Kapitel 21

Die Spannung zwischen den beiden Männern war beinahe greifbar – wie ein Gewitter, das in der Luft lag und nur darauf wartete, sich zu entladen. Yuma und Shouta starrten sich an, ihre Blicke so scharf, dass Misaki das Gefühl hatte, sie könnte sich daran schneiden. Eilig schlüpfte sie in die Jacke, die Yuma ihr hinhielt. Wäre Aoi jetzt hier, hätte sie sicherlich einen lockeren Spruch auf den Lippen, um die angespannte Atmosphäre aufzulockern.

Doch Misaki wusste nicht, was sie tun oder sagen sollte. Egal, wie sehr sie Yuma mochte – Shouta war immer noch ihr Vorgesetzter, und sie konnte es sich nicht leisten, sich in diese unausgesprochene Fehde einzumischen.

Unsicher trat sie einen Schritt zurück und verbeugte sich höflich. „Vielen Dank … Für alles, Takahashi-san.“

Shoutas Blick blieb unergründlich, sein Gesichtsausdruck kühl und distanziert. „Kein Problem.“
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, schloss er ihnen ohne eine weitere Regung die Tür vor der Nase. Yuma schnaubte.

„Was für ein Arsch.“ Misaki seufzte leise, entschied sich aber, nicht weiter darauf einzugehen.

Sie wollte jetzt einfach nur nach Hause. Yuma musterte sie von der Seite, sein Blick weicher als zuvor. „Geht es dir gut?“

Sie nickte langsam. „Ein bisschen schlecht ist mir noch, aber ansonsten … Ich werde nie wieder Alkohol trinken.“

Seine Augen verengten sich leicht, als wollte er noch etwas sagen, doch er schwieg. Während sie das moderne Hochhaus verließen und die Straße betraten, geschah es plötzlich. Jemand stieß grob gegen Misaki. Sie stolperte einen Schritt zurück und blinzelte überrascht, als ihr Blick auf eine junge, atemberaubend schöne Frau fiel. Lange blonde Haare, perfekte Gesichtszüge – sie hätte genauso gut ein Model sein können.

„Kannst du nicht aufpassen, wo du hinläufst, du—“ Ihre gereizte Stimme verstummte abrupt, als ihre eisblauen Augen auf Yuma trafen.

Etwas veränderte sich in der Luft. Yuma musterte sie mit einem kühlen, undurchdringlichen Blick – so anders als sonst, dass Misaki das Gefühl hatte, nicht ihren besten Freund vor sich zu haben, sondern einen völlig Fremden. Sofort griff Yuma nach Misakis Hand, ohne den Blick der Fremden auszuweichen.

„Yuma.“ Die Stimme der Frau klang kühl, beinahe spöttisch.

„Hikari.“ Yumas Tonfall war emotionslos, doch Misaki entging nicht, wie seine Finger sich fester um ihre Hand schlossen.

Verwirrt sah sie zwischen den beiden Hin und Her. Yuma kannte sie? Wer war diese Frau?

Hikari musterte Misaki mit einem abschätzenden Blick, ihr perfekt geschminktes Gesicht zeigte nicht die geringste Regung, bis ihre Augen verdächtig schmal wurden. „Ist sie … Deine Freundin?“

Misaki setzte gerade zu einer Antwort an, doch bevor sie ein Wort herausbringen konnte, spürte sie, wie Yuma ihre Hand noch fester umschloss. „Ja, das ist sie.“

Misakis Herz setzte für einen Moment aus.

Was?

Ungläubig riss sie die Augen auf und sah zu Yuma hinüber. Hatte sie sich verhört? Hatte ihr bester Freund sie gerade wirklich als seine Freundin bezeichnet? Sie wollte etwas sagen, eine Erklärung, eine Korrektur—doch Yuma sah sie nicht an.
Sein Blick ruhte nur auf Hikari, hart und unergründlich.

Die Blonde zog eine perfekt gezupfte Augenbraue hoch, dann schnaubte sie leise. „Tch. Ich hatte dir einen besseren Geschmack zugetraut.“ Ein kaltes Lächeln zuckte über ihre Lippen, während sie mit müheloser Eleganz an ihnen vorbeiging, als wären sie Luft.

Misaki spürte noch immer die Wärme von Yumas Hand in ihrer, doch ihr Kopf war zu sehr mit Fragen gefüllt, um sich darauf zu konzentrieren. Wer zum Teufel war diese Frau? Und was zum Teufel hatte Yuma sich dabei gedacht? Mit undurchdringlicher Miene zog Yuma Misaki zum Auto. Er war nicht mehr der Yuma, den sie kannte—nicht der Yuma, der immer ein lässiges Lächeln auf den Lippen hatte und mit frechen Sprüchen um sich warf.
Nein, dieser Yuma war anders. Kühler. Distanziert. Fast wie eine jüngere Version von Shouta.

„Yuma … Wer war diese Frau?“

Keine Reaktion.

„Yuma?“

Er blinzelte, als wäre er aus einer Trance erwacht, und setzte dann sofort sein gewohnt unbekümmertes Lächeln auf. „Hm? Was gibt’s?“

Misaki verschränkte die Arme. „Was ist los mit dir?“

„Nichts. Was soll schon sein?“

„Du wirkst … Komisch.“

Yuma lachte leise, doch es klang nicht echt. „Das bildest du dir nur ein.“

Misaki ließ nicht locker. „Und wer war dann diese Frau?“

Sie sah es sofort—das unmerkliche Zucken seiner Finger, die sich um das Lenkrad verkrampften. Nur für einen Sekundenbruchteil, aber es reichte, um ihre Alarmglocken schrillen zu lassen. „Sie …“ Yuma zögerte, als würde er die Worte erst sorgfältig abwägen. „Sie ist eine alte Bekannte.“

Misaki hob eine Braue. „Eine alte Bekannte? Sie schien ziemlich schlecht auf dich zu sprechen zu sein.“

Yuma zuckte mit den Schultern und zwang sich zu einem grinsenden Tonfall. „Joa, nicht jeder erliegt meinem Charme. Das weißt du doch.“

Doch Misaki war sich sicher—das hier war nicht nur eine „alte Bekannte“. Und egal, wie sehr Yuma es überspielen wollte, irgendetwas an dieser Frau ließ ihn vollkommen aus der Fassung bringen.

„Yuma … Ich sehe es doch.“

Er lenkte den Wagen auf die Hauptstraße, die Lichter der Stadt spiegelten sich in der Windschutzscheibe, während er so tat, als hätte er ihre Worte nicht gehört.

„Was genau siehst du?“, fragte er schließlich beiläufig, doch Misaki erkannte die Spannung in seiner Stimme.

„Na alles.“ Sie verschränkte die Arme. „Ich weiß, dass etwas nicht stimmt. Mit dir und dieser Frau. Und mit dir und Shouta.“

Yuma lachte leise, doch es klang nicht echt. „Shouta? Wir verstehen uns eben einfach nicht. Man kann sich schließlich nicht mit jedem gut verstehen.“ Er warf ihr ein schiefes Grinsen zu. „Du verstehst dich ja auch nicht gerade blendend mit Ayaka und Miko.“

Misaki verzog das Gesicht. Er hatte nicht Unrecht. Ihr Verhältnis zu diesen beiden Frauen war angespannt—und das würde sich vermutlich auch nie ändern. Doch das hier war nicht dasselbe. Das spürte sie. „Das ist nicht vergleichbar.“

Yuma ließ eine Hand vom Lenkrad und fuhr sich durchs Haar. „Wieso glaubst du eigentlich immer, alles hinterfragen zu müssen?“, fragte er mit gespielter Leichtigkeit.

„Manchmal ist die Welt eben einfach schwarz und weiß. Manche Menschen mag man, andere nicht. Ganz einfach.“

Doch Misaki wusste es besser. Da war nichts Einfaches an dieser Situation. Weder an dieser Frau noch an der Feindseligkeit zwischen Yuma und Shouta. Und je mehr Yuma versuchte, das Thema abzuwürgen, desto sicherer war sie sich—irgendwo hinter diesem falschen Lächeln verbarg sich eine Geschichte, die er um jeden Preis geheim halten wollte.

Misaki ließ nicht locker. „Wenn es so einfach wäre, würdest du nicht jedes Mal so ausweichen, wenn ich danach frage.“

Yuma schnaubte leise, seine Finger umklammerten das Lenkrad fester. „Misaki …“ Seine Stimme klang sanfter als erwartet, fast als würde er sie um etwas bitten. „Lass es gut sein.“

Doch genau das konnte sie nicht. Sie kannte Yuma lange genug, um zu wissen, wann er etwas verbarg. Und jetzt, da sie es so deutlich spürte, konnte sie es nicht mehr ignorieren. „Diese Frau … Hikari … Sie kennt dich. Und nicht nur flüchtig. Da war etwas in ihrem Blick, Yuma. Wut. Vielleicht sogar … Enttäuschung?“

Seine Kiefermuskeln spannten sich an, und für einen Moment dachte Misaki, er würde ihr gar nicht antworten. Dann atmete er tief durch. „Hikari ist ein Teil meiner Vergangenheit.“ Mehr sagte er nicht.
Keine Details, keine Erklärungen.

„Und Shouta?“, fragte sie vorsichtig.

Yuma lachte leise auf, aber da war keine Spur von Humor. „Sagen wir einfach, es gibt Menschen, mit denen man sich nicht versteht, und dann gibt es Menschen, bei denen es besser wäre, wenn sie sich niemals begegnet wären.“

Misaki spürte, wie eine unangenehme Kälte über ihre Haut kroch. „Hat er … Dir etwas angetan?“

Yuma sah sie an, und in seinen Augen lag ein Ausdruck, den sie nicht deuten konnte. Dann zuckte er mit den Schultern. „Mach dir keine Sorgen um mich, Misaki. Shouta ist nicht mein Problem.“

Aber genau das glaubte sie ihm nicht. Und während sie ihn ansah, wusste sie, dass sie die Wahrheit selbst herausfinden musste—egal, was es sie kosten würde. Misaki lehnte sich in ihrem Sitz zurück und betrachtete Yuma aus dem Augenwinkel. Sein Blick war wieder auf die Straße gerichtet, doch seine Finger umklammerten das Lenkrad fester als nötig.

„Yuma …“ Sie wollte nicht nachgeben, nicht jetzt, wo sie wusste, dass da mehr war. „Hikari sah dich an, als hätte sie eine Rechnung mit dir offen. Und du hast mich ihre Frage nicht einmal selbst beantworten lassen. Warum?“

Er lachte kurz auf, aber es klang gezwungen. „Hikari und ich … Wir haben eine komplizierte Vergangenheit. Mehr musst du nicht wissen.“

„Yuma …“ Er atmete hörbar aus, als würde ihn dieses Gespräch mehr anstrengen, als es sollte.

Dann schüttelte er den Kopf und richtete den Blick auf die Straße. „Du willst immer alles wissen, hm?“ Sein Tonfall war neckend, aber sein Lächeln erreichte seine Augen nicht. „Manchmal ist es besser, Dinge ruhen zu lassen, Misaki.“

Sie schwieg einen Moment. Ihr Instinkt sagte ihr, dass Yuma ihr nicht die ganze Wahrheit sagte. Aber sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er sich nicht zwingen ließ, über Dinge zu sprechen, die er nicht wollte. Also wechselte sie das Thema. „Warum hast du mich als deine Freundin bezeichnet?“

Yuma verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. „Weil du meine beste Freundin bist? Ist doch fast dasselbe.“

Misaki schnaubte. „Das war keine Antwort.“

Er sah sie kurz an, sein Blick dunkel und schwer zu lesen. „Manchmal ist es einfacher, eine falsche Antwort zu geben, als eine richtige zu erklären.“

Misaki wollte gerade weiter nachhaken, als Yuma abrupt abbremste. „Da wären wir.“ Seine Stimme war wieder locker, als wäre das vorherige Gespräch nie passiert. Sie blickte aus dem Fenster und erkannte ihr Wohnhaus.

Mit einem leisen Seufzen löste sie den Gurt. „Ich weiß, dass du mir nicht alles sagst, Yuma. Aber ich werde es irgendwann herausfinden.“

Er lehnte sich leicht zu ihr und musterte sie mit einem Blick, der gleichzeitig amüsiert und herausfordernd war. „Dann wünsche ich dir viel Glück, Misaki.“ Etwas an seinem Tonfall ließ es wie ein Versprechen klingen—oder wie eine Warnung.

Er zwinkerte ihr leicht zu, doch sein Lächeln wirkte nicht ganz so unbeschwert wie sonst. „Nein, im Ernst, Misaki. Zerbrich dir deinen hübschen Kopf nicht über Dinge, die längst der Vergangenheit angehören.“ Seine Stimme klang sanft, fast beschwichtigend, aber Misaki spürte die unausgesprochenen Worte, die zwischen ihnen hingen.

Etwas an seiner Haltung, an der Art, wie er seine Finger noch immer leicht verkrampft am Lenkrad hielt, sagte ihr, dass es eben nicht einfach „Schwachsinn“ war.

Sie wollte etwas erwidern, ihn weiter fragen, ihn dazu bringen, sich ihr zu öffnen—doch dann hielt sie inne. Es hatte keinen Sinn. Nicht jetzt. Also nickte sie nur leicht, auch wenn es ihr schwerfiel. „Schon gut.“ Doch während sie die Tür öffnete und aus dem Auto stieg, wusste sie, dass das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen war.

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