Moment wie beim letzten Mal, als er sie hier herbestellt hatte, damals, als er sie mit zu diesem Geschäftsessen nahm, und doch fühlte sich alles irgendwie anders an.

„Ah, schön, dass Sie gleich gekommen sind“, sagte Shouta, ohne sie aus den Augen zu lassen. Es war ein freundlicher Ton, aber sie konnte die subtile Spannung dahinter wahrnehmen, die die Luft zwischen ihnen auflud.

Misaki trat einen Schritt vor, unsicher, was sie antworten sollte. „Was … kann ich für Sie tun?“

Shouta trat einen Schritt näher, seine Haltung blieb ruhig, doch der Blick in seinen Augen wirkte intensiver als gewöhnlich. „Ich möchte mich bei Ihnen bedanken. Schließlich sind Sie ein Grund, warum dieser Deal zustande gekommen ist.“

Misaki schüttelte fast reflexartig den Kopf. „Ich habe nicht einmal wirklich etwas gemacht.“

„Reden Sie sich nicht so klein.“ Seine Stimme klang bestimmter als vorher, fast mit einem Hauch von Belohnung. „Jedenfalls möchte ich, dass Sie heute Abend mit mir zum Abendessen kommen.“

Misaki stockte der Atem. Ihre Gedanken überschlugen sich. Was meinte er? Warum ausgerechnet sie? Es fühlte sich an, als ob der Raum um sie herum für einen Moment stillstand. „Ich weiß nicht, ob das so angemessen ist. Sie sind schließlich mein Chef …“
Ihre Stimme klang schwächer, als sie gehofft hatte.

Shouta blickte sie an, und in seinen Augen lag eine Entschlossenheit, die sie nicht ignorieren konnte. „Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Sehen Sie es als Geschäftsessen.“

Der flimmernde Blick in seinen Augen ließ Misaki für einen Moment die Worte stocken. Was wollte er wirklich von ihr? Und warum klang das, was er sagte, fast wie eine Einladung, die über das Geschäftliche hinausging?

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